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Nachbarn

Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch

Niklas Perzi, Ota Konrád , Hildegard Schmoller , Václav Šmidrkal

ISBN: 978-3-99028-817-7
27 x 21 cm, 416 S., zahlr. Abb.: vierf., graph. Darst., Kt.; fadengeheftet, kapitales Hardcover m. Lesebändchen
€ 34,00
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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Niklas Perzi, Hildegard Schmoller, Ota Konrád & Václav Šmidrkal für die Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien. Mit Beiträgen von Tomáš Dvořák, Stefan Eminger, Lukáš Fasora, Hanns Haas, Richard Hufschmied, Ota Konrád, Petr Koura, David Kovařík, Sandra Kreisslová, Suzanne Kříženecký, Rudolf Kučera, Miroslav Kunštát, Niklas Perzi, Václav Petrbok, Walter Reichel, Hildegard Schmoller, David Schriffl, Jaroslav Šebek, Václav Šmidrkal, Arnold Suppan & Luboš Velek]


Jahrhundertelange Nachbarschaft und dreihundert Jahre gemeinsam verbrachte Staatlichkeit verbinden Österreicher und Tschechen – ein Volk mit zwei Sprachen oder doch missgünstige Cousins?

Dieses Buch lässt in zwölf Kapiteln die Geschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte des Zusammen-, Auseinander-, Nebeneinander- und Gegeneinanderlebens Revue passieren. 27 Historikerinnen und Historiker aus beiden Ländern spüren in zwölf Überblickskapiteln Gemeinsamem und Trennendem nach. Sie stellen dabei nicht zwei Nationalgeschichten nebeneinander, sondern zeigen, wie sich bestimmte Entwicklungen da wie dort in die Gesellschaften eingeschrieben haben.

Nach „Völkerfrühling“ und bürgerlicher Revolution folgte noch im gemeinsamen Staat eine Periode der Entfremdung. Gemeinsam verlebt, unterschiedlich erlebt, könnte man das Zusammenleben in den letzten Jahrzehnten der Habsburgermonarchie und im Ersten Weltkrieg bezeichnen. Die nach 1918 neu entstandenen Staaten (Deutsch-)Österreich und Tschechoslowakei lebten im Spannungsfeld von Konkurrenz, Miteinander und desinteressiertem Nebeneinander. Trotz der verschiedenen Staats- und (nach 1948) Systemzugehörigkeit gab es Gemeinsamkeiten. Nach 1989 und dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ schienen Konflikte wie „Temelin“ oder die „Beneš-Dekrete“ zu dominieren: Dies, obwohl die gegenseitigen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kontakte so eng wie seit 1918 nicht mehr sind.

Das von der Ständigen Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe (SKÖTH) initiierte Buch soll zum gegenseitigen Kennenlernen und Verständnis beitragen.



Siehe auch die Projektbeschreibung auf dem Website der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: ().


Rezensionen
Martin Kugler: Wort-Band

Die Beziehung zwischen Österreich und Tschechien ist seit jeher gespannt. Um Gräben zuzuschütten, haben Historiker beider Länder nun ein gemeinsames Geschichtsbuch verfasst.

Was am Freitagabend im Haus der Geschichte im Museum NÖ in St. Pölten geschieht, verdient das Attribut „epochal“: Präsentiert wird das Buch „Nachbarn. Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch“ (Niklas Perzi et al., 412 S., Bibliothek der Provinz, 34 €). Wer mit der Materie nicht so vertraut ist, wird die Einzigartigkeit dieses Ereignisses vielleicht nicht gleich erkennen. Doch es gibt in Europa keine anderen zwei Staaten, die ihre gemeinsame Geschichte derart unterschiedlich interpretieren wie Österreich und Tschechien. Das beginnt bei den Hussiten, geht über den 30-jährigen Krieg und das Ende der Donaumonarchie und reicht bis in die Nazi-Zeit und die Geschehnisse nach dem Ende des „Ostblocks“.

