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Kurzbeschreibung

[Mit einem Nachwort von Daniel Wisser]


Was diese Sätze erzählen, ist die Geschichte eines in einem österreichischen Dorf nach dem Krieg aufgewachsenen Mädchens. Das Dorf, in dem Petrik aufgewachsen ist, ist auch das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin; doch könnte so ziemlich jedes österreichische Dorf damit gemeint sein. Denn die Kraft dieses Romans, der eben jene von Handke gemeinte Fiktion als Suche nach einem phantasievollen Plot nicht braucht, liegt in seinen Motiven. Zweifellos ist das Schicksal dieses Mädchens ein Einzelschicksal, zweifellos haben viele Hunderttausende Ähnliches erlebt.
Daniel Wisser


Rezensionen
Sophie Reyer: Das Mädchen und der Nazi

Bildstark: eine Nachkriegskindheit in der österreichischen Provinz. Dine Petriks sprachintensiver Roman „Stahlrosen zur Nacht“.

„Was diese Sätze erzählen, ist die Geschichte eines in einem österreichischen Dorf nach dem Krieg aufgewachsenen Mädchens“, so schreibt Daniel Wisser im Vorwort zu Dine Petriks neuer Roman „Stahlrosen zur Nacht“ – und damit ist eigentlich alles gesagt. Alles und doch nichts. Denn diese „Strophen eines Romans“, wie die burgenländische Autorin ihr Werk nennt, arbeiten mit Sprache.

Man muss den Text lesen, muss in seine scherenschnittartige Welt eintauchen, um ein Gefühl für den Sog zu bekommen, den diese auf erfrischende Weise so gar nicht erzählende Erzählung entwickelt. Da ist das Kind, da ist das „Ich“, eine Frau, die immer wieder auch zum „Du“ oder zu „ihr“ wird. In einem konservativen Dorf während des Zweiten Weltkriegs wächst sie auf. Der frühe Verlust des Vaters im Krieg sowie ihres Bruders zeichnen die Mutter frühzeitig – und gehen auch an dem fantasievollen Kind nicht spurlos vorüber.

Doch erst viele Jahre später, als es längst zur Frau geworden sich auf Spurensuche begibt, wird die abgründige Vergangenheit des Vaters deutlich. Es stellt sich heraus, dass er Nazi war und seine beiden Nichten vergewaltigt hat. Was bleibt, ist ein vages Bild zwischen Liebe und Verzweiflung: Einerseits sind da die Musikinstrumente und das Singen, die immer wieder mit Vater und Bruder assoziiert werden – eine Ziehharmonika tritt genauso in Erscheinung wie diverse Blasinstrumente –, andererseits sind da die Nazi-Vergangenheit und das patriarchale Gehabe des verstorbenen „Erziehers“ sowie eines Bruders, der versehrt und gebrochen aus dem Kriegsgeschehen heimkehrte. Aber auch die Figur der Mutter wird nicht positiver geschildert; schwach bleibt sie neben der spannenden „Tante Levko“, die es schafft, Kinder über die Grenze zu schmuggeln – und fortan im Dorf als Hexe stigmatisiert wird.

Die Recherche führt die erwachsene Frau schließlich zu Quellen, die von einem Konzentrationslager in Wiener Neustadt berichten. Eine bahnbrechende Entdeckung. Doch damit nicht genug: Mutig blickt die Autorin auch auf all die Vergewaltigungen der weiblichen Landbevölkerung durch die Russen hin. Sie traut sich, dem Wahnsinn ins Auge zu schauen.

Und überhaupt, das Schauen scheint eines der wichtigsten Elemente dieses Buches zu sein: Denn wie ein Film arbeitet der Text auf der sprachlichen Ebene mit Rhythmik und Schnitten, und auch der Begriff des Bildes zieht sich als Strukturmerkmal durch Petriks Werk. Da ist von Erinnerungsbildern die Rede, von Fotos und alten Alben, und einmal heißt es zu Beginn eines Kapitels scheinbar lapidar: „Lange her, diese nahen, nachtseitigen Bilder.“

Dine Petriks Text riskiert. Er arbeitet mit typografischen Gestaltungsmitteln, Formen wie der Liste und des Gedichts, collagiert Briefe und wagt eine Fülle an Sprüngen der Perspektiven. Historische Bezüge werden hier ebenso abgehandelt wie philosophische Debatten, gewürzt mit Zitaten von Nietzsche, Goethe und vielen anderen geistesgeschichtlichen Größen. Dabei wirkt der Text allerdings ein wenig gewollt und überbordend, so, als sei die Sprache sich selbst nicht genug und brauche jenseits dessen noch einmal eine intellektuelle Rechtfertigung. Eine Kompensation, die dieser starke „Roman in Strophen“ im Grunde nicht nötig hat.

„Ein Roman, der“, wie Daniel Wisser in seinem Vorwort gekonnt schreibt, „Fiktion als Suche nach einem fantasievollen Plot nicht braucht.“ Und er hat zweifellos recht, wenn er meint, die Stärke dieses Buches liege „in seinen Motiven. Zweifellos ist das Schicksal dieses Mädchens kein Einzelschicksal, zweifellos haben viele Hunderttausende Ähnliches erlebt.“ Insofern ist „Stahlrosen zur Nacht“ jeder mutigen Leserin wärmstens zu empfehlen.

(Sophie Reyer, Rezension in der Presse vom 23. Juni 2018)