Mein Leben – ein Abenteuer
Gedanken und Erinnerungen eines Museumsdirektors
Wilfried Seipel
ISBN: 978-3-99126-376-0
28,5×23,5 cm, 432 Seiten, zahlr. z. Gr.-T. farb. Abb., fadengeheftetes Hardcover m. Schutzumschl. & Lesebändchen
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Kurzbeschreibung
„An meine Geburt kann ich mich nicht erinnern … Mein letztlich mit Museen und ihren Aufgaben verbundenes berufliches Lebensschicksal war weder aus den Gegebenheiten meiner Erziehung und meines alltäglichen Umfeldes noch aus meiner ursprünglichen Interessenlage oder Neugierde zu erwarten gewesen. Im Gegenteil …“
So beginnt Wilfried Seipels Reise durch sein abenteuerliches Leben …
Sonnig, sitze am runden Tisch unter dem Kirschbaum, Mozart Flötenkonzert KV 314. Am schwierigsten ist es, die eigene Scheu zu schreiben, zu überwinden, nicht nur die Trägheit oder die Angst vor den eigenen Gedanken. Ich bewundere alle, die viel geschrieben haben in ihrem Leben, Tagebücher, Romane, Gedichte etc. und gleichzeitig viel anderes geschaffen haben. Das Schreiben als Selbstbestätigung, Selbstkontrolle, Bewusstseinsmacher, Ordnungsziel, Rechtfertigung, Erinnerung, Organisationsinstrument? Wenn man die Schreibabsicht zu lange „zurückhält“, erscheint es plötzlich zu spät zu sein, alles nachholen zu können in einem langen Leben, das viel, sehr viel Schönes gewährt hat – trotz aller Irritationen. Nun aber soll es keine Scheu mehr geben, besser „sollte“. Dabei ist mir bewusst, dass es schwierig ist, in die Schriftlichkeit der Gedanken „zurückzufinden“.
Letztlich aber ist das Ergebnis das einzig (?) Bleibende, denn es erweckt den Anschein, als ob es Bestand hätte. Wie viele begonnene Tagebücher es wohl schon gibt? Und die dazwischen liegenden Gedanken sind verflüchtigt, verloren, oder doch nicht? Wenn alle Gedanken sich an einem bestimmten Punkt dieser Schöpfung zusammenfänden, verdichtet zu einem Humus des Geistigen, Immateriellen, dem die Akzeptanz freilich nicht fehlte, da sie doch Stofflichkeit und Form besäßen: welch wunderlicher Einfall, diese fruchtbare verdichtete Substanz zum Erklingen zu bringen, ungefiltert. Ich erinnere mich an ähnliche Gedanken über das Gebet – das überall im Stillen vollbracht, nicht verloren geht, sondern sich zusammenfügt, egal wann und wo es gebetet wurde – und somit die geistige, spirituelle Substanz überall gegenwärtig bleibt, freilich stets verstärkt oder aber geschwächt durch das ewige Leid der Welt.
So scheint es schwierig zu sein, den richtigen Weg zur Verschriftlichung zu finden, für ein Tagebuch besonders: zwischen eitler Geschwätzigkeit, notwendiger Kürze der (Selbst?)Information und dem Bekenntnis der eigenen Gedanken, die sich beim Schreiben oftmals erst einstellen oder bewusst werden, das richtige Maß zu finden …
Nachdenken über die unendlichen Möglichkeiten des Schreibens, die Welt auf diese Weise einzufangen oder zu gestalten nach den eigenen Vorstellungen! Und dann: den Kosmos der Bibliothek als Zugang zum Kosmos der Welt nutzen. Die Zeit reicht nicht mehr …
(Wilfried Seipel, Gröbming, Sonntag 14. August 1994)
Rezensionen
Almuth Spiegler: »Ich war sehr zart zu allen«Mit 81 Jahren veröffentlicht Wilfried Seipel, mächtiger ehemaliger Generaldirektor des Kunsthistorischen, jetzt seine Memoiren. Wir besuchten ihn in seiner Wohnung in Wien
Kurz muss man sich setzen, hat man das Vergnügen, noch einen dieser alten Wiener Fahrstühle anzutreffen, die gnädig eine Sitzbank eingebaut haben. Allein das Buch, das einen hier ins prächtige Gründerzeithaus am Wiener Esteplatz führt, hätte es gerechtfertigt – wie viel es wohl wiegt, drei, vier Kilo? Wohlweislich hat man es zu Hause gelassen. Die „Gedanken und Erinnerungen eines Museumsdirektors“ können nun einmal schwer wiegen.
