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Kein Stern stört den Andern.

Der Maler Otmar Burtscher

Willibald Feinig, Otmar Burtscher

ISBN: 978-3-99028-940-2
17,5×12 cm, 64 Seiten, zahlr. vierfärbige Abb., amerikan. Broschur
20,00 €
Lieferbar

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Kurzbeschreibung

Otmar Burtscher (1894–1966), dessen Eltern Walser waren und in das Rheintal auswanderten, hat sein Leben im Stickerei-Dorf Altach verbracht. Er musste einrücken und erlitt im Winter 1917 am Monte Grappa einen Kopfschuss. Durch diese Verletzung wurde aus ihm der Sonderling vom Ortsrand, der sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt.
Burtscher war nicht nur Gespött der Dorfjugend, sondern auf seine Art auch ein Denker, der eine Philosophie des Einander-Gelten-Lassens entwickelte und ein «kulturelles» (Burtscher) Leben in Hochachtung vor der unerschöpfliche Energiequelle der Sonne führte, lang vor den Umwelt- und anderen Krisen unserer Tage.
Über das Kulissenmalen für das Dorftheater fand er offenbar den Weg zum Malen. Als eine Art Henri Rousseau Westösterreichs, ohne Anleitung und Ausbildung, malte er Landschaften nach Postkarten und komponierte Heiligenbilder und phantastische Blumen-Portraits.
In den Sechzigerjahren von einigen Galeristen, Künstlern und Kunstinteressierten gefördert, blieb Otmar Burtscher ein Geheimtipp. Die erste selbstständige Publikation über ihn enthält neben Reproduktionen eine Hinführung zu Leben und Werk, Beiträge von Kathrin Dünser und Elfriede Plangg und Texte von Burtscher selbst.


[Anlass dieser Publikation ist die Ausstellung Kein Stern stört den Andern – Otmar Burtscher 1894–1966 im Museum Großes Walsertal in Sonntag, Vlbg., 2020/21. |
Hrsg. von Willibald Feinig | Beiträge von Willibald Feinig, Kathrin Dünser, Elfriede Plangg u. Otmar Burtscher]
[artedition · Verlag Bibliothek der Provinz]


Rezensionen
Willibald Feinig: [Ankündigung]

Das Museum Großes Walsertal widmet die Sonderausstellung 2020/21 dem Werk des „naiven“ Malers Otmar Burtscher (1894–1966). Im Mai erscheint die erste Monographie mit Bildern und Gedanken des schwer kriegsverletzten Altacher Künstlers, der aus einer Walser Familie stammt.

Ahnte Otmar Burtscher, als er starb – ein halbes Jahrhundert schon ist es her, im Spital in Hohenems, altlediger Senior, der mutterseelenallein im Tatschhüsle am Dorfrand gehaust hatte – was mit seinen Bildern geschehen würde, mit oder ohne alte Rahmen, an denen da und dort Hühnerdreck klebte?

Kenner und Kollegen von der malenden Zunft staunten (manche staunen noch immer). Es gab ein paar Ausstellungen, viel Spekulation hinter den Kulissen, Verschieben auf die lange Bank: Ein „Sonderfall von regionaler Bedeutung“, keiner Dissertation wert. Ablegen; nur: Wohin, in welche Schublade? Am ehesten noch in die des „naiven Künstlers“ und Sonderlings mit den mehr oder weniger weißen Handschuhen, mit denen er „Stille Nacht“ kratzte nach der Weihnachtsmette auf dem Kirchplatz von Altach.

Dramatische „Still“leben
Hände „konnte“ der malende Autodidakt nicht. Abenteuerliche Inszenierungen, Draperien, Kulissen ersetzen bei Otmar Burtscher Proportion und Perspektive. Aber die Farben! Die Sträuße in Glanz und Glorie, einer denkwürdiger als der andere, Brennpunkt eines Universums (und da hatte man gemeint, es gäbe schon übergenug davon in der Kunstgeschichte, von diesen Inbegriffen virtuoser Langeweile)! Die Schatten, zu Gefäßen und Möbeln führend, die Tabernakel sind! Walter Khüny, der erste „moderne“ Maler der Kummenregion, hat den Laienkünstler entdeckt und begleitet und Norbert Grebmer mitgebracht, und Hans Purin, den jungen Architekten, und Ewald Haemmerle, den Galeristen. Auch Rudolf Hanhart, Direktor des Kunstmuseums St. Gallen, der die Bauernkunst rund um den Säntis erforscht hat, und Franz Bertel, der Denker, Lehrer und Deuter, haben die Stiege zu Burtschers dreckstarrendem „Salon“ betreten. Das alles andere als stille Stillleben, das sie mitnahmen, hat ihr Leben geändert. (Wenn das ein Bild bewirken kann, das jahrzehntelang am Fluchtpunkt deiner Wohnung hängt.)

