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Kurzbeschreibung

Mit dem neuen Prosaband versucht der Autor an seinen Debut-Erfolg von „Forsthaus“ anzuschließen. Dieses Mal steht die Lebensgeschichte der Mutter, die an der Seite eines Forstmannes Drillinge großzuziehen hatte, im Mittelpunkt. Ihr Schicksal ist modellhaft für viele Frauenschicksale der Nachkriegsgeneration in Österreich. Fatal, als Lehrertochter in das bäuerlich forstliche Umfeld an der Nordgrenze verpflanzt zu werden. Mit dem Schicksal dieser Frau werden die schulischen Erfahrungen des Erzählers, sowohl aus Sicht eines Gymnasiasten in den Siebzigern als auch eines über Jahrzehnte tätigen Literatur-Lehrers, in Verbindung gesetzt. Immer wieder geht es dabei um die Reflexion über das Wesentliche des Literarischen. Das Buch umkreist biographische wie soziokulturelle Wirklichkeit ungeschminkt und poetisch einzigartig.


Rezensionen
Walter Pobaschnig: [Rezension zu: Peter Reutterer, „Bei mir Kind“]

Da ist der Blick in den Spiegel. Die Erinnerung. Die Mutter. Das Lesen in der Kirche. Und dann der Tod –
„Wir standen an der Grabeskante, gewillt, zu überleben. Rasch und radikal galt es, die Emotionen einzufrieren. Um gegen den Ansturm von außen und die Verzweiflung von innen gewappnet zu sein…“
Der Vater. Dienstpflicht. Das Oberhaupt. Kein Halt. Keine Grenzen. Seine Jugend und dann das Zerfallen des Körpers…
Wolfgang sagt, ich war still. Fleischwerdung. Demaskierung.
„Am Schreibtisch beginne ich von meinem Stummsein zu erzählen. Auf diese Weise verliere ich meine Sprachlosigkeit…“
Lebensfreude. Jahreszeiten. Trotz allem. Mit allem. Da und dort sein. Ein Leben…
Peter Reutterer, Schriftsteller und Musiker, gelingt mit „Bei mir Kind“ ein genial autobiographisch formal experimenteller Roman, der mit außergewöhnlicher Sprachwucht und -virtuosität in Lebensetappen, -ereignisse und -erinnerungen gleichsam hineinkatapultiert und dabei in Erschütterung wie Spannung fesselt.
Die mosaikartig orientierte Erzählform ist eine sehr direkte, die im Wechselspiel von Schilderung, Erinnerung wie literarischen Referenzen Lebensbilder, Umrisse Kontur gewinnen, wie auch wieder im Fortgang eines Lebens verschwinden lässt.
Es ist ein mitreißender Blickwechsel im Spannungsfeld eines Lebens in großer Aufmerksamkeit, Kritik wie Empathie gegenüber der Existenz und Mit-Existenz in Ort, Zeit und gemeinsamen Weg.
Ein autobiographischer Roman wie ein Sturm, der an größte österreichische Literaturtraditionen anschließt.

(Walter Pobaschnig, Rezension am Website Literatur outdoors – Worte sind Wege, veröffentlicht am 7. Juni 2022)


https://literaturoutdoors.com/2022/06/07/bei-mir-kind-peter-reutterer-prosa-bibliothek-der-provinz/


Alexander Peer: [Rezension zu: Peter Reutterer, „Bei mir Kind“]

Der aus dem Waldviertel stammende Peter Reutterer legt mit „Bei mir Kind“ ein Erinnerungsbuch vor, das den weiten Weg des mittlerweile pensionierten Lehrers und Autors aus Waidhofen an der Thaya bis in seine Salzburger Gegenwart skizziert. Die Skizze ist die dominierende Form. Diese Miniaturen entwerfen Streifzüge durch eine Biografie.
Persönliche Bekenntnisse mischen sich mit Erzählungen des ländlichen Lebens an der niederösterreichischen Peripherie und reichen bis in die corona-geplagten Tage. Im Zentrum stehen – wie schon in Reutterers 1997 erschienenem Prosadebüt „Forsthaus“ – die beiden Eltern. Diesmal erhält die Mutter mehr Platz in den Versatzstücken der Erinnerung. Sie wird literarisch noch einmal in Sprache gesetzt, 30 Jahre nachdem sie durch eigene Hand ins Schweigen eingetreten ist. Einmal heißt es, dass der Erzähler „irgendeine Ausgelassenheit der Mutter vermisst“. Als gebildete Frau mit Fantasie und Intellekt begabt, büßt sie beides mehr und mehr ein in der Enge der häuslichen Rollen als Mutter und Köchin. Die Empfindsamkeit der Mutter möchte der Autor bewahren, wenn er auf Seite 44 schreibt: „Von Beruf war meine Mutter Kindergärtnerin. Von Herzen war sie Kinderfreundin. Sie nahm die kindlichen Bedürfnisse ihrer Umgebung in die Hand.“

