Verschleppt
Die Geschichte von Francisca und João oder wie zwei Indigene aus Brasilien nach Wien kamen · Bericht
Kurt Schmutzer
ISBN: 978-3-99126-219-0
21,5×15 cm, 248 Seiten, zahlr. farb. Abb., fadengeheftetes Hardcover m. Lesebändchen
34,00 €
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Kurzbeschreibung
Im Herbst 1821 sorgt die Ankunft zweier Indigener aus Brasilien in Wien für Schlagzeilen. Francisca und João gehören zum indigenen Volk der Borun, von den Kolonisatoren abfällig als „Botukuden“ bezeichnet. Ihr auffälliges Aussehen mit den charakteristischen Ohr- und Lippenpflöcken macht sie zur Zielscheibe von Vorurteilen und kolonialistischen Überlegenheitsfantasien. Sie seien wilde Kannibalen, behauptet die kolonialistische Propaganda.
Es ist die Zeit, in der die brasilianische Regierung Krieg gegen die Borun führt, die sich vehement gegen das Vordringen der Europäer wehren. Francisca und João werden aus ihrer Heimat deportiert und verschenkt – an den Naturwissenschaftler Johann B. Emanuel Pohl, der im Auftrag des österreichischen Kaisers Franz I. Brasilien erforscht. Er will „Ureinwohner“ aus Brasilien nach Wien bringen, um auf seine Forschungen aufmerksam zu machen. Ein PR-Coup und eine Geste imperialistischer Verfügungsmacht. Zwei Jahre lang leben Francisca und João in Wien, bestaunt von Schaulustigen, verschleppt in eine fremde Welt, aus der es – zumindest für Francisca – kein Zurück mehr gibt.
Der Historiker Kurt Schmutzer zeichnet den Lebensweg der beiden Indigenen nach und enthüllt die Verstrickungen der Habsburger-Monarchie in den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts.
[edition SCIENCE · Verlag Bibliothek der Provinz]
Rezensionen
Simon Hadler: Die „Botokuden“ von WienZwei Indigene aus Brasilien wurden Anfang des 19. Jahrhunderts an den Wiener Hof verschleppt und waren dort als „Wilde“ und „Menschenfresser“ der Schaulust der „besseren“ Gesellschaft ausgesetzt. Ihre so tragische wie spannende Geschichte hat Kurt Schmutzer, Mitarbeiter des ORF-Archivs, gelegentlicher ORF-Topos-Autor und Historiker mit ausgewiesener Brasilien-Expertise, für sein Buch „Verschleppt“ recherchiert.
Die „Botokuden“ waren jahrhundertelang eine Legende. Abschätzig so genannt wegen der breiten Lippen- und Ohrenpflöcke („botoques“, portugiesisch für „Holzpflöcke“), leisteten sie der portugiesischen Kolonialmacht erbitterten Widerstand, und zwar von Anfang an. Schon aus dem Jahr 1554 berichtet der Historiker Heinrich von Handelmann in seinem 1860 erschienenen Monumentalwerk zur Geschichte Brasiliens: „(…) Weiter im Süden sah sich Porto Seguro (eine Hafenstadt, Anm.) in den Vernichtungskampf hineingerissen, welchen der wilde Stamm der Botokuden (…) führte (…). Alle Stämme längs der Küste (…) hatten sich jetzt zu einer Eidgenossenschaft vereinigt, an deren Spitze der große Häuptling Cunhambebe stand – ein Krieger, ebenso tapfer wie grausam, der sich rühmte, er habe an 5.000 Feinde erschlagen und von ihrem Fleische gegessen.“ Aus: Heinrich Handelmann, „Geschichte von Brasilien“, Manesse (1987)
„Ihr grausames Gelüst nach Menschenfleisch“
Die Versklavung Indigener war schon damals verboten – mit ausdrücklicher Ausnahme dieser Gruppen, wie aus einem von Handelmann zitierten Erlass des damaligen portugiesischen Königs Sebastian des Ersten im Jahr 1570 hervorgeht, weil sie angeblich, „um ihr grausames Gelüst nach Menschenfleisch zu befriedigen, fortwährend die Nachbarstämme oder die portugisieschen Niederlassungen anzugreifen pflegten“.
