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Kurzbeschreibung

[Idee, Konzeption & Komposition: Gregor Auenhammer & Gerhard Trumler
Text: Gregor Auenhammer
Photographie: Gerhard Trumler
Herausgeber: Gregor Auenhammer]



Dass Wien „an der schönen blauen Donau“ liegt, ist heutzutage dank der schwungvoll-lieblichen, dem Geschmack des Wieners entsprechenden, manchmal picksüß-verkitschten Walzermelodien des Strauß-Schani selig weltbekannt. Alle Jahre wieder wird diese untrennbare Einheit „mit an Himmel volla Geigen“ mehr als 50 Millionen Menschen mit dem aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins in über 90 Länder übertragenen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker in Erinnerung gerufen. Dass die Donau realiter zeitweise – je nach Jahrhundert, Dekade, Jahreszeit und Wetterlage – auch schon einmal einer braunen Kloake geglichen hat, bleibt bei all der Pracht und Herrlichkeit des Jugendstil-Ambiente selbstverständlich ausgespart. Aber wie sagt man auf gut Wienerisch, meist ironisch bis zynisch, in manchen Nobelbezirken: „Passt scho …“

Dass Wien jedoch maßgeblich noch von einer Unzahl an weiteren Flüssen und Bächen, Teichen und Gewässern durchquert, geprägt und unterspült wird, ist nicht einmal vielen Wienern bewusst, Nicht-Wienern hingegen weitgehend bis gänzlich unbekannt. Gut, der Wienfluss ist vielleicht noch in Erinnerung, auch der Donaukanal darf als bekannt gelten, eventuell noch die Liesing und der – Herzmanovsky-Orlando sei Dank – historische Wiener Neustädter Kanal, der allerdings heute eigentlich nicht mehr wirklich existiert. […]

Es sind unfassbare 200 Stück, welche die MA 45, die zuständige Behörde namens „Wiener Wasser“ alias „Magistratsabteilung 45 der Stadt Wien“ als der Bundeshauptstadt zugehörige eigenständige Gewässer listet. In Wien gibt es exakt 85 fließende und 115 stehende Gewässer. Allerdings sind das nur die Gewässer, die einen Namen tragen. Das heißt, eigentlich gibt es noch mehr! Jede Menge „G’schichten aus dem Wiener Wald“ gäbe es da allein aufgrund der zahlreichen Wienerwaldbäche zu erzählen. […]

Viele der früher quer durch die Stadt fließenden Wiener Bäche sind heute reguliert, viele von ihnen laufen, plätschern oberirdisch, entlang von Straßen, Trassen, münden in die Donau, den Donaukanal, in die Wien (vulgo Wienfluss) oder in die Liesing. Viele von ihnen verlaufen heute aber unsichtbar, also unterirdisch. Ihre Namen kennt man gut – aber nicht als Namen der Bäche, sondern vielmehr als Straßen-, Orts- oder Bezirksnamen. Als Gewässer selbst eher in Vergessenheit geraten sind der Krottenbach, der Alserbach, der Dornbach, der Reisenbergbach, der Mauerbach, der Jägerbach sowie Kasgraben oder Kaisergraben. Als Straßenzüge kennt man viele von ihnen. Auch als Bezirke, wie Ottakring, Dornbach oder Liesing. Die Existenz der Als (vulgo Alserbach oder Alsbach) verraten heute Straßenzüge wie die Alszeile, die Alserbachstraße und der Alsergrund.

Nur manchmal treten die ehemals stolzen Wienerwaldbäche an die Oberfläche und rufen sich in Erinnerung – wie der Krottenbach, der ein, zwei Mal im Jahr über die Ufer tritt und Keller und Parkgaragen flutet, wenn sehr starker Regen in dem im Ernstfall dann manchmal doch zu engen subkutan-unterirdischen Bachbett als Sturzflut nicht schnell genug abrinnen kann. Das altehrwürdige Krankenhaus Rudolfinerhaus zum Beispiel weiß ein Lied davon zu singen Im Verborgenen bestimmen die Bäche aber weitgehend das Grundwasser und somit das Ökosystem der Stadt. […]

Als passionierte Flaneure haben wir uns auf eine feuilletonistischfotografische Expedition begeben. Wir laden Sie nun ein, uns bei unserer Spurensuche an den Gestaden der Flüsse Wiens zu begleiten. Entlang der beiden großen Wiener Flüsse – Donau und Wien – aber auch entlang unbekannter, obskurer Orte, pittoresker und bizarrer Stationen. Wir werden von Verläufen und Sehenswertem berichten, von Überraschendem, von Geschichte, Geografie, Geologie und Architektur reden, von Mythen, Bebauung, Besiedelung, und dekuvrieren, welche Namen von früheren Bestimmungen künden. Als Appetizer seien hier Maria am Gestade, Salzgries, der Tiefe Graben, die Bärenmühle oder die Schleifmühlbrücke genannt. Aber auch kleineren Flüssen – Donau-Oder-Kanal, Marchfeldkanal und Liesing – werden wir Beachtung schenken, sowie den zahllosen Bächen, Kanälen, Teichen und Seen – wortwörtlich – auf den Grund gehen. Naturgemäß, gemäß den Zeichen der Zeit, gemäß dem Gebot der Stunde, werden wir Fragen des ökologischen Fußabdrucks – pro futura – selbstverständlich nicht außer Acht lassen. […]

Begleiten Sie uns auf unserer Exkursion: mit dem Schiff den Donaukanal entlang, mit der U-Bahn durchs wilde Wiental, mit Bus und Bim über den Krottenbach, per pedes in die Kanalisation …

Auf unserer Expedition – in trauter Zweifaltigkeit von Wort und Bild – werden uns Geschichte, Geschichten, G’schichteln und Schnurren begegnen, Fabelwesen wie das Donauweibchen, der Wassergeist von Wilhelmsdorf oder das Wassermännchen vom Magdalenengrund. Allegorien und Symbole entlang der Einfriedungen und Abgrenzungen wie Meeresgötter oder Flussgeister kommen nicht allzu selten vor. Wir werden den Fokus richten auf Engel, Putti, Satyrn, Totenköpfe, sowie seltene und verborgene Riten entlarven. Dass die Wien in der Walpurgisnacht, zu Halloween und Allerseelen zum Ort okkulter Prozessionen mutiert, bleibt der breiten Öffentlichkeit ebenso verborgen wie die Realität des Dritten Mannes. Kino im Kopf bedeutet, auf den Spuren von Harry Lime zu lustwandeln. Sagen und Legenden um den Schönen Brunnen – nein, nicht den in Schönbrunn – werden wir aufspüren und preisgeben wie auch die Storys hinter Albrechtsbrunnen, Danubiusbrunnen, Neptunbrunnen oder Najadenbrunnen. Orpheus in der Unterwelt möge uns gnädig sein …

