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Kurzbeschreibung

Harry Merl gilt als der Visionär und Pionier der Familientherapie in Österreich. Seine kreative Methode „Das Gesundheitsbild“ und der damit verbundene „Traum vom gelungenen Selbst“ verhalfen vielen Menschen zu mehr Klarheit und Lebensfreude.
Wenige kennen jedoch Harry Merls dramatischen Lebensweg als verfolgtes jüdisches Kind in den Jahren 1938 bis 1945.
In dieser vielschichtigen Biografie erzählt Univ. Doz. Dr. Merl auch vom Abenteuer Psychotherapie: Von seiner Arbeit als Anstaltspsychiater und wie er schrittweise die Lebensräume der Patienten öffnete, seiner eigenen Psychoanalyse und den atemberaubenden Anfängen der Familientherapie, als sie sozusagen das Laufen lernte.



Bereits 1994 fragte ich Harry Merl, ob wir nicht einen Film oder ein Buch über sein unglaubliches Überleben während der NS-Zeit machen könnten – und natürlich über seine Jahre als Pionier der Familientherapie in Österreich. Er willigte ein, mit mir eine ORF-Dokumentation über seine Arbeit als Psychotherapeut zu drehen. Das andere bräuchte Zeit, zu schmerzhaft waren damals noch die Erinnerungen …
Fast 25 Jahre später, es war im März 2018, entdeckte ich Harry Merl während einer Vorstellung unseres Theaterprojektes „1938 – weg von Linz“ im Publikum. Ich freute mich sehr, ihn und seine Frau Christl wiederzusehen. Spontan sagte ich zu ihm: „Harry, weißt du, es ist jetzt an der Zeit. Du wirst bald 85 und ich bin auch schon über 60. Wenn wir es jetzt nicht machen, dann machen wir es nie.“ Harry schaute kurz zu seiner Frau und Christl nickte. Dann sagte er: „Ja.“
Drei Tage später übergab mir Harry Merl einen dicken Ordner mit Texten und Fotos. Auch Harrys Enkel Pascal Merl interessierte sich seit 2013 für die Lebensgeschichte seines Großvaters. Im Rahmen seines Studiums verfasste er eine Bachelorarbeit mit dem Titel „Harry Israel Merl – persönliche Erinnerungen eines jüdischen Kindes im historischen Kontext der Zeit des Nationalsozialismus in Wien“. Dabei entstanden mehrere Stunden Audio- und Videomaterial.
Für seine Söhne, Schwiegertöchter und Enkelkinder unternahm Harry Merl in den Jahren 2001 bis 2017 mehrere Erinnerungsspaziergänge durch das Wien seiner Kindheit, die ebenso auf Video aufgezeichnet wurden.
Ich führte ab März 2018 ausführliche Gespräche mit Harry Merl und seiner Frau Christl. Sie dienten zuerst meinem Theaterprojekt über Harry Merl. Es erlebte Anfang November 2018 seine Premiere und wurde, da es immer ausverkauft war, bis Juni 2019 in Linz und als Gastspiel in Wien aufgeführt. Während das Stück lief, konnte ich noch genauer bei Harry Merl nachfragen und die Gespräche aufzeichnen. Dieses umfassende Video- und Tonmaterial machte es möglich, Harry Merls Lebensgeschichte aus der Ich-Perspektive zu erzählen.

(Johannes Neuhauser im Vorwort)



Rezensionen
Josef Ertl: Der Traum vom gelungenen Selbst

Johannes Neuhauser hat eine Biografie über Harry Merl, den Vater der Familientherapie, verfasst

Mit der Reichspogromnacht im November 1938 ändert sich schlagartig alles im Leben des vierjährigen Harry Merl. Seine Eltern werden zur Räumung hunderter verlassener jüdischer Wohnungen zwangsverpflichtet. Der kleine Harry ist ab nun 14 Stunden allein zu Haus. Als die Merls auf der Deportationsliste stehen, gehen sie in den Untergrund. In einem kalten Kohlenkeller erleben sie die Befreiung durch die Alliierten.


Menschen beistehen

Das Erfahrene lässt Harry nicht mehr los. Er wird Psychiater und Psychoanalytiker. Er will Menschen beistehen, die Ähnliches durchgemacht haben. Harry muss sich jedoch bald eingestehen, dass die Möglichkeiten der Psychoanalyse dafür nicht ausreichen. Er entdeckt die aus den USA kommende Familientherapie. Allen Anfeindungen zum Trotz beginnt er in der Linzer Psychiatrie als erster und einziger Therapeut mit Familien zu arbeiten. Univ. Doz. Dr. Merl wird so zum Wegbereiter der systemischen Psychotherapie.


