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Land und Gedenken | Pays et Mémoriaux

Gedichte 1974–2024 | Poèmes 1974–2024

Willibald Feinig

ISBN: 978-3-99126-282-4
19×13,5 cm, 400 Seiten, Hardcover m. Schutzumschl. & Lesebändchen | Text dt. & französ.
24,00 €
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Kurzbeschreibung

GELINGT EIN VERS, gar ein Gedicht, kommt Erstaunliches zur Sprache. Die Ferne und die vertraute Nähe – Beides nimmt den Atem und gibt ihn –, der Mut zur Selbstverteidigung und die späte Knospe, der unverblümte Blick auf Enttäuschung und Melancholie, das gewöhnliche, lebenslange Neue.
Je mehr man die Sprache in ihrer Vielfalt nützen lernt, desto gewisser wird ihr Sinn und der aller Kunst, allen Menschenwerks: Es gibt nur Neues unter der Sonne. Zumutung, von der wir leben.

UN VERS, UN POÈME réussi fait parler l’étonnant, la distance pénible et la proximité fiable – les deux coupant le souffle et inspirant en même temps – , l’auto-défense courageuse et le bourgeonnement tardif, le regard net sur l’habituel, l’annuel – à vie et d’autant plus tabou.
Dans la mesure où l’on apprend à servir la langue multiforme, le sens (pour ainsi dire) de celle-ci se précise: Que du nouveau sous le soleil ! C’est le sens de l’art, de toute œuvre humaine, défi qui nous rend vivants.


GEDICHTE, bei denen die rechte Gehirnhälfte dem Leintuch näher ist
Gedichte mit der linken Gehirnhälfte unten
Gedichte mit dem Kopf in Händen
Gedichte auf dem Rücken liegend
Gedichte in Bauchlage
Gedichte, den Kopf unterm Polster vergraben


MERLETTE, VOISINE
branchée, feuille noire sur la branche nord-ouest du noisier
Descendue sur la terrasse, tu tape-tapes et avances jusqu’au bord
pour me lorgner, cramponneé au cuivre de tes quelques doigts
Muette immobile


Rezensionen
Annette Raschner: Helle Momente inmitten des Vergessens

Zum neuen Gedichtband von Willibald Feinig

30 Jahre war Willibald Feinig AHS-Lehrer am B.O.RG Dornbirn Schoren in den Fächern Französisch und Deutsch. Aber viel länger schon schreibt der 73-jährige Germanist, Romanist und Theologe Gedichte. Unter dem Titel „Land und Gedenken – Pays et Mémoriaux“ sind Gedichte/Poèmes aus den Jahren 1974 bis 2024 im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen. Der Band umfasst 400 Seiten.

„Gelingt ein Vers, gar ein Gedicht, kommt Erstaunliches zur Sprache. Die Ferne und die vertraute Nähe – Beides nimmt den Atem und gibt ihn –, der Mut zur Selbstverteidigung und die späte Knospe, der unverblümte Blick auf Enttäuschung und Melancholie, das gewöhnliche, alljährliche, lebenslange und darum umso mehr tabuisierte Neue.“ (aus: „Waschzettel des Autors“)

Willibald Feinig sitzt in seinem blauen Holzhaus in Altach und erzählt mit leiser Stimme: von seinem Aufwachsen als Bauernsohn in Kärnten, von der Internatszeit in Graz und seinen fünf Jahren im Kloster Kremsmünster. Dort habe ihm der Abt erlaubt, den Tassilokelch zu zeichnen, der in der Schatzkammer des Stifts aufbewahrt ist. Dazu habe er dann auch eines seiner ersten Gedichte geschrieben. Im Buch befinde sich nun die vermutlich zwanzigste Überarbeitung dieses Textes. Viele Gedichte habe er bis zu ihrem Knochengerüst überarbeitet, immer und immer wieder. Das Älteste im Buch, eine Celan-Übersetzung, wiederum nicht. „Das hält noch.“ Aber insgesamt, sagt Willibald Feinig, sei das Gedichteschreiben eher ein Laster als eine Tugend. „Man muss damit zu Rande kommen.“

EIN GEDICHT

ist ein heller Moment inmitten Vergessens.
Ein Gebet
zwischen Zweifel und Angst wie der Herzschlag.
Ein Gedicht ist ein dunkler Moment
im hellen Zweifel.

