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Kurzbeschreibung

[Konzept: Hans Pollhammer, Hermann Resch.]


„Wos gibt’s do zum Lochn?“ oder Die Wiedergeburt des Expressionismus aus dem Geist der Karibik

Die Welt der abstrakten Expressionisten war rau, männlich und wild. Einsame Helden kämpften mit der Leinwand, fochten mit dem Pinsel, verspritzten Farbe wie Blut im Schlachthof. Sie rochen nach Schweiß und Tabak, tranken Unmengen Whiskey und pissten ins Kaminfeuer. Ihre Bilder: gemalte Urlaute, Urschreie, Wutausbrüche – oder beredtes Schweigen, Tabula rasa, Stillstand, Stunde Null. Jeder Schritt ein Aufbruch ins Unbekannte; jeder Strich ein Wort im Nichts. Diesen Hemingways der Malerei ging es immer ums Ganze, und die Alternative lautete: Leben oder Tod, Sieg oder Untergang.
Irgendwann sind die Helden in Pension gegangen, bekamen Alzheimer oder Prostatakrebs und sind gestorben. Dafür hängen ihre Bilder jetzt in allen wichtigen Museen; man stellt sich davor und denkt sich: Wow, das waren echte Kerle. Oder: Mau, das ist alles nur Posing.
Auf jeden Fall waren die abstrakten Expressionisten die letzten Freibeuter der Malerei, und da wir unser Wissen über die Piraterie seit Beginn des 20. Jahrhunderts nahezu ausschließlich aus Piratenfilmen beziehen, ist es vielleicht nicht ganz falsch, abstrakt-expressive Bilder mit Piratenfilmen zu vergleichen. Es geht um große Formate (Ozeane), grobe Leinwand (Segeltuch), Monochromie (Segeln im Nebel), viel Schwarz (Augenklappen, Piratenflaggen), drip paintings (spritzende Gischt), all-over-Strukturen (Wasser von allen Seiten), Farbexplosionen (Kanonenfeuer), die Malerpranke (Säbelrasseln), Tragik (Totenköpfe, Gerippe, Holzbeine etc.), Rausch (Rum), viel Testosteron (hundert Seemänner auf eine Piratenbraut), Wiederholung (sprechende Papageien), Spontaneität („Beidrehen und Schiff versenken!“), Überwältigung des Betrachters („Alles klar zum Entern!“) und schließlich hohe Auktionsergebnisse (Schatzinseln). Nur in zwei Punkten gibt es, soweit ich sehe, gravierende Unterschiede: Piraten wie Expressives waren in den 1990ern out, aber nur die Piraten erlebten in den 00ern ein Comeback. Und: Piratenfilme sind meistens lustig, abstrakter Expressionismus hingegen nie. Das ist vielleicht sein größtes Problem. Und an diesem Problem sollte man arbeiten.
Das ginge zum Beispiel so: Man stelle zuerst eine Verbindung zwischen beiden her. Das scheint auf den ersten Blick äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich, aber man sollte es zumindest versuchen. Man könnte etwa auf die o. g. Vergleichspunkte zurückgreifen, und bereits Robert Rauschenberg hat ja bekanntlich Zeitungsfotos mit abstrakt Expressivem kombiniert. Freilich würde man dann wohl gleich mit einem weiteren Problem konfrontiert: Piratenfilme sind nicht ausschließlich komisch; sie sind auch dramatisch, romantisch, spannend, brutal etc. Die Verquickung mit dem abstrakten Expressionismus könnte also dazu führen, dass ausschließlich dessen dramatische, romantische, spannende, brutale etc. Aspekte gestärkt werden und die komischen unter den Tisch fallen. So wie eben ein Holzbein in einem Krankenhaus für weniger witzig gehalten wird als bei einem Kostümball: Kontext macht Text. Es bedarf also wohl eines dritten Elements, und das kann nur der oberösterreichische Dialekt sein (dieser Vorschlag mag hier vielleicht zunächst etwas überraschen, dürfte aber aus den folgenden Erläuterungen plausibel werden).