Die von Wilfried Seipel tun es sicher. Er hat die österreichische Museumslandschaft in seiner Zeit als Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums von 1990 bis 2008 geprägt: Er betrieb die Ausgliederung der Bundesmuseen 1999 und ermöglichte so das Wiener Museumswunder, das bis heute wirkt, durch Freiheit und Konkurrenz. Seipel erweiterte aber auch das KHM zum Verband mit Welt- und Theatermuseum. Und: Er musste den spektakulärsten Kunstraub in Österreich seit 1945 bewältigen, den der Saliera 2003. Mit 81 hat er jetzt seine Memoiren veröffentlicht, am Montag wird das Buch im KHM präsentiert.
Wir müssen aufstehen, der Lift stoppt. Seipels Frau, Ingrid, öffnet die Tür: Willkommen in einer Welt von gestern, mit 12.000 Büchern, Büsten antiker Philosophen und einem Bösendorfer-Flügel. Viel zu selten benutzt, wie Wilfried Seipel zur Begrüßung meint.
[Die Presse:] „Mein Leben – ein Abenteuer“, heißen Ihre Erinnerungen, ein Leben als Prachtband ist es geworden. Kleiner ging es wohl nicht?
Wilfried Seipel: Ja, das ist keine Bettlektüre, sondern großes Kaliber. Das lag aber nicht an mir, es hat sich so entwickelt, der Verlag hat große Begeisterung entwickelt. Dabei sind mir die Bilder darin gar nicht so wichtig, es sind großteils Handyfotos. Aber der Text!
Die Detailliertheit der Erinnerungen, der vielen Reiseberichte, ist faszinierend. Ist Ihr Gedächtnis so gut? Ich habe mein ganzes Leben lang damit gekämpft, 'Tagebuch zu schreiben. Es war ein permanentes Ringen, aber ich habe Berge von Tagebuchnotizen. Schön ist, dass die Lektorin hinten sogar ein Personenverzeichnis angefügt hat. Sozusagen der Giftkasten dieses Buches. Müssen sich manche fürchten? Etwa der ehemalige Kollege, der versuchte, Sie als Skarabäen-Dieb zu diskreditieren?
Ich bin sehr zart umgegangen mit allen. Die Medien habe ich aber angegriffen: Wenn man die Berichterstattung über den Saliera-Diebstahl liest, waren da ziemliche Schweinereien dabei.
Womit wir schon beim Kapitel wären, das sich wie ein Krimi liest, manchmal wie ein „Kottan“.
Interessiert das die Leute noch?
Es ist sehr spannend zu lesen! Vor allem dieser „Deal“, den es zwischen Polizei und Dieb gab.
Dieser „Deal“ ist bis heute nicht wirklich bekannt. Mich hat ja nicht der Einbruch getroffen, so schlimm er auch war, sondern der Umgang mit dem Einbruch, meine Verurteilung durch die Medien. Das hat wehgetan.
Was hat diesen Deal ausgemacht, der letztlich dazu führte, dass Sie derart schlecht wegkamen?
In der „Zeit im Bild“ wurde damals das Foto des noch nicht identifizierten Diebes gezeigt. Worauf dieser sich meldete und beschwerte, dass sein Foto veröffentlicht wurde, er habe doch nichts mit all dem zu tun. Die Polizei hat in seiner Wohnung dann aber die vorbereitenden Planungen für die Tat gefunden. Worauf er sagte, dass er sie nur zum Versteck der Saliera führen werde, wenn die Polizei aus all dem eine „b’soffene Gschicht“ macht. Das war dann die Erzählung für die Öffentlichkeit: Dass er drei Glaserln Wein getrunken hat, zufällig mit dem Auto vorbeigefahren, aufs Gerüst gestiegen ist, die Saliera geholt hat und dann noch eine halbe Stunde Parkplatz suchen musste.
Dabei war alles penibel geplant. Es gibt aber immer noch Fragezeichen. Etwa, ob es Mittäter gab.
Wir wissen immer noch nicht, wie der Dieb beim Fenster hereingekommen ist. Selbst die Cobra ist daran gescheitert, als sie den Einstieg nachstellen wollte.
Haben Sie Herrn Mang denn im Nachhinein nie gefragt? Er arbeitet ja wieder als Alarmanlagen-Unternehmer.
Nein. Ich habe ihn nur bei Gericht getroffen. Er ist fast drei Jahre gesessen und hat am Ende nichts von all dem gehabt. Aber ihn jetzt aufzusuchen – das käme mir wie Kumpanei vor.
