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Kurzbeschreibung

Er ist ihr so nah wie ein Bruder. Nicht, dass sie ihm das jemals gesagt hätte, und doch scheint ein Gefühl von verletzter Eitelkeit die Freundschaft zwischen ihnen zu belasten.

Als sich Magnus plötzlich verändert und eine Affäre mit ihrer schönen Kollegin beginnt, als seine Solidarität langsam schwindet, der Freund die Freundschaft „verrät“, zweifelt sie an sich selbst.

Und sie flüchtet nach Rom. Dreht sich einfach um, wendet ihm den Rücken zu. Setzt die Sonnenbrille auf. Sonnenbrillen wirken Wunder, Verdunkelungsstrategie gegen allzu grelle Penetranz. Wie Lichtschutzscheiben in der Limousine, als müsste man sie nur hochfahren, die Trennwand, radikal, kompromisslos Nähe unterbinden, jegliche Verbindung, sollte es in diesem Fall so etwas wie eine Verbindung überhaupt gegeben haben …

Sie sitzt am Fenster, beobachtet das Treiben auf der Gasse. Und sie hungert. Kieferknochen schimmern durch Papier. Wie sich einlassen aufs Leben, auf dessen Lachen, Fratzenlachen? Wie berührt man, ohne zu berühren?


Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Manchmal ist eine Seele so verletzt und aufgewühlt, dass sie nicht einmal mehr mit einem Roman über die Runden kommt, in so einem Fall hilft nur spitze Prosa.

Annett Krendlesbergers „Zwei Blatt und zwei“ ist natürlich ein Roman, wenn man ihn beim ersten Mal durchstreift, in einem zweiten Nachgang bemerkt man als Leser, dass es gerade jene, Schnitt für Schnitt, zertrennte Seelen-Helix ist, die in zwanzig Prosaanläufen als Thema herausgeschält wird.

Die Heldin erlebt als Ich-Erzählerin eine Kränkung, ihr angebeteter Magnus hat offensichtlich mit einer Kollegin eine Affäre angefangen. Und obwohl das eigene Verhältnis zu ihm noch gar nicht richtig abgeklärt ist, empfindet sie es als Schlag ins Gesicht. Wie immer, wenn eine undefinierte Verletzung die Psyche beeinträchtigt, sieht die Erzählerin in der Folge alles unter dem Aspekt einer Kränkung aus heiterem Himmel heraus.

Die Heldin flieht mit Luftgepäck ausgerüstet nach Rom, bleibt aber an den diversen Reisestationen hängen und verliert sich während einer Taxifahrt, in der Schlange vor dem Sicherheits-Check, in der Luftbestuhlung oder auch nur in einer fehlenden Farbschattierung, wofür das Mausgrau berühmt ist.

Während es im Innern brodelt und die Welt in scharfen Sätzen herantanzt wie bei einem Pfeil-Angriff mit Impulsen, erweisen sich die Menschen rundherum ebenfalls angeschlagen, in Verdruss versunken oder mit nervösem Getue beschäftigt. Innen und außen ist keine Ruhe, und wenn zwei Teile zusammenpassen, liegt schon wieder ein Schatten von Magnus über den soeben abgearbeiteten Gedanken.

Rom selbst ist in Hitzepartikel aufgesplittert, die Wohnung, die Plätze, alles ist heiß, der ewige Ferragosto lähmt das Leben, und selbst der Papagei bringt keine Sätze mehr hervor, sondern nur Exkremente.

