Faszination Leben
Rückblick eines Wieners, Jahrgang 1929
Franz Winter
ISBN: 978-3-99126-333-3
19,5×13 cm, 240 Seiten, zahlr. S/W-Abb., fadengeheftetes Hardcover
24,00 €
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Kurzbeschreibung
Heute sind es früher nie geahnte Themen und Probleme, die uns beschäftigen, ohne dass die früheren verschwunden sind. Im Jahr meiner Geburt gab es neben dem New Yorker Börsenkrach in Wien den kältesten Winter des Jahrhunderts, und die Donau war zu einem hochaufgetürmten Gewirr von Eisblöcken geworden.
Wir waren in der Schmidgasse im 8. Wiener Gemeindebezirk zu Hause und wohnten wie viele Wiener Familien in einer winzigen Untermiete. Die kleine Küche war vom Gang aus zugängig, wo sich die Bassena befand. Und wenn man hineinkam, stieß man gleich auf die Kochgelegenheit, einen kleinen holzbeheizten Ofen.
In späteren Jahren war – nach den Eltern und meinen beiden Brüdern Walter und Werner – meine liebe Frau Herta eine wunderbare Wegbegleiterin, und auch viele Freunde der Pfarre St. Johann Nepomuk standen mir zur Seite.
Rezensionen
Stefan Kronthaler: Erinnerungen eines 96-jährigen Wieners: „Jesus hat mir überhaupt nichts gesagt“1929 geboren, hat Franz Winter in den vergangenen Jahrzehnten viel erlebt. In Sankt Johann Nepomuk (Wien 2) wirkte Winter jahrzehntelang im pfarrlichen katholischen Bildungswerk. Und einmal pilgerte er mit dem damaligen Kaplan Josef Grünwidl nach Mariazell. Jetzt hat Winter ein Buch über sein Leben geschrieben.
„Ich bin mit der Kirche schon lange verbunden und sie kommt daher in meinem Buch ,Faszination Leben‘ auch ziemlich oft vor“, erzählt Franz Winter dem SONNTAG. Am 18. November 1929 in Wien in eine sozialdemokratische Familie hineingeboren, sagt Winter, sein Vater war damals „eindeutig gegen Hitler und den Nationalsozialismus“ eingestellt. An die Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten in Österreich erinnert er sich gut. Und er erzählt eine bestimmte Episode. Winter: „Es muss 1938 gewesen sein, in der Traisengasse sind Leute unter Aufsicht eines Polizisten am Boden gehockt und haben mit unzulänglichen Mitteln die weißen Parolen von der Schuschnigg-Regierung wegwaschen wollen oder mussten sie wegwaschen. Ich habe mich nur gewundert, warum sie das tun. Und dann dachte ich mir aber, in Unkenntnis dessen, dass die Polizei auch schon nationalsozialistisch eingestellt war, wenn ein Polizist dabei steht, wird es schon in Ordnung sein, was die da machen.“
Immer gerne gesungen und getanzt
Zeitsprung: Als Erwachsener hat Franz Winter mit seiner Frau Herta immer gern getanzt und gesungen: „Singen bedeutete Leben für uns. Ich bedauere jeden, der nicht singt oder nicht singen kann. Es entsteht so eine Beziehung zum Partner und es macht so viel Freude, die Musik selbst ausüben zu können, auch ohne Instrument.“ Durch seine Frau ist Winter auch in die Kirche gekommen. „Ich hatte eine sehr diffuse Vorstellung einer göttlichen Macht, aber ich habe gespürt, da ist etwas Großes, das die Welt vielleicht auch beeinflusst.“ Und dann kam die Wende. „Meine Frau hat mich nach Jesus gefragt und der hat mir überhaupt nichts gesagt“, berichtet er: „Ich habe ein Gefühl für das Göttliche gehabt, meinetwegen. Und nachdem ich ihr gesagt habe, dass ich von Jesus nichts weiß, hat sie zu weinen begonnen.“ Es fiel Franz Winter dann „sehr leicht“, seiner Frau auf dem Weg in die Kirche zu folgen. „Ich habe sie überflügelt, indem ich viel ausgeübt habe, was sie nicht getan hat und nicht tun musste.“
Mit Kaplan Josef Grünwidl nach Mariazell
Das Ehepaar war jahrzehntelang in der Pfarre Sankt Johann Nepomuk (Wien 2) beheimatet. Franz Winter lernte damals die Vordenker des Zweiten Vatikanischen Konzils anhand ihrer Werke kennen. Noch heute liest er in dem Romano-Guardini-Klassiker „Der Herr“: „Dieses Buch nehme ich immer wieder gern in die Hand, obwohl man seither auch viel Neues über Jesus geschrieben hat.“ Geprägt wurde das Ehepaar auch von den Priesterpersönlichkeiten der Pfarre. 1957 war das pfarrliche katholische Bildungswerk gegründet worden. Hofrat Franz Kummer war die treibende Kraft dahinter. „Er war ein Schwarzer, ich war ein Roter. Das hat ihn überhaupt nicht gestört, mich auch nicht, und er hat mich als Sekretär engagiert“, sagt Winter. Kummer brachte Referenten, „die etwas zu sagen hatten, die wirkliche Koryphäen waren, wie etwa die Historikerin Erika Weinzierl, und die außerdem möglichst wenig gekostet haben“. Winter erledigte die administrativen Aufgaben und leitete später selbst von 1987 bis 2017 das pfarrliche katholische Bildungswerk. 18 Mal ging Franz Winter mit pfarrlichen Gruppen auch nach Mariazell. Einmal mit dem damaligen Kaplan Josef Grünwidl. „Der Josef, mit dem war ich befreundet, er war so ein herzlicher, offener Mensch“, schildert Winter diese Begegnungen.
Fristenregelung und Zwentendorf
Seit 1951 ist Winter auch ACUS-Mitglied („Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie“). In seinem Buch beklagt er, dass diese Arbeitsgemeinschaft weder von der SPÖ noch von der Kirche ernst genommen werde. Der Grund laut Winter: „Die Kirche hat sich mit den Roten immer schwergetan. Und die Partei mit der Kirche.“ Erst Kardinal Franz König habe hier „Brücken gebaut“. Mit seiner Partei haderte er angesichts zweier Themen, angesichts der Haltung der SPÖ zum geplanten Atomkraftwerk Zwentendorf und zuvor zur sogenannten Fristenregelung. Wenn Frauen wegen eines Kindes in Not geraten, so ist dies „der totale Bankrott unseres Sozialstaats“, schreibt er in seinem Buch. „Der Lebensschutz war mir wichtig“, erzählt Winter: „Damals sind Menschen auf die Straße gegangen und haben diskutiert.“ Winter stand am Schottentor: „Ich habe zu beweisen versucht, dass auch ein Embryo schon ein lebender Mensch ist – und nicht erst nach einer gewissen Frist ein Mensch wird.“
(Stefan Kronthaler, Rezension in DER SONNTAG vom 15. März 2026, S. 7)