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Kurzbeschreibung

[Beiträge: Sara Burkhardt, Juliane Feldhoffer, Melih Görgün, Antje Lehn, Christina Nägele, Mahir Namur, Isabel Termini.]
[artedition | Verlag Bibliothek der Provinz]



Johanna Reiner & Johannes Hoffmann, das hört sich nach einem kreierten Label an, ist es aber nicht. Die beiden leben und arbeiten zusammen und das künstlerische Tun der beiden erscheint ganz selbstverständlich. Aber das Feld, in dem sie arbeiten, ist riesig und komplex. Es ist – einfach gesagt - die (urbanisierte) Gesellschaft. Künstlerisch-theoretischer Ausgangspunkt der beiden ist die Idee der sozialen Skulptur.
Johanna Reiner und Johannes Hoffmann ergänzen sich in ihrem künstlerischen Tun kongenial. Das konnte ich in den vergangenen Jahren im Rahmen unseres gemeinsam gegründeten Eintagsmuseums gut beobachten. Und jetzt habe ich die Freude, in ihr vielschichtiges und beziehungsreiches Oeuvre einzuführen.
Bei ihren Arbeiten, denen sorgsame Recherchen vor Ort mit Expert_innen voraus gehen, entstehen Räume, in denen etwas erzählt wird. Dies kann eine imaginierte Insel oder ein schwimmendes Haus im Lunzer See sein („Phantominsel“, „Grüße an die Nachbarinnen“), ein „Botanik Café“ („Baumgeschichten“) als Zwischennutzung in einem Grazer Stadtentwicklungsgebiet oder ein Wirtshaus unter einer Autobahnbrücke („Temporäres Wirtshaus“).
Wichtig ist: Im kollaborativen Tun mit den Menschen vor Ort entstehen kurzfristig neue Räume, die einen Blickwechsel ermöglichen und zur Selbstermächtigung anregen. Das Eintagsmuseum in der türkischen Stadt Sinop („Bir Günlük Müze“) entsteht mit Objekten, die die Besucher_innen selbst mitgebracht haben und erzählt so deren Geschichte. Welche Geschichten in einem Museum erzählt werden und wer über wen spricht sind zentrale Fragen der Projekte des Eintagsmuseums.
Wenn Johanna und Johannes vor Ort arbeiten, werden auch lokale Künstler_innen in die Projekte einbezogen. Beim „Atlas urbaner Räume“ wurden die Schüler_innen eines Wiener Gymnasiums als Expert_innen ihres (Schul)Alltags befragt und ein Atlas der Schule und der Schulumgebung erstellt.
Das Zusammenwirken so vieler Kräfte erfordert optimale konzeptuelle Rahmenbedingung. Die künstlerische Professionalität von Johanna Reiner & Johannes Hoffmann ist dabei eine wichtige Voraussetzung.

(Isabel Termini im Vorwort)



Rezensionen
ORF Radio Österreich 1: [Rezension zu: Johanna Reiner & Johannes Hoffmann, „Collaboration“]

Von den partizipativen und ortsspezifischen Projekten der beiden Künstler Johanna Reiner und Johannes Hoffmann bleibt meistens nichts übrig – außer schöne Erinnerungen, neue Erkenntnisse und dokumentarisches Material. Deshalb war es für das Künstlerpaar naheliegend, die Projekte in einem Buch anschaulich zu machen. „collaboration – Feldforschung mit Kunst“ ist gerade im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen.

Zusammenarbeit ist in der bildenden Kunst, wo jeder um seinen Platz am Kunstmarkt kämpft, eher eine Ausnahme – von Johanna Reiner und Johannes Hoffmann wurde sie jedoch zum Prinzip ihrer künstlerischen Praxis erhoben. Nicht nur die Zusammenarbeit miteinander und mit anderen Kuratoren und Künstlerinnen, sondern auch mit den Menschen, für die und mit denen sie ihre Projekte umsetzen.
Zu diesen Projekten gehören ein Freiluft-Gasthaus unter einer Brücke in Ternitz, ein Botanik Café auf einem zukünftigen Bauplatz in Graz-Reininghaus, ein Reparatur-Workshop im türkischen Sinop und ein „Eintagsmuseum“ in einer aufgelassenen Gießerei in Wien-Ottakring. Es sind Orte, die sich im Prozess einer Transformation befinden oder denen diese kurz bevorsteht; Orte, an denen man nicht unbedingt Kunst erwarten würde.

