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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Elfriede Irrall.]

wenn anfangs das wort war
kann der anfang
mißverständlich sein
wenn mißverstehen schon
ein anfang ist
wie soll ich worte finden



Obwohl wir drei Jahrzehnte zusammengelebt und -gear­beitet haben, war mir der Umfang von Olaf Scheurings lyrischem Schaffen nicht bewußt. Es war wohl in den 1990er Jahren, daß Olaf mir zum ersten Mal eines seiner Gedichte vorgelesen hat. Intuitiv habe ich ihn gebeten, es in eine Mappe legen zu ­dürfen, die die Aufschrift »Olafs Gedichte« bekam; und so kam eines zum anderen.
Ende Oktober 2009 hat Olaf diese Welt verlassen müssen. Seine Existenz ist verwandelt, und auch die meine. Unwandelbar jedoch ist die Gewißheit unserer Verbundenheit. Anscheinend zufällig begegneten mir seine verdichteten Gedanken an Orten, wo sie wahrlich nicht zu vermuten gewesen wären, zum ­Beispiel in seinem Finanzamts-Ordner, natürlich in seinen jährlichen Notizbüchern, unter sogenanntem Schmier­papier und in Zeitungsstapeln. Auch nachdem die Zusammenstellung der Gedichte für diesen Band abgeschlossen war, ging das plötzliche Auf­tauchen poetischer Texte weiter und ein Ende ist noch nicht abzusehen.
Die Gedichte sind meist undatiert und umfassen bisher in etwa den Zeitraum zwischen 1976 und 2009. Die Klein- und Großschreibung wechselt während dieser Jahrzehnte ohne Zeitgeist-Anpassung. […]
Das letzte Wort möchte ich Olaf überlassen:
»Was tu ich, wenn ich schreibe? Ich denke nach und ich denke mir aus, ich erinnere mich und ich erfinde. Nichts, was ich nicht auch tun könnte, ohne zu schreiben. Teile ich mit, was ich denke? Weiß ich, wenn ich es je wieder lesen sollte, was ich gedacht habe, als ich schrieb? Vielleicht erinnere ich mich dann, wie ich da saß und schrieb, daß ich etwas auszudrücken versuchte, von dem in diesen Zeilen leider nichts steht, vielleicht weiß ich sogar wieder, was ich sagen wollte – aber wieder fehlen mir die Worte, es zu sagen. Wenns hoch kommt, werde ich es neu umschreiben, in andere Worte kleiden, in neuen Sätzen verstecken. Wenns überhaupt noch wichtig ist. Das meiste wird geschrieben sein und dann vorbei. Was ist das also für ein Vorgang – Schreiben?«

(Elfriede Irrall im Nachwort)



Rezensionen
Bert Strebe: Der Spatz und der schwarze Vogel

»Und künde anderen von solchem Glück»: Ein Buch über das Leben von Elfriede Irrall und Olaf Scheuring. Und eines mit Gedichten: »unerhört das leben«. Über den Tod hinaus.

