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Kurzbeschreibung

[Texte von Max Lang.]
[artedition | Verlag Bibliothek der Provinz.]


Neues Tierleben einhauchen

Während der zweiten „Krönchenzeit“ sind mir die freien Ideen vergangen, daher suchte ich nach einer schweren Knochenarbeit, die das Eingesperrtsein vollkommen aussperrte.
Meine gewohnte Kunstmache, z. B. weisse, monochrome, abstrakte und meditative Ornamenttafeln (skulptural), verlangten eine Schöpfungspause.
Da packten mich stark bedrohte Tierfotografien am Schlafittchen.
Durch Ab-, Nach- und Neuzeichnen und Malen versuchte ich den Gefährdeten Tieren in meiner Sicht neues Leben einzuhauchen. Ungeduldig wie ich, drängen sie aus dem Din A4 Format zu entkommen, weil ihnen auch dort der Platz zu klein wird.
Die Köpfe und Körper werden neu komponiert, durch Über- und Untertreibungen, Weglassungen und Dazugaben bekommen die Tierwesen meine persönliche Note. Auch das Drumherum ist von mir inszeniert.
Wichtig ist auch, dass man sich selber an- und auslachen kann. Dieses schelmische Schmunzeln versuchte ich auch an diesen seltenen Physiognomien auszuprobieren, und so lachten sie mich an und aus.
Schön wäre es, wenn diese außergewöhnlichen Geschöpfe mit ihrer Strahlkraft in meinen Nachbildungen nicht verblassen und gewisse Bewunderung hervorrufen würden.
Mittelalteriger Herzspuckaffe präsentiert sein Bestes. Schneeeule grossaugt uns verzaubernd. Wiener Ziesel riecht in freudiger Habachtstellung an Gelbblütigem. Eine Mandrillin mit Hängebusen nimmt mütterlich ihr Baby in schützende Obhut. Das Arkalwildschaf krönt sich mit fossilamonitigen Kreishörnern. Die Dolchstichtaube blutet zierlich und schnäbelt Blühendes. Buntfrosch nimmt Anlauf, um aus dem Papierraum zu entkommen. Hirschebers Zähne durchstossen den Rachenraum kreuz und quer bis zu den Augen. Die Lemurenart hypnotisiert augenstechend und krallt Naturzeichen ins Papier. Antilope wittert himmelwärts. Zauneidechse hauptthront insektenzüngelnd. Koboldmaki turnt alle Viere grossblauäugig und angeberisch mit kugeligen Fingerkuppen. Der Eulenschwalm erträgt einen hoffärtigen Kroneprachtfinkpapagei kopffederkraulend.
Ob ledern, knochig, pelzig, haarig, federig oder hornig, Hauptsache Maulwinkel hochgezogen.
Zipfeliger Unschuldschauer; nacktmullischer Hepatitenbeisser; drachiger Wasserrotzüngler; Axolotischer Geweberegenerierer; Nasenschleckkatze mit Ohrenschmuck. Philippinisches Krokodil berührbar, ziert im Rachen tintige Liebesmale. Kopfüberflughündisch verpisst er sich coronaunschuldig. Der Dachs liebäugelt schweinsschnäuzig. Mittelspecht hämmert wie belämmert. Felsenpinguin hüpft vor Schlangentanz. Unterwasserdrache feuerzüngelt doppellippig.

(Tone Fink)



Heute, nach dem Mittagessen,
bin ich die Straße hinabspaziert
und ein bunter Vogel ist mir
entgegengekommen, schüchtern
hat er in die Auslage eines
geschlossenen Geschäfts geschaut,
sein Spiegelbild zurechtgerückt:
die Perrücke, den Ausschnitt,
den Rock, darunter die Beine,
die Lippen, ganz langsam
haben sie sich bewegt,
als spräche er mit sich selbst
oder als antworte er
auf den Ruf eines Freiers.

