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Kurzbeschreibung

Was vorbei ist, ist auf jeden Fall vorbei, ob vergessen oder nicht. Es ist schon alles geschehen, das ist das Gute daran. So lange Lisa nicht vom Damals geholt wird, darf Frieden sein. Wie kann ein einziger Tag so viele Erinnerungen fassen? Es ist vorbei, es ist nicht vorbei. Diese Tante ist eine Katastrophe. Man müsste sich betäuben, einschläfern, müsste das Denken ab- und die Tante wegschalten können. Bloß marschieren auf einmal so viele Tanten auf. Längst vergessene Frauen erwachen aus ihrem Vergessenheitsschlaf. Der vermeintliche Tod einer Mutter, die gar keine Mutter war, bringt alles durcheinander.

Lisa hat bereits vor Jahrzehnten mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihrem leiblichen Vater den Kontakt abgebrochen. Auf einmal meldet sich eine längst vergessene Tante, um aus Sensationslust die Todesnachricht von Lisas Mutter zu überbringen. Die Tante spielt die ahnungslose, liebe Verwandte, die sich bloß nirgends eingemischt hat und daher nichts von Lisas schwieriger Kindheit, geschweige denn vom Missbrauch durch den Stiefvater weiß. Tatsächlich aber war sie bis zuletzt die Vertraute der Mutter.
Lisa wird wieder von Erinnerungen heimgesucht: Heiteres, Komisches, Tragisches. Etwa dass Lisas Stiefvater sich wie Mutters Stiefvater benahm, wenn er nachts ins Zimmer kam. Ein weiter Bogen über die gesamte Kindheit.
Und später: Sex mit einem Fremden, als Lisa von zu Hause ausreißt, um ihren leiblichen Vater zu suchen.
Als Erwachsene: Nachforschungen über Großvaters Verbleib und was sich rekonstruieren ließ: Das Lagerleben, der interne Widerstand, das Leben mit sadistischen SS-Leuten und jenen mit zeitweise menschlichem Antlitz, die überlieferte Kindheit der Mutter als „Halbjüdin“, die Erzählungen von Großmutter, die in der Not einen arischen Bäckermeister heiratete und an ihm zerbrach.
Der Versuch, durch das Aufrollen der Großvatergeschichte die eigenen Erinnerungen zu übertönen. Schließlich betreten ProtagonistInnen aus Lisas Kindheit die Träume, um ein surreales Theaterstück aufzuführen. Als bemühten sie sich, endlich wieder verblassen zu können. Als müssten die Einzelteile der Vergangenheit erst in der gesamten Wucht aufeinander treffen, um sich wieder auf ein erträgliches Maß zu verkleinern. Da sie lebenslänglich Wohnrecht im Kopf haben.
Die Schrecken des Holocaust wirken auf 3 Generationen Frauen und auf deren Männer nach. Wehrlosigkeit von Mädchen gegenüber männlicher Gewalt dominiert das Leben der Frauen. Sie kämpfen mit der Unfähigkeit, die eigenen Töchter vor einer ähnlichen Geschichte zu bewahren. Es wird abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven und verschiedenen Perioden erzählt.



Rezensionen
Karin Nusko: Keine leichte Bettlektüre

Das Buch von Christine Werner, die in unserem Grätzl wohnt, ist auf den ersten Blick recht harmlos. Ein Lebkuchenherzerl ziert den weißen Buchdeckel. Auch der Titel bereitet einen nicht auf die Schrecken vor, die bei der Lektüre lauern.

Im Englischen gibt es ein Sprichwort: “Don´t judge a book by its cover” (Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag). Hier trifft dies im Wortsinn zu.
Bereits im Prolog, der 1938 in Wien angesiedelt ist, werden die Gräueltaten der nationalsozialistischen Schergen eindrücklich beschrieben.
Der Roman selbst beginnt in der Gegenwart mit einem Anruf. „Deine Mutter ist gestorben“, spricht die Tante auf den Anrufbeantworter. Dieser Satz löst eine Flut von Erinnerungen bei der jüngsten der drei Protagonistinnen aus. Es sind insgesamt drei Frauengenerationen, deren gewaltvolle Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen erzählt wird.
Über die Kriegszeit in Wien, die Wirtschaftswunderjahre bis zur Gegenwart spannt sich ein Bogen der Gewalt, hauptsächlich gegen Kinder. Die Mutter verliert noch als Kind ihren jüdischen Vater, der im KZ ermordet wird. Der Stiefvater misshandelt und missbraucht sie mit roher Gewalt. Sie wird zweimal ungewollt schwanger und schließt mangels Alternativen zwei unglückliche Ehen mit den Vätern ihrer Töchter. Wir befinden uns zeitlich in der Periode der schwarzen Pädagogik, wo die „g´sunde Watschn“ die Kindererziehung dominiert. Was die jüngste Hauptperson an Gewalt erleben muss, geht freilich deutlich darüber hinaus. Auch sie wird vom Stiefvater regelmäßig vergewaltigt, auch ihre Mutter will davon nichts bemerken. Die Mutter wird vom Opfer selbst zur Täterin, sie misshandelt ihre Töchter auf sadistische Weise. Schockierend ist neben der körperlichen Gewalt die völlige Lieblosigkeit der Mutter.
Die sogenannten Wirtschaftswunderjahre sind begleitet von Unterdrückung, Missachtung und Demütigung von Frauen und Kindern. Die finanzielle Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern bringt sie in eine ausweglose Situation. Die aufgestaute Frustration entlädt sich häufig in Gewalt gegen ihre Kinder.
In diesem Roman erhellt kein Hoffnungsschimmer die düstere Stimmung, es gibt nichts Versöhnliches, die Atmosphäre ist bedrückend. Der Stil ist sehr realistisch, deshalb geht die Geschichte besonders nahe. Der Wechsel der Zeitebenen kann manchmal verwirrend sein. Die Autorin verwendet oft Wiener Ausdrücke, die in einem Glossar erklärt werden. Positiv an dem Roman ist, dass die LeserInnen erkennen können, wie viel sich in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verbessert hat.

(Karin Nusko, Rezension im Grätzl-Blattl #2021/4, S. 14)


https://graetzl-blattl.at/zeitung/index.php?chosen=27e34c71943a62f8989181b842a4628a