Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

Irrblöcke, ein anderes Wort für Findlinge, sind bekanntlich Gesteinsbrocken, die Gletscher während der Eiszeit südwärts getragen haben, wo sie Teil einer anderen Landschaft wurden und dennoch Fremdkörper bleiben. Sie sind von verschiedenen – realen und imaginären – Räumen und Zeiten geprägt, die sich auf ihnen überlagern und ablesen lassen, was der Roman zum Gestaltungsprinzip erhebt.

Auf dem Gelände eines auf Kopfkulte spezialisierten Museums, das im ehemaligen Gebäude des Ostberliner Frauengefängnisses untergebracht ist, liegt, von einem Hilfsgärtner bearbeitet, der titelgebende kopfähnliche, von Flechten überwachsene Findling. An ihm werden historische, politische (deutsche Kolonialgeschichte, Auswirkungen des Dritten Reiches) und fiktive (Kafkas Jäger Gracchus) Schichten überblendet, die durch die biographisch und topographisch verbundenen Protagonisten in Bewegung gesetzt werden, sodass befremdliches Vergangenes, Untotes – verwandelt – wiederkehrt. Im Zentrum steht eine Gedenkbüste Rosa Luxemburgs, die bis heute als verschwunden galt.



»IRRBLOCK ist ein in vielerlei Hinsicht beeindruckendes Buch: Axel Ruoff hat einen Roman geschrieben, der in einer elementaren Sprache ein literarisches Zeugnis ablegt davon, wie sich Eigensinn und Befreiungswille gegen die Widrigkeiten der Historie zu behaupten versuchen.« (Alexander Kluge)

»Verbunden mit dem rätselhaften ontologischen Status des Irrblocks ist der Umstand, dass dieser beständig seine Form verändert, und mal für ein blutiges Götzenbild, dann für ein Revolutionsdenkmal gehalten wird. […] Indem Ruoff in seinem neuen Roman die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts mit der eigenen Realität der Literatur verschränkt, gelingt es ihm, einen originellen Prosatext zu liefern, wie man ihn in einer solchen Vielschichtigkeit nur selten noch zu lesen bekommt.« (Uwe Schütte)


Siehe auch
LFB LEKTÜREKOMPASS ZU AXEL RUOFF »IRRBLOCK«
Autor: Uwe Schütte
[E-Book zum Download]
via die Webseite des Literaturforums im Brecht-Haus Berlin: https://lfbrecht.de/download/27740/






[Buchpremiere* von Axel Ruoffs „Irrblock“ am 23. Februar 2021 im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin, Moderation: Uwe Schütte.]




[Axel Ruoff liest im Rahmen der 23. Langen Buchnacht in der Oranienstraße in Berlin am 15. Mai 2021 aus „Irrblock“ (*).]


Rezensionen
Anton Distelberger: [Rezension zu: Axel Ruoff, „Irrblock“]

Toni Distelberger über IRRBLOCK – den neuen Roman von Axel Ruoff

Seine elementare Sprache erweckt die starren und seelenlosen Mineralien zum Leben, er spricht das Zauberwort, gibt das Signal für den makabren Tanz der toten Materie.

Als Ort der Handlung für seinen neuen Roman „Irrblock“ nahm Axel Ruoff nicht noch einmal die karge und triste Landschaft der westlichen Sahara, in der die Protagonistin aus dem Vorgängerroman „Apatit“ zuerst aus ihrer körperlichen Existenz entwichen ist und schließlich eine Metamorphose in einen Stein vollzogen hat. Diesmal ist es nicht die geographische Peripherie Afrikas, sondern eines der Zentren Europas. Ruoff begibt sich aber nur vorgeblich in das Herz des deutschen Staates, wo sich ähnliches abspielt wie bereits im exotischen Land Westsahara – jedoch dieses Mal in umgekehrter Richtung –, als das Haupt (oder eine Büste?) der ermordeten Spartakistin Rosa Luxemburg zunächst in ein sinisteres Museum, das sich dem Schädelkult widmet, verfrachtet wird und schließlich, während der Kopf der Revolutionärin in ein unkontrollierbares und immer monströseres Wachstum verfällt und eine Verwandlung in einen erratischen Gesteinsblock erfährt, in einen abgelegenen Schuppen verbannt wird, wo ein Hilfsgärtner namens Troll sich dessen annimmt, mit dem so redlichen wie vergeblichen Vorsatz, das hypertrophe Wachstum der Flechten, mit denen sich der gewaltige Granitblock zu überziehen beginnt, in Zaum zu halten.

Der seltsame Museumskomplex, in dem Troll seine Lebenszeit verbringt, ist ein dunkles Universum mit obskuren und scherenschnittartig gezeichneten Figuren, dem Kustos, dem Portier, dem Hausmeister, der Kellnerin und dem Sammler. Troll ist ziemlich paralysiert. Seine Mutter Irene hingegen ist eine vielschichtige und ambivalente Figur, und auch Irenes Vater bzw. Trolls Großvater, ein opportunistischer Tierarzt und Universitätsprofessor im Dritten Reich, der nach dessen Untergang in Entnazifizierungslagern eingesperrt war, beweist noch als geisterhafte Erinnerung eine unheilvolle Präsenz.