(Max Lang)



Rezensionen
Die Presse: Am Schlafittchen gepackt von Axolotl und Helmhokko

In der „zweiten Krönchenzeit“ seien ihm die Ideen vergangen, daher suchte er nach einer „schweren Knochenarbeit, die das Eingesperrtsein vollkommen aussperrte“. Ergebnis dieser Knochenarbeit des bildenden Künstlers und Filmemachers Tone Fink ist ein großformatiger Band mit Zeichnungen bedrohter Tiere, denen er aus seiner Sicht „neues Leben eingehaucht“. Allerdings wird ihnen auch hier das DIN-A4-Format zu klein, der Platz zu eng, wie der Künstler im Vorwort erklärt, sie scheinen aus den Seiten herauszudrängen. Mit aufgerissenen Mäulern und großen Augen klagen sie die Betrachter an. Tone Finks Zeichnungen sind exzessiv und bunt, die Tiere ausdrucksstark, mit „seltenen Physiognomien“, einige sind gar Fabelwesen. Manche haben einen kleinen Text von Max Lang dazu bekommen, manche müssen ohne vorliebnehmen – so ungerecht, wie die Welt eben ist.

(Rezension im Presse-Spectrum vom 23. Oktober 2021, S. VI)


Ingrid Bertel: Wenn der Schwertdrache um die Arche kreist

In einer Arche voller zauberhafter Tiere schwimmt Tone Fink der Pandemie davon, Leichtmatrose Max Lang gibt dem alten Piraten das Geleit. „Während der zweiten ‚Krönchenzeit‘ sind mir die freien Ideen vergangen“, schreibt Tone Fink. Deshalb habe er nach „einer schweren Knochenarbeit“ gesucht, „die das Eingesperrt-Sein vollkommen aussperrte.“ Das Ergebnis liegt nun als Kunstbuch vor. Tone Fink hat Tiere portraitiert – seltene, bedrohte und sehr bedrohte, teilweise frei, teilweise nach Aufnahmen des amerikanischen Fotografen Joel Sartore. Es finden sich in „Arche.Tone“ aber auch allerhand „Bestien und real existierende Wesen“ nach Holzschnitten aus Conrad Gessners „Historia Animalium“ (1550).

Sie alle lädt Tone Fink in seine Arche und haucht ihnen neues Leben ein, ein sehr expressives Leben. Der Buntfrosch versucht dem konsequent eingesetzten A4-Format – bei dem bisweilen die Perforierung des Blocks erhalten geblieben ist – zu entkommen. Manch anderes Tier füllt das Format mit seinem Geweih oder sprengt den Rahmen mit einem sich sträubenden Fell. Sie strahlen vor jugendlicher Körperspannung (wie sie auch ihrem Schöpfer Tone Fink zu eigen ist) und sind prachtvoll anzusehen, vor allem der australische Seelöwe. „Aus den Skeletten der toten Fische bastelt er sich Schmuck“, schreibt Max Lang, „manchmal Gewinde, die er stolz um den Hals trägt.“
Von „seltenen Physiognomien“ spricht Tone Fink – und tatsächlich sind seine Tiere Individuen, ihr Ausdruck so differenziert wie ein menschlicher. Verzückt, die Augen genießerisch geschlossen, riecht das Zieserl an einer Löwenzahnblüte, taucht eine Pfote zart in die Blütenblätter – mit einem Lächeln, so zauberhaft, dass man sich nicht von diesem Bild lösen mag. Ein Mandrill-Weibchen breitet schützend die Arme um sein Junges. „Der Mandrill“, schreibt Max Lang dazu, „schläft tagsüber an einen Baum gelehnt. Selten entfernt er sich weit von seiner Lagestätte. Dann nur, um einen Freund zu besuchen oder im Geist durch die Welt seiner Vorfahren zu streifen.“
Und über die Schnee-Eule: „Wenn sich ihr ein Mensch nähert, schließt sie sofort ihre leuchtenden Augen.“ Leuchtende Augen haben viele von Tone Finks Tieren. Das Fingertier hat darüber hinaus eine äußerst feinnervige „Hand“. Und der Liebaffer präsentiert nicht nur stolz seine Genitalien, sondern auch seine rot lackierten Nägel. Aus seinem Maul flammt eine Vulva. Er sei sehr romantisch, behauptet Max Lang: „Zuweilen überrascht er seine Frau mit einem Geschenk. Oder er führt sie in einer stillen Mondnacht zu jenem Platz, an dem sie sich kennenlernten.“
Tone Fink erweist sich in diesen Bildern als unglaublich vielseitiger Kolorist. Es gibt bestimmt nicht viele Maler, die über eine derart feine und umfangreiche Palette verfügen. Studieren lässt sie sich in den am Ende des Buches angefügten „Tierfarbmischblättern“.

