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Goethe kam aus dem Regen

Erzählungen

Gert Heidenreich

ISBN: 978-3-99126-399-9
19×12,5 cm, 216 Seiten, fadengeheftetes Hardcover
20,00 €
Neuerscheinung

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Leseprobe (PDF)



Kurzbeschreibung

Befragt, warum er derart lange Sätze mit kompliziertem Bau wähle, stellte der Schriftsteller die Gegenfrage, ob es nicht kurze Sätze in ausreichendem Maß gebe, die – täglich millionenfach verbreitet – die Behauptung enthielten, die Wirklichkeit sei so einfach, dass der Kurzsatz ihr genüge und sie in ihm hinreichend auszudrücken sei, weshalb man ihm und einigen seiner Kollegen – da sie nun einmal unter der Gegenbehauptung ihren Beruf ergriffen hätten – gestatten möge, weiterhin Sätze von jener Länge und inneren Gliederung zu verfassen, an die, zugegeben, Leser kaum mehr gewöhnt seien, die zu schreiben jedoch schon darum Sinn habe, weil es gelte, die Übung in schwieriger Erkenntnis nicht zu verlieren, und schloss, um dem Vorwurf zu entgehen, er habe mit seiner Gegenfrage noch keineswegs erschöpfend auf die Frage geantwortet, lächelnd mit der Auskunft, dass es Menschen gebe, die aus sehr guten Gründen sich um aussterbende Pflanzen und Tierarten kümmerten, ja einen großen Teil ihrer Kraft auf deren Rettung oder Erhaltung verwendeten, und so eben auch solche, die ihre Aufmerksamkeit einer aussterbenden Grammatik widmeten, wofür es, jenseits der Frage, ob die jeweils dabei entstehenden Sätze gelungen seien, ebenso gute und im Wunsch nach dem Überleben der Zivilisation verankerte Gründe gebe.


Rezensionen
Christian Jooß-Bernau: Die Kunst, mit Sätzen abzuheben

„Goethe kam aus dem Regen“ heißt die neue Sammlung mit Geschichten von Gert Heidenreich. Er macht darin mit Worten die Wirklichkeit durchlässig für fantastische Erfahrungen.

Sie sind ein Genuss: diese bambusschlanken, langen Sätze, mit denen er Menschen und Landschaften beschreibt. Aus ihnen baut Gert Heidenreich Absatz für Absatz durchscheinende Gerüste, die im Wind der Gedanken schwingen, aber verlässlich halten. In den schönsten Momenten dieses Buches steigt man auf diesen Sätzen sicher empor in Parallelrealitäten, in denen die Gravitation für Momente aufgehoben ist.

In der ersten Erzählung sitzt man auf der Piazza Sordello in Mantua, fühlt das „aprikosenfarbige Licht des späten Nachmittags“ und „rundbuckeliges Sandsteinpflaster“, hat eine Erinnerung an das nicht enden wollende Bilderbuch der Fresken im Palazzo Ducale. Neben dem Ich-Erzähler: sein Hund. Der eine Motte frisst und mit einem Mal zu schweben beginnt und wie ein Luftballon an der Leine zerrt. Der Ich-Erzähler lässt ihn fliegen, fortan besessen von der Idee, seinerseits eine Motte zu verschlucken, die ihn von der Erdenschwere befreit.

„Goethe kam aus dem Regen“ heißt der Band mit Erzählungen, der auch Werke integriert, die schon vor Jahrzehnten erschienen und im prädigitalen Zeitalter verschollen sind. Apropos: Ist es bei Franz Kafka noch die Blackbox der Behördenbürokratie, die das Individuum einsaugt und nicht mehr freilässt, sind es bei Heidenreich die Algorithmen. Josef, Aktionärsberater einer Privatbank, führt eine Existenz vor dem Bildschirm im Homeoffice. Irgendetwas muss schiefgelaufen sein, als ein Kollege ihm digital zum Geburtstag gratuliert. Josef wird sukzessive aus der Firma getilgt, seine Zugänge abgeschaltet. Dann schlägt es durch auf sein Privatleben: Das Grab seiner Mutter wird aufgelöst, ihr Name gelöscht.