In Wahrheit ist der Schauplatz des Romans nur marginal mit der realen Topographie Berlins durch die Erwähnung des Landwehrkanals und der früheren Teilung der Stadt verknüpft. Die Geschichte könnte ebenso gut in jeder anderen Stadt mit einer vergleichbar morbiden Atmosphäre spielen oder gar in einer phantasierten Zwischenwelt zwischen Traum und Wirklichkeit. Wer assoziiert beim Namen der Hauptfigur nicht die Trolle, die von Gandalf ausgetrickst und von der aufgehenden Sonne in Stein verwandelt wurden? Oder denkt an die zehntausenden blanken Schädel, die auf turmhohen Regalen in dem kafkaesken Labyrinth des Naturhistorischen Museums in Wien abseits des Publikumsstromes versteckt werden, seit sie vor hundert Jahren von skrupellosen und habgierigen Forschern aus ihren frisch angelegten Grabstätten in Afrika, Australien und Asien gerissen wurden, um vermessen, kategorisiert und schubladisiert zu werden? An die bemalten Schädel aus den Ossuarien, den Beinhäusern und Karnern des Salzkammerguts, oder an die grinsenden Totenschädel der Heiligen in ihren gläsernen Reliquienschränken?

In einem ladinischen Märchen verwundert die Heldin sich über einen Mann, der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang keine andere Beschäftigung zu kennen scheint, als einen mächtigen Holzblock zu zerteilen. Wie ein Autist ist er in seine Aufgabe vertieft, ohne dass er sich seiner Umgebung zuwenden kann. Erst nach einiger Zeit erkennt sie, wie sinnlos dieses Unterfangen ist, denn des Nachts verwandeln die abgeschlagenen Späne und Splitter sich in Mäuse, die zurücklaufen und erneut zu einem massiven Holzklotz verschmelzen. Erst als die Frau ihn endlich anspricht und nach seinem Tun fragt, ist der Bann gelöst.

Doch nicht nur in den Dolomiten müssen sinnlose Handlungen fortwährend repetiert werden, auch in Berlin kann Troll immer noch nicht von der manischen Beschäftigung mit dem Irrblock ablassen, als seine Gefährtin sich längst schon von ihm abgewandt hat. Troll gibt sich als eine Version des aus der griechischen Mythologie bekannten Sisyphos zu erkennen, der seine Schuld und die seiner Vorfahren abträgt, indem er ewig einen Stein zu bewegen bemüht ist, der stets in seine alte Position zurückkehrt. Die Plage des Sisyphos ist zur allgemein bekannten Metapher geworden. Der Stein des Sisyphos will sich nicht manipulieren lassen, er führt ein Eigenleben, so wie alle toten Dinge in dem Roman „Irrblock“, dessen Autor sie mit einem unheimlichen und eigensinnigen Leben versehen hat. Mit seiner elementaren Sprache erweckt er die starren und seelenlosen Mineralien zum Leben, er spricht das Zauberwort, gibt das Signal für den makabren Tanz der toten Materie. Das parasitäre Wachstum der Objekte aus der Vergangenheit überwuchert die Gegenwart des Romans wie die Urwaldvegetation die Ruinenstädte der Maya und Khmer.

Zwischendurch zitiert Ruoff ein irrwitziges Märchen aus der handschriftlichen Urfassung der „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm, das wohl jeden Kenner der Märchenliteratur überraschen wird. Darin verfolgt der Kopf eines Enthaupteten so lange seinen Mörder, bis der Schädel des Opfers es schafft, den Übeltäter buchstäblich zu okkupieren und als seinen neuen Körper zu instrumentalisieren. Ruoff will uns mit seinem Roman keinen Trost schenken, er will uns keine Hoffnung machen, wir sollen vielmehr nachhaltig verstört werden. Er zeigt uns keinen anderen Ausweg aus dem Autismus unseres Lebens, offeriert uns atmenden, bangenden, wagenden und verzweifelnden Menschen keine andere Option als die finale Befriedung unseres nervösen Daseins durch die Sicherheit, die uns das Eingehen in die dingliche Welt und das Verschmelzen mit der unbelebten, aber nichtsdestotrotz gedeihenden Natur verschafft. Können wir nicht aus unserer autistischen Hektik erwachen, droht uns die Versteinerung. Nur eine solche dauerhafte Existenzform stellt eine wahrhafte unio mystica in Aussicht. Die einzige Alternative bestünde darin, von einer Beobachterin angesprochen und damit aus der zwanghaften Wiederholung erweckt und aus der Tretmühle geschäftiger Umtriebe einer nimmermüden Güter- und Bilderproduktion erlöst zu werden. Nur das könnte den Bann noch brechen.

