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Verstaubte Götter

Historisches · Zeitnahes

Dine Petrik

ISBN: 978-3-99126-336-4
19,5×13 cm, 164 Seiten, m. farb. Abb., fadengeheftetes Hardcover
22,00 €
Neuerscheinung

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Leseprobe (PDF)



Kurzbeschreibung

„Sind wir moralisch Handelnde?”, wenn wir in Sprache setzen, was in der Welt bzw. neben uns geschieht, wie Susan Sontag gefragt hat. Wie sprechen wir über das Gegenwärtige, wie über das Gewesene, wie über uns selbst? „Es ist eines meiner Prinzipien, dass man nicht über sich selbst schreibt”, schreibt Flaubert. Also schreiben! Da sind diese Sehnsuchtsorte Ägypten, Mesopotamien und – und da ist dieses Abbilden mit Augen und Stift und das Reflektieren dieser Erlebnisse und Erkenntnisse; dass jede Begegnung mit dem Anderen ein Gewinn ist. Die letzte Reise nach Kambodscha ging an Grenzen. Dazu eine instabile Gesellschaft, traumatisch verwoben mit den Relikten der Pol Pot-Zeit: Gewesenes, das noch geschrieben werden muss.


Rezensionen
Erwin Köstler: Ein Plädoyer fürs Durchhalten

»Der Ort der Geburt bestimmt den Menschen, heißt es. Er zieht ihn auf, stößt ihn ab, liefert aus.« Dieser Satz, der hervorragend als Motto über dem Buch Verstaubte Götter von Dine Petrik stehen könnte, entstammt einem Text, der an die ab 1995 stattfindenden Mahnwachen der »Samstagsmütter« auf dem lstanbuler Galatasaray-Platz erinnert – genauer: aus einem Exkurs der Autorin über die Kriege und Katastrophen der Gegenwart und über die Rolle der Frau darin als geschändetes Objekt. Er erinnert ganz allgemein daran, dass von den Verwüstungen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Zivilisationen ziehen, stets verletzbare Menschen betroffen waren und sind, und keine unempfindlichen Massen. Insbesondere aber weist er auf die eigenen Prägungen durch den Krieg und die Nachkriegszeit hin, die auch den Blick der Autorin auf zeitlich und räumlich ferne Zivilisationen bestimmen.

Aufschlussreich hierzu sind vor allem die kurzen Texte im letzten Drittel des Buches sowie der einleitende Text »Gehen«, die das eigene Aufwachsen in der burgenländischen Provinz und den Prozess der Loslösung behandeln. Petrik beschreibt die Zeit der russischen Besatzung, in der Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind; die Verhältnisse zu Hause sind nahezu unerträglich, das Kind kennt nur Arbeit, niemand redet mit ihm, vor aller Augen begangenes Unrecht wird beschwiegen; der Vater wird nicht aus dem Krieg heimkehren, der heimgekehrte Bruder hingegen wird als Deserteur von den Dorfbewohnern geschnitten, bis er sich umbringt – nichts als Einschüchterung und Verdrängung, eine Kindheit »eingemummt in Angst«, die nur »dank unbändiger Lebenswut grade noch zu überleben gewesen war«. Wien erweist sich endlich als »Rettungsstadt«, der »Weg zur Freiheit« aber ist lang und voller Hindernisse. Das Schreiben wird irgendwann zur »Lebenstextur« und zum Daseinsbeweis: »Ein Stück Leben, ein (Reise)Erlebnis in Sprache.« Der Ort der eigenen Herkunft erscheint letztlich als ein Reiseziel, wie andere Orte dieser Welt. Aber bei aller Härte, mit der die Autorin ihr Aufwachsen resümiert, klingen fast nostalgische Töne an, wenn Petrik die nunmehr »sauberen« Dörfer mit der versunkenen Welt ihrer Kindheit vergleicht, in der es noch »Hosenstrumpfäcker« gab, die jetzt aber durch seelenloses »Neubaubarock« ersetzt sind.

