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Kurzbeschreibung

[Cover-Abb.: Zerbrochener Abguss eines von J. P. Kleiweg de Zwaan (1875–1971) abgeformten Gesichts eines Mannes der Insel (Pulau) Nias (vor der Westküste Sumatras). Um 1910, zur Zeit der niederländischen Kolonialherrschaft in Niederländisch-Indien (dem heutigen Indonesien).]


Irrblöcke, ein anderes Wort für Findlinge, sind bekanntlich Gesteinsbrocken, die Gletscher während der Eiszeit südwärts getragen haben, wo sie Teil einer anderen Landschaft wurden und dennoch Fremdkörper bleiben. Sie sind von verschiedenen – realen und imaginären – Räumen und Zeiten geprägt, die sich auf ihnen überlagern und ablesen lassen, was der Roman zum Gestaltungsprinzip erhebt.

Auf dem Gelände eines auf Kopfkulte spezialisierten Museums, das im ehemaligen Gebäude des Ostberliner Frauengefängnisses untergebracht ist, liegt, von einem Hilfsgärtner bearbeitet, der titelgebende kopfähnliche, von Flechten überwachsene Findling. An ihm werden historische, politische (deutsche Kolonialgeschichte, Auswirkungen des Dritten Reiches) und fiktive (Kafkas Jäger Gracchus) Schichten überblendet, die durch die biographisch und topographisch verbundenen Protagonisten in Bewegung gesetzt werden, sodass befremdliches Vergangenes, Untotes – verwandelt – wiederkehrt. Im Zentrum steht eine Gedenkbüste Rosa Luxemburgs, die bis heute als verschwunden galt.



Rezensionen
Anton Distelberger: [Rezension von:] Axel Ruoff, „Irrblock“

Toni Distelberger über IRRBLOCK – den neuen Roman von Axel Ruoff

Seine elementare Sprache erweckt die starren und seelenlosen Mineralien zum Leben, er spricht das Zauberwort, gibt das Signal für den makabren Tanz der toten Materie.

Als Ort der Handlung für seinen neuen Roman „Irrblock“ nahm Axel Ruoff nicht noch einmal die karge und triste Landschaft der westlichen Sahara, in der die Protagonistin aus dem Vorgängerroman „Apatit“ zuerst aus ihrer körperlichen Existenz entwichen ist und schließlich eine Metamorphose in einen Stein vollzogen hat. Diesmal ist es nicht die geographische Peripherie Afrikas, sondern eines der Zentren Europas. Ruoff begibt sich aber nur vorgeblich in das Herz des deutschen Staates, wo sich ähnliches abspielt wie bereits im exotischen Land Westsahara – jedoch dieses Mal in umgekehrter Richtung –, als das Haupt (oder eine Büste?) der ermordeten Spartakistin Rosa Luxemburg zunächst in ein sinisteres Museum, das sich dem Schädelkult widmet, verfrachtet wird und schließlich, während der Kopf der Revolutionärin in ein unkontrollierbares und immer monströseres Wachstum verfällt und eine Verwandlung in einen erratischen Gesteinsblock erfährt, in einen abgelegenen Schuppen verbannt wird, wo ein Hilfsgärtner namens Troll sich dessen annimmt, mit dem so redlichen wie vergeblichen Vorsatz, das hypertrophe Wachstum der Flechten, mit denen sich der gewaltige Granitblock zu überziehen beginnt, in Zaum zu halten.

Der seltsame Museumskomplex, in dem Troll seine Lebenszeit verbringt, ist ein dunkles Universum mit obskuren und scherenschnittartig gezeichneten Figuren, dem Kustos, dem Portier, dem Hausmeister, der Kellnerin und dem Sammler. Troll ist ziemlich paralysiert. Seine Mutter Irene hingegen ist eine vielschichtige und ambivalente Figur, und auch Irenes Vater bzw. Trolls Großvater, ein opportunistischer Tierarzt und Universitätsprofessor im Dritten Reich, der nach dessen Untergang in Entnazifizierungslagern eingesperrt war, beweist noch als geisterhafte Erinnerung eine unheilvolle Präsenz.

In Wahrheit ist der Schauplatz des Romans nur marginal mit der realen Topographie Berlins durch die Erwähnung des Landwehrkanals und der früheren Teilung der Stadt verknüpft. Die Geschichte könnte ebenso gut in jeder anderen Stadt mit einer vergleichbar morbiden Atmosphäre spielen oder gar in einer phantasierten Zwischenwelt zwischen Traum und Wirklichkeit. Wer assoziiert beim Namen der Hauptfigur nicht die Trolle, die von Gandalf ausgetrickst und von der aufgehenden Sonne in Stein verwandelt wurden? Oder denkt an die zehntausenden blanken Schädel, die auf turmhohen Regalen in dem kafkaesken Labyrinth des Naturhistorischen Museums in Wien abseits des Publikumsstromes versteckt werden, seit sie vor hundert Jahren von skrupellosen und habgierigen Forschern aus ihren frisch angelegten Grabstätten in Afrika, Australien und Asien gerissen wurden, um vermessen, kategorisiert und schubladisiert zu werden? An die bemalten Schädel aus den Ossuarien, den Beinhäusern und Karnern des Salzkammerguts, oder an die grinsenden Totenschädel der Heiligen in ihren gläsernen Reliquienschränken?