Hilde Domin hat ein Gedicht geschrieben, in dem jedes Wort selbst der Titel
[stimmt,
Hölderlin auch. Als ich es vortrug
(ich war jung), musste ich weinen.


Je mehr man die Sprache in ihrer Vielfalt nützen lerne, desto gewisser werde ihr Sinn und der aller Kunst, sagt Willibald Feinig, der viele seiner Gedichte auf Deutsch und auf Französisch schreibt, weil es einfach nicht wahr sei, dass man ein gutes Gedicht nicht übersetzen könne. „Das Gegenteil ist der Fall. Was nicht übersetzbar ist, ist nix.“ Manches, was er schreibe, verstehe er selbst nicht, „aber manchmal muss man etwas ins Unverständliche hinüberziehen, allerdings darf man das auch nicht kultivieren.“ Zögerlich vorantastend, mäandernd und fragend nähert sich Willibald Feinig auch schweren Themen.

Weil Gedichte schreiben für ihn auch eine Möglichkeit sei, sich zu vergewissern und vor allem auch, den Schmerz anzunehmen.

DIE WIEDERGEBORENE

Du hast mich zu den Eichen geführt,
zu den Wurzeln, zum Kies
an das Wasser.
Du tauchtest ein
in das wechselnde späte Licht, in den Herbststrom
lange. Als du herausstiegst, warst du das Leben.


Willibald Feinigs Haus ist von einem hübschen Gärtchen umgeben, das er und seine Frau bewirtschaften. Beim Riebel-Kochen erzählt er von Landschaften, die ihn inspirieren und immer wieder Impulse für sein Schreiben liefern. „Für mich gibt es nur schöne Landschaften. Die Geformtheit der Erde und das Unverwechselbare jedes Landstrichs sind fantastisch.“

Willibald Feinig verwendet hin und wieder musikalische Parameter in seinen Gedichten. Aber der Musiker ist nicht er, sondern Nikolaus Feinig, einer seiner drei Söhne. Laurenz war maßgeblich an dem Buch beteiligt; er hat es gemeinsam mit Marcella Merholz grafisch gestaltet. Das feine Ergebnis kann sich sehen lassen!

Und als Leser von Gedichten? Da ist Willibald Feinig äußerst wählerisch und liest lieber wenige, dafür manche immer wieder. „Hölderlin ist für mich der Größte. Da stimmt jedes Wort. Wunderbar ist auch Christine Lavant. Rilke mag ich nicht besonders, außer die Duineser Elegien.“

Als studierter Theologe fühlt sich Willibald Feinig dem Katholizismus verpflichtet. „Auch wenn mir die Sprachlosigkeit beim Thema Mann, Frau und Sexualität ein Leiden ist. Ich versuche da eine neue Sprache zu finden.“

BRIEF

Möcht ich nicht alles von dir wissen, hören,
dein Sein und Bleiben,
und wer du warst und wirst
und was dich ärgert, was erstaunt,
was du ersehnst
und wie es kam, dass du so gastlich bist, so hilfreich,
und nicht ermüdest
und aus gewohntem Wasser immer neu entsteigst?

Und deine Sorgen, deine Not,
dein Denken, Lassen,
Zögern, eignen Sinn und Kraft?
Und bin ich neidig auf den Gast an deinem Tisch nicht
Und die Matratze, die bei Nacht dich trägt,
und möcht ich stolpern nicht, wo du dir weh getan
und deine Träume tun und nahe bei dir sein,
dem Neuen treu, das bleibt?