Warum kommt Ihr Buch eigentlich gerade jetzt heraus?
Weil ich träge war, ich habe ja jeden Satz selbst geschrieben. Aber jetzt, nachdem ich verschiedene andere Gschaftln beiseitegelegt habe – ich habe ja lang in Leoben Ausstellungen gemacht und jetzt in Gröbming noch –, wollte ich dieses Projekt doch starten. Auch auf Zuruf meiner Tochter und von Freunden.
Eitelkeit spielte keine Rolle?
Es ging mir weniger um eine Selbstdarstellung als um eine Chronik von 40 Jahren Museumsgeschichte. Die Museen haben heute andere Aufgaben.
Was geht Ihnen heute ab?
Die großen kulturhistorischen Ausstellungen fehlen mir, wie ich sie gemacht habe – die Mayas, die Inkas, der Jemen. Man hat mich zwar geprügelt, weil ich viermal eine Gold-Ausstellung gemacht habe, aber das waren die erfolgreichsten Ausstellungen.
Warum gibt es das nicht mehr?
Das hängt mit den Kosten zusammen – und, sage ich ganz frech, es ist auch eine immense Arbeit, die die Kollegen nicht mehr auf sich nehmen wollen.
Auch SP-Kulturministerin Claudia Schmied kommt vor, sie hat Sie damals nicht verlängert.
Aber sie kommt auch gut vor, sie hat die Neuaufstellung der Kunstkammer und das Belvedere 21 finanziert.
Aber Sie hat Ihnen auch, schreiben Sie, die nur zwei fehlenden Millionen nicht gegeben, die Ihnen gefehlt hätten, um die bis heute nötige Ausstellungshalle im Innenhof des KHM zu bauen. Fünf Millionen Fremdmittel hatten Sie bereits.
Sie hat mir das einfach nicht gegönnt. Was ich sehr schade finde, ist, dass meine Nachfolgerin die fertigen Pläne nicht aufgegriffen hat. Aber um das durchzusetzen, hätte ich einen Politiker wie François Mitterrand gebraucht.
Diese persönlichen und parteipolitischen Befindlichkeiten – haben sie der Museumslandschaft geschadet?
Sicher. Ich war zwar nie bei der ÖVP, aber ich trug den Namen des Gründers der Christlichsozialen. Ignaz Seipel war zwar mein Urgroßonkel, aber meine Familie hatte nie Kontakt mit ihm. Einmal habe ich bei einem Interview gesagt, dass Wolfgang Schüssel der beste Bundeskanzler nach Seipel war. Na peng. Da hat mich der „Standard“ faschiert. Ich war halt provokant und auch naiv.
(Almuth Spiegler, Die Presse am Sonntag, 5. Oktober 2025, S. 41)
https://www.diepresse.com/20166536/wilfried-seipel-ich-war-sehr-zart-zu-allen
Wolfgang Huber-Lang: „Mein Leben – ein Abenteuer“: Wilfried Seipels Erinnerungen
Er hätte wie sein Vater Apotheker werden sollen, entwickelte aber schon im Schottengymnasium ein starkes Interesse an der Antike, das ihn bei der Maturareise bis an die Spitze der Cheopspyramide führte. Also inskribierte er statt Pharmazie („Das kann ich einfach nicht!“) Ägyptologie und Klassische Philologie. Das berichtet Wilfried Seipel in dem Buch „Mein Leben – ein Abenteuer“, das er am Montag dort vorstellt, wo er zwei Jahrzehnte gewirkt hat: im Kunsthistorischen Museum.
Die im Verlag Bibliothek der Provinz erschienenen „Gedanken und Erinnerungen eines Museumsdirektors“, die im Kuppelsaal jenes Museums präsentiert werden, dem Seipel von 1990 bis 2009 als Generaldirektor vorstand, sind kein Abenteuerroman, sondern ein reich illustrierter und 2,4 Kilogramm schwerer Prachtband, in dem nahezu jede Lebensphase des 81-jährigen Verfassers auch mit Fotos dokumentiert ist. Von Grabungskampagnen in Ägypten über ausländische Staatsbesuche in den von ihm geleiteten Museen bis hin zum Mitarbeiter-Heurigen: Die Zählung jener Fotos, bei denen die Bildunterschrift auch ein lapidares „WS“ vermerkt, beginnt man am besten gar nicht.
