Mischa Sebba
Eichmanns Freund · [Linz –New York] · Roman
Andreas Weber
ISBN: 978-3-99126-352-4
19×12,5 cm, 184 Seiten, Klappenbroschur
18,00 €
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Kurzbeschreibung
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facts & fiction = faction
Die Fakten: Adolf Eichmann (*1906 Solingen, †1962 Tel Aviv). Mischa Sebba (*1907 Libau, †1956 New York). Eichmann gilt als der „Cheflogistiker des Holocaust“, er ist eine traurige Berühmtheit. Seine Kindheit und Jugend in Linz war aber noch nie Thema. Mischa Sebba lebte bis August 1938 mit seiner Familie in Linz und entkam nach New York. Er hinterließ keine Spuren.
Die Fiktion: Mischa Sebbas Enkelsohn Ben, ein Journalist und Schriftsteller, reist im Juli 2012 nach Linz, um die Geschichte seiner Familie zu schreiben – er wird in der bis 1938 wichtigsten Stadt seiner Familiengeschichte in einen Kriegsverbrecher-Prozess verwickelt und erlebt mit Freya Kalteis aus Freistadt, der Enkelin des vor Gericht stehenden Mannes, die größte Liebesgeschichte seines Lebens. Sie ist die Antwort auf das größte Kriegsverbrechen der Geschichte.
„Mein Österreich endete im Februar 1934, auf dieses Ende folgte kein Anfang, auch wenn Österreich noch bis zum 12. März 1938 existierte. Wäre ich ein Schriftsteller wie der große Ernest Hemingway, könnte ich einen Roman darüber schreiben, was damals in Linz passierte. Ich bescheide mich damit, die geschichtlichen Ereignisse dieser Tage festzuhalten, vielleicht gelingt mir später eine Überarbeitung, aus der Literatur wird.“
Rezensionen
Jascha Feldhaus: Bei aller FreundschaftEin Roman mit Adolf Eichmann erscheint auf den ersten Blick als eine heikle Angelegenheit. In Mischa Sebba werden wir dem jungen Eichmann gewahr, der im Kontrast zu seinem titelgebenden Jugendfreund steht – eine eigenwillige Freundschaft, deren Kern nur schwach leuchtet. Von Linz nach New York und wieder nach Linz zurück: Die örtliche Veränderung kennzeichnet die Etappen des Romans, in der Vergangenheit beleuchtet wird und diese in der Gegenwart noch heute wieder auftaucht.
Ben Sebba, der Enkel von Mischa Sebba, macht sich auf den Weg nach Linz. Dort besucht er die Ausstellung zum Eichmann-Prozess, wo er ergriffen und selber unbemerkt eine endlose Zeit vor einem Portrait Eichmanns stehenbleibt. Aus seiner versunkenen Starre holten ihn Freya und Raimund. Während sich Raimund so freudig von dieser Begegnung überrascht sah, da er von seinem verstorbenen Vater ein Jahr zuvor Tonbänder und eine Kassette übernommen hat, die dieser von Bens Opa und Großonkel erhalten hat, um damit etwas zu machen, hat sich Ben sofort in Freya verliebt. Ben und Freya kommen zusammen, die Beziehung entwickelt sich. An einem Tag sitzt ihre Familie zusammen, als ein Brief der Staatsanwaltschaft auf dem Tisch liegt – ihrem Großvater werden Kriegsverbrechen vorgeworfen.
Der Roman setzt an einer anderen Stelle ein: Der Erzähler stellt sich vor, er erklärt, wie er den Teil, in dem er von seiner Familie und insbesondere von seinem Großvater und dessen Jugendfreund Eichmann spricht, gestaltet und präsentiert. Hier werden eigene Erinnerungen aus den Annalen und Gesprächen verbunden mit Ausschnitten aus den bereits erwähnten Tonbänden seines Opas, Mischa Sebba, „dem Star unserer Sippe“. Es wird das Bild einer glücklichen und zufriedenen Linzer Familie gezeichnet, die mit der zunehmenden Judenfeindlichkeit und nach dem Anschluss Österreichs 1938 in Richtung Amerika flüchtet. Es werden die Bemühungen und Herausforderungen auf dem neuen Kontingent aufgezeigt und das neue Leben in New York sowie der frühe Tod Mischa Sebbas nacherzählt, ehe Ben Sebba, der Erzähler, in der Eichmann-Ausstellung angesprochen wird.
Retrospektiv stellt sich die Frage, warum Mischa Sebba überhaupt mit Eichmann befreundet war, waren doch ihre Interessen diametral entgegengesetzt: Eichmann, der freudlose, konservative, und Sebba, der offene, neugierige Junge. In diesem Gegensatz scheint das große Interesse Mischas für Eichmann zu liegen, wohingegen Eichmanns Interesse eher in etwas wie Neid steckt, da Sebbas Vater als Soldat im ersten Weltkrieg gedient hatte und auch mit der Mutter Eichmann mehr verband als Mischa. Bereits 1932 vor seiner Emigration stellt Sebba fest, dass Eichmann und er keine Freund mehr sind – zu sehr zog der Nationalsozialisumus an Eichmann. Mischa Sebba wird in der Emigration Eichmann immer verleugnen.
Mischa Sebba Eichmanns Freund ist ein erzählerisch clever inszenierter und geschickt präsentierter Text. Mittels des Erzählers, Ben Sebba, dessen Vermischung von eigenen Erinnerungen und den Tonbändern seines Großvaters Mischa gelingt im ersten Teil ein Familienroman, der neben den Bewegungen in den Familien auch wichtige zeithistorische Begebenheiten miteinander verflechtet – dadurch wird Authentizität evoziert. Die zunächst freundschaftliche Verbindung zwischen Eichmann und Sebba zeigt ein spannendes und eigenwilliges Bild über die Person Adolf Eichmann, dessen kühler Charakter als späterer Chefplaner der Deportation und Vernichtung bereits dort hervorzuschauen scheint. Die gewonnene Authentizität trägt auch den späteren Teil des Romans, der im Linz der Gegenwart spielt.
Andreas Weber legt mit diesem Roman ein Buch vor, das für jeden gemacht ist, der sich gerne mit historischen Persönlichkeiten beschäftigt und gleichzeitig nicht auf gute Geschichten verzichten möchte. Ein besonderer Roman, der den zweiten Weltkrieg noch einmal neu in den thematischen Mittelpunkt stellt und dabei unaufdringlich, aber treffend auf die Aktualität der politischen Situation hinweist.
(Jascha Feldhaus, Rezension für den Literaturkritik-Blog Aufklappen, online veröffentlicht am 1. Januar 2026)
https://aufklappen.com/2026/01/01/bei-aller-freundschaft-andreas-weber-mischa-sebba-eichmanns-freund/