Fabelwesen
Der Liebaffer gehört zu den Fabelwesen aus Conrad Gessners „Historia Animalium“, ebenso wie das Sprungeichkätzchen mit seinen langen Hasenohren und eine Anzahl höchst merkwürdiger Fische mit Drachenflügeln, langer Zunge und feuerroten Augen. Nicht aufgenommen in seine Sammlung hat Fink den wohl berühmtesten Holzschnitt aus der „Historia Animalium“: Albrecht Dürers „Rhinocerus“. Und wer in „Arche.Tone“ blättert, wird den Grund dafür bald ahnen.
Dürer hat selber nie ein Nashorn gesehen. Seinen Holzschnitt gestaltete er 1515 nach einem Brief und einer Skizze von Valentim Fernandes. Dieser hatte das Nashorn – ein Geschenk an den portugiesischen König Manuel I. – in dessen Menagerie im Ribeira-Palast gesehen. Dort genoss das Tier, das in Europa seit Jahrhunderten nicht lebend gesehen worden war, einen beinahe mythischen Status. Kein Wunder also, dass Gessner 35 Jahre später Albrecht Dürers halb erfundenes Geschöpf mit seinem gepanzerten Körper in die „Historia Animalium“ aufnahm. Erstaunlich aber ist, dass Dürers Holzschnitt Jahrhunderte lang das Vorbild für naturwissenschaftliche Werke abgab.
1790 veröffentliche James Bruce in seinem Buch „Reisen auf der Suche nach den Quellen des Nils“ eine Abbildung des Nashorns, die er folgendermaßen beschrieb: „Das hier abgebildete Tier ist in Tscherkin, bei Ras el Feel, heimisch … und diese Zeichnung ist die erste, die ein Rhinozeros mit zwei Hörnern dem Publikum vorführt. Die erste Darstellung des asiatischen Nashorns, welches nur ein Horn besitzt, wurde von Albrecht Dürer nach der Natur gemalt … Sie war erstaunlich ungenau in allen ihren Teilen und war das Vorbild all der ungeheuerlichen Formen, unter denen das Tier immer wieder gemalt wurde. … Hier ist die erste veröffentlichte Darstellung eines Nashorns mit zwei Hörnern. Es ist nach der Natur gezeichnet und stellt eine afrikanische Art dar.“
Die Illustration, die da so vollmundig angekündigt wird, sieht allerdings ziemlich mittelalterlich aus und kann die Nähe zu Dürers „Rhinocerus“ keineswegs verleugnen, stattet doch auch sie das Tier mit Panzerplatten aus. Wir, die wir Nashörner im Zoo oder im Fernsehen gesehen haben, können beurteilen, dass da auch anatomisch einiges nicht stimmt.

Zeichnen nach der Natur
Vielleicht aber ging es Dürer, anders als James Bruce, gar nicht um ein „Zeichnen nach der Natur“. Wenn er die Haut des Nashorns in Form von schuppigen Platten wiedergab, betonte er deren Rauheit. Vielleicht wollte er sich nicht auf eine rein visuelle Darstellung beschränken. Unsere kulturelle Vorstellung von einem Nashorn wäre jedenfalls nicht ärmer, wenn sie taktile Sensibilität miteinschlösse. Auf jeden Fall zeigt das Dürer’sche Nashorn, dass der Künstler die relevanten Merkmale des Tiers gültig definierte. Und darin besteht die Aufgabe der Kunst. Tone Fink stellt sich dieser Aufgabe, und es ist der Respekt eines Künstlers vor einem großen Kollegen, wenn er das „Rhinocerus“ nicht in seine Sammlung aufnimmt.

Schnell, mutig und listig
„Das dosig Thier ist des Helfantz todefeyndt“, heißt es im Text zu Dürers Holzschnitt. Der Elefant fürchte das Nashorn, weil es ihm mit dem Kopf zwischen die Beine fahre und ihm den Bauch aufschlitze. „Sie sagen auch das der Rhinocerus Schnell/ Fraydig und Listig sey.“ Verblüffende Parallelen zu Max Langs Erzählungen tun sich auf: Auch er mischt fröhlich populärwissenschaftlichen Stil mit frei flottierendem Märchen. Auch er betont – und bleibt damit nah an Tone Finks künstlerischem Gestus – das Menschenähnliche der Tiere. „Er ist äußerst feindselig“, schreibt er beispielsweise über den Felsenpinguin mit seinen wilden gelben Augenbrauen. „Menschen, die in sein Revier eindringen, straft er mit bösen Blicken.“
Rund um Tones Arche schwimmt der Schwertdrache, dessen Schwanz einer Säge gleicht und den Bug der Arche durchaus anritzen könnte, hätte er nicht noch eine weit bedeutendere Waffe, wie Max Lang weiß: „Es heißt, wenn man ihn reizt, können seine Blicke das Herz des Menschen durchbohren.“
Superkräfte haben sie leider nicht, die bedrohten und die legendenhaften Tiere in diesem Buch. Aber ihr Stolz und ihre Schönheit, ihre Frische und ihre Zartheit lassen uns erahnen, dass wir im Begriff sind, eine ganze Welt zu zerstören. Vielleicht baut Tone Fink seine Arche gegen den Klimawandel. Und dann hat er sicher Max Lang als Gefährten mit an Bord.

