Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

[Hrsg.: Stefanie Panzenböck, Monika Wagner]


Der, der da steht, der steht für viele. Der, der da steht, der steht für die Vielen, die nichts zählen, weil sie zu zahlen nicht imstande sind. Der, der da steht, der steht für alle, die zu Kunst nicht kommen können, weil sie dafür nicht aufkommen können. Was hat der, der da steht, dann da verloren? Mehr, als er je hatte: Das Menschenrecht auf Kunst! Festgeschrieben im Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen.

Wir aber sehen nur die Schablonen, sehen gar keine Menschen mehr und deshalb auch nicht deren Rechte, sondern nur die Schattenrisse, die keinen Anspruch auf irgendetwas haben. Weil da könnte ja jeder kommen, und wenn da jeder kommt, wo kommen wir dann hin? Der, der da steht, ist der Pappkamerad. Wir sorgen uns. Wir sorgen uns um soziale Treffsicherheit. Wir zielen auf ihn und erlegen uns. Der, der da steht, ist unser Spiegel.

(Doron Rabinovici)


Es gibt viele Geschichten zu erzählen. Nach 15 Jahren Hunger auf Kunst und Kultur. Geschichten, die mitunter von bedrückenden Lebenswegen erzählen und dennoch voller Zuversicht sind. Geschichten, die berühren, aber auch überraschen. Geschichten, die einfach nur die Freude zum Ausdruck bringen, die der Kulturpass bereitet. Geschichten von Menschen, für die sich durch den Kulturpass und begleitende Projekte wieder eine Türe zu Kunst und Kultur geöffnet hat. Manches Mal hat der Kulturpass dabei sogar im Leben dieser sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten etwas verändert und neue Perspektiven eröffnet, eine Bereicherung war und ist er für unsere Akteurinnen und Akteure allemal.

(Monika Wagner)


Rezensionen
Stefanie Panzenböck: „Ich war mutterseelenallein“

Viele Wienerinnen und Wiener können sich Konzert- oder Museumsbesuche nicht leisten. Ich zum Beispiel.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Für niemanden gilt dieser Satz mehr als für Personen, die sich Kunst und Kultur nicht mehr leisten können, weil sie unter der Armutsgrenze leben müssen. Sie schlagen sich mit finanziellen Problemen herum und werden zudem an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Geld für ein Konzert oder einen Kinobesuch ist dann schon lange nicht mehr vorhanden.

Vor 15 Jahren riefen der damalige Schauspielhaus-Chef Airan Berg und der Mitbegründer der Armutskonferenz Martin Schenk die Initiative Hunger auf Kunst und Kultur ins Leben. Nun konnten Menschen, die etwa Mindestpension oder Notstandshilfe bezogen, einen Kulturpass beantragen und gratis ins Schauspielhaus. Mittlerweile beteiligen sich allein in Wien 238 Kulturinstitutionen. Knapp 47.000 Wienerinnen und Wiener nehmen das Angebot in Anspruch. Zum 15. Geburtstag hat die Geschäftsführerin des Vereins Hunger auf Kunst und Kultur, Monika Wagner, gemeinsam mit der Falter-Redakteurin Stefanie Panzenböck ein Buch herausgegeben, in dem Menschen, die den Kulturpass besitzen, aus ihrem Leben erzählen. Die Geschichte von Gabriele Frisch (Name geändert, Anm. der Red.) drucken wir auszugsweise ab.

Die Albertina ist mein Lieblingsort. Absolut, ungeschlagen. Vor kurzem habe ich dort die Ausstellung von Keith Haring gesehen. Das Museum hat einen Fokus auf Gegenwartskunst. Natürlich interessiert mich auch das Vergangene, sonst würde ich nicht ins Museum gehen. Wenn ich in eine Ausstellung gehe, trete ich zuerst ohne Hintergrundinformationen an das Werk heran. Dadurch kann ich dem Künstler in die Augen schauen. Die Bilder von Keith Haring sind so ambivalent: Sie sind brutal, unglaublich politisch und lösen im Betrachter viele Gedanken aus. Sie schlagen auch eine Brücke zur Graffitiszene und zu dem, was junge Menschen heute interessant finden.

Ich bin nicht mit Kunst und Kultur aufgewachsen. Schon als Kind in Wien war ich ein sehr armer Mensch, der nicht einmal genug Geld für Schulsachen hatte. Deswegen waren Museums- oder Theaterbesuche kein Thema. Wir konnten uns das nicht leisten. Relativ gut verfügbar waren Bücher, über die städtischen Büchereien.

