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Der Autor steht für Lesungen und Pressetermine NICHT zur Verfügung. Eine Nahaufhörerfahrung.

Für die einen ein Roman. Für die anderen eine höchst private Arbeitsbiografie.

Friedrich Hahn

ISBN: 978-3-99028-826-9
19 x 12 cm, 320 S., Broschur
€ 24,00
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Kurzbeschreibung

„Ich bin mit meinem Text am Ende. Der Satz klingt nach schlussendeaus. Nun. Da steht er. Ein Satz wie er lapidarer nicht sein könnte. Ich lese ihn immer und immer wieder. Und dabei mach ich mein Schriftstellergesicht. An dem muss ich auch noch arbeiten.
Aber wie macht man ein Exschriftstellergesicht?“


In 40 Jahren hat Hahn nun 40 Bücher und an die 20 Arbeiten für Hörfunk und Bühne veröffentlicht. Im November 2017 dann der Beinbruch. Zeit der Reflexion. Hahn hält inne, zieht Bilanz. Es ist eine Zeit der kalendarischen Vermerke, handwerklichen Überlegungen und poetischen Entwürfe.
Und er kommt zu einem Entschluss: Er will sich vom Literaturbetrieb zurückziehen. Und das Schreiben? Nein, das Schreiben kann und will er nicht aufgeben. Aber gibt es ein Schriftstellerleben ohne Literaturbetrieb? Täuscht er uns? Täuscht er sich selbst?
Hahn gelingt ein beeindruckendes, weil authentisches Lebens- und Berufsbild von einem, der sich der Literatur verschrieben hat. Was passiert, wenn sich die Literatur in das Leben drängt? Oder umgekehrt: das Leben in das Schreiben? Was ist, was wäre das Gemeinsame? Leben und Literatur suchen das Miteinander in Gegensätzen: Demut – Unmut. Größenwahn – Minderwertigkeitskomplex. Nähe – Ferne.
Als eines seiner Vorbilder nennt Friedrich Hahn Bazon Brock, den Künstler ohne Werk, den Generalist mit dem speziellen Drall ins Nebenhinaus. Da, wo es noch das Staunen gibt.



Rezensionen
Helmuth Schönauer: Der Autor steht NICHT zur Verfügung

Eine Autobiographie hat in erster Linie den Zweck, für die Auto-Person eine gültige Lebenserzählung auszudrücken. Die Leserschaft weiß um diese Subjektivität und kann sich daher hemmungslos auf die erzählte Geschichte stürzen ohne lange zu überlegen, wie wahr und ausgeräumt der erzählte Lebenslauf ist.

Friedrich Hahn packt das Genre Autobiographie mit beiden Schreibhänden bei den Hörnern, erzählt seine Geschichte und steigt dann in eine Meta-Ebene, um das Dargestellte quasi vom Jenseits aus noch einmal zu relativieren. Der Ausdruck „Nahaufhörerfahrung“ lehnt sich literarisch an den medizinischen Begriff „Nahtoderfahrung“ an, in beiden Fällen geht es um den Super-Gap, mit dem man den Tod erzählen kann.

Die Autobiographie thematisiert den Ausstieg aus dem Literaturbetrieb, indem sie zeigt, wie ein hundsnormales Individuum in die Mühlen der Literatur und in Lebensgefahr geraten kann. Denn Schreiben ist nicht nur eine Erfüllung oder ein Lebenssinn, es kann auch wie eine Sucht stracks in den Untergang führen.

Im wesentlichen sind drei Hauptstränge zusammengeflochten, die manchmal auf einander verweisen und sich dann wieder aus dem Weg gehen. Dabei entstehen drei „Werke“, das Arbeitswerk, das Familienwerk und das Literaturwerk. Der Autor merkt erst beim Schreiben, wie stark diese drei Werke zusammenhängen. Auch für ihn gilt: Je ehrlicher er zu sich selbst ist, umso mehr erfährt er über sich selbst.

In der Arbeitswelt gibt es zu Beginn der Karriere fixe unkündbare Jobs im Bankwesen, später als Startupler, wie man damals noch nicht gesagt hat, stehen vor allem wirtschaftliche Zufälligkeiten und ein abschüttelnder Markt im Weg. Die Werbe-Branche ist immer unberechenbar, aber immerhin ermöglicht sie es, Elemente der Literatur aufzugreifen und scheinbar als Kunsthandwerk einzubringen.