Gebrechliche, Starke,
doch wenn du in der Tür stehst,
wenn du mich musterst, prüfend,
wenn du mich grüßt mit einem Ton
wie ein Vogel, Gesang und Wort,
weiß alles ich von dir,
brauch nichts zu wissen, selig
juble.


(Annette Raschner, Rezension erschienen in der KULTUR. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft № 5 · 2024 | Juni ’24, S. 106f., online veröffentlicht am 5. Juni 2024)


https://www.kulturzeitschrift.at/kritiken/helle-momente-inmitten-des-vergessens


Brigitta Soraperra: Leitlinien gegen Unordnung

Über 30 Jahre lang war er Lehrer für Deutsch und Französisch am Gymnasium Dornbirn-Schoren, in seinem Herzen schlummerte aber der Dichter: Willibald Feinig bringt mit 73 Jahren und nach zahlreichen anderen Publikationen seinen ersten Gedichtband heraus. Darin sind fünf Jahrzehnte Leben versammelt, über die der gebürtige Kärntner und zeitweilige Benediktinerfrater mit der marie im Vorfeld seiner Buchpräsentationen gesprochen hat.

Gelingt ein Vers, gar ein Gedicht, kommt Erstaunliches zur Sprache. Die Ferne und die vertraute Nähe – beides nimmt den Atem und gibt ihn –, der Mut zur Selbstverteidigung und die späte Knospe, der unverblümte Blick auf Enttäuschung und Melancholie, das gewöhnliche, lebenslange Neue. Die Wahrheit hängt am dünnen Faden der Sprache. Er hält.*

Gedichte, bei denen die rechte Gehirnhälfte dem Leintuch näher ist
Gedichte mit der linken Gehirnhälfte unten
Gedichte mit dem Kopf in Händen
Gedichte auf dem Rücken liegend
Gedichte in Bauchlage
Gedichte, den Kopf unterm Polster vergraben
*

[* Gedichte aus „Land und Gedenken/Pays et Memoriaux“]

„Ich komme aus Innerkärnten, dem Nazikärnten“, meint Willibald Feinig gleich zu Beginn des Gesprächs, „dort gab es schon Anfang der 1930er-Jahre stolze Nazis.“ Man sei geschichtlich bedingt gegen alles Wienerische, alles Katholische und alles Slowenische gewesen. „Eine einzige Tragödie“, sagt Feinig, „das Dorf, aus dem ich komme, heißt Tschwarzen, was Slowenisch ist und ‚zwei Höfe‘ bedeutet, aber ich habe in meinem ganzen Leben in Kärnten nie ein Wort Slowenisch gehört.“ Im Zuge des Zweiten Weltkriegs seien die slowenischsprachigen Bauern, die an ihrer Muttersprache festhielten, enteignet worden und in eine Art Sonder-KZ gekommen. In Südkärnten habe es allerdings auch den einzigen bewaffneten Widerstand gegen das NS-Regime gegeben: „Die Schriftstellerin Maja Haderlap ist Nachkommin eines Widerstandskämpfers und erzählt davon.“

Schulbildung als Privileg
Willibald Feinig wurde 1951 als erster von zwei Söhnen in eine Bauernfamilie hineingeboren. „Ich war so froh, dass meine Mutter unbedingt wollte, dass der Bub lernen kann“, erzählt er, denn die Eltern waren Landwirte, „aber noch ohne Maschinen und schon ohne Knechte und Mägde, es war eine einzige Schinderei.“ Mit zehn Jahren kommt „der Bub“ ins ferne Graz (damals 300 Kilometer per Zug) in ein Bundesinternat, „dort nahm man vor allem Kinder auf, die begabt waren, aber arm, und weit weg vom nächsten Gymnasium. Ein Privileg“. Ein Jahr später stirbt der Vater an Krebs, ein heftiger Einschnitt für den Elfjährigen: „Meinen Vater habe ich sehr gemocht, alle haben ihn gemocht, seine Frau vielleicht am wenigsten“, verrät Feinig. Dem Mann sei vieles nicht so wichtig gewesen, im Unterschied zur stets ehrgeizigen Mutter. „Das hatte wohl mit seinen schlimmen Kriegserfahrungen zu tun“, vermutet Willibald Feinig, der ein Kriegstagebuch seines Vaters später in einer Art Roman verarbeitet hat. „Aber ohne die tatkräftige Mutter wäre der Hof, der gleich nach dem Tod des Vaters verpachtet wurde, sicher nicht erhalten geblieben.“

