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Verlassene Heimat

Leere Häuser voller Geschichten – Bilder aus dem Waldviertel

Franz Krestan

ISBN: 978-3-99028-698-2
24 x 28 cm, 240 S., zahlr. farb. Abb., Hardcover; 2., korr. Aufl. m. Ergänzungen im Bildmaterial
€ 39,00
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4. Tamara Gillesberger: Hausapotheke für Energiearbeit
5. Franzobel: Adpfent
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7. Robert Streibel: Krems 1938–1945
8. Rosa Kurzmann: Katz aus!
9. Fritz Friedl: Wachau · Wein · Welt • Texte
10. Axel Ruoff: APATIT


Kurzbeschreibung

[Mit Textbeiträgen von Udo Bachmair, Cécile Cordon, Manfred Greisinger, Konrad Köstlin, Nicole Krestan, Tarek Leitner, Elisabeth Martschini, Erika Molny-Pluch, Barbara Neuwirth, Wolfgang Waitzbauer und Mella Waldstein]


DISKUSSION ERZEUGEN

Da ist der durchaus streitbare und unkonventionelle Altbürgermeister von Drosendorf an der Thaya schon seit Jahren mit seinem Fotoapparat unterwegs. Und – Franz Krestan sucht in diesem vorliegenden Buch nicht die Idylle. Im Bildband hat er, unterstützt vom Horner Rechtsanwalt und Fotografenkollegen Engelbert Reis, Leerstände aufgesucht. Nicht weit weg vom prosperierenden Immobilienmarkt des Retzer Landes ist er zuhauf fündig geworden: Häuser in allen Stadien des Verfalls. Häuser mit dem Fassadenschmuck des 19. Jahrhunderts, der aufstrebende Wohlstand dokumentiert. Häuser mit Sonnentoren und schmiedeeisernen Fensterkörben. Häuser mit Eternitplatten der 1960er-Jahre. Höfe mit barocken Formen. Häuser, die trotz ihres bemitleidenswerten Zustandes, ob ihren Proportionen immer noch Würde und Wohnlichkeit auszustrahlen wissen.

„Verlassene Heimat“ nennt Franz Krestan das Buch und diesen Terminus kennt man vor allem aus der Erinnerung von Auswanderern. Er bleibt aber nicht beim Ablichten durchaus romantischer Fassaden. Er hat sich Zutritt in viele dieser leeren Häuser verschafft. Und so blickt er hinter die Fassade ins „Verlassene“. Das ist durchaus ein schmerzender Anblick, manchmal weckt er auch unsere ethnografische Neugier, und oft erinnert uns der eine oder andere Gegenstand an die Zeit der Großeltern.

Für manche Bürgermeister und Lokalpolitiker, das ist sich der Altbürgermeister von Drosendorf bewusst, ist dieser Bildband kein Renommee. So soll es auch nicht sein. Mit diesem Buch will er Diskussion erzeugen – über Leerstand und Zersiedelung, Zuzug und Abwanderung und die Zukunft einer Region.

Tarek Leitner, ORF-Anchorman und Autor von „Mut zur Schönheit“ (Brandstätter Verlag, 2012) schreibt in diesem Buch: „Es ist nicht das alt Gewordene, das uns anspricht. Es ist etwas anderes, das diesen Dingen anhaftet und uns berührt. Die Kleinteiligkeit, die Materialien, die Maßstäbe, die unseren menschlichen Aktionsradius entsprechen. Insofern ist das kein Plädoyer für das Alte, sondern für die Achtsamkeit im Umgang mit Veränderungen von etwas so Eindrücklichem wie unsere Lebensumgebung.“

Weitere Texte sind vom Volkskundler und emeritierten Institutsvorstands für Europäische Ethnologie in Wien Konrad Köstlin, den Schriftstellerinnen Barbara Neuwirth und Erika Monly (†1990) sowie von Menschen die im Waldviertel geboren, abgewandert oder zugezogen sind.

(Mella Waldstein)



Rezensionen
Markus Lohninger: Buch-Neuerscheinung: Der Reiz verlassener Häuser

„Leere Häuser voller Geschichten – Bilder aus dem Waldviertel“ von Franz Krestan und Engelbert Reis.