Das Familienleben beginnt mit dem damals üblichen Häuslbauer-Schock, kaum zwanzig, scheint auch schon alles vorbei zu sein, Haus, Frau, Fehlgeburt, die Scheidung bringt erstmals kurzfristig Entlastung. Es folgen noch eine Künstlerbeziehung und eine On-Off-Geschichte, die zu einer Tochter führt.

Das literarische Leben hat in etwa drei Schübe. In den Siebziger Jahren reüssiert der Autor mit der eigenen Jugend und dem unverkäuflichen Buch „kältefalle“ (1979), das wahrscheinlich keinen einzigen Leser gesehen hat. Als Verlagsnomade erwirbt er sich mit diversen Gedichtbänden eine dahinschleichende Präsenz, ehe er mit den Romanen zum eigentlichen Schreiben und zumindest für sich selbst zum Durchbruch findet. Wo ein Durchbruch, da auch ein Zusammenbruch, heißt es in der Psychoanalyse lapidar. Der Autor beschließt, aus dem Literaturbetrieb auszusteigen.

Die Welten werden nicht nur thematisch sondern auch zeitlich miteinander verwoben. Der 65-Jährige schreibt über seine Literaturwelt als 50-Jähriger, in der die Arbeitswelt als 25-Jähriger eingebaut ist.

Der Schreibeinsatz gilt immer sich selbst und ist als Autochthonie angelegt. Leserschaft und Rezeption sind von vorneherein nicht geplant. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass die Berufe Banker und Werbefritze es nie auf ein Gegenüber angelegt haben, sondern immer ihre Produkte in den Markt dreschen. So wird auch Literatur zwischendurch blindlings auf den Markt geworfen. Eine Bemerkung einer Verlegerin, wonach man in ihrem Fall ein paar Spielregeln der Textur eingeführt habe, führt zu Verstimmung und Trennung.

Im Bibliothekswesen gibt es für diesen Zustand eine einfache Erklärung: Es gibt Bücher für die Leser und Bücher für die Autoren!

So schimmern in der Auto-Analyse immer recht ernüchternde Verkaufszahlen durch, die Literaturhäuser verkaufen den eigenen Blabla und haben kein Interesse an der Literatur anderer Autoren. Rezensionen muss man sich zusammenbetteln, alles wird zu einer ziemlich frustrierende Angelegenheit, wahrscheinlich, weil die Literatur letztlich doch das Leben widerspiegelt. In diesem Kontext wirkt die Bibliographie mit über dreißig Werken als ein Stoßgebet, das man herunter hechelt, ohne den Inhalt zu begreifen.

Auch hier gibt es eine beruhigende Botschaft aus der Bibliotheksszene: Für einen Leser, den wir bei der Veranstaltung sehen, kommen zehn stumme, die zu Hause lesen. Für einen Autor, den wir in der Zeitung lesen, kommen zehn stumme, die das Schreiben aufgegeben haben.

Gerade als die Autobiographie zum 65sten abgeschlossen ist, gibt es noch ein Überraschungskapitel, das sich Nahaufhörerfahrung nennt. Das erzählende Ich ist aus der literarisch aufgemotzten Welt ausgestiegen und in einer Meta-Welt, wo der Sinn neu entworfen wird. Der Markt ist Wurst, die Romane entstehen aus einem Drall in die Zukunft, zumal alle anderen Zeitvertreibungen belanglos sind. Der Mobilitätsradius ist eingeschränkt, weil ein Bein nicht mehr richtig will, die Freunde sterben aus den Freundschaftskohorten heraus, die Familie ist eine Generation weiter gerückt, die Eltern sind verstorben, die Tochter ist erwachsen. Die Abrechnung ist vollzogen, es geht sich vielleicht auf null aus. „Literatur als sei nichts gewesen. Leben als sei nichts gewesen.“ (315)

Allein wenn alle, die zu Lebzeiten aus dem Literaturbetrieb ausgestiegen sind, diese friedliche Zusammenfassung der Literatur lesen, kriegt Friedrich Hahn für seine Begriffe einen Bestseller zusammen. Und noch eine dritte Weisheit aus dem Bibliothekswesen: Ein Autor wird nie für das bekannt, für das er bekannt sein wollte.

(Helmuth Schönauer, GEGENWARTSLITERATUR 2837)