„Ich treffe etwas, wenn ich schreibe“
Der junge, musisch begabte Willibald hatte Glück. Die Schule, die er besuchen durfte, war eine der einst von Otto Glöckel gegründeten Reformschulen. Glöckel, „der Montessori von Österreich, ein Sozialdemokrat“, entwickelte nach dem Ende der Monarchie eine neue Form von Schulen in alten Gemäuern: Die Matura fiel ursprünglich mit einem Lehrabschluss zusammen. Auch wenn davon in den 1960er-Jahren keine Rede mehr war, gab es viele Entfaltungsmöglichkeiten neben dem traditionellen Unterricht. „Zum Beispiel lag ein Akzent auf Musik und Zeichnen. Einziger Nachteil: Man musste sich zwischen beiden entscheiden“, erzählt Feinig, „darum bin ich ein Zeichner.“ Aber auch das Schreiben war ihm schon früh ein Ankerpunkt: „Ich habe schon als Zehnjähriger gemerkt, ich kann etwas treffen, wenn ich schreibe. Es diente aber auch dem Stressabbau und als Fluchtweg“, ergänzt er und weist auf einen weiteren roten Faden in seinem Leben hin: Das Thema der Überforderung. „Als Kind merkt man es nicht. Aber es gab die Überforderung mit dem Bauernhof, nach der Matura ging sie weiter.“ Er habe in Wien Französisch und Deutsch studiert, „ohne jede Fantasie, einfach weil es die Fächer meiner beiden Lieblingslehrer waren“. Seine Mutter hätte lieber gehabt, er werde gleich Volksschullehrer. Dazu kam die erste Freundin, nach acht Jahren Bubeninternat. Und es waren die rebellischen 68er Jahre. Ein Auslandstrimester im Rahmen der Schulpartnerschaft in Paris tat das Seinige dazu, dass Willibald Feinig nicht nur bis heute mit der französischen Sprache tief verbunden ist, sondern sein kritischer Geist endgültig wachgerüttelt wurde.

Theologie als Spätberufener
Obwohl er damals nicht viel studiert habe, schloss er das Lehramtsstudium erfolgreich ab. Aus der Bahn – in eine neue Überforderung – warf ihn dann die Trennung von seiner ersten großen Liebe. Halt fand er, selbst für ihn völlig unerwartet, durch den Eintritt in einen katholischen Orden. „Ich hatte schon in Paris als Religionslehrer einen Jesuiten, der die Bedeutung des (Zweiten Vatikanischen, B. S.) Konzils erklärte. Der hat mich beeindruckt“, erzählt Feinig, und „ich war ja eigentlich auch katholisch sozialisiert, Ministrant, mochte das Sinnliche, den Weihrauch, die Glocken. Auch wenn ich es zeitweilig vergessen hatte, meine Großmutter hatte mir als Kind die Kirche schmackhaft gemacht, sehr zur Verachtung mancher Verwandter.“ Willibald Feinig lernte Kremsmünster kennen, ein altes Benediktinerkloster in Oberösterreich, 777 gegründet. „Ich bin als Student öfter hingefahren, schließlich eingetreten. Es gab eine klare Tagesstruktur und Arbeit in Fülle, im Obstgarten, bei der Altenbetreuung, als Übersetzer, beim Studium der Ordensgeschichte, ich lernte Griechisch und konnte mich mit der Kunstsammlung auseinandersetzen.“ Nach einem Jahr Noviziat wurde er zum Theologiestudium nach Salzburg geschickt und wurde Frater. „Ich habe mir vorgestellt, dass ich in Kremsmünster einmal mit den alten Codices zu tun haben und viel in der Bibliothek sein werde.“