Wichtig für jede Art von Komik ist ein gewisser Verfremdungseffekt. Dialekte sind das Lokalste vom Lokalen (in Gegensatz zur Internationalität der Kunstwelt, der Piraterie und Hollywoods); sie sind umso stärker, je abgeschlossener, immobiler, kleiner, beschränkter ein Eingeborenenstamm lebt. Künstler und (Film-)Piraten sprechen also per definitionem keinen Dialekt, und schon gar keinen oberösterreichischen. Es gibt aber nichts Trennendes, das nicht auch ein Verbindendes hätte. Der oberösterreichische Dialekt zeichnet sich – wie die meisten österreichischen Dialekte – durch eine Vielzahl von Phrasen und Redewendungen aus, welche das immergleiche Sosein des Daseins bestätigen („Es is wia’s is“, „Jo, des is hoit a so“), ohne dabei so stark mit herablassender Renitenz belastet zu sein wie das Wienerische oder ins Liebliche und Sentimentale abzugleiten wie das Kärntnerische. Das Oberösterreichische besitzt eine gewisse dumpfe Grobschlächtigkeit und schnörkellose Kürze, geprägt von dem durch die bäuerliche Herkunft bestimmten Sich-Fügen ins große Ganze, und diese Eigenschaften wiederum machen es so anschlussfähig ans Piraten- und Expressionismusfach. Das ständige Weltumsegeln und nie zur Ruhe Kommen, ja nicht mal Sterben Können ist nur die andere Seite der zyklischen Wiederkehr agrarischer Abläufe, und die Drehbücher der „Fluch der Karibik“-Trilogie bestehen eigentlich nur aus einer endlos verschlungenen Kombination der bekannten Genremotive, sowie der abstrakte Expressionismus irgendwann nur mehr bekannte Gesten, Formeln und Strukturen variiert hat. Diese wenigen, zugegebenermaßen dünnen Beziehungsstränge dürften genügen, um ein tragfähiges Netz zu flechten, das weitmaschig genug ist, um überraschende (und letztlich komische) Verknüpfungen zu ermöglichen.
Freilich ist damit noch nicht die Frage beantwortet, wie denn Sprache, noch dazu in Dialektform, ins Bild kommt. Grundsätzlich bestehen dafür mehrere Möglichkeiten, aber es empfiehlt sich direkt und spontan ins Bild zu schreiben, zuweilen als Kommentar, zuweilen wie eine Sprechblase, in Form einer ungelenken, kritzelnden und fehlerhaften Schrift wie bei Klosprüchen oder Graffiti. Piraten waren schließlich (wie auch viele oberösterreichische Bauern) meist Analphabeten, und ihre Ausdrucksweise dürfte ebenfalls eher ungeschliffen gewesen sein.
Schließlich sollte diese hier nur erahnbare Kunst nicht im Zweidimensionalen stehenbleiben und müsste sich auch den Bereich der Objektkunst erobern. Ein Ausgangspunkt könnte die genuine Matrosenkunst per se sein: das Schiffsmodell in der Rumflasche – Symbol der monadischen Miniaturwelt der Seefahrer und Resultat eines ins Kunsthandwerkliche sublimierten Alkoholismus. Dieses ließe sich mit dem Filmischen kombinieren, indem das Schiff mechanisch bewegt und in einem Guckkasten mit entsprechendem Bühnenbild, Beleuchtung und Musik installiert wird. Um den Konnex zum (in der Objektkunst natürlich weniger ausgeprägten) Expressionismus nicht ganz zu verlieren, halte man sich wieder etwas an Rauschenberg, verwende für die Guckkästen ausrangierte Alltagsgegenstände oder Dinge vom Sperrmüll wie Seemannskisten, Koffer oder Golfschlägertaschen, nehme Bierflaschen anstelle der Guckgläser, baue die Motoren aller möglichen elektrischen Geräte ein usw. Kurz: Man zeige, wie man den Traum von der exotischen Ferne auf ganz simple, provisorische (und transportable) Weise fabrizieren könne.
Auch wenn die hier gemachten Vorschläge völlig abwegig, unrealisierbar, abstrus und fantastisch klingen, bin ich felsenfest davon überzeugt, dass sie eines Tages realisiert und zu einem durchschlagenden Erfolg, zur Wiedergeburt des abstrakten Expressionismus aus dem Geist der Karibik führen werden. In diesem Sinne: Ahoi und – Prost!

(Anselm Wagner)