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Kurzbeschreibung

[Text: Manfred Chobot | Photos: Jindřich Štreit.
Hrsg. anläßlich der Ausstellung »Der Hof« im Niederösterreichischen Landesmuseum, Wien, Mai – Juni 1995]


MARIA & JOHANN HANINGER

»Ein Bauer muß heute viel können, er muß vielseitig sein. Der Bauer ist immer als Dummer hingestellt worden, aber er muß sich in jeder Sparte auskennen, er trägt ein großes Risiko, viel Verantwortung. Früher war der Bauer zu achtzig Prozent Selbstversorger, nur zwanzig Prozent hat er auf den Markt gebracht. Heute ist es umgekehrt. Das Schwierigste bei der Vermarktung ist, einen Partner finden, der kauft und zahlen kann, man muß abschätzen, wie weit kann ich mich mit jemandem einlassen. Der Bauer ist kein freier Mensch mehr. Jeder Händler oder jede Firma bestimmt, wieviel ich bekomme, sie bieten einen Preis an, ohne dass der Bauer etwas mitzureden hat.«



Die Philosophie des Johann Haninger

MANFRED CHOBOT


Etwas außerhalb von Eggenburg, in einer leichten Talsenke, liegt der Hof von Johann Haninger. Man ist an eine Burg erinnert, an ein Wasserschloß, eine Mühle: Tatsächlich war das Gebäude, dessen Anfänge bis zur Mitte des 15.Jahrhunderts reichen, erst eine Krappmühle – in der jene roten Wurzeln zu Farbstoff verarbeitet wurden, mit denen man Leinen färbte –, später ein Sägewerk, schließlich die größte Getreidemühle in der Gegend. Johann Haninger hat daraus eine Festung der Landwirtschaft gemacht. Ein Schild am Straßenrand weist zu dem Anwesen, lädt ein zum Kauf von Obst und Gemüse. Auf dem Felberhof wird seit mehr als zwanzig Jahren biologischer Landbau betrieben.
Die Familie – Bauer, Bäuerin, die beiden Söhne – sowie der polnische Knecht sitzen um den Küchentisch und essen zu Mittag. »Essen Sie mit uns«, begrüßt mich Johann Haninger. Die Einladung ist Frage und Aufforderung. Sein Befehl: »Bring einen Teller, Maria.« Die Frau holt Teller und Besteck, Platz wird gemacht für den Gast. »Neh­men Sie sich, greifen Sie zu.« Herr Haninger gibt mir Kartoffeln auf den Teller, stellt eine Schüssel mit Schnittlauch hin. Auf dem Tisch die Pfanne mit Schnitzeln, in einem Glas rote Rüben. »Keine gekauften, sondern eigene. Wir erzeugen alles selbst.« Haninger schaufelt rote Rüben auf meinen Teller. »Nehmen Sie sich Brot, wenn Sie wollen.« Kaum, daß ich ein Wort gesprochen habe, esse ich mit. An meiner Seite der Hund, ein schönes Tier. Ich vergesse meine Scheu vor Hunden und streichle seinen Kopf. Er springt auf meine frisch gewaschene Ho­se, seine Pfoten hinterlassen Spuren. Ich streichle ihn trotzdem. Jemand befiehlt ihm zu verschwinden. Er pariert. Ich nehme mir ein Schnitzel aus der großen Pfanne. Der polnische Knecht streichelt die Katze auf seinem Schoß. »Hund und Katze vertragen sich, aber eine fremde Katze hat keine Chance«, sagt der Bauer. Der Schäferhund schmiegt sich an mein Bein. Meiner Vermutung, eine Katze wäre doch schneller, wird von allen widersprochen. »Aber auf einen Baum klettern, das kann ein Hund nicht«, beharre ich. »Dazu kommt die Katze gar nicht.« Die Bäu­erin bringt einen Nußstrudel, und alle langen zu. Der Hund leckt das leere Backblech. »Gehst weg!« Er ver­zich­tet auf den Rest und trollt sich. »Möchten Sie Wein oder Most?« Die Frau stellt Wein und Most auf den Tisch. Ich entscheide mich für Most.
Dann gehen wir den Hof besichtigen.
Johann Haninger demonstriert, was alles renoviert wurde, wie er begonnen hat vor gut 35 Jahren, die Geschichte seines Hofes, wie es einmal war und wie es heute ist, zeigt wo Leitungen verlegt, wo umgebaut, erweitert und erneuert wurde, welche Veränderungen vorgenommen wurden. Wir streifen durch die Felder, betrachten Obstbäume, Haninger entfernt mal einen Stein, der auf dem Acker liegt, ein verdorrtes Blatt, gibt dem Sohn Anweisungen, was in nächster Zeit zu geschehen habe, welche Arbeiten gemacht werden müssen, begutachtet Früchte, stellt Vergleiche an.
Im Vorraum eine Schüssel mit geschnittenem Speck. »Maria, der Speck gehört ausgelassen.« Wenn wir zurückkommen, wird eine Rein mit Speck auf dem Küchenherd stehen. Maria legt Holzscheite nach. Mit einem großen Kochlöffel rührt sie unentwegt. Dabei spricht sie, redet über die Bibel, daß man alles glauben muß, was da geschrieben steht, daß man den Eltern gehorchen muß. »Sei jetzt still, Maria.« Sie schweigt. »Sie kommt nirgends hin, so redet sie eben, wenn jemand da ist«, entschuldigt Haninger. Erst seit kurzem liest sie die Bibel, früher sei sie bloß zur Kirche gegangen. »Einer, der nur in die Kirche geht, ist kein Katholik«, erklärt sie. Der jüngere Sohn kennt die Reden. »Wenn man das jeden Tag hört, weiß man es schon auswendig.«
Haninger ist kein Missionar, er will niemanden bekehren, findet lediglich, daß seine Art Landwirtschaft zu betreiben die beste ist. Wer meint, anders bewirtschaften zu müssen, der soll es auf seine Weise machen – jeder, wie er glaubt. Das macht ihn sympathisch. Kein mystisches Brimborium um seine Ansichten, die Pflege von Dogmen überläßt er anderen, indes steht er zu seinen Überzeugungen, verteidigt sie mit Argumenten und Leidenschaft.
Ein unkonventioneller Mensch, der gleichwohl die Konventionen achtet, sich nicht von Vorurteilen leiten läßt, vielmehr Vorteile wahrnimmt. Johann Haninger ist sowohl der harte Geschäftsmann, der Patriarch, der weiß, worum es geht und seine Position ausfüllt, als auch ein patzweicher Kerl, der sich seine Gedanken macht, überaus verletzlich ist.
Einer, der sagt, was zu sagen ist: direkt und ohne Umschweife. Ein Mann, der Haus- und Hofverstand besitzt, der plant und lenkt, unternimmt: zugleich Bauer und selbstständiger Unternehmer ist. Seinen Traum, ringsum eine Landwirtschaft und er mittendrin, darüber zu herrschen und zu walten und mit der Natur zu leben, hat er in die Realität umgesetzt. Er ist ein glücklicher Mensch. Auf dem Land lebt es sich anders als in der Stadt. Einer der Söhne oder beide gemeinsam werden seine Vorstellungen fortsetzen. Die Weichen dazu hat er jedenfalls gestellt.
Zum Abschied begleitet mich Johann Haninger zum Auto, verweist noch auf dieses und jenes Detail, sagt: »Wenn Sie etwas brauchen, kommen Sie wieder. Sie wisssen ja jetzt, wo ich daheim bin, wo Sie mich finden.« Ich winke auf ein Wiedersehen.