Umzug nach Vorarlberg
Das Schicksal hatte aber andere Pläne für ihn. Beim Studium in Salzburg lernte er die Vorarlbergerin Lucia Giesinger kennen, die Religion und Bildnerische Erziehung belegte. Sie verliebten sich, Feinig trat aus dem Kloster aus, die beiden heirateten, zogen nach Vorarlberg und gründeten eine Familie. Um diese zu ernähren, wird er Lehrer für Deutsch und Französisch am BG Dornbirn-Schoren, wo er bis zu seiner Pensionierung bleibt. „Ich bin großteils gerne Lehrer gewesen, als Lehrer gefühlt habe ich mich aber nie“, bekennt er heute. Über seine Frau, die Künstlerin ist und nach dem ersten Jugoslawienkrieg das bekannte „Bosna Quilt“-Projekt aufbaute, wird Willibald Feinig Teil der Vorarlberger Kunstszene. Jahrelang ist er neben seiner Lehrertätigkeit freier Redakteur, auch für das Feuilleton einer Tageszeitung, und veröffentlicht Kunst-Publikationen. Gerne habe er das alles gemacht, sagt der Autor, aber doch auch stets mit dem Gefühl von Überforderung, „zwei Hauptfächer, das bedeutet ununterbrochen korrigieren“. Hinzu kamen Theaterprojekte, Filme und eine Zeitung, die er mit seinen Schüler:innen realisierte. Das Familienleben litt, die kirchliche Entwicklung bereitete ihm Sorgen, dann kam noch die Mitarbeit bei den Bosna Quilts dazu. „Es gab für mich aber keine andere Möglichkeit, als dauernd solche Sachen am Rand des Üblichen zu machen.“

Trost in französischer Sprache
Einen tiefen Einschnitt bildete die Trennung von seiner ersten Ehefrau um das Jahr 2010. „Um die Scheidung zu überwinden, bin ich oft nach Frankreich gefahren.“ Willibald Feinig findet Trost in der französischen Sprache, nimmt das eigene Schreiben, die Lyrik wieder auf. „Gedichte sind Leitlinien gegen Unordnung“, sagt er, und: „Gedichte zwingen einen, alles als Jetzt zu nehmen.“ Die schriftstellerische Arbeit dient ihm aber nicht nur zur Verarbeitung von Individuellem, Feinig erhebt auch den Anspruch auf Allgemeingültigkeit: „Ich bin ein permanenter Überarbeiter, manche Gedichte habe ich überarbeitet, bis nur noch Skelette blieben.“ Ein hilfreiches Korrektiv für ihn bildet dabei die Übersetzung ins Französische. „Es heißt seit der Romantik, ein wirkliches Gedicht lässt sich nicht übersetzen. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Was sich nicht übersetzen lässt, ist nichts wert.“ Und ganz wesentlich ist ihm auch die Arbeit mit dem Gestalter seiner Bücher. Seit ein paar Jahren hat Sohn Laurenz Feinig diese Aufgabe übernommen. „Im Dialog werden die Texte besser“, ist Willibald Feinig überzeugt, „auch wenn es manchmal weh tut, sich von Liebgewordenem zu trennen. Laurenz und andere, ein ehemaliger Kollege, gebürtiger Franzose, zum Beispiel, helfen mir, die Spreu vom Weizen zu trennen.“