Den Hauptteil des Buches bilden, zumindest in quantitativer Hinsicht, Berichte über Reisen in den Irak (Babylon), nach Ägypten, in die Türkei, nach Vietnam, Kambodscha, Japan und Südafrika: Dine Petrik beschreibt ausschließlich von Gewalt, Katastrophen und Kriegen gezeichnete Kulturen – nicht ohne nach Zeichen der Hoffnung zu suchen; allerdings gelingt es nicht immer, sie auch zu finden. In der »Weltwunderstätte« Alexandria stellt sie anhand der bombastischen, 2002 eröffneten Neuen Bibliothek die Hinterlassenschaft der Ptolemäischen Pharaonen dem modernen Ägypten mit seinen Muslimbrüdern gegenüber. In Istanbul, wo sie 1995 am Rande einer Demonstration eher knapp der Verhaftung entgeht, beschäftigt sie sich mit dem Verhalten des türkischen Staates gegenüber den Kurden, das auch zu Zeiten Atatürks ein repressives war. Eine wunderbar plastisch beschriebene Fahrt über das Taurusgebirge wird zum Anlass, über den »sagenhaft irdischen Bogen aus Blut und Schmutz« zu reflektieren, der »sich durch die abendländischen Kultur- und Religionsberichte [zieht], die allesamt gegen Kriege opponiert – aber nie einen verhindert haben«. Das chaotische Saigon, in dem »fast alles verspeist und verwertet« wird und das sich bei all seiner improvisierten Infrastruktur zu einem »Markt der Zukunft« zu entwickeln scheint, leidet noch immer an den Folgen des Vietnamkrieges. Die zerfallenden, von Kapok-Bäumen umschlungenen Tempelanlagen Kambodschas wiederum figurieren als Sinnbild für die extreme Rückständigkeit eines durch Krieg und Terror zerstörten Landes. In Japan konstatiert die Autorin ein beispielloses Ineinander von Technologiegläubigkeit und Tradition, von artistischer Verfeinerung und Brutalismus, von Symbol und Wirklichkeit, das es fast unmöglich macht, hinter die Maske dieser hermetischen Gesellschaft zu blicken. Südafrika dagegen, die Heimat ihres Idols Nelson Mandela, erscheint nach Jahrzehnten der Apartheid und der Korruption in der Spitze des ANC als eine höchst prekäre »Wiege der Menschheit« mit einer nach wie vor enormen Kriminalitätsrate. Immerhin, so die Autorin, sei es »ein gutes Gefühl, Zeitgenossin einer Ausnahmeerscheinung gewesen zu sein, einer Leuchtschrift für die Welt, die das Wort unmöglich konterkariert hat«.

Es gäbe so vieles mehr über dieses dichte Textgeflecht zu sagen, etwa über die aus der burgenländischen Nachbarschaft stammende Hertha Kräftner, die ihrem von Gesichtsverlusten, Maskierungen und Verdrängungen gezeichneten Leben selbst ein Ende setzte; generell über Selbstmorde in Gesellschaften mit hohem Identifikationsdruck (Japan ist auch so ein Fall); über die Kriegsgeneration, die einiges aushält, weil sie ohne Kampf nicht überlebt hätte; über Schrift als Machtinstrument und als Mittel zur Lebensbewältigung; über die Liebe der Autorin zu den Museen, auch wenn die Bestände mehr oder weniger zusammengeraubt sind; und nicht zuletzt über ihre Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Zukunft, denn es wird immer Menschen geben, die kämpfen, um zu überleben.

Recht amüsant wird es, wenn die Autorin im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie auf das auch sonst in den Texten stark präsente Masken-Motiv in einem ganz praktischen Sinn zu sprechen kommt: »Wir haben uns seit jeher maskiert, ein oft mühsames, ein unerhebliches, oft vergebliches Grinsen. Ein Stück Vlies im Gesicht nahm uns die mühsame Arbeit ab.« Sie war allerdings not amused darüber, dass ältere Menschen als ohnmächtig und verzweifelt dargestellt wurden und dass ihr »noch leidlich stabiler Jahrgang« über Nacht zur Risikogruppe mutierte.