(Gregor Auenhammer & Gerhard Trumler im Prolog)



Rezensionen
Der Standard: Stadt, Land, Fluss

Hand aufs Herz! Wissen Sie, wie viele fließende Gewässer die Bundeshauptstadt der Republik Österreich durchqueren?
Die nahezu unfassbare Antwort auf diese dem Finale einer TV-Sendung wie der „Millionenshow“ würdige Frage sowie Unbekanntes über Kultur und Natur entlang der Gestade findet sich in einem neuen Buch über „Die Flüsse Wiens“.


Dass Wien „an der schönen blauen Donau“ liegt, ist dank der schwungvoll-lieblichen, manchmal picksüß-verkitscht intonierten Walzermelodien des StraußSchani selig weltbekannt. Alle Jahre wieder wird diese untrennbare Einheit mehr als 50 Millionen Menschen mit dem aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins in fast 100 Länder übertragenen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker in Erinnerung gerufen. Dass Wien von einer Unzahl an weiteren Flüssen und Bächen durchquert, geprägt und unterspült wird, ist nicht einmal vielen Wienern bewusst, Nichtwienern hingegen naturgemäß weitgehend unbekannt. Der Wienfluss ist manchen vielleicht in Erinnerung, auch der Donaukanal, eventuell die Liesing und, Herzmanovsky-Orlando sei Dank, der historische Wiener Neustädter Kanal, der allerdings heute gar nicht mehr existiert.
Viele der früher quer durch die Stadt fließenden Wiener Bäche sind heute reguliert, viele von ihnen plätschern oberirdisch, laufen entlang von Straßen, Trassen, münden in die Donau, den Donaukanal, in die Wien (vulgo Wienfluss) oder in die Liesing. Viele von ihnen aber wurden überbaut, verlaufen heute unsichtbar, unterirdisch, subkutan. Ihre Namen kennt man gut – aber nicht als Namen der Bäche, sondern vielmehr als Straßen-, Orts-, Flur- oder Bezirksnamen. Als Gewässer selbst eher in Vergessenheit geraten sind Krottenbach, Dornbach, Reisenbergbach, Mauerbach, Jägerbach sowie Kasgraben oder Kaisergraben.
Als Straßenzüge kennt man viele von ihnen. Auch als Bezirke, wie Ottakring, Dornbach oder Liesing. Die Existenz der Als verraten heute Straßenzüge wie die Alszeile, die Alserbachstraße und der Alsergrund. Dass unterhalb der Währinger Straße ein Bach selben Namens fließt, ist nur den wenigsten bewusst. Manchmal aber treten die 70 ehemals stolzen Wienerwaldbäche an die Oberfläche und rufen sich in Erinnerung – wie der Krottenbach, der ein-, zweimal im Jahr über die Ufer tritt und Keller und Parkgaragen flutet, wenn starker Regen in dem im Ernstfall doch zu engen unterirdischen Bachbett als Sturzflut nicht schnell genug abrinnen kann. Im Verborgenen bestimmen die Bäche aber weitgehend das Grundwasser und somit das Ökosystem der Stadt.
Dass seinerzeit „nah am Wasser“ gebaut wurde, belegen Namen wie der Tiefe Graben oder auch Maria am Gestade. Früher lag die Innenstadt direkt am Ufer der Donau. Der Donaukanal entstand, um ständige Überflutungen zu verhindern, erst im 19. Jahrhundert als Regulativ.


Boulevard François Joseph?

Hätten Sie gewusst, dass Kaiser Franz Joseph eigentlich geplant hatte, den gesamten Wienfluss zu überbauen? Wäre nicht der Erste Weltkrieg dazwischengekommen, hätte man dieses Vorhaben in die Realität umgesetzt. Mit dem Untergang der Donaumonarchie wurden die Pläne leider begraben. Undenkbar, was das für ein Prachtboulevard geworden wäre. Allein die großartigen Architekturjuwele im Jugendstil entlang der Wienzeile offenbaren, was hier möglich gewesen wäre. Ein Boulevard von der Stadtgrenze in Hütteldorf bis zur Ringstraße. Länger und gigantischer als die Pariser Champs-Élysées. Unfassbar.


Hochwasser à la Veneziana

„Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders …“, ließ Friedrich Torberg einst die Tante Jolesch lamentierten. Scheinbar war weder der seligen Tante noch dem noch seligeren Neffen die Ähnlichkeit ganzer Teile der Stadt Wien mit Venedig bewusst. Nein, hier ist weder die Venediger Au gemeint noch die mittlerweile versunkene Sektion des Praters, die zur Weltausstellung ein Little Venice mit Kanälen, Palazzi und Gondolieri auferstehen ließ. Es ist aber unglaublich, was und vor allem wie viel Wien und Venedig gemein haben. Heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist das Faktum, dass zahlreiche Häuser der Wiener Gründerzeit auf Holzpfählen errichtet wurden. Nahe den vom Wienerwald, von den Wiener Hausbergen – Kahlenberg, Cobenzl, Leopoldsberg, Wilhelminenberg et cetera – herabschießenden Gebirgsbächen und wegen des porösen und sehr unterschiedlichen Untergrunds war es nicht einfach, Häuser zu bauen. So wurden stabile Pfahlbauten errichtet, die oft bis mehr als einen Meter unterhalb des Grundwassers reichten und dort auf tragfähige Erdmassen stießen. In der Leopoldstadt gibt es heute noch etliche dieser Bauten, und auch eines der berühmtesten Gebäude am Alsergrund, die Roßauer Kaserne, steht auf einem solchen Pfahlbau.
Der Warnruf „Acqua alta!“ tönt jedoch selten durch die Stadt, auch wenn ein solches Szenario theoretisch denkbar wäre. Dafür trat beim U-Bahn-Bau ein anderes Problem zutage: Die Pfähle müssen regelmäßig nass werden. Stimmt die Humidität nicht, werden die Holzroste porös und drohen zu brechen, somit würden die darüber liegenden Pfahlbauten – und mit ihnen die Gründerzeithäuser – ebenfalls ins Wanken geraten. Wichtig ist, dass bei aller unterirdischer Bautätigkeit, trotz der Drainagen in der Kanalisation, das Grundwasser konstant bleibt, sonst würden ganze Viertel in Grund und Boden versinken. Attenzione, prego!