(Ingrid Bertel, Rezension in der Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Ausgabe Dez. 21/Jän. 22, online veröffentlicht am 10. Dezember 2021)


https://www.kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/wenn-der-schwertdrache-um-die-arche-kreist


Gregor Auenhammer: Bedrohtes Blinzeln

Situationselastisch betrachtet ließe sich die im Zuge der Verschmutzung und Zerstörung der Natur gefährdete Artenvielfalt, die durch die epidemisch grassierende Versiegelung des Bodens global bedrohte Tierwelt, jenseits von Afrika und diesseits von Schönbrunn auch mal so beschreiben: „zwei- und vierfüßig / fliegend oder rennend / bedrohtes blinzeln / gähnend empathisch / flossen wedelnd / wurfmäulig / lachschnäuzig / schutz umhegt / augen verdreht / zungenzeigerd / papiergeblitzt / betrachterfixiert / maulvergeigt / menschenverwandelt / haarig sträubend / langohrnäselnd / gestochen, gebissen / hufgeschlagen / warnzähne zeigend / tier.in.mir / oh mensch schwerenöter / nahe verwandte töter / familientierbande / überlebenstraum am rande.“ Diese Verse ohne Seitenteile stammen von Allrounder Tone Fink, und beziehen sich auf das, wie er sagt, „tier.mit.mir“. Alles klar? Wie üblich lädt der aus Vorarlberg stammende Künstler zum Nachdenken ein. Im Hinterfragen der Vielseitigkeitsprüfung hat er in seinem aktuellen Skizzenbuch vom Aussterben bedrohte Spezies versammelt und, wie weiland Noah selig, auf seine ganz private Arche Tone verfrachtet. Dass die Auswahl der porträtierten Tiere nicht rein dem Zufall überlassen wurde, darf, aus Kenntnis des 1944 geborenen Künstlers, vorausgesetzt werden. Erratisches und Erhellendes präsentiert des Finken Rettungsboot. Manch Tier mag ein Spiegelbild des Menschen sein. Lüstern, verschlagen und schlau. Gähnend, zum Gähnen, den Kopf in den Sand steckend. Schnell oder langsam von Begriff. Aber gemach, gemach! Nein, als Illustration für vom Steuerzahler unfreiwillig finanzierte Umfragen, welches Tier wohl welchem Homo politicus entspräche, kann und will Tone Finks Panoptikum nicht dienen; obwohl auch hier Lemuren und Ratten ins Licht gerückt sind.

(Gregor Auenhammer, Rezension im Standard-Album vom 26. Februar 2022, S. A7)


Max Lang: Vogelweidplatz

Der Maler Tone Fink gestaltete in einer bestimmten Schaffensperiode Abbildungen seltener, vom Aussterben bedrohter Tiere. Zu ihnen gehört der „Felsenpinguin“ mit seinen langen, gelben Augenbrauen. In der Erzählung des Vorarlberger Autors Max lang geschieht mit dem Maler eine wundersame Verwandlung. Die Ö1-Erstveröffentlichungsreihe „Kunstgeschichten“ widmet sich dem Kunstblick von Autorinnen und Autoren.