Ich kann nur mit Nachdruck empfehlen, diese Dinge selbst nachzulesen. Das Buch ist bei aller Schwere der behandelten Themen eine kurzweilige Lektüre; und es ist ein Plädoyer für das Durchhalten, und sei es mit den Mitteln der Poesie. Die enthaltenen Texte gehen teilweise auf Erstveröffentlichungen in den Jahren 2009–2024 zurück. Zwischen die Kapitel sind Gedichte eingestreut, wie wir sie etwa aus dem Band Traktate des Windes aus dem Jahr 2019 kennen, der ein ähnlich breites Spektrum an Themen und Motiven aufweist. Darüber hinaus enthält der Band Fotos, die Dine Petrik von ihren Reisen mitgebracht hat und die von musealen Objekten (etwa einem Papyrus in der Bibliothek Alexandria) über das Genozid-Museum Tuol Sleng (Kambodscha) bis hin zu nicht näher bezeichneten Aufnahmen von Lebensmitteln (vielleicht von einem Markt in Saigon) reichen. Und auf einem Foto ganz am Ende sieht man sie selbst als lachende Touristin vor der Bibliothek in Alexandria neben der Stele mit dem Kopf Alexanders des Großen – auch der so ein verstaubter Gott!

(Erwin Köstler, Literatur und Kritik №599–600, November 2025, S. 98 ff.)


https://www.omvs.at/literatur-und-kritik/literatur-und-kritik-599-600/


Doris Kloimstein: [Rezension]

Reiseliteratur im sehr erweiterten Sinn, hat Dine Petrik geschrieben, die vielgereiste, die Schriftstellerin, die erst in der Lebensmitte zu schreiben begonnen hat, die Herta Kräftner Erforscherin. Im Laufe des Lebens werden einem wohl alle Götter verstaubt, scheint der Titel zu signalisieren und ein Warnhinweis zu sein, dass da nichts, aber schon gar nichts Verstaubtes an den Texten ist. Wer sich als Tourist Reisen aus dem Katalog bucht, sei auch gleich gewarnt oder erst recht darauf hingewiesen, dass dieses Buch eine exzellente Nachlese ist, um gespeicherte Bildmotive aus den eigenen Reisen nachträglich in Erkenntnisse wandeln zu können.

Wo die Autorin überall war, überall dort, wo jemand, der bildungsbürgerlich sozialisiert etwas auf sich hält, gewesen sein muss: Ägypten, Madrid, Paris, Kambodscha, Südafrika, Japan, … Und meist war es das dann, nach den Touren, einige Bilder, ein Kopfnicken, dass man da auch schon war.

Dine Petrik, will aber wissen, wohin sie sich begibt, begeben hat, will historische Erkenntnis erlangen und auch ihr Ego erforschen. Das ergibt für Lesende einen Mehrwert in Selbsterkenntnis, fordert auf, eigene Wissenslücken nicht als Defizit aufzufassen, sondern als Anregung zum Selbststudium. Wer pekuniär nicht in der Lage ist, so weltweit herumzukommen, erkennt bei Lektüre, dass es da nichts zu bedauern gibt, wenn man vor Ort ist, aber die eigenen Gedanken fliegen lässt, denn selber denken macht gescheit.

Eigene Fotos und Lyrik ergänzen dieses Reisebuch, das auch ein sehr persönliches Lebensreisebuch ist und ganz und gar im hier und heute mit einem Epilog der mit Friedensengel betitelt ist, endet.

Bitte unbedingt lesen, sagt eine dankbare Rezensentin, die nun keine Zitate einfügen, sondern Neugier wecken möchte, die für die Lektüre werben will, nicht im marktwirtschaftlichen Sinn, sondern im schöngeistigen, wobei das Wort schöngeistig jetzt nicht als verstaubt gelesen werden darf!

(Doris Kloimstein, Rezension erschienen in der Zeitschrift PODIUM [#?], [?])


https://www.podiumliteratur.at/die-zeitschrift/


Cornelia Stahl: Auf Reisen den Ursprüngen der Menschheitsgeschichte folgen

„Sind wir moralisch Handelnde?“ Das Zitat der Philosophin Susan Sontag stellt die Autorin Dine Petrik an den Anfang ihrer Essays und greift es im Prolog nochmals auf: „Sind wir (…) moralisch Handelnde, wenn wir zurückgehen, den Bildern im Kopf nachgehen?“; S. 8. Verfolgen wir die „Vision einer heilen Welt, die es nie gab?“ S. 8, fragt die Autorin. Petrik folgte auf ihren Reisen dem „Sog Mesopotamiens, nach Uruk, Ur, Eriden, drei archäologische Städte aus der sumerischen Frühzeit, Ausgangsstätten der Zivilisation“, S. 8.
Antworten auf Petriks Fragen finden wir im Prolog, in dem sie hervorhebt, „dass jede Begegnung mit (…) der anderen Kultur ein Gewinn ist, ein Erfahrungswert“, S. 9.