Obwohl ernste und die Familie prägende Themen das Buch durchziehen, gelingt es Reutterer, eine unverbildete Neugier und Freude zu bewahren. Hier will jemand seine Erlebnisse nicht verraten und wehrt sich gegen die drohende Verhärtung. Leicht ginge dies, folgte der Erzähler dem Vater, den eine Aura der Unnahbarkeit umgibt. Als Jäger und Forstverantwortlicher gehören Entscheidungen über Leben und Tod zum Alltag des Patriarchen. Als Familienernährer versteht er sich auch als Entscheider, ein wohl exemplarisches Rollenverständnis für viele Nachkriegsfamilien. Gerade im zur Übersensibilität neigenden Kind erscheint diese Vaterfigur bedrohlich. Es ist mehrmals von der „kleinen Figur“ des Vaters zu lesen. Die Anspielung auf den seinerzeit erfolgreichen Roman von Peter Henisch verrät auch ein wenig Eifersucht auf Kinder, die ihre Väter lieben können. Denn der Erzähler möchte seinen Vater lieben, dieser aber entzieht sich dieser Liebe und es gibt nur zwei Erinnerungen, in welchen der Vater weint und umarmt werden will. Aber in beiden Fällen sind die Kinder selbst schon lange Erwachsene und man ahnt, dass das Verpasste nie mehr heimgeholt werden kann. Wer Entscheidungen über Leben und Tod trifft, darf durch das Fühlen nicht unentschlossen werden, so könnte eine Formel lauten, die den Vater umklammert. Bedrückend wird diese Ohnmacht gegenüber Gefühlen vor allem dann, wenn Gemütserkrankungen die Familie heimsuchen. Sowohl die Mutter als auch der Bruder werden durch die fehlende Empathie noch fremder in einer Welt, die sich von Schwachen distanzieren muss. Ein besonderes Indiz für die Überforderung des Vaters ist der Umstand, dass er die Restauflage vom „Forsthaus“ aufgekauft hat, damit sie niemand anderer zu lesen bekommt. Dies und einiges mehr über lebenshemmenden Kontrollzwang offenbart der Band „Bei mir Kind“.

Auch wenn die Tonalität durch den leicht zugänglichen Stil und die anschaulichen Passagen durchaus Kindlichkeit simuliert, weist das Buch durch die literarischen Verweise eine zweite Ebene auf. Die persönlichen Erinnerungen werden durch Zitate ergänzt, kommentiert oder kontrastiert. Ob Hesse, Handke oder Houellebecq – es ist die Literatur der Türöffner für das Entdecken der Autonomie und die Überwindung ländlicher Starrheit: „Poesie bricht die Ketten des Kausalen und spielt unentwegt mit der Explosivität der Absurdität“, heißt es beim als Enfant terrible verschrieenen Franzosen.
Als „Enfant plausible“ hingegen entdeckt sich der Erzähler, wenn er zum „Geschlechtstier“ mutiert. Mit einfacher Offenheit zeichnet der Autor seinen Weg vom schüchternen Beobachter zum engagierten Tänzer nach, der über das Liebesspiel durchlässiger und in mehrfacher Hinsicht angreifbarer wird. Ein gesunder Protest gegen die väterliche Neurose, der dank der ruhigen und fürsorglichen Mutter gelingt.
Manche Formulierung ist etwas betulich, aber es überwiegt die sinnliche Faszination. Mit der Treue scheint es erst in der Ehe so richtig zu klappen, die auch nach Jahrzehnten noch als „wärmendes Lagerfeuer“ verstanden wird (S. 37).

Dem Text hätte allerdings ein genaueres Korrektorat gut getan, da sich einige leicht vermeidbare Fehler darin finden. Die kindliche Unerschrockenheit kehrt jedenfalls wieder im Alter, das naive Betrachten und Suchen darf sich entfalten. So lassen sich diese verstreuten Memoiren vom ersten Erwachen bis zum Abdanken aus dem Arbeitsleben interpretieren. Einfachheit als Orientierung zeigt sich auch in den literarischen Vorlieben und den philosophischen Haltungen. „Eine metaphysische Realität sollte aus einem einfachen Satz hervorleuchten“, heißt es auf Seite 53. Die Anstrengungen, die mit der Suche nach bahnbrechenden Ideologien und ihrer Umsetzung verbunden sind, verschwinden hinter dem Wunsch nach Versöhnung. Diesen Wunsch erfüllt sich Peter Reutterer mit diesem Buch selbst.