Je mehr man die Sprache in ihrer Vielfalt nützen lernt, desto gewisser wird ihr Sinn und der aller Kunst, allen Menschenwerks: Es gibt nur Neues unter der Sonne. Zumutung, von der wir leben.*

Im wahrsten Sinne politisch
Womit wir beim aktuellen Buch angekommen sind. „Land und Gedenken/ Pays et Memoriaux“ lautet der Titel, und hier schließt sich ein Kreis. „Die Welt ist auch in der Überforderung, nicht nur ich bin es“, konstatiert Willibald Feinig, und: „Meine Gedichte sollen Denkmäler sein.“ Denkmäler für Menschen, die dieser Überforderung etwas entgegensetzen. Der Autor hat von jeher seine Stimme erhoben, ein Großteil seiner Texte ist hoch politisch. Als Russland den Angriffskrieg auf die Ukraine eröffnete, schrieb Feinig einen „Offenen Brief an Vladimir Putin“, den er in den Kreml, aber auch an verschiedene Medien schickte. Auch im Sammelband mit Gedichten aus fünfzig Jahren finden sich nicht nur Alltagsgedichte, Minnelieder, Bildbeschreibungen oder „Unmärchen“, sondern gesellschaftspolitisch Brisantes: Gedichte über die englische Politikerin Jo Cox, die 2016 ermordet wurde, „weil sie gegen den Rückfall in den gewohnten Nationalismus, sprich Brexit, kämpfte“, oder über die russische Investigativjournalistin Irina Slawina, die sich nach jahrelangen Schikanen durch den russischen Geheimdienst 2020 öffentlich verbrannte. „Die beiden sind Märtyrerinnen der Demokratie“, sagt Feinig, „in den Gedichten geht es um das Gedenken an Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes politisch waren.“

(Brigitta Soraperra, Rezension in der marie. Die Vorarlberger Straßenzeitung #94 / Juni 2024, S. 20ff.)


Holger Zaborowski: Gedicht und Gesang

Vorworte stören manchmal. Sie können dem Leser einen unbedarften Zugang zu einem Werk erschweren, sich im Vorfeld verlieren, vom Eigentlichen ablenken oder allzu geschwätzig erscheinen. Als Leser möchte man nicht selten sofort das eigentliche Wort lesen. Daher ist es nur angemessen, der Kraft der eigentlichen Worte gemäß, dass Land und Gedenken / Pays et Mémoriaux, ein Band mit Gedichten von Willibald Feinig, nicht lange erklärt und erläutert, was erst noch kommen wird, sondern – «Statt eines Vorwortes» – das gedichtete Wort an den Anfang setzt und mit zwei Gedichten beginnt. Was sich in ihnen dem Leser zusagt, ist mehr als eine Einführung. Man ist als Leser sofort angesprochen von Worten, denen man, soviel sei schon an dieser Stelle verraten, viele Leserinnern und Leser wünscht. Oder wünscht man ihnen, den möglichen Leserinnen und Lesern, diese Worte? Sicherlich auch das.

Das erste Gedicht ist, genau besehen, ein Dialog, ein zufälliges Gespräch, wie es sich auf einer Zugfahrt ergeben kann. «Was schreiben Sie wenn ich fragen darf», wird der Dichter von einem Doktoranden (oder einer Doktorandin) – «Klassische Philologie in Zagreb und Philosophie in Liechtenstein» – gefragt, «schreiben Sie Gedichte sieht aus wie ein Gedicht was Sie schreiben.» Das Gegenüber bohrt voller Neugier weiter: «Sind Sie Dichter», so wird der geduldige Dichter gefragt. «Schreiber Schriftsteller», antwortet er, nicht einsilbig, aber doch so kurz, wie es gerade geht. «Von Beruf», so wird weiter gefragt. «Nebenbei neben dem Lehrersein». Und etwas später: «Schreiben Sie lieber Prosa oder lieber Lyrik». Man wird den Eindruck nicht los, dass der Dichter sein Gegenüber durch sein langsames Schreiben – «(Eine Viertel- bis Dreiviertelstunde pro Wort)» – irritiert. Was genau geschieht da? Warum so wenige Worte? Warum so bedächtig? Prosa oder Lyrik also? Der Dichter äußert sich und bezieht Stellung, ganz lakonisch, ganz klar: «Ich schreibe weder Lyrik noch Prosa» [7].