Vorgefundene Dinge als Material und Inhalt
Auf dem Cover ist eine Landschaftsaufnahme: oben bewaldete Berge, unten die glatte Oberfläche eines klaren Sees, dazwischen eine sich im Wasser spiegelnde schwimmende Insel mit Möbelstücken, ein Kinderbett, Holzsessel, ein Fernseher, eine weiß lackierte Kommode. Und die Bugspitze eines Bootes im See, von dem aus die Aufnahme gemacht wurde, ist auch zu sehen.
Ein wohlgewähltes Aufmacherbild für das Buch „collaboration – Feldforschung mit Kunst“, denn es transportiert die Haltung des Künstlerduos Johanna Reiner und Johannes Hoffmann: unaufgeregt und unprätentiös, ohne ästhetischen Hoheitsanspruch, für den Ort, mit vorgefundenem Material, in Handarbeit gebastelt.
„Ich für mich selber habe überhaupt keine Idee zum White Cube. Ich weiß einfach nicht, was ich mit einem weißen, neutral gemachten Raum anfangen soll“, sagt Johanna Reiner über ihren Zugang zur Kunst, „Ich bin ein wahnsinnig neugieriger Mensch und lasse mich gern auf andere Geschichten ein. Ich gehe in einen Raum, und er ist für mich ein Fundus an Dingen. Bei Johannes und mir hat es sich entwickelt, dass wir versuchen, immer mit dem zu arbeiten, was wir dort finden, weil das dann das Material und auch schon der Inhalt ist.“
Was auf dem Coverbild des Buches von der Installation „Grüße an die Nachbarinnen“ am niederösterreichischen Lunzer See fehlt, sind die Menschen. Die Menschen, deren Mobiliar hier aufgebaut wurde, die das Floß schwimmend oder per Boot besucht haben, die Menschen aus der Gegend, deren Wohnungstypologien hier nachgestellt wurden. Denn genau sie sind es, die den Projekten von Reiner und Hoffmann Leben verleihen.

Wie „Kopf und Hände“
Johanna Reiner ist Künstlerin, Kuratorin und Kunstvermittlerin – wobei diese Bereiche bei ihr nicht zu trennen sind. Und Johannes Hoffmann ist gelernter Tischler, Künstler und Leiter der Holzwerkstatt an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Sie haben seit 2001 mit der Künstlergruppe collabor.at Aktionen, Installationen und partizipative Kunstprojekte mit Vernetzungscharakter umgesetzt.
Hoffmann und Reiner leben seit gut 20 Jahren zusammen, in Wien und im Kamptal; sie haben drei Kinder, und ihre „collaboration“ funktioniert – mit gelegentlichen Reibungen – gut. „Wir haben uns eigentlich immer gegenseitig ergänzt, dadurch, dass ich viel Praktisches kann und räumlich umsetzen kann. Wir sind wie Kopf und Hände, könnte man sagen“, meint Johannes Hoffmann; und Johanna Reiner stimmt zu: „Es funktioniert ganz gut, weil wir uns gegenseitig motivieren und durchtragen durch die Projekte“.