Das ist nicht die einzige Begegnung mit Kafkas Welt, die man in Gert Heidenreichs Erzählungen hat. In „Der Beste“ erwacht Georg Darda „eines Morgens aus einem unruhigen Traum“ und ist – kein Käfer, sondern einfach nur bewundernswürdig, unwiderstehlich gut aussehend. Auf fein bösartige Weise sind die Folgen aber auch recht unschön. In „Die Dohle“, das die unangenehme Stimmung eines Bildes von Alfred Kubin durchweht, materialisiert sich Kafkas Vater und darf endlich antworten auf den berühmten Brief des Sohnes, der sein Bild festgoss für alle Zeiten. Heidenreich nutzt Sprache, um sich vor- und vor allem zurückzutasten im Lauf der Welt. Um mit jedem Schritt zu testen, ob unsere Gewissheiten halten. Die Ungewissheiten hebt er dabei wie Schätze.

Heidenreich hat die Fähigkeit, sich einzuschwingen auf Geistesgrößen. Jüngst zu sehen im Kino in „Leipniz – Chronik eines verschollenen Bildes“, wofür er das Drehbuch schrieb. Nach der Landtagswahl in Thüringen 2024, aus der die AfD als Sieger hervorging, klopft es an des Ich-Erzählers Tür. Lucas Cranach, der Ältere und der Jüngere, stehen Asyl suchend vor ihm. Es kommt zum Massenexodus der Klugen und Kreativen aus Weimar. Im Vorgarten des Ich-Erzählers versammeln sich Goethe, Schiller, Nietzsche, Walter Gropius, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Edvard Munch, Richard Wagner, Franz Liszt und sogar Marlene Dietrich. Wohin? „In ihrem Kopf ist Platz genug“, erklärt Munch dem Ich-Erzähler.

Dem Herrn Geheimrat begegnet man auch in der Titelgeschichte des Bandes. Aus dem Unwetter kommend, sitzt er im Morgenmantel und weißen Hotelschlappen vor dem Kaminfeuer des Erzählers und pichelt dessen Bordeaux, während er sich über den „Faust“ ausfragen lässt. Nun, eine gewisse Koketterie mit einer Prise Eitelkeit schimmert bei der Begegnung mit den Größten auf Augenhöhe schon durch die Zeilen. Den Schiller will ihm Goethe zum Abschied auch gleich vorbeischicken.

Ziel vieler Erzählungen ist es, die Gedanken vibrieren zu lassen, bis sie abheben. Da hilft es, dass Heidenreich sie gerne an Urlaubsorte verlegt, die per se eine dem Alltag enthobene Leichtigkeit in sich tragen. So liest man die Tagebucheinträge eines Malers, der sich in einem Haus an der normannischen Küste inspirieren lassen will. Die unerwartete Gesellschaft zweier junger Damen rüttelt verschüttete Gefühle frei, deren erotischer Unterton aber in einer finalen Plot-Volte ins Unheimliche kippt.

Manchmal ist’s auch nur die Erinnerung, die aufsteigt wie ein Heliumballon. Ein Student kommt nach München. An einem Sommernachmittag 1963. Die Stadt präsentiert sich ihm in sommerlicher „Italianität“. Fliederduft. Aus der Staatsbibliothek sieht er eine junge Frau kommen. Ein Hündchen an der Leine. Er bemerkt „diesen unerklärlichen Übermut in den Locken“. Und er weiß: „Sein Leben war ein offener, soeben erst betretener Raum, der darauf wartete erzählt zu werden.“

(Christian Jooß-Bernau, Rezension in der Süddeutschen Zeitung vom 11. November 2025, bereits tags zuvor online auf den Seiten der SZ veröffentlicht)


https://www.sueddeutsche.de/muenchen/gert-heidenreich-buch-erzaehlungen-kritik-lesung-muenchen-li.3332364


