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Kurzbeschreibung

[Umschl.-Abb.: Nikolaus Dominik Cyril Merlin Fröhlich/NDCM]

Wer glaubt, das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun: das Blaue mit dem Braunen, das Hitlerhaus mit dem Staatshaushalt, die Rechtsbewegung von einst mit dem Rechts-Zack!-Zack! von heute, die alten Max und Moritz-Geschichten mit den jüngsten ibizenkischen Kokskäfermärchen, die Affen = Menschwerdung mit Bananen (in der) Republik, wer immer noch denkt, eine Ursache und ein Ort seien von einer Wirkung zu trennen und Braunau stünde nicht auch stellvertretend für den Rest der Welt – der irrt. In Wahrheit = Wirklichkeit = Welt hängt alles und jeder zusammen.

Heil Orang, heil Utan! Keine Sorge, das hier ist keine Hitlergeschichte. Vielmehr geht es den rechtspopulistischen Irre-Führern der Jetztzeit an den Kragen. Schauplatz der Handlung ist (trotzdem) Braunau am Inn, wo nebst Hitler-Haus & Double Harald, dem Blauen Reiter und zugekoksten Ibizakäfern zum Glück auch die friedfertigen Guerilla-Gorillas das Revier markieren. Für Moral & Menschlichkeit sorgen, Ausheimische zu Einheimischen machen und mit Hilfe der Affen = Menschwerdung vielleicht die ganze Welt retten. Es darf gelacht und/oder geweint werden.



Wer ein Buch von Daniela Emminger aufschlägt, weiß nicht, was ihn erwartet. Das betrifft nicht nur die Themen, denen sie sich widmet – erzählerische Konventionen sind nicht ihr Ding. In Kombination mit einem Hang zu verspielten, bewusst umständlichen Formulierungen, ergibt das eine der außergewöhnlicheren und pfiffigeren Stimmen der aktuellen Literatur aus Österreich.
(Sebastian Fasthuber/TAZ)

Sie ist eine sprachmächtige und risikofreudige Autorin, diese Daniela Emminger.
(Christian Schacherreiter/OÖN)



Rezensionen
Der Standard: King Kong in Braunau

Vorabdruck: Der neue Roman von Daniela Emminger ist ein österreichisch-europäisches Glamourstück für politisch schwierige Zeiten. Hier der Prolog aus „Zirkus.Braunau“


Man muss sich natürlich schon fragen, warum eine ins Affenkostüm schlüpft, das aber mit Verkleiden nichts zu tun hat. Warum eine als King Kong nach Braunau fährt und dort in die braune Kacke haut, dass es nur so spritzt. Wer braucht noch eine Hitlergeschichte. Kein Fragezeichen.
Man muss sich weiters fragen, was denn eigentlich die wunderbare Stadt Braunau dafürkann. Wobei, unter uns gesagt, so wunderbar ist sie gar nicht. Und wofür denn überhaupt. Eher ein bisschen heruntergekommen, ausgestorben, nein abgehaust ist das Wort, das zu ihr passt, bestimmt hat irgendwo in der Nähe eine Shoppingmall aufgesperrt.
Wie in Vöcklabruck, da sind dann auch alle hingegangen, hineingerannt, hin abgewandert, alle = die Masse, hinaus aus der Stadt mit ihrem historischen Kern, und die vergreisten Läden und Ladenbesitzer sind gestorben vor lauter Gram, weil auch ihre Töchtersöhne mit ihren Liebhabermausis lieber in die Mall zum Shoppen gefahren sind.
Mit dem Phänomen der Masse, das eng mit den Gesetzen der Wahrheit und des Wahnsinns verstrickt ist, werden wir uns noch eingehender beschäftigen müssen, besonders hier im schönen Braunau, ist es jetzt schön oder nicht, das spätestens seit dem 20. April 1889, 18.30 Uhr Ortszeit, mehr Probleme hat, als ein Durchschnittsstädtchen verkraften kann.
Rückblickend hat Braunau freilich einfach Pech gehabt, die Arschkarte gezogen, denn was kann bitte schön ein geografischer Ort dafür, dass ausgerechnet dort ein Inzestbröckerl, ein Kackwürsterl, eine lautmalerische Initial-Zündung namens A. H., ein späterer Monsterdiktator sturzgeboren wird – ob nun auf der Innbrücke oder im Haus Nr. 15 in der Salzburger Vorstadt, da gehen die historischen Quellen auseinander.


Historischer Zufall

Auf so einen Einwohner kann ein Bürgermeister gut verzichten. In der ersten Geburtssekunde hätte man den neuen Einheimischen zum Ausheimischen erklären müssen, aber wer konnte dessen Entwicklung voraussehen. An der Aufarbeitung eines derart schweren historischen Erbes, das der Stadt gewissermaßen durch einen historischen Zufall schicksalhaft erwachsen ist (für diesen Satz auf der Kulturrundgangstafel gibt es jetzt aber schon ein Fleißpickerl!), kann man ja nur scheitern.
Und doch haben die Willkommensglocken ordentlich gebimmelt, damals, am 12. März 1938, als der explosive Sohn initialgesprengt, stoffgezündet, beim Einmarsch in Österreich, beim Anschluss von Österreich an das nationalsozialistische Deutsche Reich, unter Jubel und Applaus seine Geburtsstadt heimgesucht hat, ja quasi gottgleich empfangen worden ist.
Kann sie jetzt also oder kann sie nicht(s) dafür, die vielleicht wunderbare, auf jeden Fall verwundbare Stadt Braunau, dass ihr ein Sohn geschenkt wurde, der als Diktator des Deutschen Reiches von 1933 bis 1945 bislang nicht gekannte humanitäre Verbrechen verübt und den Zweiten Weltkrieg entfesselt hat, in dem über 50 Millionen Menschen gestorben sind.