In den folgenden Jahrhunderten wurde immer wieder Krieg geführt gegen jene Indigene in den heutigen brasilianischen Bundesstaaten Minas Gerais, Espirito Santo, Rio de Janeiro und Bahia. Das war auch Anfang des 19. Jahrhunderts noch so. Und zu diesem Zeitpunkt steigt Schmutzer in seinen Bericht über João und Francisca ein. Schmutzer verwendet nicht die abwertende Fremdbezeichnung „Botokuden“, sondern spricht von „Borun“, einem selbstgewählten Sammelbegriff mehrerer Gruppen von Indigenen mit einer gemeinsamen Sprache und ähnlichen Traditionen, die in Nachbarschaft zueinander lebten.
Polygame Nomaden
Über sie weiß Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied zu berichten. Er hielt sich im Rahmen einer Forschungsreise im Zeitraum zwischen 1815 und 1817 in Brasilien auf und publizierte den ersten ausführlichen – und vergleichsweise wenig vorurteilsbehafteten – ethnografischen Bericht. Wied-Neuwied hielt sich mehrere Wochen lang in unmittelbarer Nähe der Borun auf und stand im Austausch mit einer Gruppe, die mit der Kolonialmacht in relativem Frieden lebte. Unter ihnen lernte er auch zwei kennen, die von den portugiesischsprachigen Verwaltern João und Francisca genannt wurden. Die beiden müssen damals um die 16 Jahre alt gewesen sein.
Die Borun lebten damals, wenn sie sich nicht für die Kolonialherren verdingten, als polygame Nomaden im Urwald. Wie sie immer wieder dort, wo sie sich aufhielten, einfache Hütten aus Palmblättern aufbauten, scheint Wied-Neuwied fasziniert zu haben, er fand die Borun fleißig und auch witzig und klug. Nur, um dann an anderer Stelle, wenn er nicht über seine eigenen Beobachtungen schrieb, sich im Gegensatz dazu wieder dem weit verbreiteten Vorurteil anzuschließen, sie seien faul und unzivilisiert. Ein Vorurteil, das wohl deshalb entstanden war, weil sich die Indigenen auf den Plantagen der Kolonialherren nicht gegen ihren Willen schinden lassen wollten und an ihrer Kultur festhielten.
Nach Europa verschleppt
Wied-Neuwied schloss sich dem allgemeinen Urteil an, die Borun müssten zivilisiert und missioniert werden, obwohl er forderte, das solle nicht so brutal wie üblich, sondern „mit Offenheit und Wohlwollen“ geschehen. Die Sklaverei Indigener war längst verboten, aber wieder gab es eine schwammige Ausnahme, die sich auf Kriegsgefangene bezog. Und so gerieten João und Francisca 1820, also einige Jahre später, „in die Hände der brasilianischen Truppen in São Miguel und ihres Kommandanten Julião Fernandes Leão, der sie schließlich nach Rio de Janeiro verschleppte“, wie Schmutzer schreibt.
Die beiden wurden schließlich ein Teil des Trosses des österreichischen Naturforschers Johann Emanuel Pohl, der nach mehr als drei Jahren der Expedition durch Brasilien nach Rio zurückgekehrt war, um seine Heimreise Richtung Europa anzutreten. Angeblich hätten sich João und Francisca ihm freiwillig angeschlossen, aber vieles spricht dagegen. João, der eigentlich Bruhudnuk hieß, ließ Frau und Kinder in Brasilien zurück. Francisca war schwanger, ihr Partner hätte auch verschleppt werden sollen, rettete sich aber in letzter Sekunde durch einen Sprung vom Schiff und schwamm zum Ufer.
„Unzivilisierte“, „Wilde“ und „faul“
Pohl war es wichtig, die Indigenen nach Europa mitzunehmen, er holte sich dafür den Segen eines Gesandten von Kaiser Franz I. Aber wozu? Wohl deshalb, weil er sich dadurch eine gesteigerte Aufmerksamkeit für seine Forschungen erhoffte.
Die zahlreichen Presseberichte nach seiner Ankunft gaben ihm recht, zumindest was die grundsätzliche Aufmerksamkeit betraf. „Faul“, „unzivilisiert“, „Wilde“, „Menschenfresser“ – und mit Häme wurde ihr Aussehen mit Ohren- und Lippenpflöcken kommentiert: Wo auch immer João und Francisca auftauchten, waren sie eine Sensation. Und ganz egal, wie sie sich verhielten: Die Vorurteile blieben als Urteile in Stein gemeißelt, mit ganz wenigen Ausnahmen. Selbst bildliche Darstellungen folgten oft einem Muster: Akkurate Abbildungen wurden im Stille-Post-Modus so oft kopiert, bis sie mit erfundenen Details und karikaturhaften Zügen versehen Anlass zu Häme gaben.