I
Er habe sich schon wieder den ganzen Vormittag lang überlegt, wie er mich ärgern könne, sagte er, als ich sein Atelier betrat. Aber leider sei ihm nur „fürstlicher Baron“ als neuer Spitzname für mich eingefallen, in Anspielung auf meine beiläufige Aussage, ich würde gerne in einem Schloss wohnen. „Der arme Schlucker in einem Schloss“, lachte er, absichtlich übertrieben, um mich nicht allzu sehr zu kränken. „Nehmen Sie Platz Herr Baron, ich komme dann schon.“
Plötzlich war er reumütig. Er sagte, er müsse aufpassen, mich nicht zu sehr zu verstimmen, sonst käme ich nicht mehr zu ihm. Und ich sei doch sein bester Zeitvertreib, die Zeit vergehe mit mir wie im Flug, niemand könne sich den ganzen Wahnsinn so lange anhören wie ich. „Du bist ja wirklich ein Geduldsesel mit mir.“ Ich hätte ja auch etwas davon, sagte ich, immerhin könnte ich ihn als Stoff für meine Geschichten verwenden. „Dann sollte ich dir ja noch was dafür verrechnen“, trötete er.
Aber es sei wirklich ein Problem, gestand er, denn vorhin habe er sich zum Beispiel sehr geärgert, dass ich schon wieder keinen Kaffee mitgebracht hätte, und das sei doch eigentlich völlig wurscht, aber es beschäftige ihn. „Gestern Nacht hab ich mir noch gedacht: Bringt der jetzt endlich einen Kaffee mit oder nicht?“ Er sei so kleinlich, klagte er sich an. Aber er sei wenigstens ehrlich. „Ich bin ein offenes Buch, in mir kannst du alles nachlesen.“
Er war gerade dabei, eine Serie von Tierbildern zu zeichnen. Er zeigte mir die ersten Entwürfe: „Schau, alles vom Aussterben bedrohte Arten. Ein Wahnsinn, was die Natur alles kann. Jede Taube ist schöner als wir. Und trotzdem besteht alles nur aus Säften, Knochen, Haut, Abfall und Scheiße.“ Er strich mit dem Finger über das Bild eines Fisches, der mit der Flosse ein Ornament in den Meeresboden schrieb. „Das würde ich auch gerne können“, sagte er. „Damit wäre ich viel besser bei den Frauen angekommen als mit meinen Stricheleien.“
Ich wünschte ihm viel Erfolg für sein neues Vorhaben. Ich wunderte mich, dass er plötzlich in naturalistischer Manier Tiere malte. Aber er würde bestimmt flunkern. „Wir lügen doch alle“, sagte er. „Künstler sind die größten Lügner, und Sie, Herr Baron, sind der schlimmste Lügenbaron auf der Welt“, trötete er. Dann setzte er sich an den Tisch und arbeitete, und ich wusste, dass es jetzt Zeit war, das Atelier zu verlassen.
Ich ging über den Vogelweidplatz, ein kleiner Park, in dem wir uns im ersten Lockdown oft getroffen hatten. Wir saßen auf einer Bank und beobachteten die Tauben. Die Männchen bewegten sich tänzelnd um die Weibchen. Er flippte fast aus: „Schau dir das an“, rief er. „Das gibts nicht. Wie der sich aufführt. Aber sie lässt ihn nicht. Er muss sich eine andere suchen.“ Die Pandemie schien ihm überhaupt nichts auszumachen. „Die Welt geht unter, und ich male Tierbilder“, sagte er. Immer sprang er von Gedanke zu Gedanke, von Bild zu Bild, von einem Bein aufs andere. Stillsitzen konnte er nicht. In der Pandemie sei alles erstarrt. Das „Krönchen“, wie er es nannte, hatte die Welt in einen Tiefschlaf versetzt. „Wenigstens muss ich jetzt nicht mehr auf irgendeine scheiß Vernissage gehen.“
Ich nahm mir vor, ihn bald wieder zu besuchen. Das Wetter war schlecht, die Lokale waren zu, die Pandemie hatte alles im Griff. Zuhause saß ich in meinem Arbeitszimmer und starrte den Bildschirm an. Ich beneidete ihn um seinen Beruf. Gerne hätte ich etwas anderes gemacht. Stattdessen tippte ich Worte in die Tastatur, die keinen Sinn ergaben.