Kopfschuss
Was keiner aussprach, nicht einmal die, die ihn erkannten (schon darum ist sein Schicksal und Nachlass aller Mühe wert, steht für die Geschichte Zentraleuropas): Der Mann mit dem Walserhut, dessen Leidenschaft der Kunst galt, war ein Schwerkriegsversehrter. Am Abend vor Weihnachten 1917 hatte er einen Kopfschuss erlitten, am Monte Grappa, an der Front auf den Hochebenen über Venetien, wo lebensgefährliche Nachschubstraßen, Höhlen, Ruinen, bombastische Wiederaufbauarchitektur und vor allem eine schon wegen der Größe erschreckende Denkmalanlage diesen ersten industriellen Krieg präsent halten bis heute.

Vor dem Krieg hatte der Invalide Trompete und Geige gespielt, in einer der örtlichen Kapellen; nun versucht er, die Musik zum Beruf zu machen – natürlich umsonst. Er verdingt sich als „Nachseher“ in Stickereien. Zum Auffüttern geht er ins Walsertal. Irgendwann hilft er, Kulissen für das Laientheater im Vereinshaus zu bemalen – so dürfte Otmar Burtscher auf den Geschmack gekommen und Maler geworden sein.

Prophet einfacher Lebenskultur
Als nach dem zweiten Großkrieg Invalidität etwas nahezu Gewohntes geworden ist, lebt der „närrsch Otmar“ ganz für die Kunst, tauscht Bilder gegen Lebensmittel, macht Nachtschicht an Stickmaschinen solang, bis er genug Geld für Farben beisammen hat, bemalt unzählige Spanplatten vorn und hinten, oft nach berühmten Vorlagen – von Dürer und Böcklin z.B. – und populären Ansichten (Salzburg, Château de Chillon, Königsee) oder zu vertrauten religiösen Themen; in einem „Schau-Fenster“ setzt er sie dem Gespött der Kinder aus.

Bücher scheint Burtscher kaum besessen zu haben. Sein beschränktes Leben in jeder Hinsicht – beruflich, geschlechtlich, sozial – machte ihn zum Radiohörer, zum Denker, zum Warner vor Wegwerfproduktion und -konsum, unberufenem Reisen und maßloser Konkurrenz. Nicht aus Zivilisationspessimismus, sondern als Prediger und Praktiker häuslicher Ästhetik, der in der Christenlehre den Auftrag zu Toleranz und Autarkie und in der Sonne die Energiequelle sah, die unerschöpflich und unschädlich ist. Sie wärmte auch das Wasser auf dem Dach der Burtscher-Keusche am Ortsrand, in der jeder Balken bemalt war. Die Reflexionen, Programme und Erinnerungen des beeinträchtigten Malers entstanden ein halbes Jahrhundert vor Energiekrise und Treibhauseffekt. Schadhafte Orthographie und Grammatik mindert ihre Originalität und Bedeutung nicht: „Kein Stern stört den Andern“ – zu diesem Gedanken und Sinnbild menschlicher „Ökonomie“ kehrt Burtscher immer wieder zurück.

Burtscher-Ausstellung im Museum Großes Walsertal
Das Burtscher-Zitat ist Titel der (ersten!) Monographie über den vermeintlich naiven Maler und der nächsten Sonderausstellung des Museums Großes Walsertal: Das Haus in Sonntag lädt zwei Sommer lang ein, sich mit dem Werk des aus einer Walser Familie stammenden Altachers auseinanderzusetzen.

Die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem voralberg museum und dem Walserherbst eröffnet Ingrid Bertel. Sie ist unter einem Burtscher-Stillleben groß geworden; Martin Eberle spielt bei der Vernissage und Buchpräsentation am 15. Mai 2020 Trompete wie einst Burtscher selbst.

Die erste Monographie
Begleitveranstaltungen eröffnen verschiedene Zugänge zu einer Kunst, die es ohne die Nöte des 20. Jahrhunderts nicht gäbe. Bei einer Buchpräsentation im vorarberg museum räumt Kathrin Dünser, Ko-Autorin der von Kurator Willibald Feinig herausgegebenen kleinen Monographie, dem Maler seinen Platz in der regionalen und internationalen „art brut“-Landschaft ein. Reiseziele führen den ganzen Sommer über auch zu den Blumen, die er in Szene gesetzt hat. Am 27. August liest Dietmar Nigsch, der art-brut-Künstler auf die Bühne gebracht hat, in der Museums-Scheune aus „Kein Stern stört den Andern“; in der langen Nacht der Museen am 3. Oktober wird Kurator Willibald Feinig von Burtscher erzählen, begleitet von GeigerInnen der örtlichen Musikschule. Im zweiten Ausstellungssommer, 2021, liegen die Akzente auf der Religiosität und den Folgen des Kriegs, der schuld ist am ebenso armseligen wie strahlenden Werk und Leben des Otmar Burtscher, 1894–1966.

(Ausstellungskurator und Herausgeber der Monographie Willibald Feinig in einer Ankündigung, verfasst am 28. Jänner 2020)




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