Unterirdische Krakenarme

Apropos. Majestätisch wachen Löwen bekanntlich über die Lagune von Venedig. Vielgestaltig ruhen sie in der Serenissima. Das ist bekannt.
Doch auch die nördliche Einfahrt Wiens wird von riesigen Großkatzen bewacht. Mit mächtiger Mähne und steinerner Miene stehen zwei überlebensgroße Löwen aufrecht an den Seiten des Wehrs zwischen Donau und Donaukanal und inspizieren alles Richtung Innenstadt Driftende. Otto Wagner – man ist versucht zu sagen: wer sonst?! – hat die architektonische und künstlerische Gestaltung des Donaukanals, der Wien, des Nußdorfer Wehrs inklusive Brücke, Nebengebäuden und Schleusenanlagen Ende des 19. Jahrhunderts verantwortet. Als Ehrerbietung hat Bildhauer Rudolf Weyr das Antlitz der Löwen Wagner wie „aus dem Gesicht geschnitten“.
Lust auf weitere Überraschungen? Es gibt den Flussgott Danubius, der mit seiner Angetrauten Vindobona die Stadt bewacht. Und es gibt à la Oktopus hunderte unterirdische Seitenarme der Donau. Ursprung? Verlauf? Mündung? Die Erklärung liegt in der Existenz der 1841 bei der Spittelau in Betrieb genommenen, theoretisch bis heute funktionstüchtigen Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung. Um noch einmal auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Zählt man alle Flüsse, Bäche, Teiche und Seen zusammen, kommt man in Wien auf die stolze Zahl von exakt 200 Gewässern – 85 fließende, 115 stehende. Damit lässt sich beim „Stadt Land“-Spiel schon reüssieren.
Nun zurück zur Millionenshow. „Armin nazionale, übernehmen Sie bitte.“ „Griaß enk. Na guat, dann hob i lei a neue Froge: Wie viele Kubikmeter Wasser fließen täglich durch das Stadtgebiet von Wien?“ – „Next!“


([Flaneur entlang urbaner Wasseradern: Gregor Auenhammer.] Textcollage aus „Die Flüsse Wiens“. Eine feuilletonistisch-fotografische Expedition von Gregor Auenhammer und Gerhard Trumler, erschienen in Der Standard vom 6. Oktober 2020, S. 11)


https://www.derstandard.at/story/2000120498321/baeche-fluesse-kanaele-wo-sich-venedig-in-wien-versteckt


Gregor Auenhammer: Wiener Wasser und Gewässer

Vom Leben am Wasser handelt die feuilletonistische Expedition „Die Flüsse Wiens“. Ein Appetizer.


Wasser, H2O, Ursprung und Elixier des Lebens, Chamäleon unter den Molekülen. Elementarstes unter den vier Elementen. Wasser, abwechselnd leise vor sich hin plätschernd, vazierend, oder rasend schnell fließend in der Enge der Stadt. Wasser, gleißend im Licht des Tages, glänzend im Spiegel des Mondes. Unaufhaltsam fließend, vorbei an Träumen, mit sich reißend Erwartungen und Emotionen. Mit sich reißend die Schatten des Seins. Taumelnd, im Strudel. Die Gischt, sie brandet ans Ufer, brandet rauschend an Steinen der Begrenzung. Die Wogen, sie schlagen an, als wären es zerschellende Träume im zuckenden, flirrenden Licht …
Wasser, machtvolles Elixier des Lebens. Fluch und Segen spendend in Flut und Ebbe. Flaniert man sehenden Auges, aufrechten Ganges durch Wien, begegnen einem – der anämischen und seelenlosen Ära des Oberflächlichen, des Vergänglichen, des In-Vergessenheit-Geratenden, des in der Schnelllebigkeit puren Konsums Vernachlässigten zum Trotz – zahllose Heilige, Gottheiten, Schutzpatrone und Engelswesen. Sie führen und verführen zu Quellen, Ufern, Mündungen, zu Tiefen und Untiefen, unterirdisch und überirdisch. Entlang der Gestade präsentieren sie ein reiches Bouquet an Natur und Kultur, an Fauna und Flora, an Architektur, an Geschichte und Zukunft.


Hymnus an den Himmel über Wien

Flussgott Danubius mit seiner Angetrauten Vindobona thront – unbemerkt von Tausenden an ihm achtlos Vorbeiziehenden – im Zentrum. Nur unweit wacht Orpheus über die Unterwelt. Nein, nicht der sprichwörtliche Tod ist gemeint, sondern Kanäle und eingefriedete Bäche.
Gesegnet die schwebenden Gärten der Semiramis, gesegnet die schwimmenden Gärten am Donaukanal. Gesegnet die Najaden, Elfen, Putti, die zu Tausenden und Abertausenden in und über der Stadt, am Firmament, schweben. Gesegnet die von Sagen, Mythen und Geheimnissen beseelten Flussgeister, Nymphen, die über alle Quellen, Bäche, Flüsse, Sümpfe, Tümpel, Teiche und Seen wachen. Unglaubliche 200 Stück zählt man im Stadtgebiet, 85 fließende, 115 stehende. Unfassbar. Die Töchter des Zeus wachen über die Wiener Gewässer, sagt man. Die Tritonen- und Najadenbrunnen am Maria-Theresien-Platz sind Zeugen.
Die wahren Götter des Alltags aber scheinen hierzulande teils immer noch die Kleingeister zu sein, die Dämonen der Vergangenheit, die kleinkarierten Mirsan-mir-Opportunisten, deren Gedankenwelt sich in rot-weiß-rot-karierten Pölstern und Vorhängen spiegelt, die Verdrängungweltmeister, deren Säulenheilige der Herr von und zu Schreber ist. Kabelbinder sind in zu Pilgerstätten erhobenen Baumärkten oft ausverkauft, werden aber lieber zum Fixieren von Sträuchern verwendet als zum Liebesspiel mit Mister Grey. Lieblingsbeschäftigung dieser Spezies ist neben dem SchanigartenSitzen das Garteln und Granteln, quasi „fifty shades of green“. So weit zum Erotikon von Göttlichem und Abgründigem.
Na ja. Erst vor kurzem hat die traurige Realität bewiesen, dass die unselige Maria Denunziata heutzutage mehr Verehrung genießt als Santa Corona, die Schutzheilige gegen Seuchen. Poseidon, Gott des Meeres, des Wassers, sei uns gnädig. Danubius, erhöre uns. Seid wachsam und empöret Euch!


