Meine Wunde Ukraine
Erzählungen
Anastasiya Maria Savran
ISBN: 978-3-99126-192-6
21,5×15 cm, 160 Seiten, m. farb. Abb., Kt., Hardcover
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Kurzbeschreibung
Tief verwurzelt in ihrem Geburtstort Lviv in der Westukraine erlebt und durchlebt Anastasiya Maria Savran den Angriffskrieg auf die Ukraine auf vielen Ebenen: Familiär, emotional, (mutter)sprachlich, moralisch, medial. Sie erzählt über den Kriegsalltag ukrainischer Zivilist*innen, Kriegsüberlebenden und Vertriebenen. Vor Ort und außer Land.
Eine Sammlung
Erlebter Wahrheiten
Eine Handvoll Geschichten
Überlebender
Eine Handvoll
Ukrainischer Herzen
In deiner Hand.
Rezensionen
Mario Lang: «Die jetzige Zeit tickt, nicht die Geschichte»Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine behandelt die in Lwiw geborene Anastasiya Maria Savran in ihren künstlerischen Arbeiten explizit das Thema Krieg. Die Fragen wurden schriftlich gestellt.
Anastasiya Maria Savran wurde 1997 in der Ukraine geboren, verbrachte ihre Kindheit in Graz und lebt seit ihrer Jugend – mit einem Abstecher nach Island – in Wien. Einerseits ist sie Lehrende und zurzeit Dissertantin an der Pädagogischen Hochschule Wien, andererseits ist sie Künstlerin, die übers Schreiben hinaus auch bildnerisch tätig ist. 2023 gewann sie den Exil-Literaturpreis mit dem Text Platz für Enge. Im Jahr darauf erfolgte ihre Debütveröffentlichung Meine Wunde Ukraine. Aktuell arbeitet sie an einem Kinderbuch und einem Theaterstück.
Wussten Sie, dass es in Wien eine Lembergstraße gibt?
Tatsächlich nicht! In Wien war mir bisher in Bezug auf die Ukraine vor allem das schöne Kosaken-Denkmal im Türkenschanzpark bekannt, die Lembergstraße jedoch nicht.
Wann sind Sie das letzte Mal in Lwiw gewesen?
Zuletzt im Jahr 2019, vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie. Bis zum Angriffskrieg im Jahr 2022 wollte ich immer wieder nach Lwiw, konnte aber nicht einreisen, da bei einem Nicht-EU-Land eine zweiwöchige Quarantäne bei der Rückkehr nach Österreich notwendig gewesen wäre und dies wiederum mit meinem damaligen Arbeitgeber nicht vereinbar war. Das bereue ich zutiefst. Ich hätte trotzdem fahren sollen, sind es mittlerweile doch nun sechs Jahre, die ich nicht mehr dort gewesen bin! Zuvor war ich mindestens einmal im Jahr, zumeist im Sommer, für längere Zeit in Lwiw.
Wie waren die Bewohner:innen von Lwiw bis 2014 im Vergleich zu anderen ukrainischen Städten wirtschaftlich aufgestellt?
Auf Basis meiner persönlichen Einschätzung würde ich Lwiw folgendermaßen beschreiben: Eine Stadt mit durchschnittlichem bis gehobenem Wohlstand, mit kulturellem und historischem Reichtum. In den Jahren vor dem Angriffskrieg war ein sehr großer wirtschaftlicher Aufschwung zu spüren. Eine Mittelschicht ist (in der Ukraine generell) viel weniger vertreten als in Österreich. Das Durchschnittseinkommen hängt davon ab, ob man einen in- oder ausländischen Arbeitgeber hat. Viele bevorzugen berufliche Tätigkeiten als freie Dienstnehmer:innen bei ausländischen Unternehmen. Wohnungsmieten in Lwiw sind sehr, sehr hoch; hier kommt dem Großteil der Bevölkerung zugute, dass in der Zeit des Kommunismus der Staat den Familien kleine 1- bis 3-Zimmerwohnungen (zumeist in Arbeitervierteln wie dem Bezirk Sychiw) zur Verfügung stellte. Somit sind viele Menschen meiner Großeltern- und Elterngeneration im Besitz einer Eigentumswohnung.
Leben für Sie wichtige Personen nach wie vor in Lwiw?