In einem ladinischen Märchen verwundert die Heldin sich über einen Mann, der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang keine andere Beschäftigung zu kennen scheint, als einen mächtigen Holzblock zu zerteilen. Wie ein Autist ist er in seine Aufgabe vertieft, ohne dass er sich seiner Umgebung zuwenden kann. Erst nach einiger Zeit erkennt sie, wie sinnlos dieses Unterfangen ist, denn des Nachts verwandeln die abgeschlagenen Späne und Splitter sich in Mäuse, die zurücklaufen und erneut zu einem massiven Holzklotz verschmelzen. Erst als die Frau ihn endlich anspricht und nach seinem Tun fragt, ist der Bann gelöst.

Doch nicht nur in den Dolomiten müssen sinnlose Handlungen fortwährend repetiert werden, auch in Berlin kann Troll immer noch nicht von der manischen Beschäftigung mit dem Irrblock ablassen, als seine Gefährtin sich längst schon von ihm abgewandt hat. Troll gibt sich als eine Version des aus der griechischen Mythologie bekannten Sisyphos zu erkennen, der seine Schuld und die seiner Vorfahren abträgt, indem er ewig einen Stein zu bewegen bemüht ist, der stets in seine alte Position zurückkehrt. Die Plage des Sisyphos ist zur allgemein bekannten Metapher geworden. Der Stein des Sisyphos will sich nicht manipulieren lassen, er führt ein Eigenleben, so wie alle toten Dinge in dem Roman „Irrblock“, dessen Autor sie mit einem unheimlichen und eigensinnigen Leben versehen hat. Mit seiner elementaren Sprache erweckt er die starren und seelenlosen Mineralien zum Leben, er spricht das Zauberwort, gibt das Signal für den makabren Tanz der toten Materie. Das parasitäre Wachstum der Objekte aus der Vergangenheit überwuchert die Gegenwart des Romans wie die Urwaldvegetation die Ruinenstädte der Maya und Khmer.

Zwischendurch zitiert Ruoff ein irrwitziges Märchen aus der handschriftlichen Urfassung der „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm, das wohl jeden Kenner der Märchenliteratur überraschen wird. Darin verfolgt der Kopf eines Enthaupteten so lange seinen Mörder, bis der Schädel des Opfers es schafft, den Übeltäter buchstäblich zu okkupieren und als seinen neuen Körper zu instrumentalisieren. Ruoff will uns mit seinem Roman keinen Trost schenken, er will uns keine Hoffnung machen, wir sollen vielmehr nachhaltig verstört werden. Er zeigt uns keinen anderen Ausweg aus dem Autismus unseres Lebens, offeriert uns atmenden, bangenden, wagenden und verzweifelnden Menschen keine andere Option als die finale Befriedung unseres nervösen Daseins durch die Sicherheit, die uns das Eingehen in die dingliche Welt und das Verschmelzen mit der unbelebten, aber nichtsdestotrotz gedeihenden Natur verschafft. Können wir nicht aus unserer autistischen Hektik erwachen, droht uns die Versteinerung. Nur eine solche dauerhafte Existenzform stellt eine wahrhafte unio mystica in Aussicht. Die einzige Alternative bestünde darin, von einer Beobachterin angesprochen und damit aus der zwanghaften Wiederholung erweckt und aus der Tretmühle geschäftiger Umtriebe einer nimmermüden Güter- und Bilderproduktion erlöst zu werden. Nur das könnte den Bann noch brechen.

Axel Ruoff ist ein moderner Märchenerzähler, er hat einen erstaunlich aktuellen Mythos geschaffen. Seine eindringliche Sprache und präzise Ausdrucksform reflektieren den irreversiblen Sinnverlust dieser Welt.

Mittels schamanistischer Trancereisen zurück an den Anfang jeglicher Existenz in einer mythischen Urzeit und der Anrufung wirkmächtiger Symbolbilder aus der jüngeren Vergangenheit verschafft Ruoff jedoch seiner Hauptfigur ein persönliches Arkanum. Troll muss sich neu erfinden, wird gar in eine neue Welt hineingeboren …

(Rezension: Anton Distelberger, 13. Januar 2021)