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Kurzbeschreibung

[Mit Textbeiträgen von Brigitte Reutner-Doneus und Martin Ortmeier.]
[artedition | Verlag Bibliothek der Provinz]



Das Werk eines Künstlers repräsentiert zu einem guten Teil seine eigene Person, setzt seine Sicht der Dinge in Formen des Visuellen um, widerspiegelt seine innere Haltung, seine Sozialisation, sein Leben. Michael Lauss stammt aus dem oberen Mühlviertel. Den Weg hin zur künstlerischen Betätigung schlug er 1984 ein. Doch vieles, womit er sich vorher befasst hatte, hat Spuren in seinem Zugang zur Kunst hinterlassen. (…)

Sozialisiert im tiefgläubigen katholischen Grenzland zwischen Bayern und Österreich, vorgesehen für eine Karriere als Priester, entschließt sich der Knabe am Stiftsgymnasium Kremsmünster, den Vorstellungen seiner Eltern nicht zu entsprechen. Er zweigt an einer wichtigen Weggabelung seines Lebens in eine andere Richtung ab. Von Kindesbeinen an zeichnet und malt er gerne. (…)

Früh schon stellt sich sein besonderes bildhauerisches Talent heraus. Er höhlt das Holz aus, ringt ihm die Form von gotischen Madonnen und barocken Engeln ab. Er schnitzt Skulpturen, die er den RestauratorInnen an der Städtischen Meisterschule für das Vergolderhandwerk in München zur Verfügung stellt. Ab 1984 nimmt er an vielen Ausstellungen teil und realisiert mehrere Beiträge für Kunst-am-Bau-Projekte. Im Jahr 2015 übernimmt Lauss die künstlerische Neugestaltung des Altarraums in der Kirche von Kollerschlag im oberen Mühlviertel.

Zu seiner eigenen künstlerischen Sprache findet Lauss nach einer intensiven Beschäftigung mit den großen Meistern der Kunst des 20. Jahrhunderts. Zwischen all den bereits vorhandenen Artefakten in ihrer überbordenden Fülle öffnet sich ihm immer klarer ein Weg zu einem unverkennbaren eigenen Stil. Um neue Werke zu schaffen, arbeitet sich Michael Lauss an einem Baum ab, er zerstückelt ihn und häuft daneben Berge von unterschiedlich großen Holzstücken an: zerstören und neu schaffen – erst ein reduktiver, dann ein additiver Prozess. Kein Holzfragment gleicht dem anderen, jedes ist sowohl Pars pro Toto als auch Individuum. Wie unterschiedliche Puzzleteile liegen sie alsbald am Boden der Werkstatt und scheinen den Meister verschmitzt zu fragen: „Was nun?“ Der Bildhauer beginnt, sie miteinander zu anthropomorphen oder zoomorphen Wesen oder zu Bildkompositionen für die Wand zu verbinden. (…)

Michael Lauss weist der Farbe in seinen Kompositionen eine wichtige Rolle zu. In der Betrachtung kann der einheitliche Auftrag beispielweise der Farbe Rosa an einer Skulptur verstörend, unpassend, peinlich, ja schrill wirken. Rosa verfremdet, irritiert, widersetzt sich dezidiert dem mimetischen Prinzip oder den konventionellen Erwartungen. Mit der farbigen Fassung präzisiert Lauss seine spezielle Ausdrucksgeste. Die Farbe führt hier ein Eigenleben, sie ist nicht von der Form abhängig, sondern ihr absolut gleichwertig und autonom zur Seite gestellt. Die Farbe wird in ihrem Eigenwert, nicht im Darstellungswert eingesetzt. Der Künstler entbindet sie dadurch von der Forderung, einen Gegenstand wirklichkeitsnah bezeichnen zu müssen. Farbe hat in diesem Fall vielmehr einen nivellierenden Charakter: Sie dekonstruiert hierarchische Strukturen. Mit dem vereinheitlichenden Rosa (es könnte auch eine andere Farbe sein) werden gesellschaftlich codierte Normen durchbrochen und die Möglichkeit geschaffen, einen neuen, unverbrauchten Blick auf bekannte Dinge zu werfen. (…)

Ernst Barlach, Marcel Duchamp, Josef Beuys … Michael Lauss konfrontiert sich mit den großen Meistern seiner Disziplin. Er arbeitet sich in kritischer Distanz und mit großer Verve an der künstlerischen Avantgarde ab. Festgefahrenen Positionen setzt er seine Zweifel – gewonnen aus der Distanz mehrerer Jahrzehnte und aus der Analyse der heutigen Lebensumstände – entgegen und lässt seine Erkenntnisse in der Kunst Form annehmen. Mit der gleichen Entschlossenheit zerkleinert er einen mächtigen Baumstamm in verwertbare Teilstücke, um Neues daraus zu schaffen. Nicht unbedingt Besseres, aber Adäquateres für die Welt, in der wir leben. Um den Konditionierungen, den Herausforderungen der Zeit ein künstlerisches Pendant entgegenzuhalten. In diesem Akt von Zerstörung und Konstruktion, in diesem Vorgang der kreativen Transformation liegt die Basis für seine Aneignung der Welt begründet.

(Brigitte Reutner-Doneus zu Michael Lauss)