(Gregor Auenhammer im Der Standard-Album vom 10. Oktober 2020, S. A4)


https://www.derstandard.at/story/2000120738388/fifty-shades-of-green


wien.ORF.at: Fotobuch zeigt Geschichten zu Wiens Flüssen

Der Fotograf Gerhard Trumler hat Wiens Flüsse und Gewässer fotografiert. Dafür war der 82-Jährige unter anderem in der Kanalisation unterwegs. Der entstandene Bildband wird am Sonntag im Kunst Haus Wien vorgestellt.


Wien liegt bei weitem nicht nur „an der schönen blauen Donau“ und am Wien-Fluss. Rund 100 Flüsse fotografierte Trumler laut eigenen Angaben. Einige davon sind in dem Buch „Die Flüsse Wiens. Eine feuilletonistisch-fotografische Expedition“, den Trumler gemeinsam mit Autor Gregor Auenhammer herausgab, abgebildet.


200 eigenständige Gewässer

200 eigenständige Gewässer habe die MA 45, die für das „Wiener Wasser“ zuständige Magistratsabteilung, in der Stadt aufgelistet. Bei 85 davon handelt es sich um fließende und bei 115 um stehende Gewässer, schrieben die beiden in ihrem Prolog.
Wien, das sind also auch Flüsse und Bäche, Teiche und Tümpel, Kanäle und Brunnen. Als Liesing oder Krottenbach, Alserbach oder Dornbach sind sie weiterhin, zumindest dem Namen nach, im Alltag präsent, viele von ihnen existieren jedoch nur noch unterirdisch.


„Geschichte, Geschichten, G’schichteln“

Die laut eigenen Angaben „passionierten Flaneure“ begaben sich auf eine ausgiebige Stadtexkursion – „mit dem Schiff den Donaukanal entlang, mit der U-Bahn durchs wilde Wiental, mit Bus und Bim über den Krottenbach, per pedes in die Kanalisation“.
Dabei werde man „Geschichte, Geschichten, G’schichteln und Schnurren begegnen, Fabelwesen wie das Donauweibchen, der Wassergeist von Wilhelmsdorf oder das Wassermännchen vom Magdalenengrund. Allegorien und Symbole entlang der Einfriedungen und Abgrenzungen wie Meeresgötter oder Flussgeister kommen nicht allzu selten vor“, schreiben die Buchautoren. Die „Realität des Dritten Mannes“ im Wiener Kanalnetz kommt dabei ebenso vor wie die Geschichten hinter Albrechtsbrunnen, Danubiusbrunnen, Neptunbrunnen oder Najadenbrunnen.


(Am 18. Oktober 2020 auf wien.ORF.at erschienene Rezension)


https://wien.orf.at/stories/3071854/


Klaus Lorbeer: Die Flüsse Wiens

Autor Gregor Auenhammer und Fotograf Gerhard Trumler unternehmen „eine feuilletonistische-fotografische Expedition“ durch die österreichische Hauptstadt und präsentieren in dem Buch „Die Flüsse Wiens“ eine selbst Wienern und Wienerinnen weitgehend unbekannte, aber deswegen nicht minder spannende Seite Wiens.


Denkt man an die Flüsse Wiens, kommt einem natürlich sofort die Donau in den Sinn, dann noch der Donaukanal und der Wienfluss; vielleicht mit etwas Nachdenken auch der Liesingbach. Doch wer hätte gedacht, dass es in Wien – alle Donauarme, Augewässer, Flüsse, Kanäle, Bäche, Teiche und Seen zusammengezählt – 200 Gewässer gibt, 85 fließende und 115 stehende. Das hatte auch die Autoren Gregor Auenhammer und Gerhard Trumler überrascht, als die beiden im Rahmen ihrer Zusammenarbeit die Gewässer Wiens recherchierten. Auenhammer erinnert sich: „Wir waren fasziniert von der Fülle, der Anzahl der Gewässer, die es in Wien gibt, wie auch von den Veränderungen, die diese Gewässerwelten durchmachten.“ So habe es beispielsweise den Donaukanal früher nicht gegeben, denn dieser war nur ein Seitenarm der Donau, und der Wienfluss verlief anders als heute, so Auenhammer. Letzlich führe auch der Bau der 1873 eröffneten Hochquellwasserleitung auf die vielen Bäche zurück, die immer wieder mit ihren Überflutungen die damals üblichen Hausbrunnen verunreinigten und solcherart für Krankheiten in der Bevölkerung sorgten. Die Einfriedungen der Bäche sowie die Hochquellwasserleitungen, die einwandfreies Trinkwasser zur Wiener Bevölkerung brachten, hätten dem schließlich ein Ende gesetzt, erklärt Auenhammer.

Für die Bilder zeichnet der renommierte Wiener Fotograf Gerhard Trumler (Jahrgang 1937) verantwortlich, der seit 1969 als freier Fotograf tätig ist. Er hat seither zahlreiche seiner Werke in Zeitschriften und Magazinen veröffentlicht und viele Bücher publiziert. Die Texte stammen vom studierten Historiker und Philosphen Gregor Auenhammer (Jahrgang 1966), der seit 1988 bei der Tageszeitung „Der Standard“ Artikel und Buchrezensionen mit Schwerpunkt auf Zeitgeschichte, Kunst und Fotografie schreibt. Auch wenn Text und Fotografie klar aufgeteilt waren, gab es einen regen Austausch zwischen den Autoren, wodurch die Entstehung des Buches zu einem bereichernden, wechselseitigen Prozess wurde, wie Auenhammer erzählt. Der Textteil besteht unter anderem aus Sachtexten, Dramoletten, Gedichten, Zitaten und ist ein extrem lesenswertes und unterhaltsames Sammelsurium an Texten, die das Thema äußerst facettenreich – sachlich, humoristisch, lehrreich, poetisch – behandeln. Die verwendete Sprache verzichtet nicht auf Wiener Ausdrücke und schafft so Atmosphäre und Authentizität.