Aber was ist es, was er schreibt? Die Antwort steht auf der nächsten Seite. Dort findet sich – immer noch «Statt eines Vorwortes» – das Gedicht «Gedichte,». Das Komma gehört zum Titel. Und das zeigt: «Gedichte» ist das Subjekt, das Zentrum der nun folgenden Zeilen. Dabei geht es Feinig nicht um Gedichte im Allgemeinen, sondern konkret um seine eigenen Gedichte, deren Wesen er mit wenigen Worten umkreist, Gedichte,

bei denen die rechte Gehirnhälfte dem Leintuch näher ist
Gedichte mit der linken Gehirnhälfte unten
Gedichte mit dem Kopf in Händen
Gedichte auf dem Rücken liegend
Gedichte in Bauchlage
Gedichte, den Kopf unterm Polster vergraben. [8]

Ein ganzes dichterisches Programm entfaltet sich in diesen wenigen Zeilen. Die rechte Gehirnhälfte ist für alles Kreative zuständig. Wenn sie dem Leintuch näher ist, so möchte man hier deuten, ist sie, sind ihre Gedichte, dem Schlaf, dem Unbewussten, dem Abgründigen und vielleicht sogar dem Sterben und dem Tod näher. Die linke, die rationale, rechnende, planende Hälfte kann ruhig «unten» ihren Platz finden – nicht oben herrschend, sondern tiefer, der Erde näher, dem Leben ausgesetzter. Und der Dichter, so zeigt sich, schreibt Gedichte in allen Lebenslagen. Die äußere Position seines Leibs könnte inneren Lebenslagen, geistigen Perspektiven und Stimmungen der Seele entsprechen: dem nachdenklichen Zweifel etwa, dem offenen Blick in den Himmel, der erd- und schlafnahen Ruhe, der weltflüchtigen Versunkenheit in sich selbst.

Welches Vorwort hätte so fein, so genau beschreiben können, was Willibald Feinig tut? Oder besser: wie er schreibt, wie sich das Schreiben in ihm vollzieht, wie es geschieht – dass da doch, in langen Abständen, nach und nach, Worte ihren Weg aus Papier finden. In allen möglichen Lagen schreibt er. Auch an allen möglichen Orten. Und mit der linken, der schöpferischen Seite des Gehirns. Ja, selbst in einem Intercity, wo ihm die Worte zufallen wie die Eindrücke der Landschaft, durch die er fährt – und auch wie das Gespräch mit einem Gegenüber, von dem keine Antwort auf das entschiedene «weder Lyrik noch Prosa» überliefert ist.

Land und Gedenken versammelt Texte aus fünfzig Jahren – von 1974 bis 2024. Welche Landschaften und Länder lassen sich, wenn man sich auf Feinigs Worte einlässt, bereisen! Und wie sehr zeigt sich, dass Gedenken eine besondere Weise des Denkens ist, ein intensives Denken, das sich auf die Welt einlässt, um nicht über sie zu schreiben (und so über sie zu verfügen, als ließe sie sich je auf den Begriff bringen), sondern um von ihr her ihre Worte zu empfangen, geheimnisvolle, vieldeutige, zärtliche, geheimnisvolle, klangschöne Worte, Worte, die berühren, so wie der Dichter selbst von ihnen berührt worden sein mag! Die Titel der einzelnen Kapitel zeigen die Bandbreite von Feinigs Schaffen: Alltag, Unmärchen, Bilder, Eine andere Musik, Denkmäler, Landschaften, Geheim, Revelge, Minnelieder, Klagen. Dazu noch Nachgedichtetes. Und viele der Text auch in der anderen Sprache, in der Feinig sich zuhause fühlt, im Französischen, ein leiser Dialog von Sprache zu Sprache.