Axel Ruoff ist ein moderner Märchenerzähler, er hat einen erstaunlich aktuellen Mythos geschaffen. Seine eindringliche Sprache und präzise Ausdrucksform reflektieren den irreversiblen Sinnverlust dieser Welt.

Mittels schamanistischer Trancereisen zurück an den Anfang jeglicher Existenz in einer mythischen Urzeit und der Anrufung wirkmächtiger Symbolbilder aus der jüngeren Vergangenheit verschafft Ruoff jedoch seiner Hauptfigur ein persönliches Arkanum. Troll muss sich neu erfinden, wird gar in eine neue Welt hineingeboren …

(Rezension: Anton Distelberger, 13. Januar 2021)


Uwe Schütte: Sie ist wieder da

Im neuen Roman von Axel Ruoff geht es um Rosa Luxemburg […]

Irrblöcke, so nennt man mächtige Gesteinskörper, die in der Eiszeit von den Bewegungen der Gletscher irgendwo, fernab der Gebirge, in der Landschaft deponiert wurden. Solch ein riesiger Findling ruht rätselhaft im Zentrum von Axel Ruoffs Roman »Irrblock«, denn dieser mächtige Gesteinskörper ist kein gewöhnlicher Granitblock. Vielmehr erscheint er als über und über mit merkwürdigen Flechten bewachsen, die sich aus unerklärlichen Gründen aus dem Gestein zu nähren scheinen. Kurzum: Der Irrblock lebt. Oder ist das lediglich eine Chimäre? Nur eine Projektion der verstörten Besucher, die sich nach dem Besuch eines ominösen Ostberliner »Kopf-Museums« in den dunklen Schuppen verirren, wo er lagert?

Die literarische Raffinesse des Romans liegt darin, dass des Lesers Ungewissheit über den Irrblock umso größer wird, je ausführlicher, je monomanischer um Genauigkeit bemüht das zwischen anorganisch und organisch oszillierende Hybridgebilde von Ruoff beschrieben wird. Verbunden mit dem rätselhaften ontologischen Status des Irrblocks ist der Umstand, dass dieser beständig seine Form verändert, und mal für ein blutiges Götzenbild, dann für ein Revolutionsdenkmal gehalten wird. Es ist als erstes ein Besucher des Museums, der hinter dem geil wildwuchernden Flechtenbewuchs glaubt, den Kopf von Rosa Luxemburg zu erkennen. Steckt hinter dem Irrblock also die bizarre Wiederkehr eines von einem Denkmal der Sozialistin stammenden Kopfes? Oder gibt es noch abenteuerlichere Erklärungen für die physiognomische Ähnlichkeit, zumal die ermordete Spartakistin eine immer stärkere Präsenz im Buch von Ruoff gewinnt.

Glaubt man zunächst noch, dass der Hilfsgärtner Hermann Troll – dessen Sisyphusarbeit die Einhegung des wissenschaftlich nicht zu erklärenden, beständig wechselnden Flechtenwuchses ist – der Protagonist des Romans sei, so entpuppt sich Rosa Luxemburg immer mehr als eigentliche Hauptfigur.

Sie ist wieder da. Und zwar in mannigfaltigen Formen, von Ruoff mit meisterlicher Subtilität Schritt für Schritt freigelegt. Eine spektrale Präsenz gewinnt Luxemburg insbesondere in Gestalt der medial veranlagten Mutter von Troll: Diese nämlich beginnt plötzlich in der enigmatischen Gestalt der Jägerin Gracchus zu sprechen, die – wie ihr gleichnamiger Geistesbruder aus einem fragmentarischen Erzähltext Kafkas – untot an der Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits verharrt.

Man merkt: Axel Ruoff ist es nicht, wie der Mehrheit der Gegenwartsautoren, um ein realistisch verankertes Erzählen zu tun. Seine Expertise liegt darin, faszinierende Erzählwelten zu erschaffen, die zwar erkennbar im Hier und Jetzt verankert sind, dabei aber Geschichten zu erzählen wissen, die allegorisch ausgreifen und sich auf die Erkundung der Zwischenräume zwischen Fakt und Fiktion verstehen. Das galt bereits für sein 2015 erschienenes Debüt »Apatit«, ein wundersamer Bericht darüber, wie in einer lebensfeindlichen Wüstengegend ein asiatisch-deutsches Paar in einem jenseits der Zeit liegenden Hotel eine von Gewalterfahrungen gezeichnete Liebesgeschichte erlebt, an deren Ende die Versteinerung der Frau steht.