Unterstützung der Familie

Was macht ein gesundes Familienleben aus? „Mir ist klar geworden, dass Menschen die Sehnsucht haben, heranwachsen und etwas schaffen zu können. Ich habe das den Traum vom gelungenen Selbst genannt. Menschen haben ein genaues Bild von sich selbst, wie sie sind, wenn sie gesund sind. Mit diesem Wissen ist es möglich, dass man sich auf die Seele verlassen kann, dass sie jeden Weg sucht, um diesen Traum zu verwirklichen. Und das möglichst mit der Unterstützung der Familie“, erklärte Merl im Interview mit Oberösterreich-KURIER (4.11.2018). „Dabei ist die Liebe das oberste Heilmittel. Im Sinn einer Humanökologie. So wie man miteinander umgeht.“


Auf der Bühne

Der Linzer Therapeut Johannes Neuhauser hat nun eine Biografie mit dem Titel „Harry Merl – Vater der Familientherapie“ verfasst und präsentiert sie am Donnerstag, den 13. Juni um 19.30 Uhr im Linzer Café Traxlmayr. Am 20. Juni wird um 20.30 Uhr das Theaterstück Harry Merl zum letzten Mal in der Linzer Tribüne aufgeführt.


(Josef Ertl, Rezension im Kurier Ausgabe Oberösterreich vom 9. Juni 2019, S. 20)


https://kurier.at/chronik/oberoesterreich/der-traum-vom-gelungenen-selbst/400516141


Christian Pichler: Ein jüdisches Überleben

Biografie über Harry Merl, den „Vater der Familientherapie“

„Jestesmy Zydami!“, rief zwei Mal die Mutter, die ein paar Brocken Polnisch konnte. „Wir sind Juden!“ Ein Rotarmist hatte die verbarrikadierte Tür zum Kohlenkeller aufgebrochen, wo sich die Familie Merl in den letzten Monaten versteckt hielt. Am 6. April 1945 endeten für sie sieben Jahre Verfolgung und drohende Vernichtung.

Harry Merl, der 1934 geborene Sohn, erinnert sich. Bis zuletzt hatten fanatische SS-Männer in Wien Häuser nach Juden durchsucht, Leichen der Ermordeten auf den Straßen. Merl sah: „Ganz oben auf dem Leichenberg lag eine ältere Frau, die noch ein angebissenes Marmeladebrot in ihrer Hand hielt. Dieses Bild will mir bis heute nicht aus dem Kopf gehen.“


Johannes Neuhauser gelingt Überzeugendes

Die szenische Lesung „Harry Merl – Eine Lebensgeschichte“ wurde 2018 zum überragenden Erfolg in der Tribüne Linz, beim verdienstvollen Verlag „Bibliothek der Provinz“ ist diese Biografie nun auch in Buchform erschienen: „Harry Merl. Vater der Familientherapie“. Denn Merl wollte Menschen helfen, so wie der Arzt im Kinderbuch „Dr. Doolittle“ Tieren half. Ab 1968 arbeitete Merl in der Linzer Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, entwickelte in den folgenden Jahren die systemische Familientherapie.

Dem Linzer Therapeuten Johannes Neuhauser, der den „Harry Merl“ bereits auf die Bühne gehievt hatte, gelingt auch als Buchautor Überzeugendes. Die Biografie nüchtern und unsentimental, dennoch sogar „spannend“ zu lesen, mit reichlich Bildmaterial bestückt. Merls Eltern überlebten die Kriegsjahre, weil sie leerstehende Wohnungen von Juden auszuräumen hatten. Eine endlose Qual, nur diese eine Freude, Harry bekam so den „Dr. Doolittle“ zu lesen. Nach dem Krieg die Eltern traumatisiert, der Sohn suchte vergeblich das Gespräch mit ihnen, eine Wand: „Totschweigen, verdrängen, ja nicht auffallen!“ Ein lebenslanger Konflikt, äußerst schmerzhaft für beide Seiten.

In Texten und Bildern eine Erinnerung an die dunkelste Zeit. Harrys große Kinderliebe Eva, die in Auschwitz ermordet wurde. Später Merls Lebensglück mit seiner Frau Christl und großer Familie, sein Zögern, durch Autor Neuhauser die Lebensgeschichte bekannt zu machen. Merls erste Reaktion war die tief sitzende „jüdische Angst“, als öffentliche Person attackiert zu werden. Dass er am Ende zugesagt hat, freute ihn auch selbst. Der zehnjährigen Hannah, die ihn im Stück als Bub spielt, sagte ein glücklicher Merl nach der Uraufführung: „Du bist mein bestes Ich.“


(Christian Pichler, Rezension im Oberösterreichischen Volksblatt vom 13. Juni 2019, S. 22)


https://volksblatt.at/ein-juedisches-ueberleben/