Auf der Toilette ist es ein Bild, das die Seelenlage beschreibt. „Im Abwaschbecken sitzt eine Kakerlake. So sehen Kakerlaken aus. / Die Klobrille ist aus Holz. / Die Klobrille ist weiß lackiert. / Zwei Blatt und zwei, zwei und zwei rundherum drapieren. / Ich geb acht, dass ich mir keinen Schiefer einziehe, heb mich vorsichtig auf.“ (90)

Das ist das Geheimnis scharfer Prosa: Sie kann eine große Lage vorantreiben wie ein Roman und kann sich in den Augenblick hineinfräsen wie Lyrik. In dieser mit Sätzen durchgepeitschten Verlorenheit in einer fremden Stadt, in einem fremden Klima, auf einem Ort, der nicht einmal zum Scheißen taugt, imaginiert sich die Erzählerin in die Rolle einer düpierten Prinzessin hinein. Vielleicht ist alles nur Animosität, vielleicht ist alles ganz anders, vielleicht muss man nur die richtigen Wünsche formulieren: Gebt mir ein Schloss! (109)

Gerade weil die einzelnen Sequenzen so klar sind, entsteht daraus wie im Pointilismus eine amorphe Masse, in der Heldinnen verschwinden können. – Eine tolle Geschichte, evoziert durch sorgfältige Erzählkunst.

(Helmuth Schönauer, Gegenwartsliteratur 2736, 23. Mai 2018)


Gunther Neumann: Aufgerissene Seelenlandschaften

Annett Krendlesbergers sprachliche Nachtgewitter: der Prosaband „Zwei Blatt und zwei“.

Ferragosto: Mitten im Hochsommer fliegt, ja flieht eine Frau von Wien nach Rom in die leere Wohnung einer italienischen Freundin. „Zwei Blatt und zwei“ – schlicht „Prosa“, nicht Roman genannt – sind verwobene Szenen und wütende Wehklagen über den Verlust einer in bruchstückhaften, scharfkantigen Bildern aufgerollten Beziehung.

Im Dschungel ihrer Wahrnehmungen ergreifen grimmige Gefühle von der Ich-Erzählerin Besitz, und stürzen mit ungebremster Wucht auf den Leser ein. Die Protagonistin nimmt eine rundum akzeptierte Normalität als unerträglichen Wahnsinn wahr, die empfundene Macht von Männern und Ohnmacht von Frauen – und deren manchmal anbiederndes Mitläufertum, von dem sie geradezu körperlich angewidert ist.

Umgekehrt erlebt sie das Gedachte, Befürchtete real. In radikal subjektiven Betrachtungen schont sie nichts und niemanden. Ihre widerborstige Außensicht ist zugleich die Innensicht auf aufgerissene Landschaften einer verletzten Seele, die ihre Bitterkeit weniger aus sich heraus als in sich hinein schreit und den Leser in eine umfassende Beklommenheit zieht. Im sprachlichen Furor geraten andere Figuren notgedrungen grobkörnig.

Zögernd gerät man in den Sog brodelnder, dann eruptiver literarischer Tiraden mit gelungenen Gleichnissen wie „Und schon reißt Dutyfree sein cremiges Maul auf“ oder „Mir zerfließen Eiswürfel im Kragen“. Die Fülle an Bildern, Gedankensplittern, Nominalsätzen, Rückblenden, Zeitsprüngen und Ortswechseln verlangt Konzentration. In provokanter, nicht geglätteter Sprachgewalt mit österreichisch-dialektalen und italienischen Einsprengseln gewährt die Erzählstimme keine Atempause.

Dass in der „Bibliothek der Provinz“ veröffentlichte Literatur gar nicht provinziell ist, beweist der Waldviertler Verlag öfters, zuletzt etwa mit Bodo Hells „Kunstschrift“ oder Isabella Breiers „DesertLotusNest“. Annett Krendlesbergers lodernde „Zwei Blatt und zwei“ sind keine flockig-leichte Sommerlektüre, sondern eine Abfolge von sprachlichen Nachtgewittern, deren Blitze jeden Augenblick neue Bilder aufflammen lassen.

(Gunther Neumann, Rezension in der Wiener Zeitung vom 25. August 2018)


https://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/984713_Aufgerissene-Seelenlandschaften.html