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Kurzbeschreibung

Beiß in die Freude, vor Übermut, schmeck sie am Gaumen nach und lass sie dir im Mund zergehen.
Nachts werden wir wirr in den Kissen liegen vor Träumen. Monde rollen uns über die Augen, und wir bringen sie nicht zur Ruhe. Gehorsam dauert die Zeit, und die Mohnkapseln springen auf in den Stunden. Uns blühen die Worte aus den Lippen, bis ein Name daraus geworden ist.
Die Zunge wendet den Sinn. Selbst die Finsternis zerreißt uns zwischen den Atemzügen. Warte nur ab. Das Denken kommt aus der Sonne.

„Meine Lieder gehen in Prosa. Meine Verse gehen zu Fuß.“
Klaus Voswinckels Wanderung über die Hügel, entlang der Küste, durch den Sommer und durch ein Leben ist voll Zwiesprache und geheimer Wendungen. Jeder Schritt zählt, und jeder tritt über Sprünge im Ton und im Tonfall hinweg in Beziehung mit dem nächsten. Das Schwere und das Leichte, Ernst und Unernst – bis hin zum Nonsens – finden zueinander und kommen in eine Schwebe.
Es sind Prosagedichte, die Klaus Voswinckel hier schreibt. In seinen Romanen und Geschichten war immer schon die Grenze zwischen Poesie und Prosa fließend. Hier wird das Sprechen freie, ungebundene Rede: Es gilt die genuine Äußerung des Moments, in der die Dinge zueinanderfinden. Was geschieht, ist jedes Mal wieder ein Neubuchstabieren der Welt. Und nebenher, aber unverkennbar, Schritt für Schritt, ist diese Wanderung auch eine Liebesgeschichte – oder eine Geschichte über die Liebe.



Rezensionen
Peter von Becker: Geflügelt ins Wort fallen

Über ein poetisches Buch des Schriftstellers Klaus Voswinckel

Unter den deutschen Großstädten ist München schon immer so ein goldener wie manchmal auch nur katzengoldener Pfeil gewesen: für den Sehnsuchtszug nach Süden. Ihm sind viele Künstler und Literaten bis heute gefolgt. Unlängst ist nun in ihrem Häuschen hoch über dem Trasimeno-See im italienischen Umbrien Inge Poppe-Wühr gestorben, kurz vor ihrem 77. Geburtstag. Sie war lange die Seele (und Geschäftsführerin) der vor einem halben Jahrhundert in München gegründeten ersten Autorenbuchhandlung Deutschlands. Und zu ihren frühen Mitgliedern und engsten Freunden gehört auch der wechselweise in München und Apulien lebende Kulturfilmemacher, Erzähler und Dichter Klaus Voswinckel.
Dass der 78-Jährige noch immer als literarischer „Geheimtipp“ gilt,mag daran liegen, dass seine Bücher seit gut zwanzig Jahren in einer kleinen, feinen, in einem Burgschloss im österreichischen Waldviertel residierenden Edition erscheinen. Deren rühriger Chef Richard Pils hat zwar auch Bücher von und über Herbert Achternbusch, Thomas Bernhard, Friederike Mayröcker oder Josef Winkler im Programm, pflegt aber schon im Verlagsnamen mit seiner Randlage zu kokettieren.
Dort ist von Voswinckel jetzt auch der schmale, tolle Band „In den Wind gesungen“ herausgekommen (…). Im Untertitel nennt Voswinckel das neue Werk schlicht: „Eine Wanderung“. Gemeint sind wohl Streifzüge durch die tagsüber sonnen- und sommertrockene, in den war warmen Nächten wie von innen leuchtende, nachglühende Landschaft des südlichen, zum Meer nach Griechenland hin offenen Apulien: „Meine Lieder gehen in Prosa. Meine Verse gehen zu Fuß“.
Doch ob Verse oder gefiederte Ferse, es sind auch Gedankenflüge. Entfacht mit einer körperlich sinnlichen Sprache, die das Geflügelte inWorten und Gesten nichteinfach als Engels- oder mythische Dichtergabe, sondern auch als das Zwiespältige, in der Ausweitung vom Zerreißen Bedrohte empfindet. Kein Wunder, dass hier bisweilen noch Walter Benjamins „Angelus Novus“ in Bildern anklingt, die den Wind des geschichtlichen Fortschritts als Unwetterzeichen erfahren.
In dieser Mischung aus Prosagedichten, Märchenanekdoten, Aphorismen und Zusammenklängen des Poetischen wie Philosophischen – K. V. war als Student mit Paul Celan befreundet und hat über ihn promoviert – liegt freilich immer ein Ton, der noch das Schwere kunstheiter, artistennärrisch, luftig schwebend macht. „Auf welchem Fuß du mich erwischst, auf dem steh ich. Und vertrete mir die Stille mit Liedern.“
Auf der folgenden Seite: „Geflügelt bin ich dir ins Wort gefallen und ziehe dich heimlich ins Blühen… Zwei windschiefe Engel, die es miteinander treiben.“
Klaus Voswinckel findet mit scheinbar einfachen, stilsicheren Worten auch eine fast archaische, jedenfalls im guten Sinne zeitlose Sprache der Liebe: „… sie sagte, ich fand den Abend ziemlich heiß. Und er sagte: Die Lippen sind viel zu groß für die Vergangenheit . … Und sie, die merkte, dass sie in der Zukunft angekommen waren, beugte sich zu ihm vor und küsste ihn auf den Mund.“ Häufig glänzen hier die kurzen, überraschenden Wendungen, so beim Wein: „Das Glas anstarren, bis die Schulter korkt.“ Dazu der Humor der „Familie Hasenigel“ beim Grimm'schen Wettlauf. Und von dem Autor, der über die Komponisten Wolfgang Rihm, Steve Reich oder einen ghanaischen Meistertrommler einige der klügsten, poetischsten TV-Dokus über Musiker und Musik gemacht hat, diese Kurzgeschichte: „Was geschah? Der Mond fiel in die Schürze. Die Geige brach entzwei. Die Frau auf dem Rücksitz des Motorrades versuchte sich einen Reim zu machen. Zu heftiger Wind, um die Haare zu ordnen. Der Korrepetitor ging baden… Die Zeit sauste, dass es ein Fest war. Zerstochen werde ich, zerstochen von Mücken und Klarheit, sagte der Dirigent.“ Und der nächste, letzte Satz: „Morgen proben wir noch einmal alles von vorn.“
Auch dieses Sommerbuch möchte man am Ende gleich wieder von vorne lesen.

(Peter von Becker, Rezension erschienen im Tagesspiegel Nr. 24591 vom 11. Juli 2021, S. 21)