himelhenn & wassergickerl
Scherzwörter in oberösterreichischer Mundart
Wolfgang Stöckl
ISBN: 978-3-902415-09-7
21×15 cm, 112 Seiten, Hardcover
15,00 €
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Kurzbeschreibung
Wolfgang Stöckl legt im vierten Band seiner mundartkundlichen Bibliothek etwas Einzigartiges vor. Exakt 2600 Begriffe hat er für sein Scherzwörterbuch zusammengestellt. Wie die Schimpfwörter geben sie Einblicke in die Kulturgeschichte und die Poesie eines Landes.
Scherz und Scherzwörter sind dem Themenkreis Humor zuzuordnen. Er wird als Gemütsstimmung definiert, die sich über Unsinnigkeiten und Unzulänglichkeiten menschlicher Existenz im Sinne einer positiven Kritik wohlwollend erhebt und humane Nachsicht übt. Im Gegensatz dazu gibt der Spott seine Empfänger der Lächerlichkeit und Verachtung preis. Zwischen beiden bestehen allerdings Übergänge. So hängt es besonders bei personenbezogenen Scherzwörtern nicht unwesentlich vom Verhältnis des Adressanten zum Adressaten, weiters von der Sprechsituation ab, ob ein Wort noch als Scherz oder schon als Spott aufgenommen wird.
Bezüglich ihrer Entstehung und Herkunft gilt in etwa das gleiche wie für Schelten und Schimpfwörter. Der Großteil sind metaphorische Scherzwörter, d.h. es liegt eine Metapher zugrunde, was bedeutet, daß eine Wortbedeutung in einem ihr von Haus aus nicht zukommenden Sinn verwendet wird. Sie ist Ergebnis eines Vergleiches. Dabei geht es um eine Eigenschaft, die zwei miteinander verglichene Begriffe angeblich oder wirklich gemeinsam haben. Dieses Gemeinsame nennt man „Tertium comparationis“. Wenn man z.B. einen rothaarigen Menschen Kupferdáchel nennt, ist es die Farbe rot.
Scherzwörter finden sich in allen Bereichen. Im folgenden einige Beispiele. Körperteile bzw. körperliche Auffälligkeiten können scherzhafte Bezeichnungen haben. So heißt der Kopf u.a. Birn, Gitschi, Gunkel, Márillen, Nipf, Plutscher. Einen Kropf nennt man Náturbrosch, Seitenstübel, oder Steirer, Nasen dagegen (B)frnak, Himelfahrtsnasen oder Kumpf. Dünne Beine werden z.B. als Hánichel, Spatzenháchsen, Wetschnerstángel bezeichnet, während dicke (Beton)stampfer, Schwártling heißen. Daß die weibliche Brust zu einer Reihe von Scherzwörtern Anlaß gibt, darf nicht verwundern. So versteht man unter Auter, Bálkon oder Vorbau große Exemplare, unter Hennerbrust und Mausauter das Gegenteil. Der Venushügel wird als Bauchbuschen, Brunnwiserl oder Haarstuben bezeichnet, während die Schambehaarung von Männern Beutelstroh heißt. Auf dem Gebiet des Sexuellen spielt der Euphemismus, häufig gepaart mit humorvollen Ausdrücken, eine wichtige Rolle. Für Penis mögen als Beispiele gelten: Hugo, Wipfel, Zepedeus; für Vulva Feigen, Frosch, Zithern. Die Menstruation heißt u.a. Freud, Kirhtag, Trud. Unter einer Mánkelerei, einem Pátscherl oder Techtelmechtel versteht man ein meist heimliches Liebesverhältnis.
Auch für Speisen lassen sich eine Menge Scherzwörter finden, z.B. Maurerforellen für eine Knackwurst, Christenverfolger für eine trockene Buchtel, Pátzbunkel für eine Torte. Mit einem Ádorámustee oder einem Eisenbieger meint man einen mit viel Rum oder Schnaps bereiteten Tee. Zum Schnaps aber sagt man Kuráschwásserl, Höllmánnel- oder Kropfgeist. Bezüglich der Kleidung lassen sich viele Scherzwörter finden: Apfeldieb-, Überfall-, Schnellfeuerhosen, Betrüegerl, Brustgschirr, Tuttelspreizer. Humorige Tierbenennungen sind Dachhas (Katze), Flöhbeutler (Hund) oder Gredscheisser (Huhn).
Scherzhafte Bezeichnungen für Autos lauten Baurnerbuik, Huetschachtel oder Schnauferl. Hämorrhoidenschaukel oder Pupperlhutschen werden Motorräder geheißen. Eine besondere Gruppe stellen die Aufsitzer-Scherzwörter dar, wobei ein Kind oder naiver Mensch zu einem Krämer oder Nachbarn geschickt wurde, z.B. Haumiblau, Ibidumm, Rechensam, Ziegelhobel. Selbst im Angesicht des Todes beweist der Mensch euphemististen Humor: Kirháfáhrtel (Leichenwagen), Rindfleischwandertag (Leichenbegängnis) und Pfarreralm (Friedhof) als Beweise.
Diese Sammlung umfaßt genau 2600 Lemmata, unterteilt in Substantiva, Ajektiva und Verba. Meines Wissens der erste Versuch, dieses Thema gesondert darzustellen. Sie beruht auf Feldforschung im oberösterreichischen Hausruckviertel und Mondseeland. Es liegt in der Natur der Sache, daß das Ergebnis unvollständig und von vielen Zufällen abhängt. Dabei spielen Anzahl, Auswahl und Wissen der Gewährspersonen, aber auch der Verlauf des Explorationsgespräches eine große Rolle.
(Wolfgang Stöckl in der Einleitung)
[edition sommerfrische · Verlag Bibliothek der Provinz]
Weitere Bücher des Autor*s im Verlag:
Die Mundart zwischen Hausruck und Mondsee
guet schaut ’s aus
mitten en da welt
raudiges und staudiges
spott & hohn