Die Verwerfungen zeigen sich auch in vielen Stereotypen, die Österreicher von Tschechen haben und umgekehrt. So sind wir Österreicher in den Augen viele Tschechen überheblich, oberlehrerhaft und zugleich rückständig. Den Tschechen sagen viele Österreicher hingegen nach, sie seien heimtückisch, häretisch, ein „Dienstbotenvolk“ und „Totengräber der Monarchie“. Diese Ressentiments sind wirkmächtig wie eh und je: Staatsbesuche sind selten, Konfliktpunkte (etwa Atomkraftwerke oder die Beneš-Dekrete) werden von manchen Gruppen auf beiden Seiten gnadenlos ausgeschlachtet und in innenpolitisches Kleingeld umgemünzt.

In der Wissenschaft versucht man schon länger, diese Spaltungen zu überwinden. Vor zehn Jahren wurde die Gründung einer Ständigen Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker beschlossen – und nun ist die Frucht dieser Initiative fertig: ein allgemein verständliches und reich bebildertes Geschichtsbuch, das gemeinsam von tschechischen und österreichischen Autoren verfasst wurde und hinter dem beide Seiten voll stehen.

Dabei werden nicht etwa die zwei Nationalgeschichten parallel erzählt, sondern Ereignisse und Phänomene behandelt, die in beiden Gesellschaften ihre Wirkung entfalteten – z. B. die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, die Besetzung durch Hitler-Deutschland, die (versuchte) Sowjetisierung, das Jahr 1968 oder die Popkultur. Es ist ungemein erhellend und obendrein spannend zu lesen, wenn die Ereignisse in einen größeren Zusammenhang gestellt und die Beweggründe der Akteure auf beiden Seiten erläutert werden.

Beim Schmökern in dem Buch wird einem einmal mehr klar: Ressentiments beruhen meistens schlicht auf Unwissenheit über den anderen.

(Martin Kugler, Rezension in der Presse vom 7. April 2019)


https://diepresse.com/home/science/falsifiziert/5608513/WortBand


science.ORF.at: Auf den Spuren der gemeinsamen Geschichte

Der gemeinsame österreichisch-tschechische Geschichte widmet sich ein neues Buch. Es soll zu einem besseren Verständnis zwischen den Nachbarländern beitragen. Unterschiedliche Interpretationen sorgten in den vergangenen Jahren regelmäßig für Misstöne.

Die Österreicher und Tschechen haben „lange Zeit eher nur nebeneinander als wirklich miteinander gelebt“, beschrieb der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel das schwierige Verhältnis einmal. Besonders das 20. Jahrhundert hat die beiden Nachbarländer entfremdet. Diese Entfremdung begann bereits im gemeinsamen Staat, der Habsburgermonarchie, und führte nach dem Ersten Weltkrieg zur Geburt zweier junger Republiken. Trotz eines Teils durchaus guten Verhältnisses in der Zwischenkriegszeit durchlitt diese Nachbarschaft das Grauen des Nationalsozialismus und die daraus resultierende Nachkriegsgewalt und der Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei.

Der Schwerpunkt des 400-Seiten-Werkes liegt daher auch auf der jüngeren Geschichte, die in großen Überblickkapiteln anschaulich dargelegt wird. In einem eigenen großen Kapitel werden die gegenseitigen Stereotype und der schwierige Umgang mit der gemeinsamen Geschichte behandelt. Darin werden auch die wechselseitige Vorurteile seit der gemeinsamen Zeit in der Habsburgermonarchie und die nationalen Traumata der Tschechen – die Schlacht am Weißen Berg 1620 und das Münchner Abkommen 1938 – behandelt.


Langer Weg

Der Weg zum nun fertigen Buch war lang. Bereits 2004 war das Projekt bei den österreichisch-tschechische Historikertagen in der Waldviertel-Akademie auf den Weg gebracht worden. 2009 wurde die Ständige Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe (SKÖTH) gegründet. 21 Historiker aus beiden Ländern haben nun vier Jahre an dem Buch gearbeitet.

An jedem Beitrag war ein Autorenteam aus beiden Ländern beteiligt. Ziel war es nicht zwei parallele Nationalgeschichten zu präsentieren, sondern der gemeinsamen Geschichte nachzuspüren. Im Fokus stehen daher weniger Zahlen und Daten, sondern die großen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Das macht das Buch auch leicht lesbar. Stets wurde darauf geachtet, Parallelen und Vergleiche herzustellen.