(Alexander Peer, Rezension im Buchmagazin des Literaturhaus Wien, online veröffentlicht am 13. Juni 2022)


https://www.literaturhaus.at/index.php?id=13546


Wolfgang Pirkl: Tyrannei hinter dem Jägerzaun

Es ist die 16. Buchveröffentlichung des Salzburger Autors mit Waldviertler Wurzeln und sie schließt inhaltlich an sein Debut an („Forsthaus“ 1997, ebenfalls in der Bibliothek der Provinz). Mit geradezu Thomas -Bernhardschem Furor ersteht gleich zu Beginn die brutal autoritäre „Forsthaus“-Welt des Vater wieder auf, die Kindheit und Jugend des Ich-Erzählers geprägt und das Leben seiner „guten Mutter“ verdüstert hat. War es bei Reutterers Erstling vor allem der Bruder, dem auf berührende Weise besondere Aufmerksamkeit galt, so ist es nun die Mutter, die unter der provinziellen Tyrannei immer mehr verstummt und der „Selbstvernichtung“ anheimfällt. Das Buch ist dennoch weniger eine Hommage an die Mutter wie bei Handkes „Wunschloses Unglück“ oder Hackls „Dieses Buch gehört meiner Mutter“, es ist vielmehr eine (weitere) Abrechnung mit der Welt des Vaters. Starke Worte fallen in diesem Zusammenhang: „Bestialität“, „Horror“, „wie Hitler“, „Diktatur“, „hinrichten“; Männer und insbesondere der Vater sind vor allem „Geschlechtstiere“. Erotik und Sexualität spielen – nebenbei bemerkt – generell eine große Rolle bei der Schilderung von Aufwachsen und Leben des Ich-Erzählers. „Es gibt kaum bedeutende Literatur, die ohne den Mut zum erotischen Erzählen auskommt“, schreibt Reutterer und bringt diesen Mut in ungewöhnlich hohem Maße auch auf.

„Bei mir Kind“ enthält entschieden mehr als die Erinnerungsarbeit an Kindheit und Jugend im Schatten des machttrunkenen Vaters, der aufopfernden Mutter sowie der furchtbaren Vor- und Todesfälle in der Familie. Das Buch liest sich wie eine Lebensbilanz, es ist aber auch ein vielfältiges Lebens-Journal. Ein Journal mit Einträgen zur Rolle der Musik und ganz besonders der Literatur, mit Reflexionen über das Schriftsteller- und Lehrersein sowie den Pensionsantritt – alles durchsetzt mit Rekursen auf die eigenen Publikationen und mit skizzenhaften Naturschilderungen, in denen Seen und Teiche prominente Metaphern für Unergründliches sind. Ob in diesen Journaleinträgen die tagebuchartigen und meinungsbetonten Passagen (etwa über die Lehrpläne oder die pädagogische und didaktische Situation des Unterrichtens) dem biografischen Teil über das dunkle Elternhaus nicht die Wucht und Intensität nehmen, sei allerdings dahingestellt.

Spannend ist die Frage nach dem Verhältnis des erzählten Ichs zum Autor. Bei keiner Literatur (die reine Autobiographie ausgenommen) sind diese deckungsgleich, sind vielmehr mit fiktiven oder verfremdenden Elementen durchsetzt. Bei Peter Reutterer allerdings erschrickt man fast über die Offenheit, mit der mitunter intime Details erzählt werden, und wünscht sich, dieses Ich wäre nicht vollständig der befreundete Autor. Dies blitzt auch auf, wenn er seinen Namen zu „Roderer“ verfremdet, doch dann finden sich wieder so viele klare Verweise auf Vita und frühere Schriften, dass man es nur als Selbstbezüglichkeit und Selbstoffenbarung verstehen kann.

Zu den großen Vorzügen dieses Prosabandes, der wahrscheinlich zum Besten gehört, was Reutterer geschrieben hat, gehört die karge, aber kraftvolle Sprache, die – sich mit namhaften Vorbildern wie Hesse und Handke messend – auch den hohen Ton nicht scheut. Die vielen literarischen Weggefährten des Autors bestimmen auch sein Schreiben. Nicht als Erfindung, wie er formuliert, sondern als „wahrhaftige Findung“ seiner eigenen Geschichte, mit der er – hart mit sich selbst – die Schichten seiner Persönlichkeit freilegt und ihr literarische Form gibt.

Ein wirklich beachtliches und beeindruckendes Buch.

(Wolfgang Pirkl, Rezension via Dorfzeitung.com online veröffentlicht am 30. Juni 2022)


https://dorfzeitung.com/archive/92651