Irrblock nun darf durchaus als Revers dieser Petrifikation stehen, wird doch hier ein Stein auf unerklärliche Weise lebendig, um weibliche Gestalt anzunehmen. Indem Ruoff in seinem neuen Roman die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts mit der eigenen Realität der Literatur verschränkt, gelingt es ihm, einen originellen Prosatext zu liefern, wie man ihn in einer solchen Vielschichtigkeit nur selten noch zu lesen bekommt. Bestechend und ergreifend zu lesen, dabei strikt den neuesten Erkenntnissen über ihre Ermordung gehorchend, wie die (un)tote Revolutionärin in der Sprachmaske der Jägerin Gracchus davon berichtet, wie sie verhaftet, gefoltert und ermordet wurde, um dann im Wasser des Landwehrkanals treibend, gleich der literarischen Gestalt Kafkas, darüber nachzusinnen, warum sie niemals erlöst wird, da sich ihre politische Utopie nicht erfüllt.

Schrittweise nur schält sich in Ruoffs Roman heraus, dass das bizarre Kopf-Museum, in dem der Irrblock lagert, im ehemaligen, im Roman nur teilweise abgerissenen Frauengefängnis Barnimstraße im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain untergebracht ist. Luxemburg war dort 1907 und 1915/16 inhaftiert; wie viele andere Gegnerinnen des Nationalsozialismus hätte sie dort vermutlich auf ihre Hinrichtung in Plötzensee gewartet, wäre sie nicht vorher schon von der Reaktion ermordet worden. In der Frauenhaftanstalt wurde 1950 ein Gedenkraum mit einer Büste von ihr eingerichtet. Zuvor unveröffentlichte Fotografien davon sind im Roman zu sehen. Die Kopfbüste aber verschwand beim Abriss 1974 unter ungeklärten Umständen. Handelt es sich beim enigmatischen Irrblock also um die unheimliche Wiederkehr des Hauptes der Revolutionärin? Und wie verhält sich dies wiederum zum Umstand, dass das Kopf-Museum mit seinen präparierten Menschenschädeln ein veritables Gruselkabinett der Kolonialgeschichte darstellt? Es sind nicht die einzigen Fragen, die Axel Ruoffs fulminantes Erzählwerk seinen Lesern als reizvolle Denkrätsel präsentiert. Ein Buch, das seinesgleichen sucht in der Gegenwartsliteratur.

(Uwe Schütte, Rezension in neues deutschland Nr. 45/21 vom 23. Februar 2021, S. 13)


https://www.neues-deutschland.de/artikel/1148616.sie-ist-wieder-da.html


Uwe Schütte: Versteinerungen und Revolutionär*innen

Der Literaturwissenschaftler Uwe Schütte rezensiert Axel Ruoffs bemerkenswerten zweiten Roman Irrblock (2020) und arbeitet die darin angelegten Bezüge zu Leben und Wirken von Rosa Luxemburg heraus – Eine Leseempfehlung.


I.
Mit dem Roman Apatit debütierte der deutsche Filmemacher und Schriftsteller Axel Ruoff im reifen Alter von 44 Jahren, sein 2015 im verdienstvollen Waldviertler Verlag Bibliothek der Provinz erschienenem Erzählwerk zeichnete sich jedoch durch eine literarische Reife aus, die dem durchschnittlichen Erstling in deutscher Sprache zumeist fehlt. So ungewöhnlich wie die Qualität seiner detailgenauen, geradezu beschreibungssüchtigen Sprache war das Sujet von Ruoffs Erzählen: Handlungsort von Apatit ist eine unbestimmte Wüstenregion, in die es ein Paar verschlagen hat, die signalhaft auf jeweils einen Buchstaben reduzierten Protagonisten „R“ und „S“. Lange Zeit bleibt unklar, warum es die beiden in diese merkwürdige Einöde verschlagen hat, in ein Land, das unter Kriegsrecht steht und wo sie in einem merkwürdigen Hotel mehr transitorische Zuflucht als Unterkunft gefunden haben. Was Ruoff in dem nach der Steinsorte Apatit betitelten Roman liefert, ist keine Handlung im gängigen Sinne, sondern eine erzählerische Versuchsanordnung. Oder besser gesagt: eine Parabel, die davon erzählt wie unerbittlich die Natur gegen den Menschen prozessiert. Organische Existenz gegen die sture Beharrlichkeit des Anorganischen; Begrenztheit des Lebens gegen die Ewigkeit der Steine – das ist der von solchen Themen der Gegenwartsliteratur wie Identitätsdebatten, Befindlichkeitsgedusel und Autobiografie denkbar weit entfernte Gegenstand dieses außergewöhnlichen Romans.