Was also tun

Ein einziges Jahr hatte er hier verbracht. Noch dazu als unzurechnungsfähiges, weil winziges Aprilscherzzwutschkerl. Was soll die Stadt also machen mit dem Hitlerhaus, in dem A. H. sein erstes Lebensjahr verbrachte und über dem gerade die Sonne aufgeht und den Braunauer Himmel in unschuldige, zartrosa Töne taucht.
Was soll sie machen mit den Neonazis, der Zentrale der derzeitigen Irre-Führer-Partei in der Innenstadt, den sonstigen Wahnsinnigen und Ewiggestrigen der Jetztzeit, die alljährlich aus ganz Europa angereist kommen, um den einstigen Irre-Führer zu ehren, zu dessen Geburtsstätte zu pilgern und die Braunauer und -rinnen in Angst und Schrecken zu versetzen.
Was soll sie bitte schön tun, wenn dann 2017 noch einer daherkommt mit akkuratem Seitenscheitel und zurechtgezurrtem Schnauzerbärtchen, rechts, links, rechts durch die Stadt spaziert, sich als Harald Hitler tituliert und ein bisschen politisch interessiert, ein bisschen a- oder showsexuell zeigt, wie einst der Stiersperma-gedopte, mit Testosteron vollgespritzte A. H. oder in den späten 1990er-Jahren auch ein anderer prominenter Vertreter der österreichischen Rechtsbewegung, der Bewegung des österreichischen Rechts nach rechts, der siebzehn Jahre lang die hiesige Irre-Führer-Partei angepeitscht und geleitet hat, es ist nicht nötig, seinen Namen zu nennen, genauso wenig, wie es nötig ist, an dieser Stelle die Max und Moritze der momentanen Rechtsverdrehung anzuführen. Pfui!, nicht einmal die Toten (und die Lebenden) lässt sie in Ruh, unsere Guerilla-Gorilla-Autorin.


Alpenländische Wurschtel-Zipfel-Lösung

Da waschen wir ihr jetzt aber gleich den Mund mit Seife aus. Oder stecken wir ihr doch lieber Zuckerwatte hinein. Was wird das also hier. Wo führt das hin. In die blau-braune Vergangenheit mit Sicherheit nicht. Vielmehr sollen die Braunauer Gegenwart und Zukunft verbearbeitet werden, das Hitlerhaus, der Harald – zurechtgezimmert. Balustriert. Aufgestockt. Herausgeputzt. Eingemeißelt, zubetoniert und gelb angestrichen.
In typisch österreichischer Manier, bei der es nach langwierigem Theater(n) und Herumkasperln, Freunderlwirtschaften, Kompromisssuchen, Abwarten, Aussitzen, Däumchendrehen, Biertrinken und Wunschdenken am Ende doch immer zu einer versöhnlichen, alpenländischen Wurschtel-Zipfel-Lösung kommt.
Hier wird alles gut. Hier werden Peinlichkeiten und Hoppalas überwunden. Scheiße wird zu Gold. Blau-brauner Morast zu Zuckerwatte, Eiscreme und bunten Drachenzungen. Braunau wird gerettet, Harald Hitler resozialisiert, das Hitlerhaus seine Bestimmung finden. Die Schicksalsfragen werden geklärt, die Neonazis überlistet. Der einstige Geburtsfehler wird ausgemerzt.


Neue Irre-Führer, Irre-Geführte

Wie das gehen soll. Das geht ganz schnell. Man darf sich nur nicht zu viel mit der Vergangenheit aufhalten oder gar in ihr verharren, verweile nicht, du bist nicht schön. Man darf nur nicht wie alle anderen den Fehler begehen, zu glauben, das Geschehene ließe sich ungeschehen machen.
Denn das geht nicht, wie jedes Kind schon weiß. Außer natürlich, das Kind sitzt am anderen Ende der Welt im kasachischen Institut für marxistisch-biokosmistische Alchemie und glaubt noch an Wunder. Abstreifen muss man das, was war. Nur die Gegenwart und Zukunft lassen sich verändern. Ja, und wer weiß, welche Töne die Zukunft noch anschlägt.
Ob innerhalb des Zeitfensters dieser Geschichte (2017–2025) nicht jede Menge neue Irre-Führer und Irre-Geführte auftauchen, der Blaue Reiter etwa oder zwei zugekokste Ibiza-Käfer, oder die verwirrten Geister von Gerlinde Pommer und Hitlerhund Blondi. Oder mit etwas Glück auch eine Horde fähiger, weil gutherziger Guerilla-Gorillas. Hui, da sind wir jetzt gespannt. Bui, da freuen wir uns schon einmal vor. Nichts wie hinein mit uns, in die Geschichte!


(Vorabdruck des Prologs von Daniela Emmingers „Zirkus.Braunau“, erschienen im Standard vom 3. Oktober 2020)


https://www.derstandard.at/story/2000120424549/king-kong-in-braunau