Astrid Amelungse-Kurth: Vergnügliche Geschichten, exquisit erzählt

„Diese Stadt würde ihm nie gehören, sie gehörte nur sich selbst. Sie verbarg unter ihrer sommerlichen Italianität eine bäurische Breitbeinigkeit, so selbstgewiss, dass sie, ganz gleich, was in ihr geschah, ungerührt ihre Geschichte verdaute.“ Von München ist die Rede, nachzulesen in der Erzählung „Erwachen“, die in Gert Heidenreichs Buch „Goethe kam aus dem Regen“ zu lesen ist, ein ganz wunderbarer, sehr schön aufgemachter Band mit kurzweiligen literarischen Kostbarkeiten, dicht und kompakt erzählt. Sie sind bisweilen skurril, wie „Die Erhebung eines Hundes unter die Tauben“, wo ein Hund, der einen Nachtfalter verschluckt hat, in die Luft entschwebt, bisweilen gesellschaftskritisch wie die „Kostümprobe“, die plausibel macht, wie das Tragen einer Uniform den Menschen verändert. Oder sie erzählen vom Überdruss eines Ehemanns, der die Abwesenheit seiner Frau nutzt, um sich klammheimlich ihrer zu vielen Anschaffungen im Haushalt zu entledigen, indem er nach und nach diese viel zu vielen Dinge auf einer Parkbank abstellt. Ein Befreiungsakt.

„Es gibt kein Heil außer dem Schreiben“, wird in einer Erzählung des Hechendorfers Italo Svevo zitiert. Ein Satz, der ergänzen lässt. Denn welches Heil kann größer sein, als das Lesen solch vergnüglicher Geschichten, die sprachlich exquisit erzählt sind und in denen Lebenserfahrung und Menschenkenntnis genauso mitschwingt, wie untergründige Komik und tiefgründiger Humor. Denn das muss ja mal über das Homeoffice gesagt werden, dass es ein unglaublicher Vorteil ist, wenn das Zähneputzen in die Bürozeit fällt „und wenn Josef wollte, konnte er den ganzen Arbeitstag im Morgenmantel verbringen, unrasiert konnte er durch sein Wohnzimmer streifen, nach Schweiß riechend, mit gekraulten Flusen am Hinterkopf, der Mühe enthoben, sich die verbliebenen Haare von hinten nach vorn über die blanke Blässe zu legen und mit Sprühwachs festzukleben. Welch Gewinn an privatestem Leben!“ Besser kann man es nicht schreiben.

(Astrid Amelungse-Kurth, Rezension im Starnberger Merkur vom 30. Dezember 2025, S. 7)


Sebastian Schmidt: Wortmächtiger Wortmaler

Verschwunden, vertauscht und ausgedacht. Gert Heidenreich sondiert in Goethe kam aus dem Regen unsere Verbundenheit mit der Gegenwart und fragt dabei immer wieder, ob der Ort, an dem wir uns befinden, denn überhaupt der richtige für uns sei. Die Protagonisten der Erzählungen stolpern in ihrem Alltag so sehr, dass sie sich danach nicht wieder in ihren Trott einfügen lassen.

Gert Heidenreichs Erzählungen können der klassischen Kurzgeschichte zugeordnet werden. Wir treffen auf Personen, die sich oft im fortgeschrittenen Alter befinden, die im Bereich des Journalismus und der Künste tätig sind und sich in ihrem Alltag zwar eingerichtet haben, aber immer auch den Drang verspüren, ebendiesem zu entkommen. Statt dem sprichwörtlichen Schuh drücken in Heidenreichs Geschichten etwa die Historie eines Filmkostüms (Die Kostümprobe) oder auch gleich die ganze Wohnung (Die Erlösung des Mortimer Lucuis Lucull), es schmerzen das Alter und seine Auswüchse oder die damit einhergehende Verantwortung (Der Verschwundene), sodass die Figuren in ihrer Gleichförmigkeit straucheln. Die Enden bleiben häufig offen, der Autor hält aber stets eine Überraschung für die Lesenden parat. So sehr man sich über eine vermeintlich gelungene Deutung freut, so schnell vergeht einem der Erfolg auch wieder, denn Gert Heidenreich ist Meister des Plot-Twists und verhilft uns – oft nur durch die kleinen Gesten seiner Protagonist*innen – zu erfrischender Fehlkalkulation.