Petriks Reisen führten sie an verschiedene europäische und außereuropäische Orte und in Länder wie Vietnam und Kambodscha, wobei die Essays verdeutlichen, dass es sich nicht um Wohlfühl- und Entspannungsreisen handelte. Die Texte gleichen zum Teil Reiseberichten, an anderen Stellen reflektieren sie persönliche Begegnungen und Eindrücke der Autorin. Der achtsame und kritische Blick auf Landschaften, Menschen und politische Systeme erweist sich in allen Veröffentlichungen Petriks als unverwechselbarer Ton.
Alle Reiseessays halten das Erhabene und Besondere des jeweiligen Ortes fest sowie Reflexionen der Autorin zum politische Zeitgeschehen. Wir erhalten Einblicke in die Lebenssituationen und Nöte der Bewohner:innen des jeweils bereisten Landes. So erfahren wir etwa von einem Streik, der 1995 immer samstags im Herzen Istanbuls stattfand, bei dem sich „kurdische Frauen und Mütter zum Sitzstreik“, S. 55, versammelten, um den Verlust ihrer verlorenen Söhne oder Männer zu beklagen.

In ihrem Epilog verbindet Petrik Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: „Was steht in Aussicht, ein Klimakrieg?“, S. 152. Statt KI-Hochkultur und ChatGPT plädiert sie für „ein intensives Spiel, das Sprachspiel“, ein (möglicher) Beweis, „ein Daseinsbeweis?“, S. 153. Die unkonventionellen Essays sind eine Einladung an Leser:innen, mit den Augen der Autorin zu reisen und neue Zugangsweisen zu erschließen.

(Cornelia Stahl, Rezension auf der Webseite des BÖS. Berufsverband Österreichischer SchreibpädagogInnen, September 2025)


https://www.bös.at/rezensionen/verstaubte-goetter-historisches-zeitnahes-dine-petrik/


Barbara Beer: Im Hinfallen noch die Straße spüren

Betrachtung. Erinnerungen, Beobachtungen, Reisen durch Raum und Zeit. Die Wiener Autorin Dine Petrik ist Reisende, auch in der eigenen Stadt. Aus dem Jonasreindl am Schottentor berichtet sie ebenso wie aus Kambodscha. Und immer wieder zitiert sie die viel zu jung verstorbene österreichische Dichterin Hertha Kräftner: „… sterben im Gehen und im Hinfallen noch die Straße spüren.“

([Barbara Beer], Rezension erschienen im Kurier vom 8. Juni 2025, S. 32)


https://kurier.at/kultur/buch


Klaus Ebner: Reisen mit Engagement

Von den Göttern des alten Ägyptens, Mesopotamiens und Indochina ist die Rede; Nildelta und Sumer, Babylon und Angkor Wat. Die alten Götter kommen zur Sprache, solche, die wir landläufig kennen, sowie andere, unbekanntere. Aber neben dem Historischen gibt es das Zeitnahe, die Jetztzeit mit ihren aktuellen Ereignissen, oder besser: den geopolitischen Verworrenheiten. Die Autorin spricht von Diktatoren, die vor noch nicht allzu langer Zeit abtreten mussten oder gestürzt wurden, ebenso wie von jenen, die das heutige Weltgeschehen in ihrem Würgegriff halten; die berechtigte Empörung der Verfasserin über die zahlreichen politischen Entgleisungen wird dabei spürbar. Vielleicht sind die Diktatoren des 20. und 21. Jahrhunderts die zeitgenössischen Götter; denn als solche spielen sie sich auf und entscheiden – willkürlich – über Leben und Tod hunderttausender Menschen. Verstaubt? Nun, vielleicht die antiken, doch sogar daran mögen wir zweifeln, wenn Parallelitäten zwischen den Alten und den Neuen sichtbar werden. Jedenfalls ist das Buch Verstaubte Götter ein gelungenes Beispiel einer »littérature engagée« im Sinne Sartres.