II.
Sechs Jahre später nun ist unter dem Titel Irrblock erneut ein prägnanter und auf Anorganisches verweisender Roman erschienen, in dem Ruoff seine erzählerische Meisterschaft unter Beweis stellt. Irrblöcke, das sind bekanntlich mächtige Gesteinstrümmer, die in der Eiszeit von den Gletschern in der Landschaft deponiert wurden. Solch ein riesiger Findling ruht rätselhaft im Zentrum von Ruoffs Roman, denn dieser mächtige Gesteinskörper ist kein gewöhnlicher Granitblock. Vielmehr erscheint er als über und über mit merkwürdigen Flechten bewachsen, die sich aus unerklärlichen Gründen aus dem Gestein zu nähren scheinen. Der Irrblock lebt. Oder ist das lediglich eine Chimäre? Nur eine Projektion der verstörten Besucher, die sich nach dem Besuch eines ominösen anthropologischen, auf Kopfkulte spezialisierten Museums in den dunklen Schuppen verirren, wo er lagert?
Die literarische Raffinesse des Romans liegt darin, dass die Ungewissheit der Leser*innen über den Irrblock umso größer wird, je ausführlicher, je monomanischer um Genauigkeit bemüht, das zwischen anorganisch und organisch oszillierende Hybridgebilde von Ruoff beschrieben wird. Verbunden mit dem rätselhaften ontologischen Status des Irrblocks ist der Umstand, dass dieser beständig seine Form verändert. Mal wird er für ein blutiges Götzenbild, dann für ein Revolutionsdenkmal gehalten. Bedeutung oszilliert. Es ist als erstes ein Besucher des Museums, der hinter dem geil wildwuchernden Flechtenbewuchs glaubt, den Kopf der deutschen Spartakistin Rosa Luxemburg zu erkennen, die im Jänner 1919 ( von rechtsradikalen Freikorps-Soldaten in Berlin ermordet wurde. Steckt hinter dem Irrblock also die bizarre Wiederkehr eines von einem Denkmal der Sozialistin stammenden Kopfes? Oder gibt es noch abenteuerlichere Erklärungen für die physiognomische Ähnlichkeit.

III.
Glaubt man zunächst noch, dass der Hilfsgärtner Hermann Troll – dessen Sisyphusarbeit die Einhegung des wissenschaftlich nicht zu erklärenden, beständig wechselnden Flechtenwuchses ist – der Protagonist des Romans sei, so entpuppt sich die Figur der zur Symbolfigur für das Scheitern der deutschen Revolution avancierte Luxemburg immer mehr als eigentliche Hauptfigur. Sie gewinnt eine immer stärkere Präsenz im Roman, die von Ruoff mit Subtilität Schritt für Schritt freigelegt wird. So beginnt eines Tages die medial veranlagte Mutter von Troll in der enigmatischen Gestalt der Jägerin Gracchus zu sprechen, die – wie ihr gleichnamiger Geistesbruder aus einem fragmentarischen Erzähltext Kafkas – untot an der Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits verharrt und sich zunehmend als Stimme von Rosa Luxemburg entpuppt. Axel Ruoff geht es mithin auch in seinem zweiten Werk nicht um ein realistisch verankertes Erzählen. Seine Expertise liegt vielmehr darin, faszinierende Erzählwelten zu erschaffen, die erkennbar im Hier und Jetzt verankert sind, dabei aber Geschichten zu erzählen wissen, die allegorisch ausgreifen und sich auf die Erkundung der Zwischenräume zwischen Fakt und Fiktion verstehen.
Endete die in Apatit erzählte, von vielerlei Gewalterfahrungen gezeichnete Liebesgeschichte mit der wundersamen Versteinerung der Frau, so darf der Handlungsvektor Irrblock nun als Revers dieser Petrifikation aufgefasst werden, wird doch nun ein Stein auf unerklärliche Weise lebendig, um weibliche Gestalt anzunehmen. Indem Ruoff in seinem neuen Roman die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhundert mit der eigenen Realität der Literatur verschränkt, gelingt es ihm, einen originellen Prosatext zu liefern, wie man ihn in einer solchen Vielschichtigkeit nur selten noch zu lesen bekommt. Bestechend und ergreifend zu lesen, dabei strikt den neuesten Erkenntnissen über ihre Ermordung gehorchend, wie die (un)tote Revolutionärin in der Sprachmaske der Jägerin Gracchus davon berichtet, wie sie verhaftet, gefoltert und ermordet wurde, um dann im Wasser des Landwehrkanals treibend, gleich der literarischen Gestalt Kafkas, darüber nachzusinnen, warum sie niemals erlöst wird, da sich ihre politische Utopie nicht erfüllt.
Schrittweise nur schält sich in Ruoffs Roman heraus, dass das bizarre Kopf-Museum, in dem der Irrblock lagert, in einem ehemaligen Frauengefängnis Barnimstraße im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain untergebracht ist. Luxemburg war dort 1907 und 1915/16 inhaftiert; wie viele andere Gegnerinnen des Nationalsozialismus hätte sie dort vermutlich auf ihre Hinrichtung in Plötzensee gewartet, wäre sie nicht vorher schon von der Reaktion ermordet worden. In der Frauenhaftanstalt wurde 1950 ein Gedenkraum mit einer Büste von ihr eingerichtet; zuvor unveröffentlichte Fotografien davon sind im Roman zu sehen.