Ein Thema, das im Waldviertel zunehmend an Bedeutung gewinnt, wird nun ins Licht einer breiten Öffentlichkeit gerückt: „Verlassene Heimat. Leere Häuser voller Geschichten – Bilder aus dem Waldviertel“ von Franz Krestan und Engelbert Reis, die spannende Neuerscheinung im Verlag Bibliothek der Provinz in Großwolfgers (Gemeinde Weitra), trifft einen Zeitgeist in allen Teilen des Waldviertels.

Verfallene Häuser ziehen Krestan magisch an, seit er 2011 begonnen hat, zu fotografieren. Ihn reizt „das Schöne des Verlassenen“, wie er sagt. Wobei doch die Frage stets auftaucht: „Warum muss es verkommen?“ Der Drosendorfer Altbürgermeister fotografierte zuerst Gebäude, die ihm bekannt waren, in Gesprächen hat sich schnell das nächste Motiv ergeben.

„Der Bauer war früher stolz auf seinen Hof, heute ist er stolz auf seinen Traktor.“
(Franz Krestan, Drosendorfs Altbürgermeister, Fotograf und Buchautor)

Die Aufnahmen beschränken sich nicht auf Außenansichten: Krestan führt den Blick an Umzäunungen und Fassaden vorbei ins Innere der vier Wände, bringt dabei die Würde zum Vorschein, die diesen Orten einst innegewohnt hatte. Kassettenradio, Herrgottswinkel, die Gewürzdosen in der Küche, die Arbeitsjacke scheinbar nur schnell mal am Haken abgelegt, das voll eingerichtete Schlafzimmer, das bezogene Krankenbett des Elternteils – das Leben im verlassenen Gemäuer ist spürbar, als wäre es ihm nie entschwunden.

Wir kennen das Schicksal vieler der abgebildeten Häuser, oft auch aus der NÖN: Eines Tages wird hier der Bagger auffahren. Neues wird wohl entstehen, die Vergangenheit verschwindet.


Pils sieht die öffentliche Hand in der Pflicht

Das Wegschieben von „Schandflecken“ komme billiger als der Erhalt oder Wiederaufbau, bedauert Verlagsgründer Richard Pils. „Peripherien sterben aus, so geht unheimlich viel Kulturgut verloren. Erinnerungsträchtige Gebäude verfallen“, sagt Pils: „Neubauten treten an ihre Stelle, von denen nach drei Jahren der Putz fällt und deren Styropor-Dämmung im Sinne der Nachhaltigkeit eine Katastrophe ist. Häuser werden zu ökologischen Bomben.“

Franz Krestan hatte dagegen als Drosendorfer Gemeindechef eine klare Strategie: „Solche Schandtaten habe ich nirgends zugelassen – nicht durch das Gesetz, sondern durch das Reden. Ist man selbst ein Vorbild, dann kann man das von anderen verlangen.“ Dennoch sieht er einen Wandel. „Der Bauer war früher stolz auf seinen Hof, heute ist er stolz auf seinen Traktor.“

Verleger Richard Pils selbst hat hohe Mittel in den Erhalt der 1992 stillgelegten „Eisenberger-Fabrik“ in Gmünd gepulvert. Die ist nicht nur alt, sondern als Industrie-Kulturerbe auch noch denkmalgeschützt. Das machte etwa den Ersatz von mehr als 400 kleinen Glasscheiben zur Luxusübung.

Bei uns hänge derzeit zu viel an einzelnen Initiativen, sagt auch der Besitzer der Burg Raabs aus Erfahrung. Denkmalamt, Bund, Länder und Kommunen sollten mit Förderungen oder Beratung gegensteuern, da gehe es auch um aktiven Ensembleschutz. Pils: „Jeder erkennt anhand der Architektur sofort ein Bild aus Griechenland.“ Bei uns seien Baukultur und liebevoller Detailreichtum längst verloren gegangen, pflichtet ihm Buchautor und Fotograf Krestan bei.