Von Wänden und Reife
In Blau gibt ein Musenbesuch den Ausschlag dafür, einen alternden, vornehmlich dem Tod zugewandten Künstler zurück ins Leben zu führen. Als sich der Namenlose auf eine Arbeitsreise nach Murville (was so viel wie „Wandstadt“, aber auch „reife Stadt“ heißen kann) begibt, um einen bestimmten Farbton für ein weiteres renommiertes Gemälde zu finden, erhält er für mehrere Tage Besuch von zwei jungen Frauen, Anna und Julia. Die Szenerie könnte zunächst klischeehafter kaum sein: Während die lebenslustigen Frauen ein unbeschwertes Leben am Strand und in den Bars genießen, sitzt der Künstler vor seiner Leinwand und fühlt sich unter Druck. Als Gegenleistung für seine Ruhe schuldet er seiner Familie einen Erfolg, den er eng an das Finden des Farbtons für den im Schreibressort vorkommenden, blühenden Flachs knüpft.

Doch es ist komplizierter, denn in der farblichen Darstellung der Pflanze liegt auch die Sichtbarmachung eines Zusammentreffens von Leben und Tod, welche der Künstler für sein Seelenheil benötigt; ein Bannprozess. „Wenn es mir gelingen sollte, das Leinblau und das unergründliche Meergrün so aneinanderschlagen zu lassen [...] dann werde ich dieses Bild TodLeben betiteln und mit neuer Zuversicht nach Hause fahren.“

Und so ziehen die Tage dahin, es wird reichlich gekocht und getrunken, immer wieder sind die Residierenden „blau“ und es mischen sich Erinnerungslücken ein. Man fühlt sich an Philip Roth erinnert oder an Javier Marias, jedenfalls an eine männliche Schreibung, denn es werden hauptsächlich die Körper der jungen Frauen, die sich ganz freizügig verhalten und nichts anderes als schön und jung sind, dargestellt, ein male gaze, den der Künstler zwar immer wieder abbricht, sobald er sich der Situation bewusst wird, der aber dennoch besteht. Von den Musen nicht körperlich, aber geistig geküsst, findet er die Farbe, nach der er so dringend gesucht hat.

Gert Heidenreich überrascht die Lesenden auch in dieser Erzählung. Edgar Allen Poe, der die kurze Textform schon theoretisch begleitete, als sie noch in ihren Kinderschuhen steckte, nannte dieses essenzielle Moment den Choc. Bei Heidenreich erhält der Künstler nach Abreise der beiden Frauen einen Anruf. Es handelte sich gar nicht um die vermeintlichen Kinder seines Bekannten, sondern um ganz andere Personen, oder eben um eine Einbildung. „Wie sollen wir in einer Welt der Täuschung das Wunder vom Irrtum unterscheiden? Die Wirklichkeit von ihrer Fälschung? Die Wahrheit von der Lüge?“, fragt der Erzähler in Die Erhebung eines Hundes unter die Tauben, einer der ersten Geschichten des Bandes. Es ist Heidenreichs eigene Art, mit der der Autor mit der Frage nach der Notwendigkeit zur Vorstellung, aber auch mit der Randstelle althergebrachter Konvention (Künstler beginnt eine Beziehung mit junger Frau) und Erneuerung (der Künstler wendet sich von der Erotik ab) spielt.

Reise und Ankunft
Überhaupt spielt der Tod eine große Rolle in Heidenreichs Erzählungen. In Der Mann, der nicht ankommen konnte begegnet der Ich-Erzähler auf einer Bahnfahrt einem Schlafenden, der gerade erwacht und feststellt, dass er seinen Ausstieg um zwei Stationen verpasst hat. Es entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden Reisenden, in dem der fremde Fahrgast manieriert über seine Erfolge als gefeierter Referent zur kulturellen Bedeutung des Todes sowie von seinem „Dornröschen-Syndrom“ berichtet. Denn bevor er ein Reiseziel erreicht hat, fällt er in den Schlaf und erwacht erst einige Haltestellen später. Eine philosophische Anekdote, die auch als eine Art Radwechsel-Geschichte gelesen werden kann, in der sowohl der Wunsch nach einer Destination, einem Ende der Reise, als auch die latente Angst vor ihrer Beendigung ihre Daseinsberechtigung haben. Einer Ankunft wohnt – trotz allen Wissens und ungeachtet jeglicher Vorfreude – eben immer auch eine Verdammnis inne, und so verharren wir oft zwischen den Welten, reisend, aber nicht reisend, sondern jenseits einer Unmittelbarkeit, ähnlich dem Schlaf.