IV.
Die in Irrblock abgebildete Kopf-Büste aber verschwand 1974 beim Abriss unter ungeklärten Umständen. Handelt es sich beim enigmatischen Irrblock also um die unheimliche Wiederkehr des Hauptes der Revolutionärin? Und wie verhält sich dies wiederum zum Umstand, dass das Kopf-Museum mit seinen präparierten Menschenschädeln ein veritables Gruselkabinett der deutschen Kolonialgeschichte in Afrika darstellt? Es sind bei weitem nicht die einzigen Fragen, die Axel Ruoffs fulminantes Erzählwerk als reizvolle Denkrätsel präsentiert. Gefordert sind nun die sich zahlreich zu wünschenden Leser*innen, die diese literarische Herausforderung annehmen.


(Uwe Schütte, Rezension in der Zukunft. Die Diskussionszeitschrift für Politik, Gesellschaft und Kultur, Ausgabe 01-02/2021, S. 28 f.)


https://diezukunft.at/die-zukunft-01-02-2021/


Günter Helmes: Viel Fülle in der hehren Hülle?

Axel Ruoff legt mit „Irrblock“ eine Romanmatrjoschka vor

Nach der Lektüre der ersten 120 Seiten, die zugleich den ersten von drei jeweils mit Paratexten von Glauber Rocha (Terra em transe), den Brüdern Grimm (Mährchen v. Fanfreluschens Haupte) und Franz Kafka (Der Jäger Gracchus) versehenen Teilen des Romans Irrblock ausmachen, bot sich eine die Satzlänge und Satzstrukturen nachahmende ‚Imitation‘ an:

Wer seine Freude an ebenso endlos wie unübersichtlich scheinenden, doch hochartifiziell gewirkten Satzkaskaden von 25 Zeilen und mehr hat, wer ein überbordendes, flirrend-nuancenreiches attributives Sprechen genießt, das obendrein aus den „Nomen“ und „Verb“ geheißenen Schatzkisten auch noch den kleinsten Edelstein herausholt und ihm seinen ihm angemessenen Platz im nicht eben selten vexierhaft wirkenden Benennungsmosaik zuweist, dabei stets darauf achtend, dass beim Durchsteigen des „Erkennen“ geheißenen Baumes zu der den erhofften Überblick gewährenden Krone keine der den Hauptstamm üppig umgebende Verästelungen unbegangen bleibt, auch wenn das die Gefahr birgt, wie ein zu nah an ein pointilistisches Gemälde herangetretener Betrachter vor lauter Punkten nicht auf den Punkt zu kommen bzw. vor lauter Ästen weder Stamm noch Krone mehr zu sehen, von Wurzeln, Standort und Umgebung ganz zu schweigen; wer zudem einen Sinn für eine zuweilen mit Märchen und mit Mythologischem antiker und späterer Zeiten und Räume gespeisten, un- oder mittelbar Typologisch-Essentielles transportierenden und oftmals allegorisch oder symbolisch dimensionierten Archaik mitbringt – die zeigt sich beispielsweise in der Benennung der Figuren, die entweder zur Ausdeutung einladende Namen wie Hermann Troll, Hugo Dunkel, Ariana, Irene Troll, Rosa oder Clemens tragen, oder namenlos, wie „der Kustos“, „der Sammler“, „der Hausmeister“ oder „der Portier“, ganz in ihrer für bestimmte Areale der Conditio humana als basal zu verstehenden Funktion aufgehen – eine Archaik, die ebenso konkret wie zeit- und ortenthoben ist und in der entfernte Zeiten und Orte auf ein synthetisches Hier und Jetzt hin zusammenschnurren; wer schließlich das Skurrile, Groteske, Orakelnde, Numinose, Labyrinthische und Kafkaeske und den auf Vagheit, auf, salopp gesagt, ‚nichts Genaues weiß man nicht‘ hinauslaufenden Wechsel von Setzung und Aufhebung und ein damit einhergehendes indirektes, Beglaubigungen und Festlegungen jedenfalls abholdes Sprechen wertschätzt, assoziativen und sich Klang- und Wortfeldern verdankenden Verkettungen den Vorzug vor argumentativ-kausal operierenden Verbindungen gibt, sich gerne von wasserfallartig herabstürzendem Lexikonwissen und kataraktisch auftretenden literarisch-kulturellen Anspielungen und Ausführungen (im Romanverlauf u.a. Paul Klee, Georg Büchner, Johann Christian Woyzeck) mitreißen lässt und dem im Übrigen Inhalt, Gehalt und ‚Botschaft‘ allemal dem opulenten ästhetischen Erlebnis, dem wonnevollen Sprach- und Bilderrausch gegenüber nachrangig sind – – – dem wird die ganz und gar außergewöhnliche, stellenweise – doch nur stellenweise! – an die Blechtrommel oder an Solenoid des grandiosen Mircea Cărtărescu erinnernde Fabuliermaschinerie Irrblock einen exquisiten, in der zeitgenössischen Literatur so selten anzutreffenden Genuss bereiten.