Feinig führt in seinen Reisen durchs Land, in seinem Gedenken an das, was sich ihm zuspielte und eröffnete, einen Dialog mit der Welt. Doch wagt diese so weltnahe, so weltsatte Dichtung immer auch den Blick nach oben und ist eingedenk des Göttlichen, der Spuren Gottes in menschlichen Landen. Eine «Kleine Roncalli-Litanei» ist Papst Johannes XXIII. gewidmet (über den Feinig an eigenes, sehr lesenswertes Buch geschrieben hat) [104–108]. Und ein «Christus-Hymnus» steht unter dem Titel «Dich loben»:

Dich loben – ein Wagnis.
Dich sehen, ein Glück!
Dir glauben: Wem sonst?
Dich feiern, Ehrenwort, heißt den Alltag renovieren
Dich lieben – unmöglich zu erröten, ohne
Gesang

Diese Worte stehen am Anfang des Hymnus. Ganz neu, ganz frisch zeigt sich in ihnen das Glück und das Geheimnis Christi. Ist nicht der Gesang, der so notwendig ist, um Christus zu lieben, genau das, was in all diesen Gedichten erklingt? Und wie radikal endet dieser Hymnus, wie sehr ist der Hymnus nicht nur ein Glücks-, sondern auch ein Kreuzeshymnus:

Dich lieben heißt des Sterbenden Spucke lieben
Und die des Bösen
Und den Gestank des Trinkers
Und des Untreuen Duft
Auf dich warten. Denn Leben heißt warten und erwartet werden
Dich besingen – Ehrenwort – heißt das Leben besingen [109]

Feinigs Land und Gedenken ist im «Verlag Bibliothek der Provinz» erschienen. Pascals Lettres provinciales gingen in die Provinz. Feinig schreibt aus der Provinz, aus ihren Sprachwelten, in die weite Welt. Wenn ein jedes Wort eine Viertel- oder gar Dreiviertelstunde auf sich warten ließ, verdichtet dieser Band viele Stunden, viele Zugfahren und Lebenswege, ein ganzes Leben vielleicht. Der Band ist so ein «Denkmal» gedichteter, verdichteter Zeit – oder verzeitigter, in die Lebenslagen des Dichters inkarnierter, Leib gewordener Worte. Und überdies ein wunderschönes Buch, Zeugnis einer Buchkunst, die so – so sinnlich, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen will und immer wieder in ihm blättern möchte – nur selten noch gepflegt wird. In der äußeren Schönheit spiegelt sich die innere, die tiefe Harmonie der Worte. Klingt das nicht allzu kitschig? Vielleicht. Aber man muss Feinig lesen, um zu verstehen, dass dies weder kitschig gemeint ist – noch ist. Und vielleicht muss man dann, wenn man seine Worte liest oder auch vorträgt, auch gelegentlich weinen:

Ein Gedicht
Ist ein heller Moment inmitten Vergessens.

Ein Gebet
zwischen Zweifel und Angst wie der Herzschlag.

Ein Gedicht ist ein dunkler Moment
im hellen Zweifel.

Hilde Domin hat ein Gedicht geschrieben, in dem jedes Wort stimmt
selbst der Titel.

Hölderlin auch. Als ich es vortrug
(ich war jung), musste ich weinen. [38]


(Rezension: Holger Zaborowski, in: Communio. Internationale katholische Zeitschrift, 54. Jahrgang, Heft 5, September/Oktober 2025, S. 547 ff.)


https://www.herder.de/communio/hefte/archiv/54-2025/5-2025/gedicht-und-gesang-zu-willibald-feinigs-land-und-gedenken-pays-et-memoriaux/




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