Dine Petrik wurde 1942 im Burgenland geboren und lebt heute in Wien. Sie studierte Malerei, begann relativ spät zu schreiben und veröffentlichte Lyrik, Reiseliteratur, Romane, Artikel und Essays. Bemerkenswert sind ihre Arbeiten und Publikationen über die Lyrikerin Hertha Kräftner. Petrik ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes. Verstaubte Götter ist eine Sammlung von Reiseessays, die trotz der unterschiedlichen Zielorte exzellent zusammenpassen und geradezu nahtlos aneinandergefügt wurden, aber (inhaltlich) erkennbar über einen längeren Zeitraum entstanden sein müssen.

Dass die Autorin sich nicht als Touristin, sondern als Reisende definiert, gibt ihre Intentionen wieder. Sie taucht in die – ferne oder auch nahe – Geschichte der Zielorte ein, setzt sich mit Kultur und Bevölkerung auseinander, und sie ist neugierig. Ideale Voraussetzungen für Reportagen, die nicht nur literarisch ansprechen, sondern eine geradezu ungeheure Menge an Informationen, Querverweisen und intertextuellen Anspielungen enthalten.

Manche Passagen warten mit stakkatoartigen Sätzen, häufig Ausrufen oder Fragen, auf, wie etwa in Südafrika: »Nach Südafrika? Warum nach Südafrika – nicht etwa der Liebe wegen, hm? Der Liebe? Nun ja, es ist mehr, tiefe Verehrung ist es! Also so ein weißer, alter Kapländer, hm? Nein, ein Schwarzer ist es. Aber geh! (…) Da gibt’s ständig Unruhen, Demos, Johannesburg, Durban, rassistische Gewalt und Hass gegen Ausländer, schon mal gehört? Wie, Weiß gegen Schwarz, doch nicht schon wieder die Apart / Nein, andersrum! Also Schwarz gegen Weiß? Andersrum!« (S. 100). Doch überwiegt insgesamt ein erzählerischer Tonfall. Der folgende Ausschnitt stammt aus Madrid: »Ein Mirakel, diese lasierenden Farbnetze, zum Beispiel bei Werken der Alten Meister, wie kostbare Teppiche, auf die der Blick nicht zu steigen wagt, blickt man doch über das Schönsein hinaus in eine Zeitlosigkeit. Uralte Kunstschätze, die uns in den Museen entgegenblicken, festgehalten für uns, für die kommende Zeit, für die gewesene, für die uns verlorengehende Zeit.« (S. 107)

Dine Petrik adressiert die Leser*innen direkt, lässt ihre Zielorte die Reisenden ansprechen und zieht uns damit direkt in den Text und in ein bestimmtes Ambiente hinein. So lautet etwa der Anfang von Ägypten: »Schon das Wort eine Wucht, ein flirrender Gongschlag, der Schlag einer Glocke mit Nach-Hall: Ä-! gyp-! ten-! Das Wort wie ein Lockruf. Komm, schlägt die Sonntagsglocke, Welt-Wunder erwarten dich, komm! Im Kopf längst skizziert, diesen Weltwunderboden samt den Pyramiden, wenn auch nicht zu glauben, dazu dieses Flirren an Tempelwänden und Türmen, die Zeichen und Bilder, Tierbilder, Vögel, Fische – Götter, wie diese alte Schrift heißt – Hier-o, nicht zu fassen, ein Flirren, und ein Flirren lässt sich nicht fassen. Komm, schlägt die Glocke, es gibt kein Entkommen! Ich lief zur Kirche: Ä-! gyp-! ten-!« (S. 39) Die flirrende Luft schlägt uns bei diesen Zeilen direkt ins Gesicht, wir spüren die Atemlosigkeit und die aufsteigende Begeisterung über das Reiseziel Ägypten.

Wir erfahren eine Menge über die lange Zeit griechische Stadt Alexandria, das kulturelle Amalgam von Ägyptern, Hellenen, Juden, Osmanen und Arabern; etwas von der Geschichte der Schrift, aber auch davon, dass im heutigen Ägypten niemand mehr Hieroglyphen lesen kann außer ein paar Wissenschaftlern. Der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Mahfuz schrieb einen Roman über das Ende der ptolemäischen Dynastie unter Kleopatra. Dine Petrik erzählt von der alexandrinischen Bibliothek ebenso wie von den Muslimbrüdern und dem tödlichen Terroranschlag am Hatschepsut-Tempel. Und dass etwa fünfzehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung Analphabeten sind, schmerzt.