Gert Heidenreich wurde von der FAZ als „wortmächtiger Wortmaler“ bezeichnet. Er findet Wortneuschöpfungen, denen eine Natürlichkeit und Ungewolltheit innewohnt, sodass man sich immer wieder fragt, weshalb der Begriff trotz seiner Klarheit noch keinen Eingang in den geläufigen Grundwortschatz gefunden hat. Ein Dachdecker bewegt sich „luftvertraut“ (Das Licht in den Augen …), ein Ehepartner ist „behütungsbedürftig“ (Eine Ehe, eines Tages).

Parallel dazu nutzt der Autor aber auch ein Vokabular der Hochkultur, den Duktus der Kulturbourgeoisie, die die Vorherrschaft eines männlichen Genies impliziert. Das macht es manchmal schwer, Gert Heidenreichs Texte ohne Weiteres neben der politisch progressiv orientierten Literatur, die momentan groß ist, einzureihen: So haben beinahe nur Männer Charakterzüge, die über das körperliche Aussehen hinaus Bedeutung zu haben scheinen. Sie tragen dabei Anzüge „von der Stange“ oder benennen französische Weine und Desserts mit ignoranter Selbstverständlichkeit. Es erfordert bisweilen Wohlwollen und Milde, sich mit den Figuren anzufreunden, um ihren privilegierten Weg nachzuempfinden und letztendlich bejahen zu können. Dass sich der Autor dessen bewusst ist, lässt er elegant nebensatzartig aufscheinen. Und so schreibt Heidenreich nicht nur von einer alten Zeit, sondern eben auch von ihrem Untergang und erinnert damit etwa an Paolo Sorrentinos Film La Grande Bellezza. Den Humor teilen sich die beiden Autoren übrigens ebenfalls.

Kafka in the Air
Kaum ein*e Autor*in der deutschsprachigen Literatur hat die Dichotomie von Realität und Fiktion so wundervoll dargestellt wie Franz Kafka. Ebenjener begleitet auch die Erzählungen Gert Heidenreichs in unterschiedlicher Offensichtlichkeit. In Der Beste findet sich Georg Darda eines Morgens nicht zu einem Ungeziefer, sondern in einen verjüngten Schönling verwandelt, der mit Hilfe seines Aussehens zwar seiner prekären Existenz entfliehen kann, nicht jedoch seiner unaufhörlichen Strebsamkeit und Gier. In Im Gegenteil erörtert ein Verteidiger im Gerichtssaal eines fiktiven Postnationalsozialismus die Mittäterschaft seines Mandanten K. und antizipiert damit die Ausreden unserer Bevölkerung hinsichtlich einer rechtsradikalen Erstarkung.

Ähnlich wie bei Kafka gibt es auch bei Heidenreich häufig zwei Welten. So findet man Himmel und Erde, Leben und Tod, Jung und Alt wieder und man könnte die Erzählungen des Autors auch mit einem Aufenthalt zwischen diesen gegensätzlichen Welten überschreiben. In der titelgebenden Geschichte Im Gegenteil, in der ein zeitgenössischer Autor Besuch von Goethe erhält und sich mit diesem in ein philosophisches Gespräch über Faust, das Theater und das Schreiben im Allgemeinen versteigt, verortet Deutschlands bekanntester Schriftsteller: „Aber die Erinnerungswesen beider Reiche begegnen manchmal einander wie Lichtstäubchen, hängen eine Weile zusammen, stoßen sich dann wieder voneinander ab. Diese unaufhörliche Bewegung ist das ganze Geheimnis.“

(Sebastian Schmidt, Rezension für das Literaturportal Bayern, online veröffentlicht am 27. Januar 2026)


https://www.literaturportal-bayern.de/journal?task=lpbblog.default&id=4069




Weitere Bücher des Autor*s im Verlag:


Das Meer


Zwei Reden in Weimar

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