Bei einigen Passagen merkt man beim Lesen, dass um manche Sätze und Formulierungen wohl gerungen wurde. „Es war nicht immer leicht“, erzählt der Historiker David Schriffl, der an dem heiklen Kapitel über die Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Sudentendeutschen mitgearbeitet hat, gegenüber der APA. „Die Diskussionen waren zum Teil mühseliger als erwartet, aber es hat sich gelohnt. Das, was vorliegt, können beide Seiten unterschreiben“, sagt der Historiker an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).


Beitrag zu bilateralen Verhältnis

Dafür mussten immer wieder beide Seiten aufeinander zugehen, auch deswegen sei die Arbeit ein positiver Beitrag für das bilaterale Verhältnis der beiden Länder. Gerade die umstrittenen Punkte wurden gemeinsam aufgegriffen. „Wenn jede Seite das allein geschrieben hätte, hätte das Ergebnis sicher anders ausgesehen“, so Schriffl. Weniger als über die Fakten wurde über Akzentsetzungen und einzelne Formulierungen diskutiert. Als Schulbuch ist das Werk nicht gedacht, parallel entstanden aber didaktische Materialien für den Schulunterricht sowie eine Broschüre.

Die Historiker haben mit diesem Werk ihren Teil geleistet, um eine versöhnliche gemeinsame Sichtweise auf die gemeinsame Vergangenheit zu ermöglichen. Ob Politik und Gesellschaft diese Chance annehmen, bleibt abzuwarten. Der streitbar tschechische Präsident Milos Zeman, der vor wenigen Jahren die Sudetendeutschen noch als „fünfte Kolonne Adolf Hitlers“, die mit der Vertreibung noch milde davongekommen seien, bezeichnet hatte, sagte bei seinem Besuch vergangenen Woche in Wien auf die Frage eines Journalisten, ob man nun von Vertreibung spreche oder ob in Tschechien weiterhin das Wort Abschub verwendet würde: Mit Begrifflichkeiten sollten sich „qualifizierte Historiker und nicht nichtqualifizierte Journalisten auseinandersetzen“.

Der erfolgreichen Aufarbeitung der österreich-tschechischen Geschichte könnte bald ein ähnliches Projekt zwischen Österreich und der Slowakei folgen, wie die Parlamentspräsidenten beider Länder im vergangenen Dezember bei einem Treffen ankündigten. Trotz zahlreicher Parallelen zwischen Tschechien und der Slowakei, die fast das gesamte 20. Jahrhundert in einem gemeinsamen Staat verbrachten, war das Verhältnis zwischen Wien und Bratislava stets deutlich weniger kompliziert als jenes Wiens zu Prag.

(Rezension: science.ORF.at/APA, 10. April 2019)


https://science.orf.at/stories/2975126/


Thomas Götz: Was uns trennt, was uns verbindet

Thema des Tages: Geschichte zweier Nachbarn

Nichts kann schärfer trennen als eine gemeinsame blutige Geschichte. Historiker aus Tschechien und Österreich erarbeiteten ein Geschichtsbuch, das beiden Seiten gerecht zu werden versucht.

„Das ist ein Buch, das in der europäischen Nachkriegsgeschichte einmalig ist.“ Wolfgang Sobotka, Historiker und Nationalratspräsident, greift zu gewichtigen Worten, um das Werk zu beschreiben, das ihm am Montag in der Residenz des österreichischen Botschafters in Prag überreicht wurde. Lange hatten Tschechen und Österreicher „eher nur nebeneinander als wirklich miteinander gelebt“, wie Václav Havel, Dissident, Autor und tschechischer Präsident, einmal sagte. Nun liegen 411 großformatige Seiten vor, die die gemeinsame Geschichte erzählen, verfasst von 21 tschechischen und österreichischen Historikerinnen und Historikern.