Das Buch enthält nicht nur Essays, sondern eine ganze Reihe von Fotos, die von der Autorin an den jeweiligen Orten aufgenommen wurden. Diese sind in Farbe abgedruckt und machen aus der Lektüre ein ganz besonderes Erlebnis. Dass etwa der babylonische Löwe auf dem Lapislazuli-Tor nicht nur beschrieben, sondern auf einer Doppelseite abgebildet ist, das hat schon was! Dem Verlag sei herzlichst gedankt, dass der Autorin diese großartige Möglichkeit der Illustration geboten wurde.

Dine Petrik ist eine Reisende, die fragt und die auch keine Scheu vor unangenehmen Fragen hat. Was es in Kambodscha, anlässlich der, wie Leser*innen im Prolog erfahren, letzten Reise, mit den »killing fields« auf sich hat und wie sich das genau abgespielt hat unter Pol Pots Terrorregime, wird vom einheimischen Fremdenführer nur teilweise und mit einem gewissen Widerwillen beantwortet, weil das wirtschaftlich eher bescheiden dastehende Land in die Zukunft blicken und an dieser bauen möchte. Die permanente Erinnerung an die furchtbare – jüngere – Vergangenheit mag da verstören.

Die Autorin besuchte sehr unterschiedliche und weit voneinander entfernte Orte. Von Ägypten, Mesopotamien, Kambodscha und Südafrika war schon die Rede; weitere Reisen führten sie nach Japan, Vietnam, Madrid, Paris, Lemberg, St. Petersburg und ins byzantinisch-türkische Istanbul. Überraschend dann eine Begebenheit aus dem Wiener Jonasreindl, der im Volksmund so benannten Straßenbahnstation.

Manche der Texte sind Gedichte, die sich auflockernd zwischen den Essays eingefunden haben und ebenfalls Bezug nehmen auf ein bestimmtes Reiseziel. Die Gedichte sind in Kleinschreibung gehalten, nur Eigennamen weichen davon ab. Von Fukushima handelt das Gedicht Verstrahlt (S. 99), das zudem die Gemälde auch im Westen bekannter japanischer Maler evoziert:

bäumt sich die welle hoch
maßlose masse schlägt sich über
schlägt sich ufert aus im passepartout
die schaumgekrönte welle strahlt
was nicht zu sagen ist
verstrahlt, klagt Kanagawa
staubkanonen in der bucht
kneift sich der tod das auge
splittern lieber, das gefiederte
im baum, kadaverfische im konta
minierten wasser
nettes wort
kontaminiert entwindet sich
das land in schwarzen plastik
säcken hinter stacheldrähten
erdachsenbogenland
land unter-über sprung darüber
sagt die jugend, beben täglich
einmal hier, mal dort
sagt Hokusai und
gibt den pinsel ab
verstrahlt
selbst meine asche
ihr habt sie verstrahlt

Der Beitrag Paris handelt eigentlich von der burgenländischen Autorin Hertha Kräftner (1928–1951), zu der Dine Petrik mehrere wertvolle Arbeiten veröffentlicht hat. Kräftner schrieb unter anderem Das Pariser Tagebuch, auf das der Essay Bezug nimmt. Auf wenigen Seiten rafft Petrik hier einen kleinen Ausschnitt ihres Wissens zusammen, das, wie die fühlbare Dichte erahnen lässt, immens sein muss. Der Text macht Lust auf mehr, und Leser*innen mögen danach Petriks Die Hügel nach der Flut. Was geschah wirklich mit Hertha K.? (Otto Müller Verlag 1997) oder Ich bin wie ein kaltes Reptil (Bibliothek der Provinz 2022) zur Hand nehmen.

Verstaubte Götter wurde fadengeheftet als Hardcover in der Bibliothek der Provinz herausgegeben. Das Coverbild stammt ebenfalls von Dine Petrik. Ein handliches Buch, ausgesprochen gut gemacht, das zum Lesen und Verweilen einlädt und eine Menge hochinteressanter Informationen und Einsichten bereithält.

(Klaus Ebner, Rezension online veröffentlicht am Website des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes, April 2025)


https://www.oesv.or.at/rezension/verstaubte-goetter-historisches-zeitnahes.html




Weitere Bücher des Autor*s im Verlag:


Flucht vor der Nacht


Funken.Klagen


Handgewebe lapisblau


Ich bin wie ein kaltes Reptil


Stahlrosen zur Nacht


Traktate des Windes

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