II
„Der Stinkfink finkelt schon wieder am Tierblatt herum“, sagte er, als er wieder in einem seiner Sinn- und Unsinnsräusche war. Bei niemandem, den ich sonst kannte, lagen Genie und Irrsinn so nah beieinander. „Hickhackhuck, ich geb mir einen Ruck. Die Kunst ist doch kein Augenschmaus, heut scheiß ich meinen Dickdarm raus.“ Aber seine Bilder waren klug, ihre Harmonie immer ein Stück weit gebrochen. Es durfte nie zu schön sein. „Wenn es sich zu gut fügt, ist es schlecht. Man muss früh genug aufhören.“ Er überließ vieles dem Zufall. Oft drehte er die Bilder um und behauptete, hinten sähen sie besser aus als vorne. Manchmal dachte ich, er habe richtige Angst vor der Schönheit. „Es darf nicht kitschig werden.“ Am liebsten waren ihm die Bleistiftzeichnungen, die fast auf dem Papier verschwanden. Man musste sich über das Blatt beugen, um das Gezeichnete zu sehen. In seiner Lieblingsfarbe Weiß löste sich alles auf. Die monochronen Bildtafeln, seine Malerei, waren das zweite Standbein neben dem Zeichnen: Reliefs, die an archaische Formen erinnerten. „Es ist immer schon alles dagewesen“, sagte er. „Ich hab ja vieles abgeschrieben. Wie alle anderen auch.“
Ich wollte ihm von meinem momentanen Befinden erzählen, aber das interessierte ihn nicht. Es sei doch schön, für die Natur sei dieser Zustand das Beste. Niemand fliege irgendwohin, die Autos stünden still, die Leute blieben zuhause. Er sei noch nie so glücklich gewesen. Täglich gehe er hinaus, zum Vogelweidplatz, und mache Fotos von den wenigen Blumen, die vom Sommer noch übrig waren. Am Abend spreche er dann ein Gebet für seine Liebsten. Es war rührend, wie er sich in Gedanken um seine Familie und seine Freunde kümmerte. „Sooft ich mich über alle ärgere, sooft wünsche ich ihnen das Beste.“ Er lebte seinen Widerspruch permanent aus, vor allem in der Kunst. „Jetzt mal ich Tierbilder, damit die Leute endlich wissen, woher ich komme.“
Trotzdem hatte er Angst, man könnte ihn deswegen für einen Biedermeierkünstler halten. „Plötzlich malt der Fink Tiere ab. Dem ist die Pandemie zu Kopf gestiegen.“ Aber ihm sei das egal. Mit 77 Jahren dürfe er machen, was er wolle. „Und danach ist es sowieso wurscht. Nach mir die Sintflut.“ Ich fragte ihn, wer denn eigentlich seinen Nachlass aufarbeiten werde. Er habe jemanden im Blick, einen Kurator. „Der muss sich dann durch den ganzen Wahnsinn wühlen.“
Während er an seinen Tierbildern arbeitete, die sich allmählich um ihn auszubreiten begannen, stand ich vor fünf hohen Tafeln, die von unzähligen Farbzapfen übersät waren und die wie große Reliefs an der Wand hingen. Es waren seine Jahrzehntebilder, jede Farbsäule stand für einen Tag. „Warum machst du es nicht komplett? Es fehlen noch zwei“, fragte ich. Es sei ihm zu mühsam. Ihm fehle inzwischen die Präzision. Schicht für Schicht müsse die Farbe aufgetragen werden, damit jene Zapfen entstehen, die wie Stacheln aus der Leinwand herausragten. „Man muss ja nicht alles zu Ende denken“, sagte er und strichelte weiter an seinem Tierbild.
Mir gefiel die Idee. Aber ihn interessierte nicht, was einmal abgeschlossen war. Für ihn gab es nur die Gegenwart, vielleicht noch die nähere Zukunft. „Heute ist der schönste Tag in meinem scheiß Leben“, sagte er oft. Er war glücklich, wenn seine Tochter ihn besuchen kam. Seinen Enkel liebte er über alles. Wenn eine seiner Lieblingssendungen im Fernsehen kam, war er den ganzen Tag über aufgeregt. Auch bei jedem Fußballspiel, bei dem Österreich dabei war, ging es ihm so. Er war ein zufriedener Mensch.
Und er war frustriert. Sein Knie müsse noch einmal operiert, das künstliche Gelenk noch einmal geöffnet werden, erzählte er mir. Immerhin sei es kein bakterieller Infekt, das hätten die Ärzte nämlich befürchtet. „Bei jedem Schritt ein tiefer Schmerz, ich sags dir. Da wärst du längst wahnsinnig geworden. Wir Kriegskinder vertragen einfach mehr. Wir sind nicht so verweichlicht wie ihr Jungen.“
Das stimmte natürlich. Alle Probleme, die ich hatte, waren Luxusprobleme. Trotzdem überfiel mich manchmal grundlos die Angst. Es konnte im Zug sein, im Auto, in der U-Bahn oder zuhause. Es fühlte sich an, als würde ich sterben oder verrückt werden. Er kannte das natürlich nicht. Selbst wenn, dann hätte er es nie zugegeben. „In Mexiko bin ich einmal überfallen worden“, erzählte er. „Der Kerl hat mir die Pistole an die Brust gesetzt und nach meinem Geld verlangt. Ich hab meine Hand auf den Lauf gelegt und ihm auf Bregenzerwälderisch erklärt, er solle das <Öfele> wieder einstecken. Dann ist er gegangen.“
Ich stand wieder vor den Jahrzehntebildern. „Ich weiß nicht, was du mit denen hast“, sagte er. „Das ist doch Geometrie, Mathematik. Eigentlich wäre es tot, würden sich die Zapfen nicht bewegen.“ Jedes Jahrzehnt war voller als das vorangehende, jedes trug eine schwerere Last, war dunkler, neigte sich dem Boden zu. „Das ist eines deiner Hauptwerke“, sagte ich, aber ihn interessierte nur das Gefieder seines neuen Tierbilds.
„Ich werde einmal deine Biografie schreiben, habe ich dir das schon erzählt?“ Das freue ihn, und ich könne gleich damit anfangen. „Schreib, was du willst. Ich bin ein Kriegskind, mich kann nichts mehr schrecken. Nur zu, zieh mich aus, zieh mich an, der Fink ist kein Spielverderber und freut sich über deine Worte.“ Plötzlich fiel mir ein, dass ich, um eine Biografie zu schreiben, sein ganzes Leben durchforsten müsste. Dafür würde ich ihn stunden-, tage-, ja wochenlang interviewen. Ich sah zu ihm hinüber, wie er am Tisch saß, mit den Füßen wackelte, über das Blatt gebeugt, seine Zunge herausstreckte und seltsame Laute von sich gab. Plötzlich graute mir. „Du könntest auch eine Autobiographie schreiben“, schlug ich vor, „du kannst mit Worten umgehen, das wäre bestimmt interessant.“
Für ihn war es aber beschlossene Sache. Ich verabschiedete mich eilig, und er hob kurz die Hand, als ich bei der Tür war. Bis morgen, sagte er, und ich überlegte, ob ich nicht ein paar Tage Pause einlegen sollte, bis er das mit der Biografie wieder vergessen hätte.