Das Ziel war, nichts auszusparen. Nicht die demütigende Behandlung der Tschechen in der Monarchie, nicht die Gräuel der NS-Besatzer, nicht die Morde an Sudetendeutschen und die Vertreibung der deutschsprachigen Minderheit nach dem Krieg. Es sollte endlich offen geredet werden über die schwelenden Konflikte, die bis in die Gegenwart ausstrahlen und das Miteinander erschweren. Ein langes Kapitel geht auf die engen kulturellen Beziehungen zwischen den Nachbarn ein.

Wie aber verfasst man im Team die jahrhundertelange Geschichte zweier Länder? Und wer denkt sich so etwas aus?

Die Sache begann 2009 mit der Gründung der „Ständigen Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker“, kurz SKÖTH genannt. Die Initiative kam von den Außenministern Österreichs und Tschechiens, Michael Spindelegger und Jan Kohout. 2015 fiel der Entschluss zu dem Buchprojekt.

Zahlreich die Tücken: Man entschied sich, die Geschichte auf die Territorien der heutigen Staaten einzugrenzen und den Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert zu legen. Jeder Text sollte von Historikerinnen und Historikern aus beiden Ländern gemeinsam verfasst werden. „Ich war überrascht, wie schnell wir einen Konsens gefunden haben“, sagt Luboš Velek vom Masaryk-Institut in Prag, einer der Autoren. Am meisten Schwierigkeiten hatten die Österreicher untereinander, erzählt Hildegard Schmoller von der Akademie der Wissenschaften in Wien. Sie stritten über innerösterreichische Konflikte – die Bewertung der Ersten Republik und des Ständestaats. Das in der öffentlichen Debatte auch über die Grenze hinweg heikelste Streitthema aber entzweite das Team nicht – die Vertreibung der Sudetendeutschen. Breit schildert der Band deren politische und rechtliche Rahmenbedingungen sowie die spätere Rechtfertigung und Tabuisierung durch das KP-Regime. „Selbstverständlich ist das Faktum der Vertreibung einer ganzen Bevölkerungsgruppe etwas, das nicht gerechtfertigt werden kann“, schreiben die Autoren. Die Begründung, man habe lediglich getan, was die Alliierten in Potsdam gestattet hätten, bezeichnet man als „Potsdam-Mythos“, als eine Fehlinterpretation, die schwere Folgen auch für die Täter hatte. „Das Grenzland leidet bis heute an strukturellen Schwierigkeiten und am Mangel einer langfristigen Bindung der Bewohner an Boden und Land, sodass es trotz der optimistischen Erklärungen der Nachkriegsjahre zur ewigen Peripherie wurde.“

Zustimmend zitiert das Werk Václav Havel, der das Tabu bald nach dem Ende der ČSSR brach: „Ich persönlich – ebenso wie viele meiner Freunde – verurteile die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Sie erschien mir immer als eine zutiefst unmoralische Tat, die nicht nur den Deutschen, sondern vielleicht in noch größerem Maße den Tschechen selbst Schaden zugefügt hat, und zwar sowohl moralisch als auch materiell. Auf Böses wiederum mit neuem Bösen zu antworten, bedeutet, das Böse nicht zu beseitigen, sondern es auszuweiten.“

Breiten Raum nehmen die Traumata der Tschechen ein. Die Schlacht am Weißen Berg – als 1620 die protestantischen Adeligen gegen die kaiserliche Armee unterlagen – und die anschließende Umverteilung der Güter der Besiegten. „Finsternis“ nennen die Tschechen die darauffolgenden Jahrhunderte. Das Scheitern des Ausgleichs, der 1871 bereits fertig ausverhandelt war, sich aber gegen den Widerstand von Adel und Regierung nicht durchsetzen konnte. Der missglückte Versuch, 1897 die tschechische Sprache der deutschen im inneren Dienstverkehr gleichzustellen. Den Begriff „Völkerkerker“, den die Tschechen damals für die Monarchie verwendeten, halten die Autorinnen und Autoren dennoch für nicht gerechtfertigt. Die damalige Verfassung habe dem Land trotz aller politischen Hemmnisse eine rasante Entwicklung ermöglicht, argumentieren sie.