Im Zentrum: die Saliera
Eine Autobiografie ist keine objektive Lebensdarstellung, und so liegt das Interesse bei der Lektüre der über 400 Seiten auf der Beschreibung der subjektiven Wahrnehmung mancher Dinge, die in der Öffentlichkeit breiter wahrgenommen wurden. Allen voran ist das natürlich der Einbruchsdiebstahl und die Wiederauffindung der Saliera, die den Generaldirektor emotional schwer mitgenommen haben und dessen Rücktrittsangebot die zuständige Ministerin Elisabeth Gehrer mit der Bemerkung von Tisch wischte: „Sie können doch nicht neben jeder Vitrine stehen …!“ Dass sich Seipel noch immer über einen „Deal“ der Polizei mit dem Täter ärgert, der diesem die Erstverbreitung einer Version zusicherte, die das Museum und dessen Sicherheitsvorkehrungen in ein schlechtes Licht rückte, ist jedoch deutlich herauszulesen.
Auch 1989/90 rund um die Reform der Bundesmuseen und seine Bewerbung als KHM-Generaldirektor erhobene Vorwürfe des „Antikenschmuggels“ bringt Seipel zur Sprache, Rechnungshofberichte aus seiner Zeit schon weniger. Immerhin erfährt man in den zahlreichen Einblicken in Interna von ministeriellen Abläufen und kulturpolitischen Entscheidungen, wie der vor der Entlassung der Bundesmuseen in die Teil- und Vollrechtsfähigkeit zuständige Sektionschef angeblich mit Rechnungshofberichten umzugehen pflegte: indem er diese nämlich „ohne sie zu lesen in seiner Schreibtischschublade versenkte“.
Hochkarätige Telefonate
„Mein Leben – ein Abenteuer“ ist auch ein sehr österreichisches Buch – von der Schullaufbahn des Urgroßneffen des Bundeskanzlers Ignaz Seipel an der Seite seines Schulfreundes Ernst Streeruwitz, des Sohnes des gleichnamigen Kurzzeit-Bundeskanzlers, bis zu dem Umstand, dass sich in Österreich manche Dinge bedeutend beschleunigen lassen, wenn man Minister und Generaldirektoren auf seiner Kurzwahlliste hat. Bei Milliardär Karl Wlaschek biss Seipel allerdings auf Granit, als er diesen um finanzielle Unterstützung für einen Rückkauf des an die Familie Rothschild restituierten Porträts „Tieleman Roosterman“ von Frans Hals bat: „Aber was hab ich davon?“
Einblicke in Restitutionsverhandlungen gibt Seipel in seinen Erinnerungen ebenso wie in Bemühungen, bauliche Verbesserungen für „sein“ Museum zu erzielen. Wie weit gediehen die von ihm vorangetriebenen Projekte von Erweiterungen für das Kunsthistorische Museum waren, ehe diese „in der einfältigen Tiefe mutloser Planungslosigkeit“ verschwanden, schildert er ebenso, wie er durchblicken lässt, er hoffe, das Bundesdenkmalamt werde seine Bewilligung für die derzeit geplanten Umbauten des Eingangsbereichs des Museums nochmals überdenken.
Seipels Nachnachfolger Jonathan Fine, der diesen Umbau vorantreibt und für essenziell erachtet, wird am Montag bei der Buchpräsentation die Begrüßung vornehmen. In seinen versöhnlichen Schlussbemerkungen wünscht ihm Seipel, dass es ihm „gelingen wird, alle neue Herausforderungen mit seinem Team zu bewältigen“.
(Wolfgang Huber-Lang/APA, Rezension online auf den Seiten der Salzburger Nachrichten veröffentlicht am 5. Oktober 2025)
https://www.sn.at/kultur/allgemein/mein-leben-abenteuer-wilfried-seipels-erinnerungen-185506528
Thomas Hofmann: [Rezension]
Bei Biografien stehen zwei Möglichkeiten zur Wahl: Entweder es findet sich jemand, der eine Lebensgeschichte aufgreift und niederschreibt, oder man greift selbst zur Feder. Letzteres tat Wilfried Seipel, von 1990 bis 2009 Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums (KHM) in Wien. Er hat viel erlebt, seine Erinnerungen, eine großformatige, reich bebilderte Autobiografie, wiegen schwer – im wahrsten Sinn des Wortes (2,5 Kilogramm). Die 431 Seiten sind – egal wo man gerade hineinblättert – gut lesbar, lebendig, bunt, schillernd und sehr offenherzig.