Ein Connaisseur der umrissenen, ungünstigstenfalls freilich blankem Manierismus und plattem L’art pour l’art anheimfallenden Art bin ich allerdings nicht, so wie Axel Ruoff – dies sei vorweggenommen – gewiss kein Autor ist, der absichtsvoll bloß um erratisch-exquisiter Sprachartistik willen schriebe und der nichts ‚zu sagen‘ hätte, nichts ‚zu sagen‘ wünschte. Von daher waren es einige Sachverhalte, eine Figur insbesondere und einige bis dahin allenfalls angerissene Themen, die mich veranlasst haben, nach den ersten 120 Seiten bzw. dem ersten Teil trotz einer so empfundenen inhaltlich-erzählerischen ‚Anämie‘ und ‚Flüchtigkeit‘ sowie in gewisser Weise ‚drohender‘ weiterer 250 Seiten weiterzulesen.

Sachverhalte: Es geht – vordergründig – um einen „gewaltigen Steinsbrocken“, einen „Irrblock“, der, von einer omnipotenten, dramatisch wuchernden Flechtenart auf die Gefahr baldiger Zersetzung hin überwuchert, in einem „zum eigentlichen Herzen“ erklärten Außenverschlag eines in jeder Hinsicht opak-chaotischen, einer Gothic Novel gut zu Gesicht stehenden Museums lagert. In diesem Museum, einem „Kuriositätenkabinett“ in einer eine lange Zeit nicht zu identifizierenden mitteleuropäischen Großstadt – es handelt sich um Berlin, das Museumsgebäude wurde früher als Frauengefängnis genutzt, dessen prominenteste Insassin Rosa Luxemburg war –, hat ein anonym bleibender, von Gerüchten umwobener „Sammler“ vorwiegend menschliche Köpfe und Schädel aller nur denkbaren Art und Herkunft zusammengetragen. Dabei ist, so der „ortskundige[], historisch gebildete[] Rentner“ Hugo Dunkel, ein „Kadaver-Multi-Kulti“ entstanden – Dunkel wird im Romanverlauf noch eine Reihe weiterer erhellender Kommentare abgeben.

Dann geht es um den in „entwurzelte[r] Unwissenheit“ lebenden, „wie Kaspar Hauser in der Gegenwart sitzenden“ Gärtnergehilfen Hermann Troll. Dessen „besessen“ und wie von einem „Sünder in der Hölle“ wahrgenommene, doch unlösbare Aufgabe besteht darin, den „Irrblock“ erkennbar zu machen, zumindest aber die bedrohliche Flechte zurückzuschneiden und unter Kontrolle zu halten. Mit Hermann, der den Eindruck hat, „dass er vom Erkennen der eigentlichen Vorgänge und Zusammenhänge ausgeschlossen sei, in denen er dennoch zappele und die die Sammlung vorsätzlich vertusche“, kommen ansatzweise so unterschiedliche Themen wie Kindheit, Abenteuer- und Entdeckerliteratur, Schule, Schwarze Pädagogik, soziale Deklassierung und Diskriminierung, Hochsprache und Dialekt, „Ausländer“, Exotismus, Sprechen und (Recht-)Schreiben, Geschichte des Kolonialismus im Allgemeinen und deutsche Kolonialgeschichte im Besonderen sowie ganz allgemein Geschichte ins Spiel. Zusammen gehören diese Themen insofern, als sie von Unterdrückung und Ausgrenzung sowie von – träumerischer – Rebellion dagegen handeln.

Wichtiger noch für den Romanverlauf und -gehalt als Hermann Troll ist dessen großartig entworfene Mutter Irene, eine bizarre, in ihrer mäeutischen Funktion beispielsweise an den Trommler Oskar Matzerath erinnernde, doch darin u.a. dem Autor gleichende Figur, dass es ihrem „Redestrudel“ bzw. ihr selbst wie eine „sinnlose Beschränkung“ vorgekommen wäre, „bei einer Sache zu bleiben“. Irene – aufdringlich, dreist und schamlos und Gott sei Dank, ist man versucht zu sagen, um des schonungslosen Aufdeckens willen zusehends ohne Selbstkontrolle – kennzeichnet sympathischerweise wie nichts sonst „Widerspruchswut“ und Abscheu vor „Denk- und Gefühlsfaulheiten“. Sie heilt durch „Zerlegen und Sezieren“, kann nichts unkommentiert lassen, ekelt sich vor „verstümmelnden Eindeutigkeiten“, langweilt sich bei „eindimensionale[m] Sprechen“ und „klare[n] Machtverhältnisse[n]“, redet ohne Unterlass in „Vorläufigkeiten und Eventualitäten“, „übt sich in der Zersetzungskunst der Sprache“, „droht[], sich in einem rauschhaften Gefühl der Allverbundenheit aufzulösen“ usw. usf.