Wie Zöpfe verflechten die Texte österreichische und tschechische Reaktionen auf dramatische und traumatische Ereignisse der Geschichte bis herauf ins Jahr 2004, als die Tschechische Republik der EU beitrat. Im Herbst soll die tschechische Übersetzung vorliegen, schon im Mai Unterrichtsmaterial, das auf dem Buch basiert.

Das gelungene Beispiel empfiehlt Nachfolgeprojekte – warum nicht mit Ungarn oder Slowenien Geschichte schreiben?

(Thomas Götz, Rezension in der Kleinen Zeitung vom 4. April 2019, S. 4 f.)


https://www.kleinezeitung.at/politik/innenpolitik/5606881/TschechienOesterreich_Eine-blutige-Geschichte-gemeinsam-neu


Alexandra Demcisin: Perzi: Gemeinsames Geschichtsbuch wäre vor 20 Jahren unmöglich

Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch, wie es am Freitagabend in St. Pölten präsentiert wird, wäre vor 20 Jahren noch unrealistisch gewesen. „In den 90er-Jahren oder Anfang der 2000er-Jahre wäre so ein gemeinsames Buch nie möglich gewesen“, sagte Projektkoordinator Niklas Perzi im Gespräch mit der APA. Die Politik hätte das Vorhaben damals nicht unterstützt.

2014 erfolgte dann der Startschuss für das Werk „Nachbarn“. Dass es kein leichtes Unterfangen war, lässt sich erahnen. Keine zwei benachbarten Völker in Mitteleuropa würden die gemeinsame Geschichte so unterschiedlich interpretieren, erklärt der Historiker vom Zentrum für Migrationsforschung in St. Pölten. Perzi: „Gemeinsamkeiten erzeugen auch immer Differenzen und können Anlass für Konflikte sein wie in einer Familie.“

In der Arbeit an vielen Kapiteln des gemeinsamen Geschichtsbuchs habe es zwischen den beteiligten tschechischen und österreichischen Historikern keine interpretatorischen Probleme gegeben. Konsens gab es etwa in der Sicht beider Seiten auf die Monarchie oder die Zwischenkriegszeit. „Gespießt hat es sich dann ein bisschen in den Kapiteln 1938 bis 1948. Aber das war wenig überraschend“, berichtete Perzi.

„Bis 1938 war die Entwicklung mehr oder weniger parallel. Radikal auseinanderentwickelt hat es sich dann erst 1938/39, weil das deutsche Besatzungsregime in Österreich einen anderen Charakter hatte als in Böhmen und Mähren im Protektorat. Die Österreicher galten als Deutsche, mussten oder konnten einrücken, hatten alle Aufstiegschancen und die Tschechen wurden als Bürger 2. Klasse angesehen.“

Diskussion unter den mitwirkenden Historikern habe es auch über Opferzahlen gegeben. „Wie kann man zum Beispiel 240.000 gefallene österreichische Soldaten vergleichen mit tschechischen Opfern?“ Interessant sei dabei auch, dass „die Zahl der hingerichteten und im KZ umgekommenen Widerstandskämpfer respektive Regimegegner in beiden Ländern ziemlich gleich hoch ist – mit circa 30.000 bis 40.000.“

Beim Thema der Vertreibung der Sudetendeutschen habe es dagegen „keine große Diskussionen gegeben“. Auch die Bezeichnung der Vorfälle nach dem Zweiten Weltkrieg als „Vertreibung“ sei für die tschechischen Historiker kein Problem gewesen. Schwierig war es dagegen, Fotos aufzutreiben.

Das Buch zeichnet die Geschichte der beiden Nachbarn vom Mittelalter bis 2004 nach. Vor dem EU-Beitritt Tschechiens 2004 war der Streit um das südböhmische Atomkraftwerk Temelin und die Benes-Dekrete, die nach 1945 als Grundlage für die Vertreibung und Enteignung der deutschsprachigen Minderheit aus der damaligen Tschechoslowakei galten, eskaliert. „Die Kampagne gegen Temelin und die Benes-Dekrete haben für böses Blut gesorgt und Gegenreaktionen ausgelöst.“

Diese Streitthemen seien mittlerweile eigentlich „keine mehr“, sagte Perzi. Ein Paradigmenwechsel habe stattgefunden: Beide Länder seien gleichberechtigte EU-Mitglieder und könnten gemeinsame EU-Gelder für die Grenzregion lukrieren. Die beiden Staaten seien heute auf allen Ebenen des wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Lebens eng verflochten.