Außer meinen Eltern und Geschwistern leben alle meine Familienmitglieder in Lwiw: Großeltern, Tanten, Cousinen, Onkeln, Cousins und weitere Verwandte. Das einzige Familienmitglied, das 2022 die Flucht ergriff, war meine älteste Cousine Dzvenyslava. Sie ist bei Kriegsausbruch nach Wien geflüchtet, hochschwanger, und hat im Wiener AKH ihren Sohn Luka zur Welt gebracht. Seitdem lebt sie mit ihren vier Kindern als Vertriebene in Wien.
Ist Wien im Vergleich zu anderen internationalen Städten für Ukrainer:innen ein begehrter Fluchtort?
Das zu verallgemeinern fällt mir sehr schwer; ich möchte zuerst eher darauf eingehen, dass sowohl ukrainische Inlands- als auch Auslandsflüchtlinge häufig zur ‹privilegierten› Schicht gehören, weil sich andere Menschen eine Flucht schlicht nicht leisten können.
Viele bevorzugen wohl das kulturelle und urbane Lwiw, weil der Westen des Landes sicherer schien/scheint. Aber auch das stimmt so nicht; meine vier ermordeten Verwandten sind 2024 in der Innenstadt in Lemberg elend gestorben, nachdem eine Rakete in der Nacht in ihr Wohnhaus eingeschlagen und dieses zum Einsturz gebracht hat.
Wien und Lwiw werden gerne architekturhistorisch (Stichwort Habsburgermonarchie) miteinander verglichen. Ist für Sie an diesem Vergleich etwas dran oder wird er überstrapaziert?
Absolut! Es lassen sich viele Einflüsse vor allem bei den historischen Bauten der Innenstadt erkennen. Auch in der Sprache spiegelt sich einiges aus der Habsburgerzeit: Der Kaiserwald (Кайзервальд), ein sehr schönes Waldgebiet im Westen von Lwiw, heißt auch im Ukrainischen so, obwohl es für die Bezeichnung ‹Wald› im Ukrainischen das Wort ›Ліс› («Lis») gibt. Kaiser Franz Joseph ist bei seinen Besuchen in Lwiw in diesem Wald spazieren gegangen. Ich erinnere mich, als Kind meine Mutter erstaunt gefragt zu haben, warum der Wald einen deutschen Namen trägt.
Wie betrachten Sie die historische und sehr polarisierende Person Stepan Bandera, der von den einen noch immer als Held verehrt, von den anderen als Nazi betrachtet wird?
Vorab: Ich lehne jegliche Form von Gewalt, Antisemitismus oder Homophobie vehement ab. Auch die Ukraine sollte aus meiner Sicht niemals reaktiv zivile Gebiete in Russland besetzen oder gar angreifen. Bei Stepan Bandera, und generell bei historischen Figuren, sind Entweder-oder-Bezeichnungen aus meiner Sicht nicht zielführend beziehungsweise falsch. Wenn Bezeichnungen Fakten verkörpern, dürfen und sollen sie nebeneinanderstehen. Bei Bandera eignet sich statt dem sehr aufgeladenen Wort «Held» vielleicht als passendere Bezeichnung «Kämpfer». Schlussendlich muss sich jede:r selbst anhand seiner Biografie ein Bild machen.
Sie sagen in einem Interview, «Man lenkt auch vom Wesentlichen ab, wenn man den Konflikt durch die Geschichte oder die NATO zu erklären versucht. Und man nennt es Konflikt, obwohl es keiner ist.» Was wäre das Wesentliche? Und welcher Begriff sollte statt «Konflikt» verwendet werden?
Die jetzige Zeit tickt, nicht die Geschichte. Eine solche Berufung auf die Geschichte nimmt diesem Angriffskrieg den Grauen und die Brutalität aus meiner Sicht. Es sucht nach Rechtfertigung und Erklärungen. Wir als Österreicher:innen marschieren ja auch nicht nach Ungarn ein, greifen brutalst zivile Ziele an und begründen dies mit «Oh! Wir sind ja so sehr historisch verbunden. Hier ist der österreichische Pass. Ab heute seid ihr eben (‹wieder›) Österreicher.» Und dem Rest der Welt erzählen wir, dass wir euch befreien, weil ihr euch das sowieso schon immer von uns gewünscht habt!› Genau das ist nämlich, was russische und pro-russische Propaganda verbreitet. Es handelt sich um einen einseitigen Angriffskrieg, einen Überfall und einen ständig neuen, grauenvollen Angriff; keinen Konflikt.
Warum «sträuben» Sie sich, «von einem Angriffskrieg Russlands» zu sprechen?