Gerhard Trumler dokumentiert in tableauartigen Zusammenstellungen den Verlauf von Bächen, denen er (wenn immer möglich) von der Quelle bis zu ihrer Einmündung in größere Flüsse oder Gewässer folgt. Dabei mutieren die Bilder fast schon zu impressionistischen Gemälden. Eine Absicht, die die Autoren mit dem Buch verfolgten, war auch das Bewahren von Traditionen – aber nicht um der Tradition willen, wie Auenhammer betont, sondern weil Bewahrenswertes in das Bewusstsein der Leserinnen und Leser gerückt werden soll. Nutzbauten wie der Favoritner Wasserturm aus dem Jahr 1899 oder alte Wiener Wasserspeicher zeigten eine enorme Kunstfertigkeit und beachtliche Ästhetik. Dabei ist das Buch keine einseitige Hommage an das alte Wien, sondern preist ebenfalls das moderne, neue Wien, sagt Auenhammer, und verweist auf die im Buch über Spiegelungen im Wasser visuell festgehaltene UNO-City. Gregor Auenhammer und Gerhard Trumler sind passionierte Bewahrer des In-Vergessenheit-Geratenden, des in der Schnelllebigkeit unserer Zeit Vernachlässigten und als solche flanieren sie in Wort und Bild entlang der Gestade der Stadt – unterirdisch als auch oberirdisch – und machen so die reiche Geschichte und Kultur der Flüsse Wiens wieder sichtbar und zu einer sehens- und lesenswerten Expedition.


(KDL, Rezension in FOTOobjektiv. Österreichs Fachmagazin für Fotografie und Imaging #215:6/2020, S. 28 ff.)


Franziska Mayer: Ode an Fluss und Bach

Der Autor Gregor Auenhammer und der Fotograf Gerhard Trumler haben ein neues Buch veröffentlicht.


„Wie ein Phönix aus der Asche steigt der Wienfluss im Stadtpark wieder an die Oberfläche“: So malerisch beschreibt Autor Gregor Auenhammer nicht nur einen seiner Lieblingsflüsse – „Die Flüsse Wiens“ ist durchsetzt mit literarischen Schmankerln und lyrischen Exkursen.
200 Gewässer gibt es in Wien, 85 fließende und 115 stehende. Die Recherche für ihr neues Buch führte Auenhammer und den Fotografen Gerhard Trumler zu den kleinsten Quellen und verborgensten Bächen. Als naturverbundene Spaziergehfreunde wollten sie aber nicht nur dokumentieren, sondern auch Verbindungen aufzeigen. „Die Kulturgeschichte der Stadt sowie die verbindenden Elemente von Kultur, Natur und Architektur wurden integriert“, so Auenhammer.
Auf den Spuren der Flüsse erfährt man auch allerlei Interessantes über die Geschichte Wiens, etwa dass unter Kaiser Franz Joseph ein Prachtboulevard zusammen mit Otto Wagner geplant war. Dieser sollte vom Stadtbeginn im Westen die gesamte Wienzeile entlang bis zum Ring führen. Das hätte an Länge sogar die Champs-Élysées in Paris übertroffen. Im Ersten Weltkrieg mussten die Pläne allerdings pausieren und wurden nach dem Ende der Monarchie nicht wieder aufgenommen. Nur der Teil zwischen dem Rüdigerhof und dem Karlsplatz wurde realisiert.


Nächtelanges Schreiben

Auenhammer ist hauptberuflich Redakteur beim „Standard“ und schreibt dort vor allem Kolumnen fürs Feuilleton. Seine Frau und seine mittlerweile erwachsenen Kinder haben sich schon an seine aufwendige Passion gewöhnt. Oft verwendet er nämlich die Nachtstunden, um an seinen Werken zu schreiben. Wichtig war ihm bei seinem neuen Buch, den enormen Einfluss des Wassers auf viele verschiedene Aspekte des Lebens der Wienerinnen und Wiener darzustellen. „Ein Gutteil der Gebäude im 2. und 9. Bezirk wurde auf Holzpfählen gebaut. Früher war die Erdoberfläche so porös, dass man in den Untergrund gehen musste, um auf festem Terrain zu bauen“, erklärt Auenhammer. Diese Stützen spielen noch heute eine Rolle, da sie genug Feuchtigkeit brauchen, um bestehen zu bleiben. Das muss beispielsweise beim U-Bahn-Bau unbedingt mitbedacht werden. Die Rossauer Kaserne ist das wohl größte Beispiel dafür.


(Franziska Mayer, Rezension in der Wiener Bezirkszeitung Ausgabe 46 vom 11./12. November 2020, S. 16, online bereits am 9. November 2020 erschienen)


https://www.meinbezirk.at/wien/c-lokales/ode-an-fluss-und-bach_a4308931


Wolfgang Freitag: Siebensternplatz oder: Vom Lockdown auf Ewigkeit

Was sich noch immer rührt, wenn sich nichts mehr rührt: Wiener Wasser im Wechsel der Zeiten

