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Kurzbeschreibung

[edition seidengasse | Enzyklopädie des Wiener Wissens, Bd. XI.
Hrsg. von Hubert Christian Ehalt für die Wiener Vorlesungen, Dialogforum der Stadt Wien.]



Das hungernde und mit Kriegsversehrten überschwemmte Wien der untergehenden Habsburgermonarchie distanzierte sich im Jahr 1918 vom Wiener Hof, der häufig fälschlich mit der Familie der Habsburger in eins gesetzt wurde. Das »Rote Wien« eroberte mit republikanischem Impetus höfisch besetzten Stadtraum, wie etwa den ehemaligen »Kaisergarten«, zurück. Allmählich zeichnete sich in der Ersten Republik vor dem Hintergrund politischer Veränderungen eine Neuinterpretation des Hofes ab, so in der Umgestaltung der höfisch dominierten Wiener Museumslandschaft.
Ganz anders das branding des Hofes gegen Ende des 20. Jahrhunderts, wo die Wiener Fremdenverkehrswerbung zunehmend auf die »Trägerrakete« Hof setzte. Museen rüsteten beispielsweise mit dem Präfix »Hof-« auf: Das »Staatsmobiliendepot« verwandelte sich in ein »Hofmobiliendepot«, eine »Hofjagd- und Rüst­kammer« entstand. Der im Jahr 1918 verdammte Wiener Hof geriet im Eigennarrativ der Wiener zum positiv besetzten Selbstbild. »Küss die Hand!«



Der Wiener Hof als soziale, kulturelle und politische Formation hat im 20. Jahrhundert abseits der aufblühenden biographischen Habsburgernostalgie überraschend wenig Forschungsinteresse auf sich ziehen können. Über Jahrhunderte schuf die übernatio­nale Hofgesellschaft als konsumorientierte Gesellschaft ein standesgemäßes Umfeld adeliger Repräsentation (Statuskonsum, Heiratsmarkt, Verteilung ökonomischer Ressourcen etc.). Der Wiener Hof war der wichtigste »point of contact« zwischen dem Kaiser und der ständischen Führungsschicht der Habsburgermonarchie. Höhere Hofämter konnten nur von Adeligen eingenommen werden, die 16 adelige Ahnen in der Generation der Ururgroßeltern nachweisen konnten. Die Stadt Wien lebte mit und vom Wiener Hof, der einerseits ein wichtiger wirtschaftlicher, politischer und sozialer Faktor innerhalb der Stadt war, andererseits erschien der Wiener Hof nach dem Ende der Monarchie als ein rasch zu vergessendes monarchisches Zwischenspiel in einer sozialdemokratisch dominierten Stadt. Nach 1918 stürzten – wie Alfred Polgar pointiert formulierte – »die bronzenen, hölzernen, gipsenen Doppeladler von Hausfassaden«. Die glänzenden Figuren der Jahrhundertwende, die Obersthofmeister, mussten abtreten, der Wiener Hof wurde in einem langen und von verschiedenen Ansprüchen bestimmten Verteilungskampf »abgewickelt«. Die ehemals hofärarischen Museen und Sammlungen wurden vom Staat übernommen, der Kriegsgeschädigtenfonds konnte zur Deckung seiner Ausgaben einige Filetstücke erwerben. Erst in den späten 1920er-Jahren wurde der höfische Traditionskern sichtbarer, die Memoirenliteratur der ehemaligen Eliten sah darin ambivalent ein positives und zugleich dekadentes Vexierbild der vergangenen, altösterreichischen Größen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden der Wiener Hof und seine zahlreichen »Produkte« zum Teil der touristischen Trade-Marke Wien, aber auch zum Teil des Wiener Selbstbildes. Der Hof errang in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder einen verführerischen, an vergangene Zeit anknüpfenden Klang. Die in der Ersten Republik noch »Staatsmobiliendepot« betitelte Sammlung firmierte wieder als »ehemaliges Hofmobiliendepot«. Die 1995/96 neu gestaltete Silber- und Tafelkammer wird als »ehemalige Hofsilber- und Tafel­kammer« beworben. Die Waffensammlung des Kunsthistorischen Museums wurde 1989 in »Hofjagd- und Rüstkammer« umbenannt – kein Zweifel, der »Hof« als ­Thema hat touristische Relevanz. Die ehemaligen Hofkonditoren und die ehemaligen Hoflieferanten als besonders exquisite und exklusive Produzenten von Waren lassen auch heute noch das hochadelige Milieu des ehemaligen Hofes erahnen.
[Enzyklopädisches Stichwort]