Rezensionen
Richard Christ: Manfred Chobot & Jindřich Štreit, „Der Hof“

Aus dem Herbstprogramm '95 der von Richard Pils begründeten „Bibliothek der Provinz“ empfiehlt sich „Der Hof“, ein großformatiger Band, der Aufmerksamkeit in mehrfacher Hinsicht verdient. Erstens macht er bekannt mit einem tschechischen Photographen von Rang; zweitens mit einer bemerkenswerten Persönlichkeit, einem österreichischen Biobauern, dessen Arbeits-, Lebens- und Denkwelt sich uns mitteilt in Gesprächen mit Manfred Chobot, und der wiederum ist ausgewiesen als Schriftsteller, der sich auf Dorf und Dörfer versteht, unter anderem durch seine „Dorfgeschichten“, die ebenfalls in der „Bibliothek der Provinz“ erschienen sind.

Johann Haninger, bei Kriegsende aus Mähren vertrieben, bewirtschaftet mit seiner Familie sein beinah vierzig Jahren einen Hof bei Eggenburg. Er hat früh damit begonnen, eine Landbebauung und Hofhaltung jenseits der Chemie durchzusetzen, mit Erfolg, heute beliefert er mit seinen Erzeugnissen Großketten. Detail um Detail offenbart der Bauer, von der einfühlsamen Fragekunst Chobots an der Zunge gezogen, seine Theorie des Landbaus, die Praxis seiner Betriebsführung, aber auch seine Ansichten über Zusammenleben, Familie, Natur und Tod. Gott und die Welt. So entsteht ein in seiner schnörkellosen Einfachheit respektables, weil schlüssiges und in sich logisches Lebensbild: viel Solides, Kluges und manchmal Tiefes kommt zu schlichtem Wort.

Die Photos, durchweg schwarz-weiß, erzählen in kargster Poesie ein zweites Mal die Vita eines zähen, genügsamen, weltklugen Landwirts. Ein Vortext führt in Jindrich Streits photographisches Werk ein, ohne die politischen Begleitumstände auszulassen: Das Prager Regime untersagte dem Lichtbildner 1982 das Photographieren, auch war er in Haft. Dieser Vortext ist in mehrere Sprachen übersetzt, was man bei Chobots Gesprächen leider unterlassen hat, und das ist das Unbefriedigende an diesem schönen Band – er weckt den Eindruck einer Hommage für den Photographen, während doch die Geschichte des Bauern zumindest den gleichen Stellenwert für den Leser, dem nicht allzu oft ein Mensch begegnen wird, der sich widerspruchslos „glücklich“ nennen läßt.

(Richard Christ, Rezension in: morgen #104, 1995)


http://www.chobot.at/body_ausgew_kritiken_29.htm