Das Cover zeigt einen jungen Mann, nackter Oberkörper, unrasiert, hochkonzentrierter Blick. Er schaut auf einen Vogel. Der Spatz hockt auf der Hand des Mannes, auf dem Daumen. Es ist keine Außenaufnahme.
Berlin, Anfang der achtziger Jahre. Die Frau kommt nach Hause, entdeckt unter einem Baum einen aus dem Nest gefallenen Jungvogel, erzählt, in der Wohnung angekommen, ihrem Mann davon. Der stürzt die Treppe hinunter, holt das kleine Wesen, füttert es, pflegt es, zieht es von Hand groß. Schließlich läßt er den Spatz fliegen. Der Vogel kommt mehrfach zurück, als wolle er sich bedanken. Sitzt auf dem Fenstersims, schaut, fliegt dann wieder fort.
Das Foto mit dem Spatz ist auf dem Cover des Buches zu sehen, die Geschichte dazu im Inneren zu lesen. Das Buch heißt »Und künde anderen von solchem Glück«.
Es ist ein sehr ungewöhnliches Buch. Nicht nur, weil es das Leben zweier ungewöhnlicher Menschen erzählt. Nicht nur, weil diese Menschen sich einen Alltag am Rande dessen gesucht haben, was die Mehrheit Normalität nennt. Nicht nur, weil in diesem Fall die Frau die Ältere von beiden ist. Sondern auch, weil beide, Frau und Mann, als Autoren firmieren. Der Mann aber ist seit fünf Jahren tot.
Doch es ist alles richtig so. Elfriede Irrall, die Frau, hat das Buch getippt. Geschrieben hat es das Leben, das sie und ihr Mann Olaf Scheuring geführt haben.
1977. Elfriede Irrall, 1938 in Wien geboren, war eine gefragte, eine berühmte Schauspielerin, Theater, Film, Fernsehen. Und sie sollte eine Schauspielklasse in Berlin unterrichten. Lauter Frauen kamen zur ersten Stunde. Und ein Mann. Ein junger, ernsthafter Mensch, 1953 in Kiel geboren. 15 Jahre lagen zwischen den beiden. Aber so, wie sich Arbeit und Liebe zwischen Elfriede Irrall und Olaf Scheuring entwickelten, schien er der Ältere von beiden zu sein. Der Ruhige, der Wissende. Der Fürsorgliche. Derjenige, der Spatzenjunge rettet.
Nach und nach steigt Elfriede Irrall immer mehr aus dem (Unterhaltungs-)System aus, Olaf Scheuring, der ehemalige Schauspielstudent, steigt gar nicht erst ein. 1982 gründen beide das »theaterspielwerk« – eine freie Mini-Bühne mit ihnen als Autoren und Schauspielern und Dramaturgen und Regisseuren und Beleuchtern. Sie kaufen sich einen Transporter als fahrbare Bühne und Schlafstatt und touren durch die alte Bundesrepublik. Es geht um Spaß und Erkenntnis und politisches Bewußtsein und Liebe und Leidenschaft und Lebensmut in ihren Stücken. Wer sie sieht, wird zum Fan, wer näher mit dem Duo Irrall/Scheuring zu tun bekommt, wird zum Freund.
Sie haben 30 Jahre. Im Herbst 2009 verletzt sich Olaf Scheuring bei der Gartenarbeit an der Augenbraue. Niemand ahnt, daß er sich dabei auch eine Pilzsporeninfektion zugezogen hat. Blutvergiftung. Ende Oktober stirbt er in einer Klinik.
Tot? Olaf Scheuring? Nein. Gestorben, ja. Aber nicht tot. Elfriede Irrall sagt, er habe »diese Welt verlassen«. Oder »sein irdisches Dasein beendet«. Aber tot ist er nicht. Und deswegen steht er auch mit als Autor auf dem Buchcover von »Und künde anderen von solchem Glück«. Als Untertitel hat Elfriede Irrall »Vorausschauende Erinnerungen« gewählt. Im Grunde ist das Buch eine Liebeserklärung von ihr an ihn, von ihm an sie. Und ein Beweis dafür, daß tot erst der ist, der vergessen ist.
Wir werden Olaf Scheuring nicht vergessen. Schon deswegen nicht, weil Elfriede Irrall sich nach seinem Tod hingesetzt und die verstreuten Gedichte zusammengetragen hat, die Olaf Scheuring im Lauf seines Lebens geschrieben hatte. Das Buch mit diesen Texten heißt »unerhört das leben« und ist im selben Verlag erschienen wie die vorausschauenden Erinnerungen. Sparsame, klare Verse: »die kirschblüte / strahlt / aber schon / ist sie frucht.« Oder, mit dem Wissen, wie wenig man weiß: »da steht sie nun / gesammelte weisheit / um mich herum / was fange ich an.« Oder, mit nichts als Poesie und Liebe: »lass meine / augen von / deinen blau / gewaschen / werden […].«
Auch die Titelzeile des Erinnerungsbuchs stammt aus einem Scheuring-Gedicht. Es beginnt mit den Worten: »Du, schwarzer Vogel, der / von Anfang an / auf meiner Schulter sitzt.« Und es endet so: »du, schwarzer Vogel, flieg / und künde / anderen / von solchem Glück.«

(Bert Strebe, Rezension für Fixpoetry vom 23. März 2015)


ORF Radio Österreich 1: [Rezension zu: Olaf Scheuring, „unerhört das leben“]

[…] Der Schauspieler und Autor Olaf Scheuring, geboren 1953 in Kiel, lebte lange Jahre in Wien und im Burgenland. Olaf Scheuring hat Zeit seines Lebens Lyrik geschrieben, sie allerdings nie systematisch gesammelt. Nach seinem plötzlichen Tod im Jahr 2009 fasste seine Lebenspartnerin, die Schauspielerin Elfriede Irrall, einen Teil der verstreut zwischen anderen Papieren gefundenen Gedichte Olaf Scheurings zu einem Band zusammen. Das dem Buch vorangestellte Gedicht schrieb Friederike Mayröcker für den Dichter-Freund, und nannte ihre Zeilen „für Olaf Scheuring“: „bist Passion bist Sturzengel, alle sollen teilhaben an deinem Gedicht, alle soll es zu Tränen rühren, diese Poesie, 1 blut'ger Ast, allen dargeboten“.

(Ankündigung zur ORF Radio Ö1-Sendung Nachtbilder – Poesie und Musik vom 15. November 2014)


https://oe1.orf.at/programm/20141115/367802/Nachtbilder-Poesie-und-Musik