Irene ist es zuschreiben, dass der im ersten Teil an magisch-realistische Literatur erinnernde Roman in den nachfolgenden, knapp 100 und gut 150 Seiten langen Teilen dem ‚fact-dropping‘ nach zusehends historisch konkreter und kleinteiliger wird und sich als Familien- bzw. Generationenroman und dann als politischer Roman entpuppt. Über die von Irene erinnerten Großeltern und Eltern geraten weitere Themen wie Kaiserreich, Freikorps in der Weimarer Republik, Wissenschaft und Drittes Reich, Erziehung, Pflicht und Neigung, Zweiter Weltkrieg, Bombenhagel und Flucht, Entnazifizierung, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder sowie Geschichtsunterricht in den Blick. Dabei stellt sich allerdings immer wieder die Frage, was an ihren von Hermann ganz zu Recht als unbefriedigend empfundenen „Anekdoten, Familiengeschichten, kurzatmigen Beschreibungen und Andeutungen“ anderenorts noch nicht erzählt oder dramatisiert worden wäre. Da diese von ihr zudem „mit Zeitsprüngen ohne Zusammenhang und Erklärung“ präsentiert werden, bleibt es dem Leser anheimgestellt, entsprechende Fäden zu knüpfen.

Beim Anfertigen dieser auf Bedeutung und Sinn abzielenden historischen Tapisserie soll dem Leser angesichts ausbleibender Kommentare des Autors bzw. einer Erzählinstanz offensichtlich der dritte Romanteil als ‚Handbuch‘ dienen. In dem schlüpft die am Ende delirierende Irene aus selbsttherapeutischen und, in Stellvertretung, aus gesellschaftstherapeutischen Gründen „[t]äglich“ in unterschiedlichste „andere Menschen und Rollen“, damit ein Erkennen und kritisches Annehmen der Vergangenheit gelinge. Als „Jägerin Gracchus“ tritt sie dabei immer wieder als die große Humanistin und Sozialistin Rosa Luxemburg auf. Deren Leben, Denken und (Nach-)Wirken bildet auch sonst das Zentrum des dritten Romanteils. Als prominentes Opfer deutscher Geschichte einerseits und Vordenkerin und Vorlebende möglicher Alternativen andererseits steht sie nicht nur gleichermaßen für Schuld, Versäumnis und utopischen Vorschein, sondern auch in unmittelbarer Beziehung zum titelgebenden Irrblock.

Unterm Strich kann man vor diesem Hintergrund in Irrblock das kühn konzipierte, doch durch zu viel und sperrig geladene Fracht im Tunnel stecken gebliebene Unterfangen sehen, eine allerdings mehr als irrblockartig groß geratene, in der Art einer Superflechte sprachlich wuchernde Parabel insbesondere über deutsche Geschichte seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts zum einen und über prognostizierbare Zukunftsperspektiven zum anderen zu schreiben: Geschichte einerseits als offizielle, als faktisch chaotische, doch in ebenso ausgetretenen wie dubiosen Kultur‚räumlichkeiten‘ und -praktiken einschüchternde, Ordnung vorgaukelnde und nur dem flanierenden Anschauen, doch nicht dem handlungsrelevanten ‚Lernen‘ gewidmete Ansammlung von Gewalthandlungen – das auch „Rumpelkammer deutscher Geschichte“ genannte Kopfmuseum; Geschichte andererseits als verborgenes, ausgelagertes und marginalisiertes Geschehen, dem Denken und Handeln zuträglicher, aber auch unguter Art, das unaufhörlich von Verschweigen, Verdrängen, Verhüllen, Unkenntlichmachung, Verfälschung und Auflösung überwuchert zu werden droht – der „an verheißungsvollen Tagen […] wie rohes Fleisch“ aussehende Irrblock.

Und die Zukunft? Die wäre wohl in der dem Museumsgelände benachbarten Verkehrsschule zu sehen, die Kinder zwar zu „Selbstkontrolle und Disziplin“ erzieht, aber deren „sicher und vernünftig“ eingerichteter, weder mit Unvernunft noch mit Gefahr noch mit Sanktionen aufwartender Übungsplatz „rührend unwirklich“ aussieht. Kann diese Zukunft wenn schon nicht in der Gegenwart, so doch wenigstens in der Vergangenheit, in der Auseinandersetzung mit museal Präsentiertem doch sinnhaft allererst zu Ordnendem und mit so oder so unterschlagener Geschichte Orientierung finden? Das Museumsgelände und das der Verkehrsschule, so die nicht gerade ermutigende Antwort, sind, obwohl einstmals zusammengehörig, mittlerweile so radikal voreinander geschieden, dass sie wie zwei Räume aus gänzlich anderen Welten wirken.

(Günter Helmes in Ausg. 06-2021 des Rezensionsforums literaturkritik.de, online veröffentlicht am 25. Mai 2021)


https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=27918