Geboren wurde Wilfried Seipel im Juni 1944 in Wien. Die ersten Kindheitsjahre verbrachte er, „ein Urgroßneffe des ehemaligen Bundeskanzlers“ [Ignaz Seipel; 1876–1932] (Seite 100) und seine beiden Brüder in Gröbming (Steiermark). Es folgten Volksschule und Schottengymnasium Wien, die Maturareise führte 1962 nach Ägypten. Doch von Kunst, sprich vom KHM, war damals nicht die Rede. „Frühe Erinnerungen an Museumsbesuche mit meinem Vater, einem leidenschaftlichen Apotheker, dessen innigster Wunsch, seine Nachfolge anzutreten, ich zumindest mit schlechtem Gewissen nicht erfüllen wollte und konnte, sind mit Besuchen der Dinosaurier im Naturhistorischen Museum in Wien verbunden, nicht jedoch mit dem Kunsthistorischen Museum.“ (Seite 12).
Seipels studierte ab dem Wintersemester 1963/64 Ägyptologie und Klassische Philologie an der Universität Wien und startete seine berufliche Laufbahn im Ausland. Der Inhalt ist nach Orten, Stationen seines Lebens und seiner Karriere als Ägyptologe, Grabungsleiter und Museumsmensch, chronologisch gegliedert. Kurz deren Reihung: Wien, Heidelberg, Berlin, Kairo, Konstanz, Linz und Wieder in Wien 1990–2003≥. Es folgen dann die Abschnitte: Causa Saliera, Was sonst noch geschah 2003–2009, Mein Leben „danach“ sowie Schlussbemerkungen samt Epilog und Postscripta.
Einer seiner ersten großen Erfolge war die Ausstellung „Bilder für die Ewigkeit“, die 1983 im deutschen Konstanz in acht Wochen fast 80.000 Besucher zählte und alle Rekorde und Erwartungen brach. Nach Konstanz ging's zurück nach Österreich. Am 7. Jänner 1985 um sieben Uhr morgens trat er bei -26° Celsius die Leitung des Oberösterreichischen Landesmuseums in Linz an. Offenherzig bekennt er: „Eitelkeit drängt mich zu erzählen, dass ich die Dienstprüfung mit Auszeichnung bestanden habe.“ Auf die Linzer Jahre folgte die 18-jährige, sehr erfolgreiche Amtszeit als Direktor des KHM von 1990 bis 2009. In seiner Ära wurde das damalige Völkerkundemuseum (heute: Weltmuseum) und das Theatermuseum in den Verband des KHM eingegliedert, zu dem auch Schloss Ambras in Tirol gehört.
Bereichernd sind Tagebuchaufzeichnungen, die er ab Seite 378 unter Postscripta mit der Leserschaft teilt. Er schreibt hier unter anderem, dass nicht immer alles leicht und einfach war. Dazu eine Rückblende zu einer Grabungskampagne in Ägypten, die ihn 1975 sehr forderte: „Ich kann die Tische mit den Scherben, das Grabungsgerät, das Geschrei der Diener und Muftis nicht mehr ertragen. Und das noch weitere sechs Wochen! Ich zähle die Tage.“ (Seite 381).
Ein Kapitel zur Causa Saliera
Weltweites Medienecho seiner Wiener Jahre am KHM, das sich in der Form niemand wünscht, war die Causa Saliera, der er die Seiten 258 bis 279 widmet. Sie war am 11. Mai 2003, ein „wunderschöner, sonnendurchfluteter Sonntag, zudem Muttertag“ aus dem Museum gestohlen worden. Seipel, damals in Gröbming, hält den Anruf seiner Buchhalterin um 8:35 Uhr im O-Ton fest: „Hallo – hast scho ghört, die Saliera is weg!“ (Seite 258). Das Entsetzen und das Medienecho waren enorm, viele forderten Seipels Rücktritt. Diesen bot er Elisabeth Gehrer, der damals zuständigen Ministerin, auch an. Doch sie stimmte für seinen Verbleib: „Sie können doch nicht neben jeder Vitrine stehen …!“ (Seite 265). Seipel war erleichtert und blieb im Amt. Als am 21. Jänner 2006 die in einem Wald vergrabene Saliera gefunden wurde, fiel ihm ein Stein vom Herzen. „Mein Leben hatte einen neuen Anfang genommen!“ (Seite 274). […]
(Thomas Hofmann, Rezension in seinem Blog „Erlesenes Wissen“ am DerStandard-Website, veröffentlicht am 12. Dezember 2025)
https://www.derstandard.at/story/3000000299112/selbst-verfasst-oder-aufgezeichnet-elf-lebensgeschichten-bekannter-personen