Damals habe Österreich in Zentraleuropa eine Führungsrolle beansprucht. Das sei gerade im Nachbarland nicht so positiv aufgenommen worden. Tschechen hätten sich bevormundet gefühlt. „Und auch die Kampagnen gegen Temelin und die Benes-Dekrete haben für böses Blut gesorgt und Gegenreaktionen ausgelöst.“ Der Streit um das südböhmische Atomkraftwerk und die Präsidentenerlässe, die nach 1945 als Grundlage für die Vertreibung und Enteignung der deutschsprachigen Minderheit aus der damaligen Tschechoslowakei galten, eskalierte.

Mittlerweile seien diese Streitthemen eigentlich „keine mehr“, sagte Perzi. Beide Länder seien gleichberechtigte EU-Mitglieder und könnten gemeinsame EU-Gelder für die Grenzregion lukrieren. Die beiden Staaten seien heute auf allen Ebenen des wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Lebens eng verflochten.

Die Idee für das Buch gab es 2004. „Sie ist aus der Zivilgesellschaft entstanden, also nicht von oben herab, sondern ‚bottom up‘ (von unten nach oben, Anm.) sozusagen“, berichtete Perzi. Die Politik hat 2009 die Historikerkommission (SKÖTH) gegründet. „Das Projekt konnte dann nach langem Hin und Her, vor allem finanziellen Hin und Her, und auch Dank der Unterstützung des damaligen österreichischen Botschafters in Prag, Ferdinand Trauttmansdorff, 2014 gestartet werden.“

Vier Jahre sei daran geschrieben worden. Insgesamt 27 Autorinnen und Autoren waren beteiligt. Es soll ein populärwissenschaftliches Werk sein. Perzi scherzte: „Es hat den Anspruch, mehr Leser als Schreiber zu haben. Bei vielen wissenschaftlichen Werken ist das nicht immer der Fall.“

(Das Gespräch führte Alexandra Demcisin/APA, erschienen in der Tiroler Tageszeitung vom 10. April 2019)


https://www.tt.com/ticker/15528325/perzi-gemeinsames-geschichtsbuch-waere-vor-20-jahren-unmoeglich


Österreichische Akademie der Wissenschaften: Österreichisch-tschechische Geschichte neu betrachtet

Ein neuer Sammelband, herausgegeben von ÖAW-Historiker/innen, widmet sich der österreichisch-tschechischen Geschichte aus gemeinsamer Perspektive. Trotz aller Unterschiede gab es viele Gemeinsamkeiten – von der Politik bis hin zur Popkultur.

„Österreicher und Tschechen lebten lange Zeit eher nur nebeneinander als wirklich miteinander“, sagte Václav Havel in einer aufsehenerregenden Rede an der Universität Wien im Jahr 1993. Ein Missstand, der bis heute besteht und dem die Historiker/innen Hildegard Schmoller und Niklas Perzi von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit ihrem neuen Band zur gemeinsamen Geschichte entgegentreten möchten.

„Nachbarn. Ein österreich-tschechisches Geschichtsbuch“ ist soeben erschienen und behandelt in 12 Beiträgen österreichischer und tschechischer Historiker/innen das Verhältnis der beiden Nachbarländer, vom Mittelalter über insbesondere das 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Band wurde am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der ÖAW zusammengestellt und durch Drittmittel finanziert. Auch das Masaryk-Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften ist am Buch beteiligt.


Schwieriges Verhältnis, gemeinsame Geschichte

Seine Besonderheit liegt darin, dass jedes Kapitel von einem jeweils eigenen österreichisch-tschechischen Historikerteam verfasst wurde, also immer beide Länderperspektiven vereint. „Natürlich gab es da und dort Unterschiede in der Akzentuierung der Kapitel, auch in der Herangehensweise. Aber das war ja auch der Sinn der Sache“, sagt ÖAW-Historikerin Schmoller, eine von vier Herausgeber/innen.