Sprache ist ein Geschenk, ein Werkzeug, eine Gestalterin, eine Waffe, eine Zerstörerin und noch so, so, so viel mehr – je nachdem, wie wir sie anwenden und verändern. In diesem Kontext finde ich es ungeheuerlich, dass wir dem Land ‹Russland› als Gesamtheit diesen unmenschlichen Angriffskrieg umhängen. Auch das schafft Barrieren und Abgrenzung, es lässt kaum Räume oder Zwischenräume für jene, die diesen Angriffskrieg ablehnen und vehement auf unterschiedlichsten Ebenen verhindern und bekämpfen. Unsere Gesellschaft spart Zeit, es ist immer die Zeit; es gibt kaum Zeit in Konversationen, über solche Feinheiten nachzudenken und sensibel Sprache zu verwenden. Ich setze mich tagtäglich dafür ein, Sprache nicht als Waffe und Zerstörerin, sondern als gemeinsame Gestalterin zu nutzen. Es ist zudem auch ein Appell an mich, um nicht in einer verallgemeinerten Abneigung und einem destruktiven Hass gegenüber anderen zu ertrinken und zu versinken: Bei Sprache geht es immer um das Verbindende; es ist eine riesige, sehr fordernde und wunderschöne Aufgabe, sich dessen bewusst zu werden und den eigenen Gebrauch der Sprache zu reflektieren. Das Gestaltungspotenzial durch Sprache ist eine der vitalsten Kräfte, die wir Menschen besitzen. Diese Selbstarbeit an mir und meiner Sprache ist eine lebenslange Aufgabe, ist Literatur und Kunst, ist Alltag und Abstraktion, Gemeinschaft und Individualität – und sie betrifft uns alle.
Über Ihren beim Exil-Literaturpreis 2023 siegreichen Text mit dem Titel «Platz für Enge» sagen Sie, «mit dieser Geschichte wollte ich aufzeigen, dass es auch nicht richtig ist, sich total abzuspalten ». An welche(s) Bezugsfeld(er) dachten Sie dabei?
Der Text erzählt von einer Familie in Wien und ihren Familiensprachen: Der Vater ist Ukrainer, die Mutter Russin, ihr gemeinsamer Sohn und Protagonist der Geschichte ist folglich Ukrainer, Russe und Österreicher – oder doch nicht? Der Text soll keine Antworten liefern, sondern Fragen aufwerfen und zur Reflexion anregen. Die Verwobenheit von allem, was unsere Identität ausmacht, in diesem Fall vor allem unsere Familiensprach(en), sind unmöglich richtig oder falsch von uns abzuspalten/zu spalten. Oder doch?
An welchem literarischen Projekt arbeiten Sie im Moment?
An einem Bilderbuch, das kindgerecht über das Thema «Krieg» aufklärt und die Themen Heimat, Friede und Verlust verkörpert. Es geht um einen Apfelbaum, der Briefe an einen kleinen Jungen namens Petró schreibt und dabei erzählt, wie sich seit Petrós Flucht die Geräusche, die Gerüche – das Leben verändert hat. Das Bilderbuch ist sehr wertvoll für mich, die Illustrationen sind von mir angefertigt und collagenartig zusammengestellt. Mein größter Wunsch ist, dass es wie mein erstes Manuskript Meine Wunde Ukraine – aus dem ich beispielsweise in der VHS Urania im Rahmen des Internationalen Frauentags 2025 gelesen habe – bald im Verlag Bibliothek der Provinz erscheinen wird. Auch an einem Theaterstück, das vor allem in Mariupol spielt, schreibe ich zurzeit intensiv.
Die Fotos auf Ihrer Website zeigen Sie in Alltagskleidung, mit einer Ausnahme: Gerade in der Rubrik «Vita» tragen Sie eine Tracht. Welche Bewandtnis hat diese Art der Präsentation?
Meine geliebten Wyschywankas – ich sammle bestickte ukrainische Trachtenhemden schon seit meiner Jugend und bin stolze Besitzerin von zumeist handbestickten Hemden mit floralen, zoomorphen und geometrischen Mustern. Als Foto für meine Vita, bei Lesungen oder bei der Preisverleihung des Exil-Literaturpreises 2023 trage ich sie, um meine Verbundenheit und Hoffnung für die Ukraine durch mein Schaffen auszustrahlen. Слава Україні! (Wird übersetzt mit «Ruhm der Ukraine», «Ehre der Ukraine » oder «Hoch lebe die Ukraine» und ist zu einem mit der Euromaidanbewegung assoziierten Slogan geworden, Anm.)
(Interview: Mario Lang & Reinhold Schachner, erschienen im Augustin. Erste österreichische Boulevardzeitung №632, S. 9 ff.)