„Alles fließt.“ Ach ja, so glaubte man damals, bei den alten Griechen. Aber das ist lang her, neuerdings scheint ein ganz anderes Prinzip en vogue: Nichts geht mehr. Wien steht also still, wieder einmal. Offenbar haben die beglückenden Erfahrungen, die uns Lockdown eins im Frühjahr bescherte, in uns so nachhaltig die Sehnsucht nach einer Wiederkehr geweckt, dass wir eben alles taten, was getan werden musste, um verlässlich auf Lockdown zwei zuzusteuern.
Und wie nicht, hatte uns doch unsere erste gesamtgesellschaftliche Auszeit nicht zuletzt das freundliche Gefühl beschert, endlich von der lästigen Beschwernis allzu handgreiflicher Sozialkontakte per Verordnung befreit zu sein. Hand aufs Herz: Wann, wenn nicht in der Vorweihnachtszeit, ließe sich genau davon effizienter profitieren?
Leer gefegt sind also wieder Straßen, Plätze. Und trotzdem, noch immer gilt: Alles fließt. Gewiss, zugegeben, längst nicht alles, doch noch immer einiges, wenn schon nicht immer sichtbar, so umso öfter im Verborgenen. Die Rede ist von den 85 Fließgewässern, die unsere 23 Bezirke unbeirrt durchfluten, früher vielfach zum Schrecken ihrer Bewohner, heute weithin gezähmt durch Regulierung oder Einleitung in die Kanalisation.
Gregor Auenhammer (Text) und Gerhard Trummer (Fotografie) haben sie, „Die Flüsse Wiens“, jüngst mit einem Prachtband bedacht. Und sie haben nicht versäumt, neben natürlichen urbanen Wassern auch künstliche, sogar jene der Vergangenheit, in den Blickpunkt zu rücken. Etwa die Löschwasserzisternen unter dem heutigen Siebensternplatz, die sich der Pflasterung des Platzes seit einer Neugestaltung in den 1990ern eingeschrieben finden. Downgelockt dortselbst auf Zeit und Ewigkeit. Nun, so wird’s bei unsereinem ja hoffentlich doch nicht kommen …

(Wolfgang Freitag, Rezension in der Presse vom 18. November 2020, S. 26)


https://www.diepresse.com/5899026/siebensternplatz-oder-vom-lockdown-auf-ewigkeit


Helga Maria Wolf: Gregor Auenhammer & Gerhard Trumler, „Die Flüsse Wiens“

Fünf Prozent der Oberfläche Wiens bestehen aus Wasser. Die Bundeshauptstadt hat 200 Gewässer, 85 fließende und 115 stehende. Die Donau, mit 2.880 km der zweitlängste Strom Europas, durchfließt Wien auf ca. 20 km Länge. Die Neue Donau misst 21,1 km, die Alte Donau 17,5 km und der Donaukanal 17,3 km. Der Wienfluss weist einen Lauf von 16,2 km auf. Fast alle der 70 Wienerwaldbäche sind seit dem 19. Jahrhundert eingewölbt Das Ausmaß des Kanalsystems entspricht mit 2400 km etwa der Luftlinie Wien – Kairo.

Einige Fakten sind dem vorliegenden Buch über die Flüsse Wiens zu entnehmen. Allerdings handelt es sich bei dem üppigen Prachtband um kein Sachbuch, sondern um eine „feuilletonistisch-fotografische Expedition“. Geleitet wird sie vom „Standard“-Redakteur Gregor Auenhammer und von Gerhard Trumler, der zu den herausragendsten Fotografen Österreichs zählt. Wir haben uns auf die Suche nach dem Ursprung, nach den Quellen gemacht, nach dem Verlauf der Gewässer, nach Tiefen und Untiefen, nach Strömungen, brachliegenden Seitenarmen und Stromschnellen … Verbal durchstreifen wir in konzentrischen Kreisen im Uhrzeigersinn spiralförmig das komplette Stadtgebiet.

In 104 Stationen soll das „geneigte Publikum“ in Erstaunen versetzt werden – das ist den beiden Autoren gelungen. Im Klappentext zitieren sie André Heller, der über Gregor Auenhammer meint: Sein Talent hat ihn für die Tiefen der österreichischen Verwerfungen des Außenseiterischen, des Verschrobenen, des Gegen-den-Strich-Gebürsteten Schürfrechte verliehen. Das von ausufernder Phantasie geprägte Buch beweist die Aussage des Universalkünstlers. Georg Trumler hat 200 Bücher erarbeitet, darunter jenes über den Berg Athos, das der Präsident der Mönchsrepublik zum „schönstes über den Heiligen Berg im 20. Jahrhundert“ erklärte.

Beide Autoren betonen, dass es sich beim vorliegenden Werk nicht um ein Lexikon handelt. Für die Suche nach etwas Bestimmten muss man das Register bemühen. Spiralförmig wie die eingangs erwähnten Wege durch die Wasserwelt sind auch die Texte. Man kann in literarische Ergüsse eintauchen – beginnend mit dem Originaltext des Donauwalzers Wiener seid froh / oho wieso … Der Künstler fühlt in der Grazien Näh' / Wohl sich und weh / Wie's Fischlein im See … (Ur-)Wienerische, teils deftige Dialoge stammen vom Textautor selbst. Fiktiv belauscht er Bobby und Ferdinand in „Brasilien“ an der Alten Donau, mit Aussicht auf das FKK-Gelände im Freibad Gänsehäufel oder junge Damen im Stadtpark. Sie haben das Denkmal „Die Befreiung der Quelle“ mit zwei nackten männlichen Kolossafiguren im Blick. Es mag dem Thema Wasser geschuldet sein, dass „Naturisten“ und Erotik breiten Raum einnehmen. Kreative Wortspiele sprudeln durch den ganzen Text, der eine unkonventionelle Mischung aus Kulturgeschichte, Alltagsbeobachtungen, Zitaten, Anekdoten und Assoziationen ist.

Die Grenzen zur Ironie sind fließend, manches bei genauer Betrachtung unmöglich, etwa die Behauptung Die Wiener Bassena ist heute ebenfalls als immaterielles Kulturerbe unter Denkmalschutz gestellt, wie so manche öffentliche Bedürfnisanstalt historischer Bauart. Karl Lueger, 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister, hat die Infrastruktur der Stadt grundlegend verbessert, aber nicht 1873 die Erste Hochquellenwasserleitung eröffnet. Es stimmt, dass ihm der Bezirk Landstraße in Würdigung seiner Verdienste zum 60.Geburtstag 1909 den Karl-Borromäus-Brunnen, ein Werk des Architekten Josef Plečnik und des Bildhauers Josef Engelhart, widmete. Das Kunstwerk befindet sich aber (statt auf dem Rochusmarkt rund 1 km entfernt) vor dem Magistratischen Bezirksamt. Der Wertheimsteinpark in Döbling liegt weder „inmitten des pittoresken Cottage-Viertels“, noch ist er ein Zen-Garten und auch Bewohner eines benachbarten Blindenheimes sucht man vergeblich. Der japanische Setagaya-Park ist nebenan. Der Blindengarten (mit Informationen in Brailleschrift) , damals ein Vorzeigeprojekt der Gemeinde Wien, wurde vor 60 Jahren als als erster in Kontinentaleuropa eröffnet. Die „weiland all zu süßen Wiener Wäschermädel“ dürfen auch nicht fehlen. Mit den „sieben Quellen“ in Margareten haben sie nichts zu tun. Sie werkten am Alsergrund, der sich jedoch keineswegs „am anderen Ende der Vorstadt“ befindet. Genug der Kritik, ein Flaneur ist kein Wissenschaftler.