„Es sollte keine Gegenüberstellung von zwei verschiedenen Ländergeschichten sein, sondern eine Geschichtsschreibung zweier eng verflochtener, in vielerlei Hinsicht vergleichbarer Staaten.“

„Die Idee kam eigentlich aus der Zivilgesellschaft und wurde 2009 von den Außenministern beider Länder aufgegriffen“, sagt Co-Herausgeber Niklas Perzi. „Es sollte keine Gegenüberstellung von zwei verschiedenen Ländergeschichten sein, sondern eine Geschichtsschreibung zweier eng verflochtener, in vielerlei Hinsicht vergleichbarer Staaten.“

So seien sowohl die Tschechoslowakei wie auch Österreich zwei mittelgroße, lange in der Monarchie vereinte Länder gewesen, die erst ab 1918 als eigene Staaten entstanden sind. Die Entwicklung zwischen den Kriegen verlief weitgehend parallel, das änderte sich jedoch durch den „Anschluss“ Österreichs im März 1938 und die Besetzung des tschechischen Teils der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich im März des Folgejahres. Danach wurden die Tschechen wie Bürger zweiter Klasse behandelt, ein halbes Jahr später begann der Krieg.


Beneš-Dekrete, Temelín, Aussöhnung

Ein bis heute schwieriges und ausführlich im Buch behandeltes Thema ist die „Entdeutschung“ nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs infolge der „Beneš-Dekrete“. So wurden zwischen 1945 und 1947 rund drei Millionen sogenannte Sudetendeutsche aus Böhmen und Mähren vertrieben. Die meisten gingen nach Deutschland, eine Viertelmillion nach Ober- und Niederösterreich. Insbesondere der oberösterreichische Zentralraum bot in den Nachkriegsjahren viele Arbeitsplätze in der Industrie, weswegen sich viele Menschen dauerhaft dort niederließen.

„Die ersten demokratischen Wahlen nach Kriegsende waren schließlich richtungsweisend: In Österreich wählten nur fünf Prozent die Kommunistische Partei, in der Tschechoslowakei rund 40. Damit zeichnete sich ab, dass sich Österreich nach Westen orientiert, die Tschechoslowakei nach der Sowjetunion“, sagt Perzi. Die beiden Länder wurden durch den Eisernen Vorhang getrennt, der die marktwirtschaftlich orientierten demokratischen Staaten im Westen von den realsozialistischen Diktaturen des Warschauer Pakts („Ostblock“) trennte.

„Die damalige Flüchtlingswelle nach Österreich und die Hilfsbereitschaft der hiesigen Bevölkerung sind im kollektiven Gedächtnis beider Länder bis heute verankert.“

Zu einer kurzen, insbesondere kulturell-intellektuellen Annäherung kam es im Prager Frühling (1968), jener Bewegung von oben wie unten, die den real existierenden in einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ umbauen und nach Westen hin öffnen wollte. Dieser wurde jedoch durch Truppen des Warschauer Pakts niedergeschlagen, und der Eiserne Vorhang verfestigte sich in der „Normalisierung“ der 1970er Jahre. „Die damalige Flüchtlingswelle nach Österreich und die Hilfsbereitschaft der hiesigen Bevölkerung sind im kollektiven Gedächtnis beider Länder bis heute verankert“, sagt Schmoller.

Nach der „Samtenen Revolution“ und der Grenzöffnung gab es wieder große Hoffnungen für die gemeinsamen Beziehungen, die aber in den Jahren darauf enttäuscht werden sollten. Das Thema der Enteignungen und Entschädigungen für die vertriebenen Sudetendeutschen sowie das Atomkraftwerk Temelín nahe der oberösterreichischen Grenze trübten das nachbarschaftliche Verhältnis. „In beiden Fragen gab es unterschiedliche Interpretationen, die eine Seite verstand die andere nicht“, verdeutlicht Schmoller.


