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Kurzbeschreibung

[artedition | Verlag Bibliothek der Provinz.]
[Mit Vorwort von Elisabeth Fiedler und Beiträgen von Matthias Holzer, Werner E. Holzinger und Johanna Rolshoven.
Hrsg. von Elisabeth Fiedler, Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark.
GrazRand wird im Rahmen des Graz Kulturjahr 2020 mit Unterstützung von KIÖR Kunst im öffentlichen Raum Steiermark sowie in Kooperation mit HDA Haus der Architektur, www.gat.st und Grazer Soundscapes / Radio Helsinki realisiert.
https://www.kulturjahr2020.at/projekte/grazrand/


Im Sommer 2020 umrundete ein vierköpfiges Team die Stadt Graz genau entlang ihrer Grenze. Auf dem Weg führten sie Gespräche, sammelten Gegenstände und Audioaufnahmen, fertigten Zeichnungen, Fotos und Videos an – und dachten über den Zusammenhang zwischen Stadtzentrum und Rand nach. Ihre Eindrücke in Text und Bild erscheinen nun in einem vielfältigen Buch, das gleichzeitig Reisereportage, Wanderführer, Stadtforschung und Kunstbuch ist.


Mit dem vorliegenden Buch wollen wir Menschen die Möglichkeit geben, uns bei der einwöchigen Umrundung der Stadt Graz entlang ihrer Grenze zu begleiten. Es ist der Versuch, unterschiedliche Zugänge und Perspektiven zu sammeln und zwischen ihnen Zusammenhänge herzustellen. Es ist manchmal Reisereportage, Wanderführer, Stadtforschungsbericht und Kunstbuch und ermöglicht es, Graz auf vielfältige Arten zu umrunden. Das Buch muss nicht von vorne bis hinten gelesen werden, sondern erlaubt spontane Einstiege. Neben Karten der Tagesetappen, Tableaus von Fundgegenständen, Portraits von Orten, Dokumentationen flüchtiger Begegnungen und beigelegtem Statistik-Heft umfasst es auch Bildseiten von Objekten, auf die wir wiederholt trafen.
Wir haben Expert*innen um Gastbeiträge gebeten, um intensiver auf Themen einzugehen, die uns zur Kontextualisierung unserer Erfahrungen wichtig erschienen. In „Die ausgefranste Stadt“ zeichnet die Stadtforscherin Johanna Rolshoven die historischen Entwicklungen des Gebauten und Sozialen an den Rändern der Städte aus kulturwissenschaftlicher Perspektive nach und fragt nach alternativen Formen der Urbanität. Der Historiker Matthias Holzer umrundet in seinem Beitrag „Die verschwundene Grenze“ die Stadt Graz vor den Eingemeindungen von 1938 und beschreibt Überreste jener Grenze, die sich noch heute im Stadtbild wiederfinden. In „Grünes Band“ beschreibt der Biologe Werner E. Holzinger den Grazer Stadtrand als Raum großer Biodiversität und Lebensraum zum Beispiel des Pillendrehers oder der Großen Quelljungfer.
Unsere Stadtumrundung im Juli 2020 fand inmitten der Corona-Pandemie statt. Auch wenn die Fallzahlen während dieser Zeit niedriger waren, es keine Ausgangsbeschränkungen gab und wir sowohl in Pensionen übernachten als auch Gasthäuser besuchen konnten, waren unsere Erfahrungen und die Erzählungen der Menschen, denen wir begegneten, stark von diesem Umstand geprägt. So ist dieses Buch auch ein zeitgeschichtliches Dokument, das ein Portrait des Stadtrands während einer Zeit des Wandels und der Ungewissheit zeichnet.
Wir hoffen unsere Leser*innen mit diesem Buch anzuregen, den Rand von Graz kennenzulernen und sich auf unbekannte Pfade zu begeben, an Gartenzäunen mit Menschen ins Gespräch zu kommen und sich mit anderen Perspektiven zu konfrontieren. Wir möchten aber auch einen Impuls dazu geben, über Zäune zu klettern, Grenzen zu überschreiten und bestehende Kategorien wie Stadt/Land, öffentlich/privat oder Kunst, Wissenschaft und Wandern in Frage zu stellen.

