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Kurzbeschreibung

[Herausgeber: Erich Klein.
Koordination u. Projektleitung: Peter Leisch.
Grafiken: Robert Oltay.

Mit Beiträgen von Christian Steinbacher, Karin Peschka, Angela Flam, Mario Keszner, Eva Fischer, Renate Silberer, Lisa-Viktoria Niederberger, Richard Wall, Katharina Zanon, Katharina Wurzer, Ulrike Fellnhofer-Lamm, Dietmar Füssel, Lydia Haider, Robert Oltay, Helmut Neundlinger, Stephanie Doms, Stefan Reiser, Benjamin Rizy, Katharina Riese, Otto Johannes Adler, Andrea Zipko, Wilhelm Rager, Andrea Drumbl, Herbert Christian Stöger, Bernhard Widder, Martin Klaus Menzinger, Verena Dolovai, Hildegard Pramhas, Susanne Purviance, Original Linzer Worte, Kurt Mitterndorfer, Rudolf Habringer, Ortrun Veichtlbauer und Georg Wilbertz.]



Dass Corona-Tagebücher zu einem bedeutenden Genre der Literatur würden, durfte schon im Moment ihres Entstehens bezweifelt werden. Der Klon aus Reaktionsgeschwindigkeit sozialer Medien und überstürzter Verbalisierung der persönlichen Isolation führte nur den prekären Zustand der literarischen Öffentlichkeit, der ohnedies kein neuer ist, drastisch vor Augen: Neo-Biedermeier, in dem Autorenlesungen bestenfalls durch Live-Stream ersetzt werden, und die Produktionen aus dem Elfenbeinturm ins heillose Hintertreffen geraten. Der Buchmarkt, den keiner mehr überschaut, läuft ungerührt weiter. Das „Literarische Jahrbuch der Stadt Linz“ begnügt sich stattdessen und ohne falsche Bescheidenheit mit jenem Koeffizienten, den einst Hans Magnus Enzensberger festlegte: in keinem Land und in keiner Sprache betrage die Anzahl der Leser von Dichtung seit jeher mehr als zweihundertfünfzig.

Vielleicht war es aber kein Zufall, dass dieses solitär-private Verständnis von Literatur seinen Ursprung in der existenziellen Reaktion auf eine Katastrophe hatte, die seinerzeit alle traditionellen Vorstellungen von Natur, Mensch und Welt erschütterte. Bekanntlich war es das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, auf das Voltaire mit seinem „Candide oder der Optimismus“ in Form einer Satire auf die beste aller Welten reagierte, an deren Ende eine leidige Empfehlung stand: „Es geht darum, sich um den eigenen Garten zu kümmern!“ Die Moderne war erfunden! Ob es tatsächlich das Scheitern der klassischen Fragen nach dem Bösen und dem Unheil in der Welt war, was uns noch immer zu Lesern von Anthologien macht, sei dahingestellt, doch wie anders wäre das Vergnügen bei der Lektüre des „sanften Unmenschen“ Stifter, oder die Lust an tragischen Gegenständen angesichts der „fröhlichen Apokalypsen“ aller Modernen zu erklären? Heute ließe sich dementsprechend fragen: wer wäre jenseits aller Katastrophendiagnostik mehr berufen, die intime Chronik ihrer Zeit zu verfassen als Autorinnen und Autoren?

Corona fand in die FACETTEN 2020 nur in einigen Fällen und auf rudimentäre Weise Eingang. Schließlich handelt es sich bei der Pandemie nicht nur um einen Unfall, sondern vor allem um einen Zufall unserer Lebenswelt mit nicht vorgesehenen drastischen Folgen. Als Motto über den vierunddreißig Beiträgen der diesjährigen FACETTEN könnte denn auch eines der lakonischen Fragmente von Eva Fischer stehen: „Der Zufall hat immer einen Einfall.“ Dass die Zeit für substanzielle literarische Reflexion des viralen Ausnahmezustandes noch nicht reif ist, macht der Beitrag der Autorengruppe „Original Linzer Worte“ schon im Titel deutlich: „Als wir etwas für die Facetten schreiben wollten, aber dadurch leider Linz und das System zerstört haben.“ Soweit sollte es noch kommen! Wer sich den Umständen vorsichtiger nähert, gerät wie Karin Peschkas erzählerischer Essay ins Zögern: „Und eine Reise nach Linz. Von wo? Wohin?“ Es sind vor allem Fragen, die auch in der großen Prosa-Tirade des Lyrikers Christian Steinbacher überdeutlich werden, der allerdings – allen widrigen Zuständen zum Trotz – jenes ästhetische Grundprinzip auf den Punkt bringt, dem jeder literarische Text, der diesen Namen verdient, zu folgen hat: „Daumenlutschen ist sicher eine Schwachstelle, aber Bohren in der Nase nicht minder.“ Was sonst noch bleibt ist bis auf Weiteres „Werktag“, von dem es in Richard Walls Gedicht heißt: „Apfel rot / Und Morgen blau / Der Tag lüftet seinen Hut. // Pendler stehn im Stau / Gieße mir Tee und Milch / In die Tasse. // Und warte / Bis des Nachbars Hofhund bellt / Und mir das erste Wort einfällt.“