„Eintagsmuseum“ im türkischen Gefängnis
Am nördlichsten Zipfel der Türkei, in der türkischen Hafenstadt Sinop, haben Johanna Reiner und Johannes Hoffmann 2011 eine künstlerische Recherche durchgeführt. Gegenstand dieser war ein ausgedientes Hochsicherheitsgefängnis, in dem linke Intellektuelle inhaftiert gewesen waren. Ein Raum des verlassenen Gefängnisses wurde zum Ort einer temporären Ausstellung; Eintagsmuseum nennen sie das: mit gefundenen Objekten, Strandgut aus dem Hafen, aber auch mit Videomitschnitten von Interviews mit ehemals Inhaftierten und Zeitzeuginnen. Als Außenstehende konnten Reiner und Hoffmann dabei mehr erfahren, als in Stadtchronologien oder nachzulesen wäre. Aufzeichnungen der Interviews, sowie persönliche Gegenstände von Ortsansässigen wurden in eine eigens errichtete Trägerstruktur aus Holzlatten eingewoben.

Von Sinop nach Wien-Favoriten
Im übel beleumundeten Kreta-Viertel haben Hoffmann, Reiner, und andere 2017 die Erste Kreta Olympiade veranstaltet. Mitsamt olympischem Komitee, Fußballplatz auf einer Gstätten, Tanzkurs auf dem Parkplatz und Gewichten aus Styropor.
Interessiert habe sie an dem Viertel, so Reiner, die Diskrepanz zwischen der medialen Darstellung als Problemzone und „der Geschichte, die man auch erzählen kann. Da ist für mich eine Kluft gewesen. Wir können ja Geschichten kreieren.“ Die Geschichte, die Hoffmann und Reiner aus ihren Recherchen extrahiert und mit der lokalen Bevölkerung geschaffen haben, war eine von Sportvereinen im Grätzel und von ihren historischen Urahnen, den Sportvereinen der lokalen Arbeiterbewegung. Aber ein Thema war auch der Verlust von Freiräumen, die Verbauung von Brachflächen in dem dichten, historisch gewachsenen Grätzel.
Drei Tage Spaß und Spiel im Kreta-Viertel waren das, resümiert Johanna Reiner. In Hinblick auf dieses und die anderen im Buch „collaboration“ verbildlichten Projekte sagt sie: „Diese Projekte, die wir machen, die sind ja kein Werk in dem Sinne, sie hinterlassen keinen materiellen Output. Das haben wir halt nicht. Wir haben da nur dieses Hybride, die Fotos, die Texte, die Videoschnipsel, Kontakte und Gespräche. Deswegen war das ein wichtiger Schritt, einen Zwischenstand zu verarbeiten“, eben in Form des Buches.

Spaß statt Theorie
„Es hat viele lustige Momente gegeben in diesen Projekten“, blickt Hoffmann zurück, „das Ausschwirren in einen Ort, Unfug anrichten. Das macht schon sehr viel Spaß.“ Das im Verlag Bibliothek der Provinz herausgegebene Buch „collaboration – Feldforschung mit Kunst“ gibt genau das wieder: die Lust am Werkeln mit vorgefundenem Zeugs, an Zufallsbegegnungen und Ausnahmesituationen.
Kaum jemals sind Johanna Reiner und Johannes Hoffmann selbst auf den Fotos zu finden; sie nehmen sich als Künstler weitgehend zurück. Ausgeklammert wird eine kunsttheoretische Verortung der Projekte; und das tut dem Buch keinen Schaden. Denn die Geschichte von Sozialer Skulptur, von gesellschaftspolitisch engagierter Kunst, von Interventionen im öffentlichen Raum etc. kann auch andernorts nachgelesen werden. Hier ist ein Künstlerbuch, das voll bunter, lebendiger Fotos ist, sich aber kaum je mit Fachbegriffen wie „partizipativ“, „ortsspezifisch“, „prozesshaft“ oder „temporär“ selbst zu legitimieren sucht. Es ist ein frischer, unvermittelter Zugang, der dem Charakter der vorgestellten Projekte entspricht.

(Ankündigung zur Sendung im Rahmen der ORF Radio Ö1 »Diagonal«-Reihe „Das Buch als Kunst“, Gestaltung: Anna Soucek, online veröffentlicht am 9. April 2021)


https://oe1.orf.at/artikel/683245/Collaboration