(Adina Camhy, Robin Klengel, Coline Robin und Markus Waitschacher über das Buch)



Rezensionen
Maik Novotny: „GrazRand“: In sieben Tagen um den Uhrturm

Ein Quartett wandert die Grazer Stadtgrenze ab. Dabei sammelten sich Begegnungen und Erkenntnisse über die Peripherie an, die jetzt in „GrazRand“ nachzulesen sind

Im Juli 2020 nahmen Adina Camhy, Robin Klengel, Coline Robin und Markus Waitschacher den Zug vom Grazer Hauptbahnhof nach Feldkirchen am südlichen Stadtrand. Der selbstgewählte Startpunkt für eine 65,92 Kilometer lange Wanderung – und gleichzeitig auch die Ziellinie. Denn das junge Quartett, alle aktiv in den Schnittmengen zwischen Architektur, Kunst, Grafik und Kulturanthropologie, hatte sich vorgenommen, die komplette Stadtgrenze abzuwandern, mit Rucksack, Zelt und Proviant. Im Uhrzeigersinn rund um den Uhrturm. Schon in der ersten Nacht, wachgehalten durch den Lärm röhrender Hirsche im Wald, wurde ihnen klar, wie weit eine Großstadt von ihrem eigenen Rand entfernt sein kann.
Das Umrunden von Städten zu Fuß ist ein faszinierender Topos. Der britische Autor Iain Sinclair bilanzierte 2002 in London Orbital sein Abwandern der 188 Kilometer langen Ringautobahn M25, die parallel zur Londoner Stadtgrenze verläuft. Der Wahlberliner Paul Scraton veröffentlichte 2020 mit dem Buch Am Rand: Um ganz Berlin sein Protokoll von 234 Kilometern Grenzwanderung. Auch Graz war schon Ort einer geografisch-performativen Vermessung, allerdings nicht kreisförmig, sondern linear: Beim Steirischen Herbst 1995 zogen Bernd Knaller-Vlay und Dieter Spath mit der Aktion „city-joker“ in 72 Stunden eine mathematische Gerade mitten durch die Stadt.

Wolkenbruch und Wespen
Deutlich länger, nämlich sieben Tage, dauerte die Rundwanderung im Juli 2020. Trotz der Nähe zur Zivilisation und zum eigenen warmen Bett hielten die vier stoisch an der Route fest. Auch als sie nach einer Wanderung durch das „Gerinne 607992“ und durch dornige Hecken im Wolkenbruch eine enge Schlucht hinunterschlitterten und einer von ihnen auch noch in ein Erdwespennest trat und sie in einer Bahnunterführung in trockene Kleider wechseln mussten. „Das war unser Krisenmoment“, sagt Markus Waitschacher.
Es war nicht die erste gemeinsame Aktion, schon 2016 hatte man sich im stigmatisierten Stadtviertel Gries zusammengefunden. Unter dem Motto „Griesplatzzeichnen“ sprachen sie mit über 100 Bewohnern und ließen sie ihr eigenes Quartier aufzeichnen. „Unser gemeinsamer Nenner ist die Stadtforschung und die Schnittmenge von Kunst und Wissenschaft“, sagt Robin Klengel, als stellvertretender Vorstand des Forums Stadtpark kulturell bestens vernetzt. Als das Grazer Kulturjahr 2020 seinen Open Call für Ideen mit Stadtbezug aussandte, war klar, dass sich diese Ingredienzen wieder ideal mischen würden: Stadterfahrung, Recherche, künstlerische Praxis und Sozialforschung in bislang vernachlässigten Gebieten.
Graz ist unter Österreichs Großstädten wohl eine der zentralistischsten, denn seine Mitte ist mit Schlossberg und Uhrturm seit Jahrhunderten ikonisch markiert. Ein Motiv, das wie eine Magnetnadel die Blicke an sich zieht und in zahllosen Postkarten und Stadtbildern festgehalten ist. Hier dreht sich kaum jemand um 180 Grad um. „Auch für uns war die Grenze fremd, obwohl zwei von uns aus Graz stammen“, sagt Robin Klengel. „Selbst als gebürtiger Grazer kennt man die Stadtgrenze nur an den Punkten, an denen man sie überquert, aber man erlebt diese Punkte nie im Zusammenhang.“ So gab es bei der Stadtumrundung immer wieder Momente, an denen bekannte Orte unvermittelt auftauchten, bevor man dann wieder ins Dickicht der Terra incognita verschwand. „Auch die räumlichen Dimensionen sind anders als erwartet, weil man beim Gehen die Umgebung anders wahrnimmt. Man bewegt sich aufmerksamer, man sieht, riecht und hört“, fügt Adina Camhy hinzu.