Schmutzer hat akribisch recherchiert. Am spannendsten arbeitet er jedoch heraus, wozu er nichts gefunden hat: die Perspektive von João und Francisca selbst, eine Leerstelle, die er durch all das füllt, was in den Zeitungsberichten und Aufzeichnungen von Zeitgenossen zwischen den Zeilen zu finden ist, und all das, was spärlich, aber doch an Daten und Fakten aus dem Leben der beiden am Wiener Hof überliefert ist.
Den Blicken der feinen Gesellschaft ausgesetzt
Ihr Leben verlief anders als jenes von anderen Borun, die nach Europa verschleppt und von Schaustellern aus Profitgier von Jahrmarkt zu Jahrmarkt gezerrt wurden. João und Francisca wurden nicht wie Zootiere „ausgestellt“. Aber sie hielten sich im Garten der Wiener Hofburg auf und halfen dort mit. Gäste konnten einen Blick auf sie erhaschen. Und sie wurden zu gesellschaftlichen Anlässen wie etwa Bällen eingeladen – selbstredend hatte das wenig mit Inklusion und viel mit der Befriedigung der Schaulust der oberen zehntausend im Kaiserreich zu tun.
Wie es ihnen bei all dem ergangen ist, lässt sich nur erahnen. Franciscas Kind verstarb bereits kurz nach der Geburt, ihre Trauer darüber wird von Zeitgenossen erwähnt. Schon bald dürfte sie recht gut Deutsch gesprochen haben, João hingegen kaum. In der Beschreibung des Lebens der beiden in Wien lebt Schmutzers Buch von vielen Details, die er zu einem durchwegs spannend zu lesenden ethnografisch-historischen Bericht zusammenführt – zu viel sei an dieser Stelle aber nicht vorweggenommen.
Letztlich sagt all das, was während des Aufenthalts der beiden in Wien über sie geschrieben wurde, mehr über die europäische Gesellschaft aus als über die Borun selbst. So gut wie jeder Satz zeugte von der eitlen Selbstvergewisserung einer Gesellschaft, die sich für moralisch-intellektuell überlegen hielt gegenüber allem, was anders ist. Die gute Seite daran war noch der Paternalismus – er gestand zwar João und Francisca noch immer nicht das Recht auf eine eigene Persönlichkeit und Kultur zu, aber war zumindest nicht offen bösartig.
Dürftige Quellenlage für Kannibalismus
Und die „Wissenschaft“ leistete damals ebenfalls keinen segensreichen Beitrag. Als Beispiel weist Schmutzer nach, wie unter Forschern, die es besser wissen hätten müssen, hartnäckig an der Theorie vom Kannibalismus der Borun festgehalten wurde, obwohl die Quellenlage dafür mehr als dürftig war und ist.
Einer, der erstaunlicherweise vom diskriminierenden Umgang mit João und Fancisca angewidert war, ist der damalige Kaiser Franz. Ihm ist auch zu verdanken, dass sich das Blatt schließlich zumindest für João wendete – er konnte nach Brasilien zurückkehren und sich seinem Volk anschließen. Francisca hingegen starb in Wien im Alter von 23 Jahren an einer Lungenentzündung. Auch ihr hatte der Kaiser die Rückreise bereits zugesagt, um die sie ihn angeblich persönlich im Burggarten gebeten hatte.
„Veraltete“ Vorurteile leben online weiter
Heute leben in Brasilien nur noch ein paar hundert Krenak, wie sich die Nachfahren der Borun nennen, und selbst sie sind bedrängt. Was sich hingegen hartnäckig hält, sind die Vorurteile. In der deutschen Wikipedia leitet der Eintrag „Krenak“ zum abwertenden Begriff „Botokuden“ weiter. Und der Onlineduden erklärt das Wort „Botokuden“ so, wie es schon im 19. Jahrhundert allgemein gebräuchlich war: „Ungebildeter Mensch mit schlechtem Benehmen“, wenn auch mit dem Vermerk „veraltet“ und „abwertend“.
(Simon Hadler, Rezension für ORF Topos online erschienen am 22. August 2025)
https://topos.orf.at/brasilien-indigene100