III
Leider vergaß er nie die Dinge, die ihn selbst betrafen. In den Tagen nach meinem Besuch bekam ich immer wieder Fotos von ihm zugeschickt, auf denen seine Notizbücher abgebildet waren, ein wildes Durcheinander von Gedanken, Bildern, Sinn- und Unsinnssprüchen. „Der Buchfink wurmt im alten Papier zu Buche und schaubuchobjektelt in weißer Bibliothek, nicht unumstößlich gipsern, mit eisernem Kern, rathäuslich!“, hieß es da. „Das Blendwerk nicht erblindend einblenden, tut gut. Die Erzbücherei mit Gegenbüchern zu bestücken, ist manchmal vonnöten“, und weiterer Unsinn, der jedoch immer mehr Sinn ergab, je öfter man ihn las. Ich antwortete, dass ich bald wieder vorbeikäme, und wir verabredeten uns auf den nächsten Sonntag.
Ich dachte an das Jahrzehntebild, an seine Klarheit, seine Haptik, sein Spiel mit Schatten und Licht. Natürlich wirkte das Bild eisern, wegen seiner grauen Farbe, es war steril, aber es hatte etwas Sakrales, vielleicht sogar Monumentales, das mich sehr ansprach. Hier hatte er ausnahmsweise über den Papierrand geblickt, hier hatte er einmal zurückgeschaut und Bilanz gezogen. Es war eine Chronologie, vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Jahrhunderts, fünf Jahrzehnte, die er mit Leib und Seele erlebt hatte.
Er hatte von Artmann über Jandl bis Mayröcker alle getroffen, die mit ihm artverwandt waren. Wenn die anderen Künstler ihn sahen, lachten sie, weil sie seine Erscheinung witzig fanden. Was er aber wirklich über Kunst dachte, über die anderen Namen, über Brus, Lassnig, Rainer, über die Gesellschaft, über das Leben, das alles verbarg sich hinter seinen Wortspielen, hinter seinen sprunghaften Gedanken.
Mir fiel eine Zeichnung ein, die ich nachmittags bei ihm entdeckt hatte und die schon relativ alt war. Sie zeigte einen großen Wagen mit vier Rädern, ein Fantasiegestell, daneben Blumen und Hufeisen, ein Hammer, Gräser, alles Reliquien aus seiner Kindheit. Sein Vater war Schmied gewesen, er wuchs in in einem Dorf im Bregenzerwald auf, umgeben von Wiesen und Wäldern. Vielleicht muss ich seine Biografie anhand seines Werks erzählen, dachte ich, und mit dem Gedanken schlief ich zufrieden ein.