Viele Begegnungen
Man bewegte sich auch keineswegs allein durchs Gelände, denn die Begegnungen am Stadtrand waren von vornherein ein wichtiger Teil der Idee. „Es geht uns bei allen unseren Projekten darum, mit Menschen ins Gespräch zu kommen“, sagt Camhy. Und Begegnungen gab es zuhauf: mit einem Großgrundbesitzer, der Betreiberin einer Gärtnerei, einem 24-Stunden-Pfleger, der sich in der Arbeitspause im Auto am Waldrand ausruht. Mit Bewohnern, die das zerzaust aus dem Unterholz auftauchende Quartett fürsorglich verpflegten, und dem netten Gastwirt, der ihnen eine Übernachtung auf der Terrasse anbot. Aber auch mit einem Neo-Hausbesitzer-Jungvater und Security-Leuten, die höflich, aber bestimmt auf die Unbetretbarkeit ihrer Grundstücke verwiesen. Fast alle reagierten freundlich und neugierig.
Diese Randerfahrungen und Begegnungen sind mehr als kuriose Anekdoten, denn sie erzählen viel darüber, wie eine Stadt funktioniert und wie sie sich verändert. Eine eindrückliche Erkenntnis waren das Gasthaus sterben und der Verlust von Treffpunkten. Auch Verkehr und Infrastruktur offenbaren, wenn man sie quer zur Intention benutzt, ihre Schieflage: Straßen, die für die vier Wanderer zur riskanten Gratwanderung wurden, weil sie nicht für Fußgänger vorgesehen sind. Und natürlich Österreichs Liebling, der Kreisverkehr.
Doch auch hier gibt es Arten von Öffentlichkeit, nur sehen sie nicht aus wie der Haupt- oder Jakominiplatz. Es sind Lücken, Leerstellen und Gstettn. Der einsame Parkplatz, auf dem Autofahrer ihre Donuts in den Schotter driften. Ein improvisierter Tennisplatz. Der Lüftungsturm des Plabutschtunnels mitten im Wald, der sich als beliebter Treffpunkt für Jugendliche herausstellte. Dazwischen die wachsende Stadt, in Form von Einfamilienhäusern, mit kollektiven Wohnformen wie dem kooperativen Wohnen von Architekt Fritz Matzinger in Raaba (1978). Im flachen Grazer Süden schließlich das flächenfressende Hinauswuchern der Stadt ins Murtal, mit Gewerbeparks und Einkaufszentren auf beiden Seiten der Stadtgrenze.
Ein Jahr nachdem die vier die Ziellinie überschritten, ist ihr Reisebericht als Buch erschienen. Keine schnelle Instagram-Story, sondern eine liebevoll analoge Sammlung aus Text, Zeichnungen und Fundstücken. Konsequenterweise fanden die ersten Buchpräsentationen diese Woche an den Orten des Geschehens statt: am Rand, im Wirtshaus, bei Akkordeonmusik. Erst dann kommt das Uhrturm-Bürgertum an die Reihe.

(Maik Novotny, Rezension im Standard vom 4. Juli 2021)


https://www.derstandard.at/story/2000127887217/grazrand-in-sieben-tagen-um-den-uhrturm