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Kurzbeschreibung

Der Himmel – das sind die Anderen oder So alt wie der Zebrastreifen

Ich hatte das Glück oder Pech – es kommt darauf an, von welcher Seite man mein Schicksal betrachtet – 1944 in einem Bauernhaus an der Grenze zwischen Wald- und Weinviertel zur Welt zu kommen und dort aufzuwachsen. Bedingt durch die Zwangsaussiedlung meiner Eltern im Jahr 1938 aus dem Döllersheimer Ländchen, heute Truppenübungsplatz, ertranken Vater und Mutter in der neuen Heimat beinahe in Arbeit in Haus, Wald, Feld und Weingarten, sodass ich als viertes und letztes Kind sehr oft auf mich alleine gestellt war. Als kleines Kind fürchtete ich mich vor Katzen im Haus, als älteres musste ich wie alle Bauernkinder fleißig mitarbeiten, oft bis zur Grenze der Belastbarkeit. Was mich lockte, war die Draußenwelt. Dort müsse der Himmel sein, so dachte ich. Meine Sehnsucht nach dem für mich fernen Dorf und den Menschen war überbordend!

In der Jugend, der Zeit der Berufsausbildung und -ausübung erlebte ich tatsächlich in Wien den irdischen Himmel. Ich schaffte den Spagat von unserem Zweihundertseelendorf in die Wiener Innenstadt, wo ich im Dunstkreis des heutigen Bundeskanzlers wirkte und mit dem Chor „Jung-Wien“ wiederholt im Goldenen Saal des Musikvereines auftrat. Ich meinte, irgendwo müsse eine Glückskassa stehen, wo ich in Dankbarkeit Geld einwerfen könne.

Nach Familiengründung und familiären Verpflichtungen unterzog ich mich einem zweiten Bildungsweg. Aus meinen unzähligen Referaten und Gruppengesprächen in Wien und den Bundesländern schöpfte ich begierig den geistigen Hintergrund für Gedichte und Kurzgeschichten. Der Himmel – das sind die Anderen. So dachte ich ein Leben lang. Wenn ich auch später eines Besseren belehrt worden war, die Liebe zum Du, zum Wir und der Drang nach Außen blieben. Vieles setzte sich in meinem Kopf fest, bis ich es später literarisch verbrämt niederschrieb. Im Jahr 1985 holte man mich mit meinen Texten an die Öffentlichkeit. Kränkungen und positive Erlebnisse hielten sich die Waage, sodass ich bis heute nicht aufgehört habe, Erlebtes, Gehörtes und Gesehenes mit geeigneten Stilmitteln zu veredeln.

Im Schreiben fand ich meine Berufung. Diese brachte mir sowohl Silber als auch Gold. Rückblickend hatte das Wagnis, mit Texten und Lesungen in die Öffentlichkeit zu gehen, seine Richtigkeit, sodass ich heute zufrieden bin – und so alt wie der Zebrastreifen.

(Elisabeth Schöffl-Pöll)



Rezensionen
Belinda Krottendorfer: Die Schattenseiten des Lebens

Elisabeth Schöffl-Pöll, geboren 1944 in Stoitzendorf, veröffentlicht mit ihrem 42. Buch „Der Himmel – das sind die Anderen“ eine Sammlung von 64 Kurzgeschichten.

Die einzelnen Geschichten können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden; mal handeln sie von der Autorin selbst, mal von Bekannten oder Fremden, man weiß es nicht so genau. Schöffl-Pöll erzählt von Pechvögeln und Schicksalsschlägen, Ehen und Familien, und schildert, wie das Leben unvorhersehbar seinen Weg geht. Thematisch befasst sich das Werk vor allem mit Krankheit, Vergänglichkeit und Vergangenheit. Dabei erfährt man unendlich viel über das Leben in der Nachkriegszeit, Kuraufenthalte und die ländliche Umgangssprache.

Bandscheibenvorfälle, Schlaganfälle, Krebs und Alzheimer sind nur einige Krankheiten, die die Charaktere der Kurzgeschichten ereilten. Dabei leidet man als Leser mit den Figuren, die die Leidensgeschichte der Autorin widerzuspiegeln scheinen. Denn schwere Schicksalsschläge und Krankheiten prägten auch das Leben der 75-Jährigen: Bereits im Alter von 13 Jahren verlor sie ihren über alles geliebter Vater, der jahrelang an Schüttellähmung und Psoriasis litt. Den ersten Kuraufenthalt trat die Autorin Anfang Dreißig an, als sie an unerträglichen Lendenschmerzen litt. Ohne sich zum bejammernswerten Opfer zu stilisieren, bietet Schöffl-Pöll tiefe und ehrliche Einblicke in ihr Leben:

„Ich lag tagelang im Bett, dem Erstickungstod nahe, an der Grenze zwischen Drüben und Herüben, und litt Höllenqualen.“ Dennoch scheint es, als wären das Schreiben und die damit verbundene Aufarbeitung eine Art Therapie für die Autorin. Doch nicht nur für sie. Denn wer selbst von psychischen oder psychischen Krankheiten betroffen ist, merkt, dass er mit seinen Schwierigkeiten nicht allein ist.


Der Sterblichkeit bewusst

Die 75-Jährige erzählt oft von „damals“, als Schläge in der Erziehung noch „in“ waren, Kaninchenschlachten an der Tagesordnung stand und es grundsätzlich immer etwas zu tun gab in Haus, Hof und Garten. Dass sich die Autorin bereits im fortgeschrittenen Alter befindet, erkennt man vor allem an ihren Gedanken zum eigenen Ableben. So verrät sie im Laufe des Buches etwa, mit welcher Kleidung sie diese Welt verlassen möchte, was ihre letzten Worte sein sollen und was sie in ihrem Testament vermerken wird. In vielen ihrer Kurzgeschichten kommt dieses starke Memento-Mori-Motiv (lat. „Sei dir der Sterblichkeit bewusst“) ebenfalls zum Vorschein: „Das Lämpchen sollte niemals ausgehen! Und doch musste es eines Tages verlöschen wie alle Lebenslichter dieser Welt.“ Der Gedanke der Vanitas, der Vergänglichkeit, lässt sich gleichermaßen in den Kurzgeschichten finden, zum Beispiel, als der treue Wecker oder die geliebte antike Uhr von Franz den Geist aufgeben.

Weiters kann man sogar tiefenpsychologischen Analysen in den Geschichten erkennen. So erzählt Schöffl-Pöll von einer Frau, die während ihres Vortrages von einem uralten Trauma eingeholt wurde und bewusstlos zu Boden sank. Die Frau musste als Kind mitansehen, wie ihr geliebtes Häschen geschlachtet worden war. Es gelang ihr zwar, die Symptome so weit zu verdrängen, dass ein normales Leben möglich war, doch irgendwann kommt ganz plötzlich die Angst von damals zurück.

Schöffl-Pöll zeigt eindrucksvoll, wie die Vergangenheit ihren Schatten bis in die Gegenwart wirft.


(Rezension: Belinda Krottendorfer)