Rückblicke finden in gezielt ausgewählten historischen Bildern ihren Ausdruck. Die Gegenwart wird im Lob ausgewählter Firmen gewürdigt. Das Restaurant Sichuan beim Donaupark unterscheidet sich wesentlich von herkömmlichen Chinarestaurants. Neben einer exklusiven Speisenkarte kann es mit originaler Ausstattung samt Park aufwarten. Nur wer innerlich stark ist und fleißig arbeitet, kann wirklich erfolgreich sein verriet die Chefin, Chunah Urban-Chao dem Autor. Er schreibt: Das von Herrn Xing wan Zhou, die Freundlichkeit und Ruhe in Person, sensibel, still und leise, und doch strukturiert dirigierte Team … entspricht der Gastfreundlichkeit, der Gelassenheit und Offenheit einer jahrtausendealten Tradition im Streben nach Frieden und innerer Harmonie. Beeindruckt ist Gregor Auenhammer auch von Gerhard und Gabriele Ströck, die er als Missionare punkto Nachhaltigkeit, punkto Qualität und Preis-Leistungs-Verhältnis charakterisiert. In Demut und Dankbarkeit, im Wissen um das höchste Gut, das ein Laib Brot darstellt, ist man sich in der Familie Ströck seit Jahrzehnten bewusst. … Gutes Brot wird nicht alt, sondern hier zu Knödeln, Croutons, Pofesen etc. recycelt.

Das Werk ist großzügig gestaltet. Das liegt vor allem an den bestechenden Fotos von Gerhard Trumler. Sie sind Kunstwerke, die man langsam genießen und immer wieder kontemplativ betrachten kann. Im perfekten Layout sind sie, meist 3 x 3 im Quadrat, thematisch zusammengestellt oder dominant auf einer ganzen Seite platziert. Vieles lässt sich hier entdecken: Donauwellen, Kirchen, Wolkenkratzer, Wasserschlösser, historische Architektur, Wienfluss-Impressionen, Wienerwaldbäche mit ihren Quellen und versteckten Naturlandschaften, Aquädukte, Otto Wagners Gesamtkunstwerk Stadtbahn, Jugendstiljuwele wie die Wienzeilenhäuser, der Prater, Vorstadtbilder, Brücken, Boote und Schiffe, die Spittelau mit Hundertwassers Heizwerk, Panoramen, Wien bei Nacht, Graffiti … Sogar Industriebauten wie Wasserreservoirs oder Kanäle zeigen sich in Trumlers Bildern von ihrer schönsten Seite.

So erfüllt sich das Versprechen der Autoren: Wir wollen Ihnen nicht nur allzu Bekanntes zeigen, sondern vielmehr auf Verborgenes, Verschüttetes, Verlorengegangenes, Außergewöhnliches und Exotisches hinweisen.

(Helga Maria Wolf, Rezension für das Austria-Forum. Das Wissensnetz aus Österreich, veröffentlicht am 7. Dezember 2020)


https://austria-forum.org/af/Kunst_und_Kultur/B%C3%BCcher/B%C3%BCcher_%C3%BCber_%C3%96sterreich_2020/Auenhammer_und_Trumler_-_Fl%C3%BCsse_Wiens


Günther Haller: Die unterspülte Stadt – vergessene Gewässer in Wien

Überall in Wien plätschert es, manchmal oberirdisch, manchmal unter den Straßen. Es sind uralte Adern der Stadt, viele sind vergessen. Nicht ganz: Ein neues Buch weckt die Flüsse Wiens zum Leben.


Allzu viel Fantasie haben die Wiener in der Vergangenheit bei der Namensgebung für ihre Wienerwaldbäche nicht entwickelt. Der Nesselbach und der Krottenbach in Döbling waren gesäumt von Brennnesseln und in der Nacht wurde hier laut gequakt, am Arbesbach wuchsen Erbsen. Der Ottakringer, Lainzer und Liesingerbach gaben den alten Vororten ihren Namen. Und der Ameisbach? Ging nicht auf das zurück, was man zunächst assoziiert, „A Maisz“ war im Mittelhochdeutschen der Name für eine kleine Waldlichtung.
Insgesamt gibt es etwa 50 Bäche, deren Quellen im Wienerwald aus dem Boden über der wasserundurchlässigen Flyschzone entspringen und ihren Weg bergab in die Stadt hineinfinden. Da die Rinnsale wegen des Sandstein- und Tongehalts des Untergrunds nicht versickern können, reagieren sie unmittelbar auf starken Niederschlag und können sich dann zu Hochwasser führenden, gefährlichen Wildbächen entwickeln. Dann kann der Wasserpegel wie bei der Kalten und Dürren Wien, die sich zum Wienfluss vereinigen, rasch auch um einen Meter ansteigen. Regelmäßig überflutete der so harmlos wirkende Schreiberbach die Ortschaft Nußdorf, die dann nur mit dem Schiff zu erreichen war.