„Hat kulturgeschichtlichen Wert“

In der Stadt Weitra habe sich vor vielen Jahren ein Bürgermeister massiv für den Erhalt des Ensembles stark gemacht, wirft Pils ein. „Daher ist sie heute so, wie sich Touristen freuen würden, wenn es überall wäre. Hat man Besuch auch aus weiter Ferne, dann geht man in Weitra essen, alle sind erstaunt darüber, wie schön es hier ist. Das hat kulturgeschichtlichen, aber auch wirtschaftlichen Wert“, so er, „Alleine am Weg von Weitra nach Großwolfgers harren aber schon drei wunderschöne Häuser in bester Lage darauf, zusammenzufallen. Es fehlt der Impuls, etwas daraus zu machen, Dörfer werden teils unansehnlich.“

Der öffentlichen Hand seien vielfach die Hände gebunden, sagt indes Landtags-Abgeordnete Margit Göll, die das Problem als VP-Bürgermeisterin der aktuellen Zuzugsgemeinde Moorbad Harbach nur zu gut kennt: Die Nachfrage nach alten Häusern und die Bereitschaft zum Sanieren seien absolut vorhanden. „Oft gehören sie aber Wienern, die nicht an ein Sanieren denken und sogar Gebäude in ganz schlechtem Zustand nicht verkaufen wollen“, sagt Göll. In besonders argen Fällen könne und müsse sie als Baubehörde Schritte setzen, eine darüber hinaus gehende Handhabe fehle aber: „Viele Innenstädte im Waldviertel leiden noch stärker unter dieser Konstellation als der ländliche Raum.“

Im Bezirk Waidhofen manifestiert sich das Problem leer stehender Häuser vor allem in Richtung Norden. „Je näher eine Ortschaft an der Grenze liegt, desto mehr leer stehende Häuser findet man. Das Problem ist, dass Leute, die selbst keine Landwirtschaft betreiben, dort nicht bleiben wollen, sondern lieber näher zum Arbeitsort ziehen“, fasst Bundesratsabgeordneter und Bürgermeister von Thaya, Eduard Köck, zusammen. Ohne einen großen Arbeitgeber in der Nähe sei allenfalls Interesse in Form eines Wochenend-Hauses für Großstädter gegeben.

Pils sieht das Werk nicht als Anklage, sondern als Hinweis auf Wert und Schönheit alter Häuser und auf die Qualität des Wohnens darin. Auf Ortsangaben wurde daher auch im Interesse der Eigentümer verzichtet. Letzteren seien die Innenaufnahmen mitunter unangenehm gewesen, sagt Krestan. Er habe sich daher teils zu Schnellschüssen hinreißen lassen, „die erst im Ausschnitt Wirksamkeit bekamen“.

Mehr als ein Drittel der Buchauflage von tausend Stück ist laut Richard Pils bereits wenige Tage nach Erscheinen vergriffen, obwohl das Werk noch gar nicht öffentlich präsentiert wurde. „Die Bevölkerung ist bei dem Thema sehr sensibel. Der Bauverlust tut zum Teil weh.“

Franz Krestan ist für die Bilder verantwortlich. Texte kommen unter anderem auch von Tarek Leitner. Der ZiB-Anchorman soll laut Pils „eine Art Lautsprecher“ für eine mit dem Buch einhergehende Initiative sein, in Präsentationen eingebunden werden. Ausstellungen und Lesungen zum Buch sind unter anderem in Drosendorf, Raabs, Groß Siegharts und Gmünd geplant.

(Markus Lohninger und Karin Widhalm, Rezension in der NÖN Ausgabe Waihofen an der Thaya vom 30. Januar 2019)


https://www.noen.at/waidhofen/waldviertel-buch-neuerscheinung-der-reiz-verlassener-haeuser-waldviertel-fotos-134056380


Peter Pisa: Leere Häuser voller Geschichten

„Verlassene Heimat“ heißt das Buch mit Fotos aus dem Waldviertel. Vergessene Häuser, in denen es noch Spuren der Menschen gibt, die hier einst lebten. Die Bilder des Wiener Franz Krestan, der in Drosendorf lebt, zeigen auch, wie schön das Alte ist. Wie beispielhaft es sein könnte. „Verlassene Heimat“ erschien in der Bibliothek der Provinz.