Meine Eltern wollten mich eigentlich in die Hauptschule oder in die Frauenoberschule schicken. Glücklicherweise war aber ein Gymnasium ums Eck von unserer Wohnung, und sie ließen sich überreden. Allerdings haben mir meine Eltern von Anfang an gesagt: „Wenn du Nachhilfe brauchst, liebes Kind, dann hast du Pech gehabt. Entweder du schaffst das bis zur Matura aus eigener Kraft, oder du musst das Gymnasium verlassen.“

Für eine Familie war das damals ein Verlust, wenn ein Kind nicht arbeiten ging und kein Geld nach Hause brachte. Bei uns zu Hause hat auch jeder seinen Verdienst bis auf den letzten Groschen abgeliefert, und meine Großmutter hat dann jedem, der gearbeitet hat, ein Taschengeld gelassen. Oder auch nicht. Wenn es uns schlecht gegangen ist, gab es keines. Es war ein Opfer, ein Kind ins Gymnasium zu schicken.

Ich habe die Matura gemacht und danach ein Lehramtsstudium begonnen. Doch dann habe ich geheiratet, und aus dem Studium ist nichts geworden. Es war rein geografisch nicht mehr möglich, an eine Uni zu kommen.

So gesehen habe ich gewusst, worauf ich mich einlasse. Ich kann nichts und niemandem einen Vorwurf machen außer mir selbst. Rückblickend betrachtet tut es mir natürlich leid. Ich bin nicht mehr verheiratet, schon lange nicht mehr, und lebe auch wieder in Wien.

Es gab immer wieder Zeiten, in denen es mir finanziell besser gegangen ist, gearbeitet habe ich alles Mögliche. Ich war in der Privatwirtschaft Abteilungsleiterin, Putzfrau, war im Verkauf tätig. Mir ist nichts fremd. Fast nichts. In der Not geht man eben auch putzen. Gegen Ende meiner Berufstätigkeit war ich sehr oft arbeitslos. Denn es ist egal, welche Ausbildung man hat oder welches Engagement man mitbringt: Ab einem gewissen Alter kriegt man kaum noch eine Chance. In dieser Zeit habe ich auch vom Kulturpass erfahren und nutze ihn seit vielen Jahren. Als die Kinder klein waren, war das noch nicht möglich. Das Dasein als Alleinerziehende ist für alle Beteiligten sehr schwierig. Ich war mutterseelenallein. Es war niemand da.

Seit einigen Jahren engagiere ich mich bei der Armutskonferenz, bei der Plattform „Sichtbar werden“. Dort vernetzen sich Menschen, die in Selbstorganisationen tätig sind, wie zum Beispiel bei Straßenzeitungen. Oder es sind engagierte Einzelpersonen dabei, so wie ich. Ich vertrete keine Organisation. Mein Antrieb ist es, gegen Armut einzutreten. Ich sehe mich als Expertin. Es gibt kaum einen Blickwinkel auf Armut, den ich nicht kenne. Manche kenne ich nur passiv, die allermeisten leider aktiv.

Zu Hause lese ich sehr gern. Auf meinem Tisch liegen gerade vier Bücher. Eines von Christian Morgenstern, dann „Der überflüssige Mensch“ von Ilija Trojanow und „Die Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bon. Das habe ich erst gestern aus einer Mistkiste gefischt. Das Buch wurde schon 1895 veröffentlicht, aber es ist unglaublich modern. Als ich in der Kiste herumgewühlt habe, dachte ich mir, den Titel kenne ich, habe das Buch eingesteckt und gleich in der Straßenbahn zu lesen begonnen. Ich war total fasziniert. Und dann liegt noch „Genug gejammert“ von Martin Schenk auf meinem Stapel. Ich habe etwa 3000 Bücher zu Hause und sie alle gelesen.

([Stefanie Panzenböck], Auszug aus „Von der Würde der Wellen und den Grenzen des Gugelhupfs“, erschienen im Falter #51–52/2018)


https://www.falter.at/falter/rezensionen/buch/762/0978399028804/von-der-wurde-der-wellen-und-den-grenzen-des


NEUE Vorarlberger Tageszeitung: 15 Jahre „Hunger auf Kunst und Kultur“

23 Geschichten von und über Menschen, für die sich durch den Kulturpass wieder eine Türe zu Kunst und Kultur geöffnet hat, werden in „Von der Würde der Wellen und den Grenzen des Gugelhupfs“ erzählt. Einige dieser Geschichten sind von Kulturpassbesitzern selbst verfasst, der größere Teil sind von „Falter“-Journalistin Stefanie Panzenböck und Monika Wagner geführte und niedergeschriebene Gespräche. (…)

(Rezension in der NEUEn Vorarlberger Tageszeitung vom 11. Dezember 2018, S. 26)


https://www.neue.at/kultur/2018/12/10/15-jahre-hunger-auf-kunst-und-kultur.neue