Fast alle überwölbt

Die Gefahr ist inzwischen gebannt, zwei Drittel der Bäche, die in den Donaukanal münden, sind heute gar nicht mehr zu sehen. Sie wurden im 19. Jahrhundert überwölbt, auch weil sie durch die Schuld der Bewohner, die hier alles Mögliche entsorgten, üble Gerüche ausstießen und Krankheiten verbreiteten. Schritt für Schritt wurden die Bäche in das Kanalsystem integriert und verschwanden aus dem Stadtbild. Zu sehen sind sie nur mehr für Wanderer am Rand der Stadt, die neben den V-förmig eingegrabenen Abhängen unterwegs sind.
Manchmal bäumt sich einer der alten Bäche auf, man erzählt sich, dass sich im Keller des traditionsreichen Spitals Rudolfinerhaus noch heute bei starkem Regen der Krottenbach austobt und gegen sein Zwangsbett ankämpft. Bei Unwettern schwellen die unterirdischen Bäche an, überfluten die Kanäle und das Wasser tritt aus den Gittern an die Oberfläche.
In Zeiten des Klimawandels wird mit dem Gedanken gespielt, die Bäche wieder an die Oberfläche zu holen. Beim südlichsten, dem Petersbach in Siebenhirten, ist die Renaturierung über einen kleineren Abschnitt gelungen, Libellen, Krebse und einige Forellen danken dafür. Bäche sollten eigentlich dafür da sein, um sich an heißen Tagen darin die Füße zu kühlen wie beim Eckbach im Neuwaldegger Schwarzenbergpark.
Dem früher so gefährlichen Wienfluss wurde als Naturwasser übel mitgespielt, er erhielt ein tiefes Betonbett, bei dessen Anblick man sich nur schwer vorstellen kann, dass er die Umgebung überfluten könnte. Dabei ist er es, der der ganzen Stadt den Namen gab, „Wenia“ bedeutet schlicht und einfach „Waldbach“. Beinah wäre auch er von Schönbrunn bis zum Karlsplatz völlig eingewölbt worden, Kaiser Franz Joseph und Architekt Otto Wagner hatten die Pläne dafür bereits in der Schublade, doch das Ende der Monarchie kam dazwischen. So ist heute nur die Gegend des Naschmarkts flussabwärts der Pilgramgasse überwölbt.
Anlass für diese Betrachtungen ist ein überaus anekdotenreiches und im charmanten Plauderton geschriebenes Buch des Journalisten Gregor Auenhammer über die Gewässer Wiens. Der Autor nennt den mit manchmal fast impressionistischen Fotos gestalteten Text-Bild-Band eine „feuilletonistisch-fotografische Expedition“, begleitet wurde er dabei von dem Fotografen Gerhard Trumler. Die beiden eroberten, durch die Stadt mäandrierend, den Wiener Raum, oft auf verschlungenen Wegen und in konzentrischen Kreisen durch die Außenbezirke. Man merkt ihnen die Liebe zu dem Thema, das sie uns erschließen, an, sie nennen sich selbst „passionierte Bewahrer des Vergänglichen, des In-Vergessenheit-Geratenden, des in der Schnelllebigkeit unserer Zeit Vernachlässigten.“


Über Stock und Stein

Es ist auch für den Leser eine Ermunterung, sich dieser Expedition über Stock und Stein anzuschließen, mit offenen Augen durch Wien zu flanieren und die Gewässer neu zu entdecken. Auch die, die heute mitten in der Stadt zum Verweilen einladen: die Brunnen. Sucht man etwas Bestimmtes, hilft das vorbildliche Register am Ende des Buches.
Keiner kann behaupten, dass er all die unterirdischen und überirdischen Entdeckungen an Wiens Gestaden ohnehin schon alle gekannt habe. Man stößt, zählt man neben dem Hauptfluss Donau noch die unzähligen Au gewässer, Wasserarme, Kanäle, Bäche, Teiche und Seen zusammen, auf die erstaunliche Zahl von 200, genau genommen sind es 85 fließende und 115 stehende Gewässer. Jede Menge von G'schichten also, die sich rund um das Wiener Wasser erzählen lassen und rund um das, was sich an den Gestaden so tut, vom vergessenen Wiener Neustädter Kanal bis zum Hochquellwasser, von den Hausbrunnen bis zu Harry Lime.
Apropos Gestaden: Schon zur Römerzeit gab es unterhalb der heutigen Ruprechtskirche eine Schiffsanlegestelle, auch an der Weißgerberlände gab es einen Winterhafen, in der Freudenau, Kuchelau, Spittelau. Die Kirche Maria am Gestade lag wirklich an einem Ufer, dem der Donau (der Donaukanal war früher der der Stadt am nächsten liegende Donauarm). Die Donauschiffer besuchten die Kirche im Mittelalter regelmäßig, Gemälde und Statuen von Schutzpatronen der Schifffahrt erinnern an die exponierte Situation des Gotteshauses an einem Hafen. Der Tiefe Graben ist zudem heute noch ein Name, der an den Ottakringer Bach erinnert, der sich hier an seinem tosenden Finalabschnitt tief eingrub, bevor er in die Donau mündete.


Auf Pfählen

Connaisseure assoziieren mit „Venedig in Wien“ einen Vergnügungspark im Prater um 1890. Doch auch die Wiener Bezirke Alsergrund und Leopoldstadt haben einiges mit Venedig gemeinsam. Zahlreiche Altbauten der Gründerzeit wurden auf Holzpfählen errichtet, es war eben nicht einfach, in der Nähe der herabschießenden Wienerwaldbäche auf dem porösen Untergrund Häuser zu bauen. Das Erdreich war locker und wurde leicht unterschwemmt. So wurden Häuser auf Pfählen errichtet, die bis einen Meter unterhalb des Grundwassers reichten. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Rossauer Kaserne. Um nicht porös zu werden, brauchen die Pfähle die Feuchtigkeit, der Grundwasserspiegel darf nicht zu weit absinken, sonst würden die Gründerzeithäuser zu wanken beginnen. U-Bahn-Bauern und anderen unterirdischen Bauaktivitäten sind hier also bei der Drainage Grenzen gesetzt.
Nah am Wasser gebaut war Wien ja schon immer, doch im Zentrum des Geschehens wie in anderen Metropolen standen die Flüsse nicht. Die Seine in Paris, die Themse in London und der Tiber in Rom waren weit mehr in das fluktuierende Treiben der urbanen Bevölkerung involviert als die Donau in Wien. Doch hat sie die Inspiration geliefert für die zweite Hymne des Landes. Klarerweise beginnt Auenhammer sein Buch daher mit dem Donauwalzer, einem fixen Bestandteil der Silvester- und Neujahrsfeiern hierzulande.
Ein Buch wie dieses, ein Hymnus an das Wasser, ist immer auch zugleich ein Hymnus an das Leben in dieser Stadt. Das bunte Treiben der jungen Leute am Donaukanal, der als Gewässer alles andere als einen Schönheitspreis verdient, zeigt: Die Sehnsucht nach dem Wasser ist aufrecht. Das Begleitbuch dafür ist jetzt da.


(Günther Haller, Rezension in der Presse am Sonntag vom 3. Jänner 2021, S. 46 f.)


https://www.diepresse.com/5918138/die-unterspulte-stadt-ndash-vergessene-gewasser-in-wien