(Peter Pisa, Rezension im Kurier vom 2. September 2019, S. 25


Martin Zellhofer: I’m so lonesome I could cry – Bilder aus dem »verlassenen« Waldviertel

Es ist einsam und leer, es stimmt melancholisch und nachdenklich. Ein Bildband gibt Einblicke in die verlassene Heimat Waldviertel.





Die Themen Ruin Porn und Lost Places erfreuen sich schon eine ganze Weile ungebrochener Beliebtheit im Netz. Seit einigen Jahren fasst der Trend in Österreich auch in der analogen Welt Fuß: Verschiedene heimische Verlage huldigen dem Phänomen und haben mittlerweile gar nicht so wenige Bildbände über Verschwundenes aller Art in verschiedenen Regionen Österreichs veröffentlicht. Die Buchhandlung eures Vertrauens hilft euch diesbezüglich mit Vergnügen weiter.

Einer dieser Bildbände ist »Verlassene Heimat. Leere Häuser voller Geschichten – Bilder aus dem Waldviertel« des Drosendorfer Altbürgermeisters, Autors und Fotografen Franz Krestan. Das schwere Coffee-Table Book besticht mit ausschließlich großformatigen, farblich und lichtmäßig perfekten Aufnahmen des Verfalls. Und davon gibt es in den Waldviertler Kleinstädten und Dörfern leider mehr als genug: Desolate Häuser und Bauernhöfe, ehemals prächtige und nun bröckelnde Fassaden, vermodernde Tore und Türen, aufgegebene Geschäfte, Betriebe sowie zugesperrte Wirtshäuser bieten traurige Anblicke. (…)

Wahrlich beeindruckend sind die zahlreichen Innenaufnahmen, die eine Stimmung vermitteln, die von außen nicht wahrnehmbar gewesen wäre. Manche Szenen wirken, als ob die BewohnerInnen nur mal gerade aus dem Bild gegangen wären. Blicke in noch immer gefüllte Kredenzen, auf alte Möbel und noch bezogene Betten, Öfen, Lampen, kitschige Heiligenbilder und Kruzifixe, Fotos der Verwandtschaft, vergilbte Tapeten, farbige Wandanstriche, sanitäre Anlagen und andere Reste des Alltagslebens erzeugen Gänsehaut.


Vintage-Chic in einer strukturschwachen Region

Was dem Urban und Rural Explorer aus bloßer Lust am Schauen gefällt (Diese Möbel! Die Emailschilder!), hat natürlich auch verschiedene ernsthafte Dimensionen. Zunächst mal: Wer hat hier gewohnt? Was haben die Menschen empfunden, gefühlt, gefeiert oder betrauert, was gearbeitet? Ist dieser Voyeurismus legitim? Schnell rückt zudem die eigene Vergänglichkeit ins Bewusstsein: Sieht so unser aller Zukunft aus? Was bleibt denn von (m)einem Leben einmal übrig?













Neben der menschlichen Komponente stellt sich die Frage nach der Beschaffenheit der gezeigten Gegend. Warum ist es hier so leer? Wohin ist das Leben verschwunden? Zwar ist das Verschwinden von Bausubstanz und Inhalten kein spezifisch Waldviertler Phänomen. Selbst in der Wiener Innenstadt gibt es genug Motive, mit denen man einen Bildband über Verschwindendes füllen könnte. Aber anders als in intakten Regionen Österreichs, in denen Leerstände von kurzer Dauer sind, ist die Abwanderung vor allem in den nördlichen Teilen des Waldviertels eine bittere Tatsache. Hier wird so schnell nichts Neues entstehen.

Abgerundet wird der großartige Bildband von Texten verschiedener AutorInnen, die sich den Themen, die hinter den Bildern stehen, widmen. Ein Glossar erläutert Begrifflichkeiten (Schwingerl, Stageleisen oder Lavoir), deren Fortbestand ebenfalls gefährdet scheint.






















[Alle Bilder: © Franz Krestan, Verlag Bibliothek der Provinz]


(Martin Zellhofer, Rezension für The Gap. Magazin für Glamour und Diskurs, online erschienen am 20. Dezember 2019


https://thegap.at/verlassene-heimat-bildband-waldviertel/?fbclid=IwAR11XkMT75tqxmzjzHpUQoD9OrUJb8r29uC0Ez39Phz60rskm9GMwX80fdA