Grenzüberschreitende Initiativen

Durch die deutsch-tschechische Aussöhnung, den EU-Beitritt Tschechiens und einige Initiativen engagierter Politiker/innen haben diese Themen aber etwas an Sprengkraft verloren. Auch grenzüberschreitende Kulturprojekte wie die niederösterreichische Landesausstellung 2009 mit einem Standort in Telč trugen dazu bei. Solche Projekte seien höchst relevant, denn neben der mitunter schwierigen Geschichte sei auch die Sprachbarriere als trennender Faktor nicht zu unterschätzen, so Schmoller.

Bei allen Unterschieden gab und gibt es auch viele Parallelen, wie die Historikerteams im Buch herausgearbeitet haben: So verfolgten sowohl der österreichische Kanzler Bruno Kreisky wie auch Gustáv Husák, Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, in den 1970er Jahren eine moderne integrative Sozialpolitik, die durch das starke Wirtschaftswachstum in beiden Staaten ermöglicht wurde. Damit wurde die jeweilige Politik stabilisiert, während gleichzeitig die vorherrschenden Ideologien an Bedeutung verloren. In der Tschechoslowakei hatte der Marxismus-Leninismus als „politische Religion“ ausgedient, und in Österreich verlor die austromarxistische Tradition der regierenden SPÖ an Bedeutung.

Auch in der Popkultur gab es gemeinsame Entwicklungen. „Durch das Fernsehen verbreiteten sich kulturelle Codes von den Metropolen bis hinaus ins letzte Dorf, es drang tief in die Lebenswelten ein, brach alte Strukturen auf und schuf neue, bis hin zu den Tagesrhythmen“, schreiben Niklas Perzi und Václav Šmidrkal im Buch. Im ORF übertragene Sporterfolge, Serien wie „Mundl“ und „Kottan ermittelt“ sowie Ö3 und Austropop prägten die neue österreichische Identität ganz entschieden mit und brachten eine kritisch-ironische Auseinandersetzung mit gelebter Alltagskultur und Tradition. In der Tschechoslowakei wiederum boten sozialkritische Filme und Serien über die Freuden und Sorgen des kommunistischen Alltags, aber auch subversive Undergroundbands („DG 307“, „Aktual“, „The Plastic People of the Universe“ etc.) einen Gegenpunkt zur staatlichen Doktrin und zu verkrusteten Strukturen.


Beiderseitiger Blickwinkel hat sich ausgezahlt

Auch bei der Annäherung an die EU und der Öffnung der damaligen Tschechoslowakei für die Marktwirtschaft gab es nicht wenige Parallelen zur österreichischen Geschichte, die der Band detailliert ausführt. Dem „Leben an und mit der Grenze“ widmen sich zudem eigene Kapitel – von geglückten und gescheiterten Fluchtversuchen zu Zeiten des Eisernen Vorhangs bis hin zur Grenzöffnung Ende 1989, die Bewohner/innen beider Länder lange herbeigesehnt hatten.

„Es war hier nicht das Ziel, eine gemeinsame Auslegung zu finden, sondern die verschiedenen Sichtweisen auf Ereignisse darzulegen und so einen Beitrag zu leisten, das Gegenüber besser zu verstehen.“

Bei den im Buch behandelten Themen blieb die eine oder andere Debatte nicht aus. „Es war hier nicht das Ziel, eine gemeinsame Auslegung zu finden, sondern die verschiedenen Sichtweisen auf Ereignisse darzulegen und so einen Beitrag zu leisten, das Gegenüber besser zu verstehen. Diese Themen brauchen ihre Zeit“, so die Historikerin – denn die Geschichtswissenschaft ist in Tschechien ja erst seit Anfang der 1990er unabhängig.

Trotzdem und gerade deshalb sei es in höchstem Maße wertvoll, die gemeinsame Geschichte aus beiderseitigem Blickwinkel zu erforschen. Die jahrelange Zusammenarbeit von Historiker/innen beider Länder hat sich jedenfalls ausgezahlt: Das Ergebnis kann man im „österreichisch-tschechischen Geschichtsbuch“ nachlesen.


(Rezension auf dem Website der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vom 3. Mai 2019)


https://www.oeaw.ac.at/detail/news/oesterreichisch-tschechische-geschichte-neu-betrachtet/