IV
Über Nacht hatte sich der Schnee in Matsch verwandelt. Der Vogelweidplatz war leer, als ich ihn nachmittags durchquerte. Die Fitnessgeräte waren verwaist. Auf den Bänken lag Müll. Die Tauben waren ausgeflogen und über den Bäumen hingen schwere graue Wolken.
Ich machte mich auf alle möglichen Sticheleien gefasst, da er mehrere Tage lang Zeit gehabt hatte, sich welche auszudenken. Was würde eigentlich passieren, wenn er plötzlich damit aufhörte? Ich sah ihn vor mir, schweigsam, zuvorkommend, freundlich. Mir gefiel der Gedanke nicht. Er sollte sich in seinem Alter nicht mehr ändern müssen, jemand wie er hatte Narrenfreiheit, schließlich meinte er es ja nicht wirklich böse, auch wenn er immer wieder das Gegenteil behauptete.
Die Tür stand offen, ich trat ein und sah ihn am Tisch sitzen. Eine seltene Stille ging von ihm aus. Beim Schein seiner Lampe setzte er Strich für Strich behutsam auf das Papier. Er begrüßte mich freundlich und versank daraufhin wieder in seine Arbeit.
Um ihn herum lagen unzählige Blätter am Boden verstreut. Auf allen sprangen Tiere hervor, mit prächtigem Gefieder, riesigen Augen, mit langen Krallen, Zähnen und Stacheln. Ich setzte mich und erzählte ihm davon, welche Gedanken ich mir zu seiner Biografie gemacht hätte, welche Vorgehensweise ich mir ausgedacht habe, welche Werke vielleicht in Frage kämen. „Alles klar“, sagte er nur, ohne aufzublicken. „Ich bin einverstanden.“
Ich drehte eine Runde und schaute immer wieder zu ihm hinüber. Er lächelte, es störe mich ja nicht, wenn er arbeite? Ein Fingertier, das aus seiner Höhle kam, starrte mich an, als hätte ich es gerade aufgeschreckt. Auf einem Sessel fand ich eine Katze, die auf ihren ausgestreckten Krallen stand und mich anfauchte. In einen leeren Bilderrahmen hatte er einen Pfeilgiftfrosch gehängt, dessen Zunge gefährlich aus dem Blatt ragte.
Ich setzte einen Kaffee auf und widmete mich seinen früheren Zeichnungen. Ich sah sie nach Themen durch, versuchte, ein wenig Ordnung in seinen Kosmos zu bringen. Während ich blätterte, hörte ich das Kratzen und Schaben seines Bleistifts auf dem Papier. Er murmelte etwas in sich hinein, und ich fragte ihn, ob er heute nicht in Stimmung sei für meinen Besuch. „Doch“, sagte er, „du bist doch mein allerliebster und größter Schatzhatzhatz.“ Es war unheimlich, ihn inmitten seiner Tiere zu sehen.
Ich verabschiedete mich, ich müsse noch einen Freund besuchen, dem es pandemiebedingt nicht gut gehe. Er schwieg. Ich trat näher an den Tisch heran, und noch immer nahm er keine Notiz von mir. Er zeichnete das Fell, die Augen, die Flossen. Unter seinen Händen nahm ein Pinguin Gestalt an, mit rotem Schnabel, bedrohlichem Blick. „Der Tierfink macht den Schnabelmund mit feuerrotem Pinsel rund“, murmelte er. Auch die anderen Tiere sahen mich jetzt an. Ich hatte genug, drehte mich um und ging rasch zur Tür.
Als ich aus dem Atelier trat, stieß er einen gellenden Schrei aus.

(Max Lang, Ö1-Kunstgeschichte „Vogelweidplatz“, gesendet am 27. Februar 2022 in der Reihe »Ö1 Kunstsonntag: Neue Texte«, Text online veröffentlicht am Ö1-Website, Redaktion: Edith-Ulla Gasser)


https://oe1.orf.at/artikel/691774/Vogelweidplatz-von-Max-Lang