(Erich Klein im Vorwort)



Rezensionen
linz.at: Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz „Facetten 2020“ soeben erschienen

Die Jubiläumsausgabe macht Lust aufs Lesen von Linzer und oberösterreichischen AutorInnen


Dieser Tage ist die neue Ausgabe des literarischen Jahrbuchs der Stadt Linz, die so genannten Facetten, eine der renommiertesten Anthologien im deutschsprachigen Raum, erschienen. Gegründet 1941 unter dem Titel „Stillere Heimat“, wieder aufgenommen 1952 und seit 1970 als Facetten herausgegeben, feiert dieses wichtige Periodikum heuer sein 50-Jahr-Namensjubiläum.

Unter den 34 AutorInnen der Jubiläumsausgabe finden sich Debütantinnen wie Andrea Zipko, Katharina Zanon, die Bachmann-Publikumspreisträgerin 2020 Lydia Haider und Susanne Purviance, aber auch SchriftstellerInnen, die schon längere Zeit zu den Fixsternen der oberösterreichischen und Linzer Literaturszene zählen: Christian Steinbacher, Kunstwürdigungspreisträger der Stadt Linz 2020, und Angela Flam mit experimenteller Sprachkunst, Richard Wall als Porträtist des eigensinnigen Mühlviertler Dichters, Musikers und Biogärtners Alois Reiter und der Romancier und Kabarettist Rudolf Habringer mit seiner atmosphärisch dichten und beklemmenden Schilderung über die fatalen Folgen eines unbemerkten Unfalls und Seitensprungs. Geschichten, Bilder, Gedanken und Szenen, die einen unvermutet in erzählte und gedichtete Lebenswelten eintauchen lassen, neugierig machen, dem Geschehen zu folgen und sich mit ihren ProtagonistInnen vertraut zu machen.

„Die Facetten sind ein wesentliches Element der städtischen Literaturförderung. Etablierte Autorinnen und Autoren finden darin ebenso eine literarische Bühne wie neue und bis dato nicht publizierte Talente. Eines ist ihnen gemein: Sie machen Lust aufs Lesen, auf die Auseinandersetzung mit Texten und Inhalten. Gerade in Zeiten der Pandemie ist das ein ideales Angebot, um die Stunden daheim sinnvoll zu nutzen,“ betont die Linzer Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer.

Für die künstlerische Gestaltung der Facetten zeichnet heuer der Linzer Maler Robert Oltay verantwortlich, der bei seinem dafür entwickelten Konzept Briefumschläge, Eintrittskarten oder andere bedruckte Schriftstücke als Bildträger nutzt. Seine assoziativen Collagen, die er kunstvoll mit Linz-Motiven verbindet, spielen mit einer Vielzahl von Bedeutungsebenen und Traditionen der Kunstgeschichte.

Die Auswahl der Texte lag wie in den vergangenen Jahren auch heuer in den bewährten Händen des Kulturpublizisten, Literaturvermittlers und Ö1-Radiojournalisten Erich Klein, der dem heurigen Band ein launiges Zitat der Facetten-Autorin Eva Fischer voranstellt: „Der Zufall hat immer einen Einfall“.

Covid-19-bedingt musste die für 6. Dezember geplante Präsentation der Publikation verschoben werden. Sie wird im Rahmen einer Sonntagsmatinee im Nordico im Jänner oder Februar 2021 nachgeholt werden. […]


(Ankündigung auf linz.at. Internetsite der Stadt Linz, online veröffentlicht am 7. Dezember 2020)


https://www.linz.at/medienservice/2020/202012_108711.php